Volker Seitz / 23.01.2021 / 15:00 / Foto: Pixabay / 7 / Seite ausdrucken

Afrika-ABC in Zitaten: Fremdenfeindliche Gewalt

Fremdenfeindliche Gewalt

Die südafrikanische Ärztin und Schriftstellerin Kopano Matlwa schreibt in ihrem Roman „Du musst verrückt sein, wenn Du trotzdem glücklich bist“, btb 2019, mit drastischen Worten gegen die fremdenfeindliche Gewalt in ihrem Land: „Den ganzen Tag über loderten im Fernsehen brennende Baracken, brennende Läden und verbrannte Menschen. Auf den Straßen wimmelte es von blutdurstigen Männern, die verlangten, dass alle Ausländer das Land verlassen. Nyasha kam kurz nach mir nach Hause und hat sich seither nicht mehr blicken lassen. Also habe ich allein die Nachrichten geschaut, ohne Ton. Sie zeigten Aufnahmen von einem nackten Mann, der von einer aufgebrachten Meute junger Männer über den Boden geschleift wurde, während Blut aus seinem Kopf sprudelte, dann eine Gruppe Polizisten, die Wasser über die Leiche einer älteren Frau gossen. Überall Hämmer, Äxte, Messer, Flaschen, Stangen, Steine, Männer, Frauen, Kinder, Tiere.

Natürlich fällt es schwer, sich das anzusehen. Aber ich musste. Ich musste mich diesem entsetzlichen Etwas stellen, das wir geworden sind.“

„Es wird schlimmer. Die fremdenfeindliche Gewalt breitet sich aus wie Buschfeuer. Gestern Nacht, beim Bereitschaftsdienst, brachten die Rettungssanitäter einen ausländischen Staatsbürger, der bei lebendigem Leib angezündet worden war und Verbrennungen dritten Grades an achtzig Prozent seines Körpers erlitten hatte.“ (S. 105) 

Freund oder Feind

Der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, Asfa-Wossen Asserate, schreibt in „Die neue Völkerwanderung“, Propyläen 2017: „Afrikas Potentaten verstehen sich auf die bewährten Strategien der Manipulation, wie sie auf der ganzen Welt üblich sind: Minderheiten zum Sündenbock erklären, Bestechung im kleinen und großen Stil, gegnerische Kandidaten ausschalten, Wahlfälschung. Ihnen fehlt das Bewusstsein dafür, was politische Gegnerschaft bedeutet, sie kennen nur Freund oder Feind. Es gibt in Afrika mehr als 2.000 Sprachen, aber in keiner ein Äquivalent für das deutsche Wort ,Gegner', wie es die westlichen Demokratien aus dem parlamentarischen Zusammenspiel der politischen Parteien gewohnt sind ' Der Anhänger einer anderen Partei mag anders denken als ich selbst, aber ich respektiere seine Meinung – und respektiere ihn als Menschen'. Dieses Credo der Demokratie ist den meisten afrikanischen Führern bis heute fremd. In vorkolonialen Zeiten hörte man in Afrika oft den Satz: ,Weißt Du nicht, wer ich bin? Ich bin der Feind von Soundso.' Man leitete seine gesellschaftliche Stellung von der Stellung seines Feindes ab. Afrikas autokratische Herrscher von heute fallen noch hinter diese Zeiten zurück, wenn sie glauben, jede abweichende Meinung müsse unterdrückt werden, da sie ihnen und ihrem Fortkommen im Wege stünde.“ (S. 131/32)

Foto: Pixabay

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Klaus Schmid Dr. / 23.01.2021

“Ihnen fehlt das Bewusstsein dafür, was politische Gegnerschaft bedeutet, sie kennen nur Freund oder Feind.” Ist hier von Afrika oder vom Merkel-Deutschland die Rede?

