Volker Seitz / 08.12.2020 / 12:00 / Foto: Jason Clendenen / 22 / Seite ausdrucken

60 Jahre Unabhängigkeit (1): Was wurde aus den Kolonien?

1960 gilt als das „Jahr Afrikas“. Nicht weniger als 17 ehemalige europäische Kolonien erlangten damals ihre Unabhängigkeit. Sie nahmen recht unterschiedliche Entwicklungen, leider nur allzu häufig keine gute. Wie die 17 afrikanischen Staaten heute dastehen, wird in dieser zehnteiligen Reihe erläutert.

60 Jahre nach der Unabhängigkeit lohnt ein Blick auf die Entwicklung der 17 früheren Kolonien. Es gibt Lichtblicke wie den Senegal und, mit Abstrichen, als wirtschaftliche Lokomotive des frankophonen Afrikas, die Côte d’Ivoire und das kleine Benin. 

In den anderen Staaten ist vertrauensvolles Miteinander, wie es gern schwärmerisch von Entwicklungspolitikern vorgebracht wird, unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen eine Illusion. Wie glaubwürdig kann ein Staat sein, in dem es keine unabhängigen, das heißt frei von politischer Einflussnahme entscheidenden Gerichte gibt? Auch die alten Geißeln Korruption und Missmanagement haben in Afrika während der Corona-Krise nicht pausiert. 

Der Ivorer Ahmadou Kourouma schreibt in „Allah n’est pas obligé“ (deutsch „Allah muss nicht gerecht sein“, Albrecht Knaus Verlag, 2002): „[…] selbst mit einem Universitätsabschluss kann man in diesen korrupten Bananenrepubliken des französischsprachigen Afrikas nicht mal Krankenpfleger oder Lehrer werden.“ 

Der Historiker und Hochschullehrer in Südafrika Achille Mbembe stellt in einem Interview mit Jeune Afrique (Heft Nr. 3092 vom September 2020) die Frage: „Warum....hat der Großteil der herrschenden Klasse ausländische Pässe, besitzt Grundstücke und Gebäude in nicht-afrikanischen Ländern, wird beim geringsten Alarm in ausländische Spitäler evakuiert, verbringt Ferien in teuren Hotels in Europa, schickt seine Kinder zum Studium in Institutionen außerhalb Afrikas und sammelt unredlich erworbene Vermögen, die in Schweizer Banken und anderen Steuerparadiesen versteckt werden.“ Für Mbembe haben sich die Zeiten kaum geändert, nur dass es eben nicht mehr die weißen Unterdrücker sind, die die Menschen quälen, sondern die eigenen Leute an der Staatsspitze. Auch in diesem Interview stellt Mbembe die richtigen Fragen, nennt aber leider keine Namen. 

Anders die Schriftsteller Véronique Tadjo aus der Côte d’Ivoire, der Guineer Tierno Monénembo und der Kameruner Eugène Ebodé, die das Manifest „Halte à la présidence à vie“ (Stoppt die Präsidentschaft auf Lebenszeit) veröffentlicht haben. Der Aufruf richtet sich gegen die Präsidenten der Côte d’Ivoire und Guinea, die versucht haben, die Verfassung auszuhebeln und im Oktober für eine dritte Amtszeit kandidieren. 

Mauretanien

Bevölkerung 4,5 Millionen; BIP 1392 $; Demographisches Wachstum 2,7%; Alphabetisierung 45,5%; UNDP Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index, abgekürzt HDI): 159. Rang von 189, Letzter Wechsel des Präsidenten: 2019 (Quelle L'Afrique en 2020 /Jeune Afrique Nr. 3076H) 

