Von Rüdiger Stobbe.
Letzte Woche wurde die ökologisch höchst unbefriedigende Situation im hohen Norden – Hamburg, Berlin und Bremen erzeugen zu über 90 Prozent Kohlestrom – erörtert. Wie sieht es im Süden, zum Beispiel in München, aus?
Die SWM (Stadtwerke München) setzen die Energiewende ganzheitlich um. Im Rahmen ihrer Ausbauoffensive Erneuerbare Energien forcieren sie die erneuerbare Energieerzeugung im Strom- wie auch im Wärmebereich und setzen auf einen intelligenten Energie-Mix. Denn nur wenn Strom und Wärme regenerativ erzeugt werden, kann die Energiewende gelingen.
München investiert in diverse Anlagen, welche mit erneuerbaren Energieträgern Strom in ganz Europa produzieren. Dass der Strom auch faktisch beim Münchener Verbraucher ankommt, erklären die Münchner mit dem Stromsee-Modell: Sammelbecken für alle Stromarten. Das Erklärungsmodell des Stromsees vergleicht das Stromnetz mit einem See, in den alle Stromarten hineingeleitet werden. Je mehr erneuerbare Energie in den See fließt, desto sauberer wird er.
Das hört sich schön an. Das stimmt auch… im Prinzip. Doch die Details, die teuflischen Details... dazu weiter unten.
Beginn der Abschaltung des Kernkraftwerks Philippsburg 2
Die 15. Woche unserer Betrachtung ist eine besondere. Die Abschaltung des Kernkraftwerks Philippsburg 2 wird eingeleitet. Am 13.4.2019 verringert sich die Stromerzeugung um 0,01 TWh aus Kernkraft auf 0,21 TWh pro Tag. An den folgenden Tagen werden weitere 0,02 TWh Strom aus Kernenergie vom Netz genommen, so dass die Stromerzeugung durch Kernkraft von 0,22 TWh bis auf weiteres auf 0,19 TWh sinkt. Damit der wegfallende Strom nun nicht komplett durch fossile Energieträger ersetzt werden muss, wird die Stromgewinnung durch Wasserkraft zunächst um 0,02 TWh auf 0,09 TWh hochgefahren. Ab 14.4.2019 muss jedoch auf 0,08 TWh reduziert werden. Bleiben noch 0,02 TWh Strom, die mit einem Mehr an CO2-Ausstoß erzeugt werden müssen. Pro Tag. In 100 Tagen sind das 2 TWh. Dann geht die Abschaltung weiter. Bis Ende 2019.
Wenn Philippsburg 2 am 31.12.2019 komplett abgeschaltet ist, fehlen 1.402 MW installierte Leistung. Bei einer mittleren Verfügbarkeit von 87,5 Prozent sind das allein aus dem KKW Philippsburg 2 mögliche 10,73 TWh CO2-freier Strom pro Jahr. Die werden von den Erneuerbaren nicht einfach mal so zusätzlich erzeugt. Also werden fossile Energieträger den fehlenden Strom ersetzen. Mit dem entsprechenden Mehrausstoß an CO2. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln.
Die Tagesanalysen
Wegen der fehlenden Im- und Exportdaten Strom ist eine Analyse diese Woche nur bedingt möglich. Die Tabelle und der daraus generierte Chart weisen diesmal nur die Stromerzeugung aus. Die Wind- und Sonnenstromerzeugung pendelt um die 0,4 TWh. Konventionelle Kraftwerke müssen an jedem Tag der Woche mehr Strom erzeugen als erneuerbaren Energieträger – Wind, Sonne, Biomasse, Wasserkraft – zusammen, um den Bedarf zu decken. Die Stromerzeugung der Erneuerbaren lag zwar etwas über dem Durchschnitt des Jahres 2018 = 40 Prozent. Dennoch. Nicht mal eine Verdoppelung der bereits jetzt installierten Leistung "Erneuerbare" würde ausreichen, um den Strombedarf Deutschlands zu decken. Jetzt hinzugehen, Kernkraftwerke abzuschalten und womöglich auch noch Kohlekraftwerke vom Netz zu nehmen, ist grob fahrlässig. Nein, es ist vorsätzliche Gefährdung der Versorgungssicherheit Deutschlands.
Sonntag, 7.4.2019: Anteil Erneuerbare an Gesamtstromerzeugung 45,45 Prozent
Ein ruhiger Tag, an dem allerhöchstens bemerkenswert ist, dass die Windstromerzeugung auf See tagsüber nahezu zum Erliegen kam.
