Georg Keckl, Gastautor / 21.10.2018 / 16:00 / Foto: Aatu Itkonen / 10 / Seite ausdrucken

Wie die Umweltbürokratie die Öffentlichkeit täuscht

Von Georg Keckl.

Der Wolf ist wieder heimisch in Deutschland, vermehrt sich prächtig und breitet sich aus, sehr zum Kummer der Weidetierhalter. Kaum wieder heimisch geworden, landete der Wolf auch schon auf der vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) herausgegebenen „Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere“. Und zwar gleich in der höchsten Gefährdungsstufe, der „1“, definiert als „Vom Aussterben bedroht“. Auch wenn eine Art in der Roten Liste als „Vom Aussterben bedroht“ geführt wird, kann sie sich prächtig vermehren. Diese Einstufung hat nichts mit einer Zu- oder Abnahme der Tierzahlen zu tun, es ist eine Einschätzung der Gefährdungslage durch Biologen und Naturschützer.

Die Einstufungen erinnern etwas an die früheren Schadenseinstufungen in den Waldschadensberichten. Der Förster, der seine Wälder 1984 zu 100 Prozent als „deutlich geschädigt“ einstufte, bekam die höchste Aufmerksamkeit. Der Förster, der unter dem Durchschnitt schätzte, bekam Druck. Da nun die Wälder nicht, wie vorhergesagt, hinweggerafft wurden, änderte man die Definition 1988 von „deutlich geschädigt“ zum sachlicheren „deutliche Kronenverlichtung“, wobei es seit aller Ewigkeit Bäume mit dichteren und lichteren Kronen gibt, je nach Standort. Bei der Roten Liste wird der Öffentlichkeit aber immer noch weisgemacht, eine „Gefährdungsstufe“ sei gleichbedeutend mit einer schwindenden Anzahl. Der internationale Vergleich zeigt, dass diese Behauptung nicht haltbar ist.

Während die Gefährdungskategorien in der deutschen und internationalen Roten Liste (IUCN-Liste) ungefähr dieselben sind, gibt es bei den Einstufungskriterien, nach denen die Arten in die Gefährdungskategorien eingeordnet werden, zwischen der IUCN-Liste und den deutschen Roten Listen erhebliche Unterschiede. Die IUCN-Kriterien schreiben quantitative Werte vor, während für die Einstufungen in den deutschen Roten Listen diskutierbare Einschätzungen genügen. 

So entfernt sich die deutsche Rote Liste immer mehr von der internationalen Roten Liste und wird zur Propagandaliste, weil sich Risikofaktoren nun an einem schwammigen „Vorsorgeprinzip“ zu orientieren haben, statt an statistischer Evidenz. 

Meisterhaft beherrschte Irreführung der Öffentlichkeit

Dieser Zusammenhang zeigt sich auch in der Debatte um das sogenannte „Bienensterben“. Dass gerade in den letzten Jahren sehr viele Bienenarten ausgestorben seien, schwingt als Subtext der aktuellen Insektenschutzkampagne mit. Die immer wieder zu lesende und hörende Zahl von 39 ausgestorbenen Wildbienenarten soll besondere Dringlichkeit suggerieren. Tatsächlich ist nur eine dieser 39 Arten innerhalb der letzten 40 Jahre ausgestorben – die „Dasypoda suripes (Christ, 1791)“ im Jahr 2001. Sie wurde 1791 erstmals beschrieben und 2001 letztmals in Deutschland gesichtet. Es gab sogar einen erfreulichen Artenzuwachs bei den Wildbienen seit 1980. Es wurden vier Wildbienenarten bei uns neu gesichtet und umgehend in die Rote Liste eingetragen. Ein Zuwachs in der Roten Liste bedeutet nicht, dass immer mehr Arten aussterben würden, wie das gern insinuiert wird.

Meisterhaft beherrschen diese Irreführung der Öffentlichkeit die Ministerialen in den Umweltministerien, beim Umweltbundesamt und beim Bundesamt für Naturschutz (BfN). Hier ging man sogar so weit, den Bundestag hinter die Fichte zu führen, um ihre Dauerkampagne von den „wegen der modernen Landwirtschaft aussterbenden Wildbienenarten“ nicht durch echte Zahlen und Definitionen zu stören. Die Bundestagsfraktion der Grünen fragten die Bundesregierung (Drucksache 18/7492):

„Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Situation von Bestäuber-Insekten, vor allem von Wildbienen und Schmetterlingen in Deutschland seit den 1980er Jahren entwickelt?“ und „Wie viele heimische Wildbienen- und Schmetterlingsarten sind seit den 1980er Jahren ausgestorben?“

Darauf antwortete die Bundesregierung, federführend das Umweltministerium, gestützt auf Informationen des BfN:

„Es gibt rund 560 Wildbienen-Arten in Deutschland, die in den Roten Listen (2012) bewertet wurden, davon sind 39 Arten ausgestorben oder verschollen. Aus den Artengruppen der Tagfalter, der Nachtfaltergruppen Spanner, Eulenspinner, Sichelflügler und Spinnerartige Falter, die einen großen Anteil der Bestäuber-Arten stellen, sind 19 Arten seit 1980 ausgestorben oder verschollen.“

Die erste der 39 ausgestorbenen Wildbienenarten ist vor genau 200 Jahren, im Jahr 1818, ausgestorben, die „Nomada mauritanica Lepeletier 1841“. Vier weitere sind ebenfalls schon vor 1900 ausgestorben, 28 zwischen 1900 und 1960, fünf zwischen 1961 und 1974 und die letzte 2001. Auf dieser „Beweislage“ kann man schlecht behaupten, die moderne Landwirtschaft dezimiere die Wildbienenarten, darum wurde dem Bundestag vorgemacht, die 39 Arten wären erst seit 1980 ausgestorben.

Dass man genau wusste, wann die einzelnen Arten ausgestorben sind, zeigt der nächste Satz in dem Bundestagsdokument: „Aus den Artengruppen der Tagfalter, der Nachtfaltergruppen Spanner, Eulenspinner, Sichelflügler und Spinnerartige Falter, die einen großen Anteil der Bestäuber-Arten stellen, sind 19 Arten seit 1980 ausgestorben oder verschollen.“ Hier konnte man nach Aussterbejahren differenzieren und hat nicht alle 61 Eulenfalter, Tagfalter, Spinner, Spanner und Zünslerfalter, die seit 1881 ausgestorben sind, aufgeführt.

Eine Öko-Mission zur Weltrettung

Als kleine juristische Hintertür ließ man in dem Satz „Es gibt rund 560 Wildbienen-Arten in Deutschland, die in den Roten Listen (2012) bewertet wurden, davon sind 39 Arten ausgestorben oder verschollen“ das „seit 1980“ weg, was sich aber schon aus der Frage ergibt. Alle Leser dieses Bundestagsdokumentes müssen schließen, dass 39 Wildbienenarten seit 1980 ausgestorben sind, dies mit der „modernen Landwirtschaft“ in Verbindung bringen, dabei wird nicht eine Zahl genannt, die einen Rückgang irgendeiner Art quantitativ beziffert, es wird nur Stimmung gemacht.

Von der im Jahr 1818 ausgestorben, die „Nomada mauritanica Lepeletier 1841“ existiert in Deutschland nur ein weibliches Exemplar in einer entomologischen Sammlung, gefangen und präpariert 1818. Man konnte sie zunächst nicht einordnen. Der Franzose Amédée Louis Michel Le Peletier, Comte de Saint-Fargeau, beschrieb 1841 eine im Zentralmassiv, in Nordafrika und in Ungarn vorkommende Wildbienenart. So konnte diese unbekannte deutsche Einzelbiene nachträglich auch einer Art zugeordnet werden. Einige Insektenkundler waren nun der Meinung, dass diese Art vor 1818 zur Bienenfauna im Rheingraben gehörte und trugen sie deshalb als „ausgestorben“ in die Rote Liste der in Deutschland heimischen oder einmal heimisch gewesenen Arten ein.

Ein großer Posten an ausgestorbenen Arten macht sich gut, wenn man eine Öko-Mission zur Weltrettung verfolgt. Viele Arten waren schon ausgestorben, bevor 1977 die erste Rote Liste der Tiere und Pflanzen der Bundesrepublik als Sammelwerk publiziert wurde. All das hätte zu einer seriösen Information des Bundestages und der Öffentlichkeit gehört, aber die Umweltbürokratie versteht sich offensichtlich mehr als Campaigner denn als Behörde und liefert Emotionen statt Informationen, und die Medien spielen zu oft mit.

Georg Keckl ist Agraringenieur, arbeitet als Agrarstatistiker, ehemaliger landwirtschaftlicher Betriebshelfer und Gutsverwalter. Dieser Beitrag erschien zuerst in Novo.

Foto: Aatu Itkonen CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Andreas Rochow / 21.10.2018

Seit die “Umwelt” erfunden und als “Natur minus Mensch” definiert war, hat der Mensch eigentlich einen Platz auf der Roten Liste der bedrohten Arten verdient. Der wird ihm aber von international organisierten grünen Menschenfeinden systematisch verwehrt. Um die Welt zu retten, wurde die Verwolfung beschlossen: Die Menschheit schafft sich ab.

Maximilian Hirner / 21.10.2018

Wenn es nur wenige Exemplare von einer Art gibt, ist es gerechtfertigt, sie in die Rote Liste einzutragen.