Die Islamische Republik Mauretanien mit der Hauptstadt Nouakchott liegt am Atlantik und grenzt an den Maghreb-Staat Algerien, an das von Marokko besetzte Territorium der Westsahara sowie südlich der Sahara an Mali und Senegal. Nouakchott hatte 1980 noch 8.000 Einwohner. Sie zählt heute 950.000, das ist ein Drittel der Bevölkerung des Landes. Die ehemalige französische Kolonie ist nahezu dreimal so groß wie Deutschland und besteht neben einer Dornbuschsavanne vorwiegend aus Wüste. Mauretanien wurde 1904 zum französischen Territorium im Rahmen Französisch-Westafrikas und ab 1920 französische Kolonie. Die Bevölkerung setzt sich aus Mauren, Volksgruppen aus Subsahara-Afrika (Wolof, Peul; Soninké) und den „schwarzen Mauren“ oder Haratin zusammen. Letztere sind freigelassene ehemalige Sklaven und sollen etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. 2007 wurde erstmals die Sklaverei unter Strafe gestellt, weil sie nach Ansicht vieler Parlamentarier „nicht mehr zeitgemäß“ sei. Nach der Scharia ist die Sklaverei weiterhin zulässig. Laut CNN leben in Mauretanien immer noch bis zu 20 Prozent als Sklaven. 

Amnesty International bezeichnet die Menschenrechtslage als schwierig. In Mauretanien gibt es z.B. immer noch den Brauch der Zwangsfütterung (Labluh) von jungen Mädchen. Sie werden von ihren Familien vor der Ehe gemästet, um so schwer wie möglich zu werden. Schwergewichtige Frauen gelten als reich, anziehender, gesund und können leichter verheiratet werden. Schmale Frauen werden als Schande für ihre Familien angesehen. Fülligen Frauen in dem Land mit Nahrungsmittelknappheit wird eher zugetraut, gesunde Kinder zur Welt zu bringen. 

Im Demokratieindex 2019 der britischen Zeitschrift The Economist belegt Mauretanien Platz 116 von 167 Ländern und gilt als autoritäres Regime. 

Korruptionswahrnehmungsindex (Corruption Perceptions Index  von Transparency International CPI 2019: Platz 137 von 180.

Senegal 

Bevölkerung 16,3 Millionen; BIP 1427 $; Demographisches Wachstum 2,8%; Alphabetisierung 42,8%; UNDP Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index, abgekürzt HDI): 164. Rang von 189, Letzter Wechsel des Präsidenten: 2012 

Als Stipendiat ging der Dichter Léopold Senghor nach Paris und wurde Absolvent zweier Prägestätten der französischen Exzellenz: des Lycée Louis-le-Grand und der École normale supérieure, die er als erster afrikanischer „agrégé“ verließ. Nach der Lehrtätigkeit in Tours wurde Senghor 1940 Soldat und geriet für 20 lange Monate in deutsche Kriegsgefangenschaft. Senghor hatte schon früh Gedichte geschrieben, berühmt wurde er 1948 mit der „Anthologie de la nouvelle poésie nègre“, in der Jean-Paul Sartre seinen Essay „Schwarzer Orpheus“ veröffentlichte. Literarische und politische Karriere liefen nun parallel. 

Senghor wurde 1960 zum ersten Präsidenten des in die Unabhängigkeit entlassenen Landes gewählt und bekleidete, als Christ in einem überwiegend moslemischen Land, das Amt zwei Dekaden lang. Der von Aimé Césaire geprägte Begriff der „Négritude“ stand im Mittelpunkt der Kulturpolitik Senghors. 25 Prozent seines ersten Haushaltsbudgets wurden für Bildung, Kunst und Wissenschaft ausgegeben. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes wurde darüber vernachlässigt. 1980 trat er, als erstes afrikanisches Staatsoberhaupt überhaupt, freiwillig zurück. (Nachfolger wurde Abdou Diouf (1981–2000), der spätere Generalsekretär der Organisation der Francophonie.) Senghor war Mitbegründer der Négritude-Bewegung. 1968 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sénghor wurde das erste aus Afrika stammende Mitglied der Académie française. Er gründete als Staatsoberhaupt eine Kunstakademie, eine Kunstgewerbeschule, Theater und 1966 das erste „Weltfestival der Schwarzen Künste“. Der Senegal ist ein Vorbild für das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft. Senegalesen setzen sich aktiv gegen Intoleranz ein und haben das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen im Land befördert. Über 90 Prozent der Bevölkerung gehören dem Islam an. Sie hängen in einer überwältigenden Mehrheit den vier Sufi-Bruderschaften an, die einen toleranten Islam vertreten. Im Sufismus zeigt sich ein Islam, der den Koran nicht immer wörtlich nimmt. Im Senegal hat der Einfluss der mächtigen Sufi-Bruderschaften segensreiche Wirkung. Es gibt einheimische und importierte Bruderschaften. Die Layene und die Mouriden (ein Drittel der Muslime gehören dieser Bruderschaft an) stammen aus dem Senegal selbst, die Tijaniyya (etwa die Hälfte) wurde im 18. Jahrhundert von einem Berber gegründet, und die Qadiriyya entstand bereits im 12. Jahrhundert in Bagdad. 