Montag, 8.4.2019: Anteil Erneuerbare an Gesamtstromerzeugung 38,56 Prozent
Ein annähernd ruhiger Tag. Nur um 7.00 Uhr musste Strom importiert werden. Die Netzausregelungsreserve reicht kurzzeitig nicht. Die Offshore-Winderzeugung erholt sich.
Dienstag, 9.4.2019: Anteil Erneuerbare an Gesamtstromerzeugung 41,88 Prozent
Wieder ein ruhiger, in der Stromerzeugung gleichmäßiger Tag.
Mittwoch, 10.4.2019: Anteil Erneuerbare an Gesamtstromerzeugung 42,86 Prozent
Es bleibt wie Dienstag. Gleichmäßige Stromerzeugung in allen Bereichen. Die Windstromgewinnung zieht etwas an. Wie am Dienstag bereits angedeutet.
Donnerstag, 11.4.2019: Anteil Erneuerbare an Gesamtstromerzeugung 39,24
Der Wind lässt wieder etwas nach. Über Mittag herrscht Flaute auf dem Meer. Netzausregelungsreserve und Bedarf berühren sich am immer kritischen Übergang zum Sonnenuntergang. Aber es reicht. Alles gut!
Freitag, 12.4.2019: Anteil Erneuerbare an Gesamtstromerzeugung 35,76 Prozent
Der bereits erwähnte kritische Zeitpunkt des Sonnenuntergangs bringt Stromerzeuger und Netzbetreiber in Handlungszwang. Der Bedarf zum Abend steigt offensichtlich etwas stärker an als erwartet. Deshalb ist Stromimport notwendig.
Samstag, 13.4.2019: Anteil Erneuerbare an Gesamtstromerzeugung 42,57 Prozent
Aufatmen zum Wochenende. Keine besonderen Vorkommnisse.
Das Stromsee-Modell: Der Teufel steckt im Detail
Der Stromsee muss immer genau den Strom sekundengenau bevorraten, der benötigt wird, um die Nachfrage der Verbraucher zu befriedigen. Eben genau dann, wenn der Strom aus der Steckdose kommen soll. Bis zur sogenannten Energiewende war das eine relativ leicht machbare Anforderung. Kernenergiestrom, Kohle- und Gasstrom, Strom aus Wasserkraft lieferten zuverlässig kalkulierbar den Strom, um die Grundlast, die Mittel- und Spitzenlast, die sich aus dem Verbraucherbedarf ergab, abzudecken. Plötzliche Schwankungen waren selten und behebbar. Genügend Reserven, sowohl zur Stromzufuhr, als auch zur Stromabfuhr standen bereit, um unvorhergesehene Vorkommnisse ohne Schaden zu bewältigen.
Mit der zunächst zusätzlichen, ab 2011 Zug-um Zug ersetzenden Umstellung auf Stromgewinnung durch erneuerbare Energieträger änderte sich das Strommanagement massiv. Der Stromsee wird nicht mehr durch verlässliche Zu- und Abfuhr von Strom auf gleicher Höhe, dem unabdingbar gleichen Level 50 Hertz gehalten. Es kommt Strom, wie gerade das Wetter ist. Faustregel: Schönes Wetter = wenig Strom, schlechtes Wetter = mehr Strom aus den Erneuerbaren. Nun herrscht nicht immer und überall in Deutschland das gleiche Wetter. Deshalb schwankt die Stromgewinnung auch noch in sich.
Es gibt kein "mittleres" Wetter, welches eine bestimmte Strommenge aus Wind- und Sonnenkraftwerken sicher machen würde. Im Gegenteil. An etlichen Tagen kommt die Stromgewinnung aus Wind und Sonne fast komplett zum Erliegen. Deutschlandweit, europaweit. Was umso schwerer wiegt, je mehr Wind- und Sonnenkraftwerke zur Verfügung stehen. Je größer da die installierte Leistung, desto größer der Absturz auf nahezu Null zur Dunkelflaute. Die neuen, immer schwieriger werdenden Gegebenheiten stellen das Strommanagement vor viel größere Herausforderungen, als es zu Zeiten ausschließlich grundlastfähiger Stromerzeugung der Fall war.
Der Abfluss aus dem Stromsee und der Zufluss sind nicht mehr per se synchron. Der See muss aber zwingend immer so gefüllt sein, dass die geforderten 50 Hertz praktisch nicht über- oder unterschritten werden. Das Strommanagement bevorratet eine Reserve, die Regelenergie, von mir Netzausregelungsreserve genannt, um den Stromsee zur Not – es gibt zu wenig Strom aus erneuerbaren Energieträgern bezogen auf den Bedarf – aufzufüllen. Was, wie die bisherigen Tagesanalysen anschaulich gezeigt haben, durchaus nicht immer ohne massive Importe aus dem benachbarten Ausland gelingt.