Jochen Lindt / 21.10.2018

Die Rückkehr des Wolfs ist kein Ergebnis erfolgreichen Naturschutzes, sondern seltsamerweise der Abschaffung der Wehrpflicht zu verdanken. Alle Wolfsrudel in D stammen von den größtenteils verwaisten Truppenübungsplätzen in Sachsen, Brandenburg bzw Niedersachsen.  Gekommen sind sie (wie zeitgleich auch der Marderhund), “aus dem Osten”, Polen, Ukraine, Russland usw, dort gediehen sie ebenfalls auf den verfallenden riesigen Truppenübungsplätzen.  Von da aus breiten sie sich dann aus, die meisten (fast 80% !) sterben im Strassenverkehr, was logisch ist, denn den gibt es nicht in der Altmark und in Bergen. Trotzdem zeigt es wie schlau sie sind, und wie wenig man sie mit Gewehren beindrucken kann. [Fazit: Im Grunde klatschen wir hier keinen Beifall für die Natur, sondern wir applaudieren Unfähigkeit und Degeneration der Bundeswehr].

Hjalmar Kreutzer / 21.10.2018

Für das Gedöns um den Wolf habe ich keinerlei Verständnis. Dieser kam erst mit der Deindustrialisierung und Flächenstilllegung in der Landwirtschaft der ehemaligen DDR wieder auf deutschen Boden. Mittlerweile wird er zunehmend für die Schaf- und Jungrinderhalter zum Problem. Selbst wenn, was auch nicht immer gewährleistet ist, jeder Wolfsriß von Nutztieren zu 100% wirtschaftlich vom Steuerzahler entschädigt würde: Sind nicht die Nutz- und Haustiere des Menschen auch leidensfähige Lebewesen, zu deren Schutz der Mensch weit mehr verpflichtet ist? Wir leben hier in einer jahrhundertelang gewachsenen Kulturlandschaft, die über lange Zeit auch ohne den Wolf ausgekommen ist und in der das Leben und der Broterwerb der hier wohnenden und arbeitenden Menschen Vorrang vor der Gutmenschenideologie grüner Großstädter haben sollte.

Eva von der Heiden / 21.10.2018

Die Theorie des Aussterbens der Wildbienen durch die moderne Landwirtschaft muss unbedingt aufrecht erhalten bleiben. Wird gern zur Begründung einer Unzahl ökologischer Projekte genommen, die dann mit viel Geld aus Berlin und Brüssel gefördert werden.

Petra Wilhelmi / 21.10.2018

Grüne lesen zu viele Fantasygeschichten: Mein Freund der Wolf, mein Gefährte der Wolf, der Wolf der mich vor Gefahren warnte, der Wolf, der mich gerettet hat, mit mir spricht, was auch immer in Abenteuergeschichten oder Fantasygeschichten geschrieben steht. Sie verwechseln Literatur mit der Wirklichkeit. Eigentlich ist das nicht verwunderlich. Die Flutung Deutschlands/Europas durch Orientalen ist auch auf diese romantische Sicht zurückzuführen. Aus dieser wirklichlichkeitsfernen Sicht schlagen dann Vereine ihren Vorteil. So ist das in der Tagespolitik, in der Weltpolitik, in unseren ganzen heutigen Leben. Es geht nie um die Realität, sondern immer nur noch um Ideologie.

Karla Kuhn / 21.10.2018

WOZU braucht der Mensch den Wolf ?? Er gehört NICHT in unsre Wälder und ich hoffe, wenn wir eines Tages mal wieder eine richtig gute Regierung haben mit wirklichen FACHLEUTEN,  daß dann der Wolf wieder dorthin zurückkehrt, wo er hergekommen ist.

Wolfgang Richter / 21.10.2018

Und dem Schluß des Artikels möchte ich anfügen, daß der Artenschutz dort seine Grenzen hat, wo kommunale Bebauungspläne, vorzugsweise angepaßt der Vermarktung von Immobilien durch kommunale sog. Erschließungsgesellschaften zwecks monetärem auffüllen der Kassen des Kämmerers. Sachliche und nachvollziehbare Informationen an die Statistik führende Behörde zum zumindest Verdrängen von z. B. Rotem Milan oder im Baugebiet schon länger ansässiger Zwergfledermaus werden a) nicht beantwortet, b) führen zu keinerlei erkennbarer Reaktion. Vermutlich ist Arten- und Naturschutz vor der eigenen Haustür im Verhältnis zur propagandistischen Rettung der Welt eine eher zu vernachlässigende Fußnote.

Klaus Ludeloff / 21.10.2018

Der Zweck heiligt die Mittel! Wenn die Information den Grüben Futterfür die nächste Katastrophen-Kampagne liefert, dann ist Objektität vernachlässigter.

Wilfried Cremer / 21.10.2018

Für die kaputte linke Seele ist wölfische Rudelromantik ein Familienersatz.

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