Vera Lengsfeld / 01.11.2017 / 12:52 / Foto: USDOD / 12 / Seite ausdrucken

Kardinal Marx, Johanna die Katholische und die Nacht über der Alhambra

Dieser Tage lohnt es sich doppelt, in die Vergangenheit Europas zu schauen: Erstens um sich in Erinnerung zu rufen, wie es um die Christenheit vor Luther bestellt war und zweitens, um den Konflikt, der sich gegenwärtig in Spanien um die katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen zusammenbraut, historisch besser einordnen zu können. Wer sich dabei noch unterhalten will, dem sei das Buch „Nacht über der Alhambra“ von Sebastian Fleming empfohlen. Es ist der in sich abgeschlossene dritte Band der großen Renaissance-Trilogie des Autors.

Die Handlung beginnt in Konstantinopel, das 1453 von Sultan Mehmed belagert wird. Die damaligen tragischen Ereignisse hat Stefan Zweig in „Die Welt von gestern“ prägnant zusammengefasst: In der Stadt wimmelt es von Verrätern, die dem Sultan Informationen liefern. Europa lässt seine letzte christliche Festung im Osten, deren Symbol die prächtige Hagia Sophia ist, schmählich im Stich. Die unzerstörbaren Mauern der Stadt werden von den größten Kanonen beschossen, die ein ungarischer Christ für Mehmed gebaut hat.

Mehmeds Kriegsführung, die erst Massen von halbnackten, spärlich bewaffneten Kämpfern in den fast sicheren Tod schickt, um die Belagerten zu ermüden, könnte eine Blaupause für die Strategie von Generalissimus Stalin sein. Aber auch die gut ausgebildeten Elitetruppen drohen, an den Mauern der stolzen Kaiserstadt zu scheitern. Da entdecken muslimische Soldaten eine geöffnete Tür im Festungswall. Ob die Kerkaporta versehentlich offen gelassen wurde, oder Verrat im Spiel war, wird wohl nie geklärt werden können.

Flemings Handlung setzt ein, als die Truppen Mehmeds in die Stadt eindringen, die zur absoluten Plünderung freigegeben wurde. Sein Hauptheld Joanot Julia, später Yaya ibn Catalano, muss zusehen, wie sein Vater und seine beiden älteren Brüder vor seinen Augen geköpft werden. Er selbst wird in die Sklaverei geführt, aber auf Anweisung Mehmeds zum Islam bekehrt und gut ausgebildet. Als Übersetzer leistet er unschätzbare Dienste, weil er die Spitzelberichte, die aus ganz Europa kommen, ins Arabische überträgt.

Den Petersdom zum Pferdestall machen

Mehmed, nicht zufrieden mit der Eroberung Konstantinopels, plant die Rückeroberung ehemals muslimischer Gebiete in Spanien und den Marsch auf Rom. Sein Ziel ist, den Petersdom zum Pferdestall zu machen. Wie europäische Herrscher und geistliche Würdenträger mit dieser Gefahr umgehen, das schildert Fleming, der für seine sorgfältigen Recherchen bekannt ist, sehr farbig und lehrreich.

Da ist der kastilische König Enrique IV, ein Pazifist, der sich gern maurisch kleidet und jeden Konflikt vermeiden will. Seine Abneigung, Entscheidungen zu treffen und die Sucht, Feinde mit Geld, Privilegien und Gütern zu bestechen, führt in dieser aus den Fugen geratenen Zeit immer wieder zu Kriegen.

Da ist seine Halbschwester Isabel, die als Infantin mehr politisches Gespür und Entschlusskraft hat, als ihr Halbbruder. Sie entscheidet sich schon in jungen Jahren, Königin werden zu wollen, nicht nur von Kastilien, sondern eines geeinigten Spaniens. Sie entschließt sich, Don Fernando de Aragón zu heiraten, um die Feindschaft zwischen Kastilien und den Katalanen zu beenden, damit sie nicht länger von den muslimischen Emiren gegeneinander ausgespielt werden können. Der Plan glückt. Isabel und Fernando vereiteln als Johanna die Katholische und Ferdinand der Katholische die Eroberungspläne Mehmeds und tragen erheblich dazu bei, dass Europa christlich bleibt.

Schon vor fünfhundert Jahren war Europa dabei, seine Identität zu verspielen. Es ist heute  wieder in eine Krise manövriert worden, die nicht nur seine Identität, sondern alle seine emanzipatorischen Errungenschaften bedroht. Der französische Autor Michel Houellebecq hat kürzlich in einem Spiegel-Interview geäußert, dass der Katholizismus ein wirksames Gegenmittel gegen die Islamisierung sei. Wenn das stimmen sollte, braucht es statt eines Kardinal Marx eine moderne Johanna die Katholische.

Sebastian Fleming: Nacht über der Alhambra, Lübbe 2017.

Leserpost (12)
Adjua Quaye / 01.11.2017

Wir sind nicht mehr im Mittelalter. Besinnung auf säkuläre Werte reicht vollkommen, Scheiterhaufen wie unter Isabella der Katholischen brauchts nicht.

Frank Schneider / 01.11.2017

Damals zahlreiche Verräter und geöffnete Türen - heute offene Scheunentore, Gratis-Smartphones vom Milliardär Carlos Slim zur Wegfindung und kostenloser NGO-Fährbetrieb von den Küsten Afrikas nach Italien. In unserem Land angekommen, dann genaue Instruktionen zur Einbettung in die Sozialsysteme durch zahlreiche Flüchtlingshelfer, Üppige Alimentierung. Einheimische religiöse Extremisten können ungestört rekrutieren und eingreiste IS-Kämpfer können unbehelligt ihre Kreise ziehen.  Weithehende Einschränkung der Strafverfolgung durch zuständige Behörden. Heiligsprechung durch die Medien. Die Europäischen Regimes, die ihnen treu ergebenen Medien und zahlreiche Linke scheinen die heimischen Bevölkerungen nur noch zu hassen.

Hjalmar Kreutzer / 01.11.2017

Kleine Klug…schnacker-Bemerkung: Stefan Zweig beschrieb den Fall Konstantinopels in “Sternstunden der Menschheit”, seinen spannend und sprachlich wundervoll erzählten historischen Miniaturen. In der “Welt von gestern” beschreibt der Autor seine eigene Kindheit und Jugend, Werdegang als Schriftsteller, Austausch mit der damaligen geistigen Elite Europas und dann den Absturz in den 1. Weltkrieg, Revolution, Aufkommen Hitlers, bis zur Emigration und den enthisiastischen Schilderungen Brasiliens Anfang der 1940er. Auch toll zu lesen und auf einem bekannten Ebook-Reader heute für’n Appel und ‘n Ei zu haben.

Werner Pfetzing / 01.11.2017

Hallo, liebe Frau Lengsfeld ! Vielleicht ist es etwas kleinlich, Sie darauf hinzuweisen, dass Stefan Zweig in seiner Autobiografie “Die Welt von Gestern” die Eroberung Konstantinopels nicht erwähnt hat. Ich habe den Klassiker von Stefan Zweig -auf Ihre Empfehlung in der Achse-  kürzlich gelesen. Danke ! Mit freundlichen -und leicht verständnislosen- Grüßen ! Werner Pfetzing

Martin Landvoigt / 01.11.2017

Die Geschichte aus der Geschichte lässt durch seine aktuellen Bezüge einen die Haare raufen. Wenn das doch alles nur harmlose Fiktion wäre, könnten wir es uns im Sessel bequem machen. Aber leider gibt es reale Bedrohungen, die weit weniger militärisch anmuten, praktisch aber um so gründlicher wirken.

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