Alain Pichard, Gastautor / 09.10.2017 / 14:46 / Foto: Coyau / 4 / Seite ausdrucken

Alle wollen beraten, helfen oder steuern, keiner will rudern

Von Alain Pichard.

Als ich 1977 mein Lehrerpatent am staatlichen Seminar Biel erhielt, gab es für mich keine Aussicht auf eine sichere Stelle. Denn inzwischen hatte der Pillenknick seine Wirkung entfaltet, die Schülerzahlen sanken und ganze Jahrgänge von frisch ausgebildeten Junglehrern und -lehrerinnen fanden nur mit Mühe eine Anstellung. Kurz darauf flüchteten Hunderttausende von Vietnamesen aus dem kommunistischen Paradies, einige von ihnen landeten bei uns. Und so stand die Bieler Schule vor mehr als 30 Jahren erstmals vor der Herausforderung, sich besondere Maßnahmen für die Integration von Schülern zu überlegen, die kein Wort Deutsch sprachen und aus einem völlig anderen Kulturkreis stammten.

Als wirbliger linker Junglehrer mit guten Verbindungen zum SP-Establishment schlug meine Stunde. Ich empfahl meinem Velokollegen und späteren Gemeinderat Raymond Glas, eine Art Deutschunterricht für Ausländer zu installieren. Das Motto hieß damals: Zu viele Lehrer? Eine Chance für eine bessere Schule! Im Auftrag der Bieler Schuldirektion durfte ich ein Konzept ausarbeiten, konnte selber die Vernehmlassung organisieren und sorgte schließlich dafür, dass 15 Lehrkräfte mit Lektionen aus diesem neuen Lektionenpool eine Art Auskommen erzielten. Das Konzept war simpel. Die fremdsprachigen Schüler wurden für einige Lektionen aus dem Unterricht genommen, um mit ihnen intensiv Deutsch zu lernen.

Ich unterstellte einem Kollegen Fremdenfeindlichkeit

Natürlich kreierte ich noch eine sogenannte Koordinationsstelle, welche das Ganze begleiten sollte. Und selbstredend bot mir der damalige Schulamtsleiter diese von mir vorgeschlagene Stelle gleich selber an, was ich freilich ablehnte, weil mir das Unterrichten näher lag. In meinem Kollegium gab es einen älteren Kollegen, der dieser ganzen Sache etwas skeptisch gegenüberstand. Walter Marti hatte zwei Vietnamesinnen in seiner Klasse, die er nun immer wieder abgeben musste. Nach etwa einem halben Jahr meinte Walter in einer Konferenz: „Die lernen ja gar nichts in diesem Unterricht.“

Ich war tödlich beleidigt und reagierte dementsprechend gehässig. Mit einem Wortschwall schalt ich diesen verdienten Kollegen als konservativ, ja ich unterstellte ihm sogar eine Fremdenfeindlichkeit. Er reagierte stoisch: „Weißt du, Kollege, es ist alles eine Frage der Wirkung.“

Im Rückblick weiß ich nicht einmal, ob Walter Marti ein konservativer Lehrer war. Fremdenfeindlich war er sicher nicht, sondern durch und durch sozialdemokratisch gesinnt. Er pflegte unter anderem  seine Klasse mit Ukulelen auszurüsten und veranstaltete mit ihnen richtig mitreißende Konzerte im Unterricht. Seine Schüler konnten aus dem Stand sicher an die 15 Lieder auswendig singen und zum Teil auch begleiten. Das können meine Schüler nicht mehr, dafür haben sie 2000 Songs auf ihrem Handy gespeichert.

Alles eine Frage der Wirkung

Und natürlich hatte Walter Marti Recht. Das von mir ausgearbeitete Konzept war schlecht. Ich hatte keine Ahnung von Fremdsprachendidaktik, im Vordergrund standen die Stellenschaffungen. Vor allem aber wurde dieser Unterricht allzu oft von Lehrkräften erteilt, denen die Lektionen lediglich als willkommener Zusatzverdienst für andere Tätigkeiten diente.

Hätte der 2009 verstorbene Walter die heutige Entwicklung miterlebt, würde er sich wohl im Grab umdrehen. Entgegen der albernen Behauptung der Linken, wonach der Staat kaputt gespart würde, tummeln sich heute an die 36 Institutionen rund um die Schule, die alle denselben Anspruch haben: Sie wollen unterstützen, beraten, helfen oder steuern, aber nicht rudern.

Und der vom Saulus zum Paulus gewordene Schreiber dieser Zeilen darf mit Schmunzeln feststellen, dass ihm genau dieselben gehässigen Unterstellungen entgegenschlagen, mit denen er auf den bedauernswerten Walter eindrosch, wenn er es heute wagt, gewisse soziale Einrichtungen in Frage zu stellen. Ob Case Management, Junior Coaching, Integrationsfachstelle, FAI, die Schaffung einer Hilfsinstitution an sich ist noch kein humanitärer Akt. Das ist sie erst, wenn sie auch etwas bringt, oder wie es Walter damals ausdrückte: Es ist alles eine Frage der Wirkung.