Stabil, friedlich, terrorfrei

Präsident Macky Sall ist Mouride, wenig überraschend, doch seine Frau, die première dame, gehört der Tidjane-Bruderschaft an. Das spricht wieder für die tolerante Religionsausübung im Senegal. 

Das Land ist bislang von Terror verschont geblieben, Ethnien und Religionen leben weitgehend friedlich miteinander. Die Bruderschaften kämpfen gegen extremistische Strömungen und predigen Frieden und Toleranz, sorgen für Stabilität und sozialen Zusammenhalt. Sie bieten auch Wirtschaftsnetzwerke und soziale Absicherung. 

Die Layene sind die Poeten des Sufismus. Die Mouriden sind die politisch und ökonomisch Einflussreichsten im Senegal. Sie sind sehr geschäftstüchtig und besitzen zahlreiche Einkaufszentren und Marktstände. Sie organisieren das Import-Export-Geschäft. Geschäfte unter Glaubensbrüdern werden ohne Vertrag und per Handschlag gemacht. Touba ist die heilige Stadt der Mouriden. Angeblich schickt jeder Mouride Woche für Woche eine Spende an den Marabou nach Touba. Serigne Cheikh Abdou Karim Mbacke gilt als einer der reichsten und mächtigsten Männer des Landes. Vor Wahlen pilgern alle Kandidaten zu den geschäftstüchtigen Glaubensfürsten, um sich ihr Wohlwollen zu sichern. 

Das friedliebende Land zieht immer mehr Touristen an. Die Zahl der Touristen ist von 963.004 (2014) auf 1.365.000 im Jahre 2017 gestiegen. Für 2023 wurden – vor der Corona-Krise – drei Millionen Besucher angestrebt. 2015 wurde die Visapflicht aufgehoben, Maßnahmen gegen die Küstenerosion eingeleitet, die Produktion von Elektrizität von 573 MW (2012) auf 1.130 MW (2017) gesteigert, 21 neue Hotels gebaut. 

Als erster senegalesischer Präsident hat Macky Sall (von 2004–2007 Ministerpräsident seines Vorgängers Abdoulaye Wade; 2007–2008 Präsident der Nationalversammlung des Senegal) seine Vermögensverhältnisse veröffentlicht. Und seine Regierung von 37 auf 25 Minister verkleinert – eines der kleinsten Kabinette des Kontinents. Als Dienstfahrzeug nutzt er seinen privaten Geländewagen. Die ersten Jahre hat er ohne „Fauxpas“ überstanden. Auf der privaten Webseite können die Bürger seit dem 17. Januar 2013 die Politik seiner Regierung benoten. 60 unnütze Agenturen wurden aufgelöst und teure Stellen nebst den üblichen Privilegien eingespart. Mit der Straflosigkeit für rechtswidrige Bereicherung wurde Schluss gemacht („l’impunité, c’est fini“). Bekannte Fälle wurden den Gerichten übergeben.

