Georg Etscheit / 20.08.2023 / 14:00 / Foto: Pixabay / 8 / Seite ausdrucken

Cancel Cuisine: „Sommerwein“ und andere Erfrischungen

Unbedingt meiden sollte man alles, was im Supermarkt oder einem Gasthaus als „Sommerwein“ angepriesen wird. Unter dem Deckmantel dieses Zauberworts verkaufen findige Produzenten, meist große Winzergenossenschaften, gern eine dünne Plörre von berüchtigten Großlagen mit gaumenschmeichelndem Restzucker. Zum Glück gibt bessere Alternativen.

Ich komme aus einer bekannten Weingegend, dem als Wiege des Rieslings bekannten und gerühmten Rheingau. Dort wurde es schon in meiner Jugend regelmäßig heiß. Wenn das Thermometer in den Sommermonaten regelmäßig die 30-Grad-Marke überschritt, geriet man nicht in Hitze-Panik, sondern ging ins Schwimmbad. Das lag in meiner Heimatstadt Eltville direkt am Rheinufer. Der mächtige Strom selbst fiel für Kopfüber-Ganzkörper-Erfrischungen aus, weil er in den 60er und 70er Jahren oft schrecklich stank, nach Fäkalien, Chemie und was auch immer. Diese Sauerei ist glücklicherweise Vergangenheit, eine der größten Erfolge des (technischen) Umweltschutzes, wie man konzedieren muss.

Vergangenheit ist mancherorts leider auch der unbefangene Besuch im Schwimmbad. Früher hatte ich als der schmächtige und unsportliche Junge, der ich war, immer Angst davor, von weniger schmächtigen und weniger unsportlichen Jungs gegen meinen Willen unter Wasser getaucht zu werden. Heute muss man froh sein, wenn man im Freibad nicht Zeuge oder gar Opfer weitaus gravierenderer Gewalttätigkeiten wird, wenn nämlich junge Männer - meist mit sogenanntem Migrationshintergrund - auf den Liegewiesen, am Beckenrand und im Wasser deutschen „Kartoffeln“ ihr Verständnis von gendergemäßem Verhalten demonstrieren.

Im Eltviller Schwimmbad, das heute immer noch so sympathisch-unmodern wirkt wie einst, gab es einen stadtbekannten italienischen Gastronomen namens Paparozzi – nicht Paparazzi, wohlgemerkt. Der verkaufte dort unter anderem damals sehr gefragtes Softeis in den Geschmacksrichtungen Erdbeere, Vanille und Schokolade. Mehr als das künstliche Aroma dieser Spezialität faszinierte uns Kinder die Eismaschine, ein Apparat, der auf Betätigung eines Hebels die weiche Eismasse aus den Düsen strömen ließ, die sich alsbald im Waffelhörnchen zu einem wie gedrechselt wirkenden Berg auftürmte. Dann musste man schnell die Spitze ablecken oder abbeißen, damit man sich nicht bekleckerte. Der Apparat vermochte es, die einzelnen Geschmackfraktionen einzeln abzugeben oder als zweisortiges Duett – ein Wunderwerk des italienischen Maschinenbaus, wobei anzumerken ist, das Softeis wohl von den Amis erfunden wurde.

Wegen des Alkoholgehalts als Durstlöscher eher ungeeignet

Mittags ging man bei Herrn Paparozzi manchmal auch warm essen, umringt von leicht bekleideten, braungebrutzelten Menschen – Urlaubsstimmung pur. Mein kulinarisch anspruchsvoller Vater meinte, bei Paparrozzi gebe es die besten Spaghetti Bolognese, die er je gegessen habe. Doch wir Kinder hatten es eher auf das erwähnte Softeis abgesehen oder jene Süßigkeiten, die an der Theke verkauft wurde, Mars-Riegel, Hanuta-Schnitten, Lakritzschnecken, Colafläschchen aus Weingummi und ähnliches – Leckereien, die sich für einen echten Feinschmecker eigentlich nicht geziemen, wobei ich für Hanuta immer noch eine Schwäche habe.

Ins Schwimmbad zieht es mich dagegen nicht mehr, weil ich Chlorwasser heute ebenso hasse wie größere Menschansammlungen, selbst wenn kein größerer Polizeieinsatz zu erwarten ist. Ich ziehe jetzt meist eine inwendige, flüssige Erfrischung vor – ein schönes, kühles Bier, eine naturtrübe Apfelschorle oder, schwer im Trend, Holunderlimonade auf Basis eines am besten hausgemachten, weißen Holunderblütensirups.

