Der Spundekäs ist eine schlichte Spezialität aus dem schönen Rheinhessen und wird jetzt sogar im All-inklusive Theater gereicht.
Das deutsche Sprechtheater hat ein Wokismusproblem. Statt als „Kunstkacke“ verhöhnte Klassiker gibt’s mehr und mehr Feminismus- und Queergedöns und „Kampf gegen rechts“. Und Schauspieler, die noch ein paar gerade Sätze sprechen können, wurden von „Performern“ abgelöst. Kein Wunder, dass das angestammte Publikum in Scharen die Flucht ergriffen hat.
Jetzt muss ein neues Publikum her und um ein solches anzulocken, hat sich das Staatstheater in Mainz am Rhein etwas Besonderes einfallen lassen, ein „Kombiticket“ genanntes All-inklusive-Angebot, mit dem der geneigte Gast nicht nur ein Theaterbillet erwirbt, sondern auch ein Gastropaket, bestehend aus einer Verköstigung mit Getränken, Brezen und „Meenzer Spundekäs“. Außerdem enthält das Ticket für einen nur um sieben Euro (bei Premieren zwölf Euro) erhöhten Preis auch die Kosten fürs Programmheft und die Garderobe.
Das Flatrate-Ticket macht den Theaterbesuch, wie das Theater auf seiner Website im Stil eines Wellnesshotels schreibt: „zu einem rundum entspannten Gesamterlebnis – ohne lästiges Warten und mit verbessertem Service“. „Fehlt eigentlich nur noch das Angebot einer Rückenmassage“, spottet die von der Initiative ansonsten angetane Theaterrezensentin der Süddeutschen Zeitung. Was die Getränke anbelangt, gab es, der Kritikerin zufolge, rheinhessischen Grauburgunder, Riesling oder einen „kiwigrün leuchtenden, alkoholfreien Basil-Lime-Cocktail“. Basil Lime ist eine Mischung aus Limettensaft und Basilikum, in der alkoholischen Variante noch mit Gin aufgegossen.
Eine Variante des bayerischen Obatzda
Zumindest was den Wein angeht, ist das Angebot nicht so schlecht, hat doch Rheinhessen längst mit einst weitaus renommierteren Weinbauregionen wie dem Mainz gegenüberliegenden Rheingau mitgezogen. Das Weingut Keller aus Flörsheim-Dalsheim ist sogar mit seinen konzentrierten und sündteuren Rieslingen bis in die weltweite Spitzenliga vorgestoßen. Ausgeschenkt wird er an die All-inklusive-Theatergäste allerdings nur in sogenannten „Piffchen“, einer Art Probiergläser mit einem bescheidenen Inhalt von 0,1 Liter. Zu wenig, um sich über eine misslungene Inszenierung hinwegzutrösten.
Aus Rheinhessen stammt auch der „Spundekäs“, eine Variante des bayerischen Obatzda, und überaus beliebt als herzhafter Snack in Straußwirtschaften und Weinkneipen. Bevor das Rezept verraten wird, ein Wort zur Landschaft Rheinhessen, die mit dem heutigen Bundesland Hessen nichts zu tun hat, weil sie auf der linksrheinischen Seite liegt und sich südlich von Mainz bis Worms und westlich bis Bingen am Rhein erstreckt mit der Stadt Alzey im Zentrum. Einst gehörte die Provinz Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen, daher der Name. Dank seiner begünstigten Lage im Windschatten von Hunsrück, Taunus, Odenwald und Nordpfälzer Bergland gehört Rheinhessen zu den wärmsten und trockensten Regionen Deutschlands, deswegen auch rheinhessische Toskana genannt.
Ein schöner, fruchtbarer Landstrich, sanft gewellt, übersprenkelt von alten Weindörfern und durchzogen von tief eingefurchten Tälern wie dem Alsenztal mit einer seltenen Trockenrasenflora. Wenn da nicht die Windräder wären, die hier so geballt stehen wie sonst vielleicht nur in Norddeutschland. Wohin man schaut, drehen sich die stählernen Giganten und versetzen Rheinhessen, zumindest ästhetisch, den Todesstoß. Nachts macht Rheinhessen infolge der überall an den Masten blinkenden roten Leuchtfeuer den Eindruck einer gigantischen Landebahn für Außerirdische.
"Zum achte Gläsje gehört dem Mensch e Spundekäsje"
Das soll nun die Freude am Genuss eines echten Spundekäses nicht schmälern, den man ja auch dort zubereiten und verzehren kann, wo einem die Rotoren nicht das Blickfeld verstellen. Für dessen denkbar unkomplizierte Zubereitung müssen Quark und Frischkäse im Verhältnis 1 zu 2 zu einer homogenen Masse verrührt werden. Gewürzt wird mit Salz, Pfeffer und süßem Paprikapulver. Dazu können dünn gehobelte weiße Zwiebeln gereicht werden und natürlich kleine Salzbrezeln. Wobei ich statt der Industrieknabberei immer ein schönes, frisch gebackenes Sauerteigbrot vorziehen würde.