Die Erwartungen der Bevölkerung sind aber sehr hoch. Als erste Maßnahme hat er deshalb mittels Subventionen die hohen Preise für die Grundbedürfnisse der armen Bevölkerung gesenkt. Die Preise für Reis, Zucker und Gas wurden zwischen 5 und 15 Prozent verringert. Er hat durch Umschichtungen im Haushalt 91,5 Millionen Euro für die Bauern zur Ernährungssicherung bereitgestellt. Es geht darum, den bewässerbaren landwirtschaftlich genutzten Boden von bisher 80.000 ha zu vergrößern. Entsprechend nutzbar sind im Senegal bis zu 250.000 ha. Jeder Senegalese konsumiert pro Jahr etwa 90 kg Reis. Das Land muss jährlich über eine Million Tonnen Reis aus Thailand und Indien importieren. Die Regierung von Macky Sall strebt eine Selbstversorgung für Reis an. Die lokalen Ernten haben sich im Flusstal des Senegal und in der Casamance zwar kontinuierlich erhöht, aber das Landwirtschaftsministerium in Dakar beziffert die nötige Produktion für die Selbstversorgung auf 1,6 Millionen Tonnen. Auch gibt es Fortschritte bei der industriellen Fischerei. 

Senegalesen essen durchschnittlich 29 kg Fisch pro Person/Jahr. Scasa (Société de conserverie en Afrique), eine Filiale der südkoreanischen Firma Dongwon, beschäftigt 1.000 Personen. Sie produzierten 2019 mehr als 15.000 Tonnen Thunfisch-Dosen (dreimal so viel wie 2016) für den Export. 80 Prozent werden in die USA exportiert. Der Rest geht nach Marokko und Frankreich. Obwohl nur 25 Prozent der Bevölkerung in Dakar leben, werden heute 56 Prozent aller öffentlichen Ausgaben für die Hauptstadt ausgegeben. Folge: immer größere Landflucht. Senegal gilt heute als gefestigte Demokratie und könnte daher für andere afrikanische Staaten ein Vorbild sein. 

Wille zu Aufbruch und Reformen

Betrachtet man die gesamte westafrikanische Region, ist Senegal seit der Unabhängigkeit 1960 von Frankreich ein politisch stabiles Land, das stolz auf seine demokratische Tradition ist. Seine politische Stabilität zieht mehr und mehr Investoren an. Direkte ausländische Investitionen stiegen seit dem Amtsantritt von Präsident Macky Sall 2012 um acht Prozent. Im letzten Doing-Business-Ranking der Weltbank ist das Land in die TOP 5 der Reformländer aufgestiegen. 

Senegal exportiert vor allem Gold, raffiniertes Erdöl und tiefgefrorenen Fisch. Die Wirtschaft des Landes wuchs von 2010 bis 2015 um 4%. Der IWF schätzt das jährliche Wachstum von 2020 und 2021 mit durchschnittlich 7,5% bzw. 7,0% ein. Die Öl-Einnahmen sollten laut IWF einen positiven Effekt auf die Bautätigkeit haben. Aufgrund der Stabilität und einer weitgehend effizienten Verwaltung lockt das Land direkte ausländische Investitionen an. Steuern und Abgaben machen 60 Prozent des Budgets aus. Gemäß der Standard Chartered Bank ist der Senegal das einzige Land des Kontinents, das das Staatsdefizit (déficit public) in drei aufeinander folgenden Jahren (2014–16) verringern konnte. 

Negativ: Die Bahnlinie Dakar-Bamako (1.286 km) müsste dringend erneuert werden. Solange dies nicht der Fall ist, leidet die Wettbewerbsfähigkeit des Hafens von Dakar. Mali ist der wichtigste Kunde des Senegals mit vier Millionen Tonnen Waren pro Jahr. Die Bahnlinie schafft jährlich derzeit nur 6.000 t Fracht.    

2017 wurden zum ersten Mal 15 Abgeordnete ins senegalesische Parlament gewählt, die alle Auswanderer vertreten. Die Diaspora spielt für den Senegal eine große Rolle. Laut Uno waren 2017 insgesamt 559.952 Senegalesen im Ausland registriert, knapp die Hälfte davon in Europa. Der Rat der Senegalesen im Ausland schätzt die Zahl eher auf 2,5 bis 3 Millionen. Im Senegal selbst leben etwa 15 Millionen Menschen. 