Pure Geldverschwendung
Das Wetter ist en détail nur schwer zu kalkulieren, der Bedarf wird nicht immer der, der aus langjähriger Erfahrung heraus kalkuliert wurde. Bliebe also gespeicherter Strom. Wie bereits hier und hier ausführlich erläutert, ist eine tagelanger Stromersatz fehlenden Stroms aus Erneuerbaren durch eine wie auch immer geartete Speicherung reine Phantasterei. Lassen Sie sich nicht von angeblich neuen Lösungen blenden. Es wird hierbei regelmäßig die ungeheure Menge Strom verkannt, die Deutschland jeden Tag benötigt. Eine Menge, die allein eingedenk der E-Mobilität tendenziell steigend ist. Kurz: Unser Stromsee würde unter das Limit absinken. Der Blackout wäre da. Zusätzliche Phantasterei ist das Auffüllen, das Laden von Speichern aus überschüssigem Strom aus Erneuerbaren.
Überschüssigen Strom aus Erneuerbaren gab und gibt es einfach nicht. Auch wenn das gerne und immer wieder behauptet wird. Was es tatsächlich gibt, ist eine "Unwucht" unseres Stromsees. Im Norden wird in der Tat mehr Windstrom erzeugt als im Süden Deutschlands. Dort, im Süden, wird aber tendenziell mehr Strom gebraucht, als im Norden. Statt nun den im Norden künftig vielleicht zu viel erzeugten Wind- und Sonnenstrom dort zu verwenden – Hamburg, Berlin und Bremen setzen immer noch auf fossile Energieträger –, sollen Stromtrassen vertikal durch Deutschland angelegt werden.
Das ist pure Geldverschwendung und füllt nur die Taschen der Energiewendeindustrie. Hinzu kommen beim Stromtransport noch enorme Leitungsverluste. Vor allem durch Abwärme. Eine unterirdische Trasse erwärmt den Boden um 70 Grad Celsius. Sie ist mindestens 30 Meter breit und zerschneidet Deutschland. Wieder einmal. Oberirdisch ist die Trasse 1.000 Meter breit. Die geplante Leitung mit 4 GW Leistung ist etwas weniger als die installierte Leistung eines konventionellen Groß-Kraftwerks, z.B. des Braunkohlekraftwerks Neurath im Rheinland.
Die Hamburger, die Berliner und die Bremer werden selbstverständlich auch aus dem großen Stromsee mit seinem Mix aus Strom diverser, auch erneuerbarer Energieträger versorgt. Das Kohlekraftwerk Moorburg, welches sozusagen "Hamburger Strom" in unseren Stromsee einspeist, hat zwei überaus wichtige Funktionen. Zum einen ergänzt es die Stromversorgung zu den Zeiten, in denen zu wenig Wind- und Sonnenstrom zur Verfügung steht. Also praktisch immer, denn die Stromgewinnung durch erneuerbare Energieträger hat, wie oben gesehen, noch nicht einen Tag ausgereicht, um Deutschland komplett mit Strom zu versorgen. Zum anderen leistet es einen wichtigen Beitrag zur Netzstabilität. Eine sofortige Abschaltung hätte katastrophale Folgen. Deshalb muss der rot-grüne Senat in Hamburg den Betrieb Moorburgs auch zähneknirschend hinnehmen. Und sich sagen lassen müssen, dass Hamburg – anders als München – vor allem fossilen Strom zum Stromsee beisteuert.
Nur mit Erneuerbaren ist in einem Industrieland wie Deutschland kein Blumentopf zu gewinnen. Deshalb bezweifle ich, dass die geplante Kernenergie- und Kohlekraftwerksabschaltplanung bis 2022 wie vorgesehen durchgeführt wird. Auch wenn ein weiterer Schritt just diese Woche getan wurde. Doch irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden auch stark ideologieverbrämte, MINT-ferne Hirne einsehen müssen, dass das Abschalten der Kernkraftwerke im Sinne des sogenannten Klimaschutzes kontraproduktiv ist.
Die bisherigen Artikel der Kolumne Woher kommt der Strom? mit jeweils einer kurzen Inhaltserläuterung finden Sie hier.
Rüdiger Stobbe betreibt seit 3 Jahren den Politikblog www.mediagnose.de. Seit über einem Jahr beobachtet er dort die Stromerzeugung in Deutschland.