Wie immer bei solch einfachen Hausmannsrezepten gibt es zahllose Variationen, etwa mit Schmand, Crème fraîche, Butter und Eigelb sowie weiteren Gewürzen wie Knoblauch, Senf, Kümmel oder sogar Kapern. Aber die einfachste ist wohl, wie so oft, die beste. Der Name der Speise soll von der zapfenartigen Form in Gestalt eines „Spundes“ herrühren, in der diese Spezialität oft serviert wird, wobei es sich bei einem Spund um den Stöpsel eines Weinfasses handelt.
Erfunden wurde der Spundekäs angeblich in der Mainzer Brauereiwirtschaft „Zum Birnbaum“, bis zu ihrer Zerstörung im Bombenhagel 1942 eines der schönsten Fachwerkhäuser der Stadt. In der gleichen Adresse wurde 1899 auch der „Birnbaumclub“ gegründet, Vorläufer des Mainzer Carneval Clubs (MCC). Der Ehrenpräsident des Carneval Vereins in Mainz-Mombacher, Adolf Gottron, setzte dem Spundekäs ein Denkmal in Reimform: „Ein jeder wääß, zum achte Gläsje/Gehört dem Mensch e Spundekäsje/Des reizt de Gaume, stärkt de Mage/Korz, mer kann widder ään vertrage!“
Fragt sich, ob es sich bei den acht „Gläsje“ um jene Piffchen gehandelt hat, die heute im Mainzer Staatstheater gereicht werden.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.
Beitragsbild: Kandschwar CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Spundekäs‚ essen wir des öfteren, wenn wir in den Rheingau fahren. Mir schmeckt er gut, wenngleich ich auch immer Brot anstatt der Minibrezeln bestelle.
@Emil.Meins: Ich kenne diese „Spunden“ aus dem Saarland, dort heißen sie allerdings „Stupperten“. Aus Kartoffelbrei, Milch, Mehl, Muskatnuss, Salz und Pfeffer wird ein zäher Teig zubereitet, der dann löffelweise in ausgelassenem Speck angebraten wird. Gab es öfter freitags bei uns und war sehr lecker. Ich habe übrigens (66 Jahre) noch mein volles Haupthaar, es kann in dem von Ihnen beschriebenen traurigen Fall des „Glatzkopfes“ also nicht an den „Spunden“ gelegen haben.
„Gastropaket“ Kulturkäse mit Spundkäse, wobei letzterer zumindest nahrhaft ist. Btw, muss das nicht korrekterweise Schauspielende und Performende heissen?
„Wobei ich statt der Industrieknabberei immer ein schönes, frisch gebackenes Sauerteigbrot vorziehen würde.“ Herr Etscheit, damit haben sie übrigens den Punkt getroffen, genau das Gleiche hatte ich auch gedacht. Diese Kombination aus Ritzcräckern und Salzbrezelchen hat schon was von „Will-und-kann-nicht“, und erinnert heftig an die 60er Jahre (die Cräcker gibt es schon seit 1934!), so wie die damaligen Salatsossen aus Essig, Öl, Salz und Wasser, samt Maggiflasche auf dem Tisch (wobei das Fläschchen inzwischen 2,99€ kostet, in der Literflasche im Angebot 4,99, aber bei Kaufland bekommt man ganz unten im Regal die Flasche „Hausmarke“ für 0,89 €!). Und ja, ich gestehe, für manche Sachen nehme ich echt Maggi, bzw. das von Kaufland. Zum Beispiel in eine Hühnernudelsuppe muss es obligatorisch rein, und zwar aus nostalgischen Gründen. In den frühen Jahren gab es Samstags oft so eine Suppe, hergestellt aus „Hühnerklein“, was damals noch erschwinglich war. Heute zahlt man für das Zeug horrende Preise, wegen dem Run auf „Chickenwings“ früher war das quasi Abfall. Zur Suppe gab es Salzbrezeln und natürlich musste ordentlich Maggi rein. Weitere Geständnisse unterlasse ich…. Zur Qualität des Theaters fällt mir schon länger auf, daß sich überall das Prinzip zunehmender Nacktheit der Darsteller und ausufernder Obszönität verbreitet, anscheinend kann man das Publikum nur noch durch Ausnutzen seines Voyeurismus anlocken. Statt Kunstverstand ist Gafferei angesagt, ob man vielleicht irgendwelche privaten Teile der Darstellerinnen erspähen kann. Ist ja im TV dasselbe, sonst würde der ganze Schund schon lange keine Werbeeinnahmen mehr abwerfen, aber die sexuellen Defizite des Normalbürgers scheinen zu persistieren und ihn zu immer neuen Verirrungen zu treiben. Und im Theater kann man beruhigt gaffen, ist ja Kunst, und schnöde Pornos schaut ja bekanntlich niemand, weil es pfui ist. Genau wie keiner die BILD liest. Also auf zum Kombiticket, gibt es auch Bratwurst und Freibier?