Die Senegalesen im Ausland schicken ihren Familien Geld, sie investieren in Fabriken und Unternehmen, sie bauen Hotels und Wohnhäuser. Allein 2017 kamen so laut Westafrikanischer Zentralbank BCEAO 1.103,8 Milliarden CFA zurück ins Land, umgerechnet 1,68 Milliarden Euro. Das entspricht etwa einem Drittel des Gesamthaushalts des Landes. 

Aus Europa kamen um die 40 Prozent der Rücküberweisungen. Auch deshalb kommen sechs der Diaspora-Abgeordneten dorther. Die restlichen Abgeordneten leben in Amerika, Asien und anderen Teilen Afrikas. 

Präsident Macky Sall ist ein Glücksfall für Afrika. Er setzt sich für demokratische Werte ein. Im Senegal ist seither der Wille zum Aufbruch und Reformen spürbar. Senegal hat eine florierende Wirtschaft und seit Langem ein Seekabel und ein relativ gut funktionierendes Internet. 40 km südlich von Dakar entsteht auf einem 3.000 Hektar großen Gebiet die neue Stadt Diamniadio mit einem neuen internationalen Konferenzzentrum, Dienstleistungen, Universitäten, Krankenhäusern, Behörden und nicht zuletzt etwa 30.000 neuen Arbeitsplätzen. Die Autobahn von Dakar nach Diamniadio ist bereits fertig. 

Im Demokratieindex 2019 von The Economist belegt Senegal Platz 82 von 167; CPI Platz 66 von 180.

Lesen Sie übermorgen in der nächsten Folge: Mali.

 

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe erschien im September 2018. Drei Nachauflagen folgten 2019 und 2020. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

Foto: Jason Clendenen CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Dr. Roland Mock / 08.12.2020

Zunächst bin ich dankbar, hier Fakten zur Entwicklung der einstigen Kolonien zu finden und freue mich auf die Fortsetzungen. Allerdings haben die - wohl an UNO- und OECD-Erhebungen orientierten - numerischen Steckbriefe zur wirtschaftlichen Entwicklung der Länder (BIP je Kopf etc.) eine sehr begrenzte Aussagekraft: Zum einen sind sie manipulierbar. Man erinnere sich an die DDR (lt. OECD einer der leistungsfähigsten Industriestaaten der Welt; ausgerechnet!). Oder an das statistische Getrickse Griechenlands, um in die EU zu kommen. Zum anderen fehlt der entscheidende Hinweis darauf, ob die beiden Staaten eher markt- oder eher staatsorientiert sind. Zumindest im Fall Senegal ist letzteres der Fall. Die Einschätzung von Dr. Seitz, dort herrsche eine „florierende Wirtschaft“, wird von anderen Quellen nicht bestätigt. Nach diesen erstickt die ausufernde Subventionswirtschaft, verbunden mit der afrikatypischen Klientelpolitik, erstickt Eigeninitiative und Dynamik im Land. Und die Zahl der Touristen ist in den letzten Jahren wieder rückläufig. Solange afrikanische Staaten an Staatswirtschaft (Sozialismus) festhalten, können sie so „tolerant“ und „friedliebend“ sein wie sie wollen: Sie bleiben wirtschaftlich abgehängt, und Wohlstand gibt es nur für eine kleine Oberschicht.

g.schilling / 08.12.2020

“....nur dass es eben nicht mehr die weißen Unterdrücker sind, die die Menschen quälen, sondern die eigenen Leute an der Staatsspitze.”  Auch in Europa hat diese Entwicklung Jahrhunderte benötigt um vom Feudalismus und Absolutismus wegzukommen. Außerdem wo steht, dass für alle die sog. Demokratie das Beste für alle ist??? Und auch heute ist die “Spezlwirtschaft” an der Tagesordnung. Nur machen es die Europäer nicht so plump. Uschi, Luschi und Konsorten lassen schönstens grüßen.