Wolfgang Kolb / 23.01.2021

Afrikaner beklagen in westlichen Ländern echten oder vermeintlichen Rassismus, blenden aber aus, dass eben dieser Rassismus, Vorbehalte gegenùber Fremden oder Mitgliedern anderer ethnischer Gruppen des eigenen Volkes, auf dem afrikanischer Kontinent omnipräsent ist. Ich erinnere an die Vertreibung von Nigerianer aus Ghana, die Ausweisung von ghanischen Staatsbürgern später aus Nigeria, die Progrome gehen Nigerianer in Südafrika vor einigen Jahren, due Kämpfe von Fulani gehen andere Ethnien im Norden Nigeria’s und so weiter…

Marc Jenal / 23.01.2021

Vielen Dank für die unterhaltsamen und informativen Textauszüge in dieser Afrikareihe! Sie lassen mich öfters demütig erkennen wie teilgebildet, ahnungslos und ignorant ich und wohl viele oder gar die meisten in Europa bezüglich kultureller Unterschiede in vielen Aspekten eigentlich sind. Wir glauben den Rest der Welt zu kennen, weil wir die Karten studiert, ein paar Touristenziele bereist und Berichte aus Reiseführern/Dokus gelesen haben, per Internet viele Sprachen übersetzen, überall hin und wieder zurück reisen und alle möglichen Produkte/Rohstoffe aus weit entfernten Ländern kaufen können. Schlussendlich kennen wir in vielen wichtigen Bereichen gar nichts, nicht einmal die tief verinnerlichte Stellung von bzw. Erwartungshaltung an Mann und Frau in verschiedenen Gesellschaften, wir kennen weder den offen ehrlich feindlichen Umgang mit dem politischen Gegner noch das entschlossene Abreagieren bis zur Tötung an Sündenböcken, usw. Warum? Meine Vermutung: In unseren Schulen, Universitäten und in vielen Medien vermitteln wir im Gegensatz zum in früheren Zeiten oft überzeichnet negativen Bild heute teils ein kindliches oder ignorantes rein positives Zerrbild gegenüber allem Fremden. Ins Zentrum stellen wir belanglose Aspekte wie unterschiedliches Essen, Kleidung oder andere harmlose, kulturelle Unterschiede. Das mag beruhigend wirken, aber damit nehmen wir doch “die für uns Fremden und ihre jeweilige Denkweise” nicht ansatzweise ernst. Ich kann jeden verstehen, der Europäer für diese dem Zeitgeist entsprechende kindliche oder zutiefst ignorante Denkhaltung verachtet. Ich habe nichts dagegen auch das Schöne und Harmlose zu entdecken, aber man sollte sich doch wenigstens über die wichtigsten auch weniger schönen oder gefährlichen Seiten informieren können, der jeweils “Fremden” denen man begegnet oder mit denen man zusammenlebt auch um Konfliktpotential zu erkennen und darauf besser vorbereitet zu sein. Da haben wir in Europa wohl grossen Nachholbedarf bzw. Denksperren.

Rainer Niersberger / 23.01.2021

Das, - partiell politisch nicht korrekt - begruendbare Festhalten oder Verbleiben der unter anderem auch tribalistisch organisierten Laender oder Gesellschaften Afrikas (Südafrika koennte ein Beispiel fuer die jederzeit moegliche Regression werden) in vorzivilisatoeisch/archaischen Zustaenden sollte eigentlich als Mahnung fuer den Westen genuegen. Aktuell sprechen gut sichtbare, aber unterschätzte, Entwicklungen eher fuer eine von Teilen gewollte Regression des Westens zurueck in diese Zeiten vor den alten Griechen und sogar vor dem alten Ägypten. Strukturen, Mechanismen und Mentalitäten werden nicht nur begierig in das Land geholt, sondern von Linksgruenen bei sich selbst wiederentdeckt. Die postmodernen “Knochenleser” im zunehmend animistischen Deutschland heissen Drosten, Schellnhuber und Co., die “Haeuptlinge” namens Merkel agieren den Stammesfuersten nicht unaehnlich und natuerlich sind die “Klima - und Coronaleugner” fuer das schlechte Wetter, Waldbrände und die Coronatote verantwortlich. Das Thema Suendenboecke oder Abtruennige bzw. Unglaeubige und deren ” Behandlung” kennen wir inzwischen genauso wie es in archaischen Gesellschaften zur Festigung der totalen Herrschermacht ueblich ist.  Stammesrecht oder Clanchefentscheidungen sind hierzulande ebensowenig ungewöhnlich wie der Vorrang der (islamischen) Gebote aus dem Mittelalter vor dem (römischen) Recht einer Zivilgesellschaft, narrativ passend begruendet. Die Schicht der Zivisation ist ohnehin duenn und wird aktuell sichtbar und vorsaetzlich weiter abgeschliffen.