Wein eignet sich infolge seiner hohen Alkoholgradation eher nicht als Durstlöscher. Unbedingt meiden sollte man alles, was im Supermarkt oder einem Gasthaus als „Sommerwein“ angepriesen wird. Unter dem Deckmantel dieses Zauberworts verkaufen findige Produzenten, meist große Winzergenossenschaften, gerne eine dünne Plörre von berüchtigten Großlagen mit gaumenschmeichelndem Restzucker. Oft gekeltert aus Trauben von Weinstöcken, die eher Masse statt Klasse versprechen, allen voran die nicht mehr ganz so neue, früh reifende Neuzüchtung Müller-Thurgau. Vermarktet werden sie meist schon im Jahr nach der letzten Ernte. 

Alternativen: Weinschorle, Rosé – oder ein weißer Südfranzose

Im Zuge der Ökowelle dürfen es in punkto „Sommerwein“ immer häufiger auch PIWIS sein, innovative Rebzüchtungen mit klangvollen Namen wie Solaris, Regent oder Cabernet blanc. Sie kommen, weil von Natur aus gegen Pilzbefall mehr oder weniger resistent, im Ökoweinbau zum Einsatz, haben sich bislang jedoch auf breiter Front nicht gegen die traditionellen Qualitätssorten wie Riesling, Chardonnay, Grauburgunder, Cabernet Sauvignon oder Pinot noir durchsetzen können. Aus gutem Grund: Sie schmecken meist ziemlich aufdringlich-parfümiert und eignen sich, von Ausnahmen abgesehen, nicht als Essensbegleiter. 

Wenn man bei klimakriseverdächtigen Außentemperaturen vom Wein nicht lassen möchte, empfiehlt es sich, ihn in Form einer Weißweinschorle zu konsumieren, in Österreich auch als „Gespritzter“ bekannt, wobei sich ein Grüner Veltliner oder ein säurebetonter Riesling besonders gut als Grundlage dieses unkomplizierten, aber anregenden Erfrischungsgetränks eignet. Wenn es sich nicht gerade um einen hochpreisigen Burgunder Grand cru handelt, kann man, ohne sich zu blamieren, auch mal ein paar Eiswürfel ins Weinglas werfen.

Wer es grundsätzlich ablehnt, Wein mit Wasser zu verschneiden, sollte zu einem süffigen Rosé aus der Provence greifen oder einem charaktervollen Weißen aus den schwer angesagten südfranzösischen Regionen Ardeche, Gard und Vaucluse, bereitet aus den Traditionssorten Rousanne oder Grenache blanc. Oh ja, Weiße aus heißeren Gefilden müssen nicht fett sein, im Gegenteil. Mehr denn je nämlich ist bei den südfranzösischen Winzern „la fraicheur“ (Frische) angesagt. So schmecken „Sommerweine“!  

 

Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.

Foto: Pixabay

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Edgar Timm / 20.08.2023

Hallo Herr Etscheit, wie wäre es mit einem Verdejo aus Rueda oder einem Gavi di Gavi aus dem Piemont? Gut gekühlt natürlich. Auf der Terrasse gern auch mal einen leicht moussierenden Vinho Verde aus Portugal. Schmeckt auch zu sommerlichen Gerichten und kann auch gern mit Mineralwasser verlängert werden.

Gerd Maar / 20.08.2023

Jeder weiß doch dass Softeis von Maggie Thatcher erfunden wurde ! Auch wenn die deutsche Klugscheisserwikipedia das Gegenteil behauptet.

Xaver Huber / 20.08.2023

Der Autor in der sich elitär gerierenden Münchner Landeshauptstadt mag sich besserer Gesellschaftskreise erfreuen. Doch in einem Land, in dem sich angeblich mehr als jeder Zehnte keine Tagesmahlzeit leisten kann, die Fisch oder Fleisch enthält, muß ein annähernder Teil jener Menschen, denen man täglich auf der Straße begegnet, an allem erfreuen, was Alkohol enthält, um die Widrigkeiten des Lebens im allgemeinen, die der politischen Verhältnisse im besonderen zu ertragen. \\\ Prost.

Helmut Driesel / 20.08.2023

(2) Was tut man mit 15 Liter von einem Gesöff, das schmeckt, als ob es sehr ungesund wär und wahrscheinlich sogar die reine Chemie? Es fing sogar trotz der enthaltenen erheblichen Alkoholprozente noch einmal an zu gären. Immer mit Pausen einige Wochen lang. Das hatte nun eine Menge Arbeit gemacht, darum füllte ich das Zeug aus Sturheit und Besessenheit ab und stellte die Flaschen in den Keller. Erstmal aus den Augen, aus dem Sinn. So alle 2-3 Jahre holte ich eine Flasche herauf, um zu kosten. Ich erinnere mich nicht mehr, aber ich glaube, die ersten beiden Flaschen hatte ich nach dem Kosten ins Klo geschüttet. Nach etwa 10 Jahren begann er zu schmecken. Unglaubliches Aroma! So eine Mischung aus Tokaier, Cognac und Wermut, aber nicht so aufdringlich. Der Wein wurde mit der Zeit sagenhaft gut. Die letzten 9 Flaschen wurden mir allerdings nach 15 Jahren Lagerung gestohlen. Das ist nun die traurige Pointe. Es versteht sich von selbst, dass ich nach wie vor bereit bin, die Diebe eigenhändig zu köpfen.