PALLA, Manfred / 08.12.2020

+++ Kurz und knapp +++ - 1960 etwa “600” Millionen Afrikaner - Heute “1.200” Millionen (1,2 Mrd) - 2050 geschätzt 2.500 Millionen (2,5 Mrd) - StichWort “Archaische Gesellschaften” und eigentlich auch kein “Gutes ARBEITs-KLIMA” - und keinesfalls auf Wiki unter RUANDA 1994 gucken und lesen - da stirbt die HOFFNUNG zu “aller-erst” - einfach nur TRAGÖDIE für die ARMEN - für die REICHEN dort auch nur ein SPIEL - für NARREN, wie überall, eine KOMÖDIE - aber ob für WEISE noch ein TRAUM ?!?  :-/

Jan des Bisshop / 08.12.2020

@Peter Peterson: Wer sind denn diese klugen Afrika Kenner. Das sind doch eindeutig die, die an der Entwicklungshilfe Geld verdienen. Mein Schwiegervater war auch 40 Jahre in Afrika tätig, auf der Geberseite. Es war in jedem Land ein Kampf mit der Korruption, in einigen Ländern gehört die Korruption zum nationalen Handel, give me Dash, in anderen war es eine Frage der persönlichen Bereicherung. Was für ihn immer klar war, war der gegenseitige Respekt, denn die afrikanischen Führer sind keine kleine Kinder, die sich von den Europäern, Asiaten, Russen oder Amis am Nasenring herumführen lassen, den das suggeriert ihre Aussage. Ich empfinde ihr Statement deshalb beleidigend für Afrika. Diese haben vielfach falsche Entscheidungen getroffen, aber dies passiert auch in Europa. Was Europa von Afrika unterscheidet ist die Ressilience, die sich in Europa über viele Jahrhunderte, bedingt durch Kriege und Katastrophen aufgebaut hat, Afrika hatte nie einen Krieg, der den ganzen Kontinent auf den Kopf gestellt hätte. Afrikas Bevölkerungsdichte war über viele Jahrhunderte mit der Bevölkerungsdichte des frühen Mittelalters nach einer Pestkatastrophe vergleichbar, Dank eingeschleppter Medizin und Technologie wächst die afrikanische Bevölkerung ohne an Resilience zu gewinnen, daher entsteht ein unorganisches Wachstum. Dieses Bevölkerungswächstum schwappt nun auf Europa über. Was bleibt ist die Ratlosigkeit und das Gefühl, dass aus gutem Willen Schlechtes entstehen kann, aber wer hat eine Idee, wie dieser Gordische Knoten zerschlagen werden kann.

Peter Petersen / 08.12.2020

@Dechant…sie sollten meinen Beitrag genau lesen. Ich habe über die endlose Korruptionskette Frankreichs in seinen ehemaligen AFRIKANISCHEN Kolonien geschrieben. Dazu gibt es viele französische Justizverfahren. Man hat sich jene Potentaten in Afrika geschaffen, die für Bares etc bereit waren, jede wirtschaftliche, politische, militärische Missetat zu decken und mitzumachen. Nun schreibt hier ein deutscher Ex Botschafter in Afrika und er klagt jene Potentaten an. Und Bonn/Berlin haben nicht kräftig mitgemischt? Das war die Frage. Ist es nicht die Zeit des Jahres etwas in sich zu gehn? Ich denke ja. Es wird doch schon genug manipuliert. Über Asien habe ich keine Silbe verloren.

Detlef Dechant / 08.12.2020

@Petersen: Ist es nicht interessant, dass qualifizierte afrikanische Ökonomen sowie viele politische Kräfte für die sofortige Einstellung jeglicher Entwicklungshilfe sind? Sie wehren sich auch dagegen, ständig dem Kolonialismus und Imperialismus die Schuld zu geben. Dies verleitet nämlich nur dazu, einen Schuldigen zu haben und sich zurückzulehnen und “Wiedergutmachung” zu fordern. Studieren Sie einmal die Kolonialgeschichte in Asien, nicht weniger “ausbeuterisch” und “brutal” - wie ja überall auf der Welt, wo Länder erobert wurden - und schauen Sie, was die Asiaten daraus gemacht haben. Was aber auch zu denken geben sollte; viele der heutigen afrikansichen Potentaten haben in Europa oder USA studiert. Ist da etwas schief gelaufen? Oder ist dieser Verhaltenswandel während der Regierungszeit menschlich normal? WAhrscheinlich stimmt letzteres und es sind unsere noch intakten demokratischen Strukturen, die bei uns ein derartiges Abgleiten unserer politischen Führung verhindern. Wie würden wohl Merkel und Söder regieren, wenn wir afrikanische Strukturen hätten? Zeit zur Flucht über das Mittelmeer.