Gudrun Meyer / 23.01.2021

In D und Europa ist es objektiv besser, viel besser. Noch. Der 30-jährige Krieg hat einen Höhepunkt an enthemmter Grausamkeit ausgetobt, der sich mühelos mit dem afrikanischen von heute messen kann. Die Massenmorde des europ. 20. Jahrhunderts betrafen aufgrund der weit größeren technischen Möglichkeiten noch mehr Menschen, aber die Zahl der Täter war viel niedriger. Und noch etwas: der 30-jährige Krieg setzte eine Zäsur.  Seit dem 17. Jh. entwickelten sich ein Kriegs- und Völkerrecht und wurde die soziale Gewalt immer mehr eingehegt. Man kam dahinter, dass es keine Hexen gibt, man hörte auf, Kleinstkriminelle zu hängen, man gestand Frauen und Minderheiten langsam, aber sicher mehr Rechte und Chancen zu. Auch außenpolitisch wirkte sich die Tendenz zum zivilisierten Verhalten aus. Von 1647 bis 1914 gab es in Europa keinen totalen Krieg mehr; auch Napoleon schaffte es nicht, einen solchen zu entfesseln. Die Geschichte des 20. Jh.s lehrt allerdings, dass soziale Fortschritte weit brüchiger als technische und wissenschaftliche sind. Das D der Gegenwart importiert die afrik. Gewalt, und die meisten Grünen sind zu dumm, um zu kapieren, dass es nicht nur den dt. Fremdenhass gibt, sondern dass auch jedes anti-dt. Ressentiment muslimischer Einwanderer ein Fremdenhass ist. Für die Invasoren und selbst für die dt. Fa sind die Dt. die Fremden, ausdrücklich auch in D.  Der afrikanische Krieg der Gegenwart, diffus wie der 30-jährige in Europa, könnte eine ähnliche Zäsur setzen, aber das ist Zukunftsmusik. Bis jetzt befriedigt er die Täter, und sie riskieren zwar, in der nächsten Runde von der feindlichen Ethnie umgebracht zu werden, nicht oder kaum aber rechtsstaatliche Verfahren. In Absurdistan treffen sie mit einem Weltbild ein, dass eben wegen seiner einfachen Wir-sind-gut,-die-Feinde-böse erfolgversprechend ist. Gleichzeitig betreibt die dt. “Elite” einen stillen Autogenocid, indem sie die Dt. ethnisch ausdünnt und dazu verurteilt, eine randständige Minderheit zu werden.

Christian Sporer / 23.01.2021

Oh ja Herr Seitz. Diese Greuel sind mir sehr bekannt aus Nigeria und zu einem geringeren Grad auch aus Kamerun. Wenn der Mob einen Schuldigen -für was auch immer- ausgemacht hat, dann gibt es kein Halten mehr. Und die Grausamkeit kennt dann keine Grenzen. Zum Glück ist das hauptsächlich ein Phänomen unter den Schwarzen selbst, das die Expatriés nicht betrifft.

Werner Schiemann / 23.01.2021

Zitat: ’ Der Anhänger einer anderen Partei mag anders denken als ich selbst, aber ich respektiere seine Meinung – und respektiere ihn als Menschen‘ Diese Einstellung scheint in Deutschland aber so langsam auch in das Reich des Wunschdenkens abzudriften. Körperliche Attacken auf politische Gegner gibt es ja schon reichlich. Das Verbrennen von Menschen findet, vorerst und Gottseidank, erst einmal nur virtuell statt.

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