In den frühen sechziger Jahren, als der allgemeine „Wohlstand“ noch nicht ausgebrochen war, war auch das Nahrungsangebot noch bescheidener, und es gab mehr „Arme-Leute“-Essen. Als Kinder wurde uns noch erzählt, der Großvater habe den damals noch zahlreichen Kindern eine Scheibe Wurst aufs Brot gelegt, die aber nur zum Befriedigen des Geruchssinnes diente, und beim Abbeißen stets weitergeschoben werden mußte, sodaß man zwar das Wurstaroma hatte, aber letztlich nur trockenes Brot aß. Zum Schluß verzehrte dann der Großvater die so benutzte Wurstscheibe zu seinem Brot. Für meine Schwester war es später das Höchste, wenn sie sich zum Geburtstag beim Metzger 100 Gramm gekochten Schinken kaufen durfte. Für heutige Kinder angesichts des Nahrungsangebots unvorstellbar, und auch Geburtstagsgeschenke sind oft preislich ganz woanders angesiedelt. Damals hatten wir eine Familie in der Nachbarschaft, bei der es „Spunden“ zu Mittag gab. Das waren mit dem Löffel aus Kartoffelbrei geformte Batzen, ich weiß nicht mehr, ob sie vorher noch angebraten wurden, aber zum Verzehr wurden sie in eine Schüssel mit flüssigem Schmalz getaucht. Das waren veritable „Spunden“, da sie extrem sättigend waren, und vermutlich für einige Zeit den Magen regelrecht „zustöpselten“, bis er ihnen Herr geworden war, unter Einsatz aller Verdauungssäfte. Da ich im Internet dazu nichts finden konnte, weiß ich nicht, ob das Rezept einen landsmannschaftlichen Hintergrund hatte, oder nur in dieser Familie gebräuchlich war. Hat von den Mitlesern jemand von der „Rezeptur“ gehört? Der Sohn dieser Familie litt bereits als Kind unter komplettem Haarausfall, und wir als Kinder wussten natürlich, was die Ursache war: genau dieser „oidermliche Fraß“, und nannten ihn gnadenlos „Glatzkopf“. Wahrscheinlich würden wir heute sofort wegen „Hass und Hetze“, sowie seelischer Grausamkeit abgeführt, aber damals waren es eben noch andere Zeiten, und wir haben sie alle ohne Probleme überlebt.
Man könnte im progressiven Theater das Publikum auftreten lassen. Als Jugendlicher kletterte ich mal nach einer Theatervorstellung auf die leere, dunkle Bühne und improvisierte mit einen Freund. Ich spielte die kreischende Prinzessin und er spielte den gestrengen königlichen Papa, der mich gegen meinen Willen verheiraten wollte. Am Ende bekamen wir sogar Applaus vom letzten Zuschauer. Das hat Spaß gemacht! Egozentrische Selbstdarstellung als zeitgemäße Bühnenkunst. Was kann es ästhetischeres geben, als mir beim Kreischen zuzuhören?! Man könnte diverse gesellschaftliche Akteure in Dialog treten lassen: Kopftuchtanten & Skinheads als Schreitheater. Selbstverständlich bedarf jede progressive Inszenierung einer Botschaft, lesbische Nazis und irgendeinscheiß mit Flüchtlingen. Man kann direkt zum Punkt kommen und gleich das grüne Parteiprogramm herunter lesen. Als klassische Lesung mit Pantomime oder als Panik-Performance mit Publikumsbeteiligung. Die Antifa schließt das Stück mit dem Feueralarm – Die Erde brennt! – und prügelt das Publikum hinaus.
Als überschätzte hochsubventionierte Ka… würde ich eher bezeichnen, was heute so als „Theater“ durchgeht. Meine letzten leibhaftigen Theatererlebnisse hatte ich in der DDR in den 1980er Jahren in Rostock, Berlin und Jena, davor im Rahmen des Schulunterrichts an Berliner Bühnen. Es wurden tatsächlich die Originaltexte gesprochen und in historischen Kostümen gespielt, und nur einzelne Regisseure ließen Faust in einer Lederjacke herumlaufen. Eine Lehrerin meiner Tochter beklagte sich bereits Ende der 1990e, dass sie mit Schülern Heiner Müllers „Hamletmaschine“ besprechen sollte, die noch nie mit Shakespeares „Hamlet“ in Berührung gekommen waren. Seit der „Wende“ bin ich mit Rezensionen zeitgenössischer Aufführungen so bedient, dass ich mir Theaterbesuche erspare. Den Spundekäs hätte ich dann gern mit den kleingehackten Zwiebeln in der Masse auf Laugenbrötchen oder zu Salzkartoffeln. Als „Fernsehteller“ zum Biere dann doch eher Obatzt’n mit Radieschen, danke!