Volker Seitz / 08.12.2020

Sehr geehrter Herr Dr. Maus, danke für Interesse an meinen Artikeln. Mit unserer Aussen- und Entwicklungspolitik ( ist in Afrika kaum zu trennen) habe ich mich schon sehr oft beschäftigt. Ich nenne Ihnen gerne vier Beiträge: “Wie Entwicklungshilfe Afrikas Talent vernichtet”, Achse 10.01.20; “Afrika wird armregiert” Tichy 02.02.20; “Marshallplan mit Afrika”, Tichy 05.03.2020 und ” Deutsche Entwicklungspolitik: Nicht praktisch bildbar” , Achse 20.04.20 Zu Ihrer Bemerkung: “Hätte man Sie schon zurückgepfiffen” zwei kleine Anekdoten. Vor Veröffentlichung meines Buches habe ich das Manuskript einer Rechtsanwaltskanzlei in Köln zu Prüfung gegeben. Die Kanzlei hatte in Bonn über 30 Jahre das Auswärtige Amt beraten. Man riet mir kein Wort zu ändern und auf keinen Fall das Manuskript vor Veröffentlichung dem AA zu zeigen (wozu ich im Ruhestand nicht mehr verpflichtet war). Nach Veröffentlichung hörte ich nichts vom AA. Aber nach der 5. Auflage ( Gesamtauflage heute über 30.000 ) wurde ich vom AA zu einem Vortrag nach Berlin eingeladen ! Beste Grüße V. Seitz

Peter Petersen / 08.12.2020

@„Dr.Freund“ Waren sie schon einmal in Afrika oder der Nähe? Aber ein richtiger Dr. wäre vielleicht angeraten.

Peter Herrmann / 08.12.2020

Sind wir hier auf der Achse bei der Pippi-Langstrumpf-Sprachverschiebung? Zu Zeiten von Léopold Sédar Senghor hieß es „Festival mondial des arts nègres“. Das müsste dann korrekt übersetzt „Weltfestival der Negerkunst“ heißen. Schön, wie man beginnt, sich die Zunge abbeißen zu wollen, nur um nicht in einen Fettnapf zu treten. Ähnlich verhält es sich bei „Anthologie de la nouvelle poésie nègre“ und „Négritude“. Man muss kein konservativ sturer Verfechter gegen sprachlichen Veränderungen sein, wenn man der Vergangenheit ihre Ausdrucksformen belässt. Hier in Togo reden einige ältere Menschen immer noch unbeeindruckt von „Nègre“. Wir Whities sind höflich und kommen den jüngeren Schwarzen entgegen, aber Schwarz heißt halt auch nichts anderes. Dass man sich da bei aller Höflichkeit noch ein wenig wundert, sollte erlaubt sein.

Pauline Gossner / 08.12.2020

Eines der sicher “erfolgreichsten” Projekte ist Zimbabwe, das frühere Rhodesien. Es galt als “die Kornkammer Afrikas” - in 30 Jahren unter dem schwarzen u. korrupten Robert Mugabe wurde es total heruntergewirtschaftet! “Zimbabwe is mine”, sagte er - das zeigt sein Verständnis von Demokratie” 90jährig wollte er seine Frau, eine frühere Schreibkraft in seinem Sekretariatspool, zu seiner Nachfolgerin machen. Sie fuhr gerne nach Paris u. kleidete sich in den dortigen Haute Couture-Häusern ein! Gucci-Grace” war ihr Spitzname in Afrika, wie der links-liberale englische Guardian einmal schrieb:  “Gucci Grace - from rags to riches” war der Artikel überschrieben. Die weißen Farmer wurden vertrieben - sie gingen nach Südafrika, wo sich Ähnliches zu wiederholen scheint!

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