Ralf Pöhling / 20.08.2023

“Verdünnte Plörre”. Wieso fällt mir da gerade die durch Cancel Culture versaute Multikulti-Welt von heute ein? An Kultur ist nichts verwerflich. Man muss sie nicht verdünnen. Im Gegenteil: Man muss seine eigene Kultur hoch halten. Ich sehe nicht, warum ein Franzose, ein Italiener, ein Portugiese, ein Spanier, ein Grieche oder auch ein Pole und ein Ungar in Deutschland nicht weiterhin genau so sein sollten, wie ihre Kultur gestrickt ist und das natürlich auch umgekehrt. Damit das aber funktioniert, muss man aber erst mal erkennen, wer man wirklich ist. Wir haben eigentlich kein echtes Multikulti-Europa. Wir leben in einer Welt, in der die eigene Kultur mit Geld zugeschüttet und jeder Unterschied wegrasiert wird. Aber mit Geld kann man nicht reden und findet deshalb auch nicht zueinander. Ich bin gerade auf der Suche nach den Wurzeln der Völker dieses Kontinents. Und egal wo ich hinschaue, ich finde sie. Und dabei gibt es nur wenig Probleme. Weil ich Geld und Ideologie aus dem Spiel lasse. Ein guter Wein ist nun mal teurer, als billige verdünnte Plörre. Aber das muss es einem einfach wert sein.

Helmut Driesel / 20.08.2023

(1)  Der Herr Etscheit gibt sich hier immer viel Mühe, die kulinarischen Aspekte unserer Kultur und Zivilisation heraus zu stellen und diese Künste, die es ja auch sind, leuchten zu lassen. Dazu meine kleine Geschichte. In meiner Familie war richtiger Wein, also solcher aus Traubensaft nie beliebt, sondern es gab eine feste Tradition der Obstweinproduktion und solcher wurde auch überwiegend konsumiert. Damit kannte ich mich beizeiten aus. Noch mit 16 wusste ich aber nicht, was “trocken” oder “Riesling” bedeuten und schon der Geruch von Bier war mir zuwider. Trotzdem wäre ich damals beinahe “Weingärtner” geworden, weil ich gerade in der Zeit in der neunten Klasse, wo es um die Lehrstellen ging, 10 Wochen krank war. Erst auf den letzten Drücker wurde mir noch eine andere Lehrstelle zugesagt, Chemie war mein Lieblingsfach,  also ließ ich den Weinberuf sausen. Gleichwohl hatte ich fast bis zur Wende zu Hause Obstwein fabriziert, Kirsche, Johannisbeeren, Stachelbeeren und Experimente. Wer mich kennt, weiß, dass ich jede Beere probiere, ob giftig oder nicht. Einmal hatte ich die Idee, heute besser Idiotie, aus dem in der DDR erhältlichen Orangensirup Wein zu machen. wo der her kam, ob aus Orangen gemacht oder aus Erdöl, das war mir egal, es ging um das Prinzip. In Gedanken konnte ich meinen wunderbaren “Apfelsinenwein” schon schmecken. Er gärte zwar nur sehr träge, es roch auch nicht besonders gut, aber es ging voran. Nach Monaten endlich mit dem Gefühl, etwas Besonders vollbracht zu haben, die erste Verkostung. Der schmeckte grässlich, man muss sich dabei vorstellen, dass es mir noch Stunden nach den wenigen Schlucken schon beim Gedanken daran schlecht wurde. Was tun? Ich schüttete die Hälfte des Ballons gleich weg. Den Rest verschnitt ich mit einigen Litern alten Stachelbeerwein, 3 Flaschen Vinprom aus dem “Exquisit”, einer Flasche Anislikör und einer weiteren Flasche Mandellikör. Dazwischen immer mal verkostet. Immer noch ein erbärmlicher Geschmack. 15 Liter davon.

Marko Schindler / 20.08.2023

Tip: Holunderlimonade aus einem selbst gefertigten, weißen Holundersirup mit einer winzigen Spur hochwertigen Apfelessig gewürzt! Mit etwas Eis ein unschlagbarer Durstlöscher ...

Nikolaus Szczepanski / 20.08.2023

Also ich weiß nicht: Ein eiskalter Portugieser Weißherbst aus der Pfalz mit 10% Vol. auf der abendlichen Terrasse bei 25 Grad ist durchaus ein Genuß - wenn auch nicht als Begleitung zum Essen, aber danach solo.

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