Alain Pichard war Grünliberaler Stadtrat in Biel /Schweiz und ist seit 40 Jahren Lehrer in sozialen Brennpunktschulen.

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Leserpost (4)
Dieter Kief / 09.10.2017

Fünfzehn Lieder teilweise mit Ukulelebegleitung auswendig gesungen - das wäre in Deutsschland heute sozusagen Weltrekord, wie ich fürchte. Sehr schöne Innnenschau. Desiderat - wie stellt sich positive pädagogische Wirkung ein? Soll man versuchen, die zu messen, Herr Picard? Und ganz zum Schluss: Die Geschichte der geflüchteten Vietnamesen scheint ja insgesamt weltweit eine Erfolgsgeschichte geworden zu sein. Ich nehme an - auch in der Schweiz? Wenn auch nicht nur aufgrund der gut ausgebildeten und engagierten Lehrerschaft, sondern auch aufgrund der Eigenmotivation, die bei den Vietnamesen sehr hoch zu sein scheint - wie auch deren IQ offenbar von einiger Geisteskraft zeugt.  

Martin R. Petersen / 09.10.2017

Danke. Kann man (mindestens) im Verhältnis 1 zu 1 auf Deutschland übertragen.

Dr. Gerd Brosowski / 09.10.2017

Wer kennt sie nicht, verehrter Herr Kollege Pichard, die Unterrichtsdeserteure? Jene meist jungen Leute, welche von der schwierigen Front im Klassenzimmer flüchten und in den stillen Büros der Beratungsstellen, Fortbildungsinstitutionen und anderer Einrichtungen des pädagogischen Überbaus ihre Nerven in Butter legen können. Es gab diese Etappenkrieger immer schon; denn immer schon war es einfacher, die Arbeit anderer Leute zu kommentieren als sich selbst in der täglichen Mühsal zu bewähren. Die Anzahl der in der Etappe Tätigen nimmt freilich zu - Sie stellen es selbst durch Aufzählen derartiger Fluchtburgen fest - , denn je schwieriger die Arbeit der Lehrer wird, desto verlockender ist es, während der Unterrichtszeit an Fortbildungen teilzunehmen oder sich Beratungen auszusetzen, und desto zahlreicher werden solche Angebote sein. Da fällt eben noch mehr Unterricht aus. In deutschen Gymnasien wird an weniger als 180 Tagen im Jahr unterrichtet, ergo stehen in der Mehrzahl der Jahrestage die Schulen leer: Der normale Unterrichtstag ist zu einem seltenen Ereignis geworden.  Die Wochen des Schuljahres, in denen der planmäßig vorgesehene Unterricht ungeschmälert stattfindet, dürften an den Fingern einer Hand abzuzählen sein. Also bleibt keine Zeit zum Üben, Wiederholen, Vertiefen, Festigung des Gelernten, und da repetitio mater studiorum est,  hätten wir eine Ursache der Bildungsmisere schon ausgemacht…

Leane Kamari / 09.10.2017

Ja, ja, als ehrenamtliche Deutsch Lehrerin kann ich ein Lied davon singen wie man von verrenteten Lehrern koordiniert wird, die sich selbst aber uneins sind a) welches Material zum Unterricht taugt und b) wie man zur Pünktlichkeit erzieht und c) ob Hausaufgaben bei 2 x die Woche Unterricht angebracht sind und, und, und Und natürlich unterrichten diese großartigen Koordinatoren selten bis garnicht und wenn nur im ABSOLUTEN Notfall, lieber sagen solche Koordinatoren den Unterricht ab. Alles endet im Chaos wobei jeder sein U-Material selbst “zimmert”, Pünktlichkeit bei manchem Lehrer nachrangig ist (man kommt ja selbst zu spät) und schließlich die Einstellung des Unterrichts meinerseits da andere mit dem Hinterteil das “Platt” machen was man selbst mühsamst “aufbaut”. Gleiches trifft übrigens auf sonstige Workshop Veranstalter für Unterstützung ehrenamtlicher Tätigkeit zu wobei diese dann gegen entsprechendes Entgelt dem verblüfften Ehrenamtlichen “Stuhlkreise” und “Hand auf legen” etc. empfehlen mitsamt Entgeldlicher Begleitung solch heroischer Unterstützung. Kenne ich aus meinem Berufsleben anders, aber was soll’s: “wenn du nicht mehr weiter weist bilde einen Arbeitskreis”; danke aber von dem Bla Bla habe ich schon lange genug.

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