Quentin Quencher / 06.10.2016 / 10:38 / Foto: DrL / 1 / Seite ausdrucken

Der Aberglaube meiner Mutter und das Klimaabkommen

„Seid vorsichtig mit dem Stollen, wenn einer zerbricht wird noch vor Weihnachten jemand in der Familie sterben.“ Meine Mutter ist abergläubig. Christstollen ist in Sachsen etwas besonderes und wurde zumindest früher, in den sechziger und siebziger Jahren, also während meiner Kindheit, in vielen Familien selbst gebacken. Bei uns lief das so ab, dass wir den Teig zu Hause herrichteten und dann zum Bäcker brachten, der ihn im Backofen buk. Schon im Herbst trafen die ersten Westpakete ein, mit so einigen Zutaten, solche die in der DDR Mangelwirtschaft mitunter nur schwer zu bekommen waren. Jedenfalls damals. Und selbst wenn es sie gegeben hätte, die Westzutaten waren sowieso besser, zumindest gefühlt.

Eine größere Menge Teig kneten, ohne irgendeine Maschine, nur mit der Hand, erforderte einige Kraft, Technik, handwerkliches Geschick und Kondition, was aber meinem Vater als Schmied vor keine großen Probleme stellte. Dies sind dann so Momente, bei dem ein kleiner Junge, wie ich es einer war, ganz stolz auf seinen Vater werden lässt. „Willste och ma probiern“ frage er mich. Nicht den Teig kosten, nein, das Teigkneten, ob ich es auch hinbekomme. Natürlich bekam ich es nicht hin. „So, jetzt lass mich wieder ran.“

Irgendwann war der Teig fertig, der Termin beim Bäcker vereinbart und der Stollen gebacken. Jetzt begann die heikle Aufgabe die Christstollen unbeschadet nach Hause zu bekommen. Ein Auto hatten wir nicht, nur ein Moped mit Anhänger. Und alle hatten Angst vorm Fluch meiner abergläubigen  Mutter, dass ja kein Stollen zerbricht, niemand soll sterben wegen des eigenen Ungeschicks.

Fahren mit Schadensprophezeihung im Gepäck

Die Straße vorm Haus war nicht befestigt und abschüssig. Schlaglöcher gab es wegen der Hanglage nicht, das Regenwasser floss ab und bildete wie temporäre kleine Bäche, mit einer entsprechenden Fließrinne. Solche Straßen, mehr wie Feldwege, mit Karacho auf dem Moped entlang fahren, war eine Mutprobe für Besucher. Für uns nicht, wir kannten die Rinnen ja und wussten welche wir mit Vollgas nehmen konnten.

Mit dem Anhänger am Moped sah es anders aus. Hier eine Fahrt hinzubekommen, bei der nicht das transportierte Gut im Anhänger hin und her und hoch und runter geschleudert wird, war bei diesen Straßen eine echte Herausforderung. Insbesondere wenn noch ein Fluch mitfuhr, der eine Schadensprophezeiung beinhaltete. Selbstverständlich kam es vor, dass nicht alle gebackene Stollen unbeschadet ihr Ziel erreichten.

Brach also so ein Stollen, so musste das unbedingt vor der Mutter geheim gehalten werden. Er wurde natürlich nicht heimlich entsorgt, sondern nur ganz hinten im Regal eingeräumt, damit das Malheur die Mutter nicht gleich mit bekam. Dies war nicht so schwer, denn den ersten Christstollen gab es bei uns nicht vor dem ersten Weihnachtsfeiertag. Auch daran war die Mutter schuld, für sie war nämlich dieses Gebäck der symbolisierte Christus und der kommt eben erst zu Weihnachten. So wie die Menschen auf die Ankunft des Heiland gewartet haben, so warten wir jetzt auf den ersten Christstollen. 

Warum schreibe ich diese Zeilen jetzt? Weil die Supermärkte nun Anfang Oktober bereits voll mit Weihnachtsgebäck sind und mich dieser Anblick jedes mal an die Worte meiner Mutter erinnert. Doch zurück zur Geschichte.

Prophezeihungen dienen in erster Linie zur Disziplinierung

Es war also nicht schwer der Mutter zu verheimlichen, dass ein Christstollen zerbrochen war. Es passierte ja auch nicht jedes Jahr. Und dadurch dass die Stollen bis zum Weihnachtsfest unangetastet blieben, war der Fluch auch vorbei, falls es dann bemerkt wurde. Meist erst weit nach Weihnachten. Es war niemand in der Verwandtschaft gestorben, der Fluch war wirkungslos geblieben. Allerdings war uns, mir, meinen Geschwistern und meinem Vater, immer unwohl bis zum Fest. Nicht auszudenken, wäre tatsächlich jemand gestorben.

Noch eine kleine Einblendung. Heute habe ich wieder mit einem Schadensfluch zu tun. Auch er betrifft das Essen, was für viele Menschen eben mehr ist als Nahrungsmittel. Meine Frau, eine Philippina, besteht darauf, dass niemals der Reis ausgeht. Wenigstens eine Tasse Reis muss noch im Schrank bleiben. Wird der Reis komplett aufgebraucht, so bringt das ebenfalls Unglück. Sie hat es nicht weiter erklärt, muss sie auch nicht, ich glaube nicht an solchen Zauber, doch halte ich mich an ihre Vorgabe. Sicher ist sicher, aber nicht wegen der Prophezeiung, sondern wegen der Vorwürfe, die ich ertragen müsste. Und wenn es doch passiert, ich werde es zu verheimlichen wissen.

Sämtliche Schadensprophezeiungen die ich seit meiner Kindheit zu hören bekam, sind nicht eingetroffen. Schwarze Katzen, Freitag der 13., gebrochener Christstollen, verschüttetet Salz, zerbrochene Spiegel, nichts von alle dem hat je eine Auswirkung gehabt. Als ich dann das erste Mal von Horoskopen hörte, packte ich es in die gleiche Schublade. Der Aberglaube meiner Mutter, und die nicht eingetroffenen Prophezeiungen, schützte mich davor an solchen Zauber zu glauben.

Das trifft nun auch auf die ganz aktuellen Schadensprophezeiungen zu, die da irgendwas mit Kohlendioxid zu tun haben. Prophezeiungen haben immer nur einen Zweck: zu disziplinieren. So habe ich es jedenfalls gelernt. Es hat bei mir nicht geklappt und wird auch nie klappen. Ich lasse mich nicht mit falschem Zauber disziplinieren und glaube schon gar nicht an irgendwelche Klimakatastrophen die nichts weiter als Aberglauben sind.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Quentin Quenchers Blog Glitzerwasser hier

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Leserpost (1)
Roland Müller / 06.10.2016

Ich glaube, es handelt sich weniger um Aberglauben, sondern mehr um Disziplinierung durch eine absurde Ersatzreligion. Gegen religiösen Wahn ist noch nie ein Kraut gewachsen.

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