Vera Lengsfeld / 13.06.2021 / 13:30 / Foto: Imago / 6 / Seite ausdrucken

Vera Lengsfeld: Sonntagslektüre: „Lob des Normalen“

Es gibt Bücher, die tun der Seele so gut, dass sie wie eine Therapie wirken. Man liest sie und fühlt sich beruhigt und gestärkt. Man kann es zwei-, dreimal hintereinander tun und findet immer noch Anregung. So eins ist Cora Stephans neuestes Bändchen: „Lob des Normalen – Vom Glück des Bewährten“.

Im immer stärker werdenden Lärm der Zeit, verursacht von den Zeitgeist-Surfern, die gern Meinung machen wollen, tut es ausgesprochen gut, wenn die Dinge wieder mal ins rechte Licht gerückt werden. Schon stockt meine Hand: Ist es noch möglich, ins „rechte Licht gerückt“ zu sagen, oder wird dahinter ein Code vermutet, mit dem ich meine angeblich rechte Gesinnung unter die Leute bringen will? Die Gesellschaft ist inzwischen so eingeschnürt von Sprachverboten, dass viele sich nicht mehr trauen, sich frei und öffentlich zu äußern. Staatliche Zensur ist überflüssig, die selbsternannten Tugendwächter haben das längst übernommen.

Ängstlichkeit ist Cora Stephans Sache nicht, also packt sie unbekümmert jede Menge aufgeheizte Eisen an. Es ist völlig in Ordnung, normal zu sein, sich seiner Familie und Heimat verbunden zu fühlen.

„Gewohnheiten beruhigen, verorten, beheimaten. sie erleichtern das Leben und entlasten das Gehirn, das seine Ressourcen braucht, um in Stressituationen schnell reagieren zu können.“ Sollte die Gattung Mensch überlebensfähig sein, ist das eher den Normalos zu verdanken. Die Corona-Krise hat es deutlich gezeigt, dass die Gesellschaft von den Leuten zusammengehalten wird, die täglich Güter produzieren, dafür sorgen, dass wir Wärme, Wasser und Essen geliefert bekommen, das Dach dicht ist und behandelt werden, wenn wir krank sind.

Die Normalos erfüllten ihre Pflicht

Trotz monströser Fehlentscheidungen der Politiker, trotz gigantischer Steuergeldverschwendung sind wir durch die Krise gekommen, ohne dass unser Gesundheits- und Sozialsystem zusammengebrochen wäre. Für die Panik, die jeden Tag von Politik und Medien geschürt wurde, gab es keinen Grund. Die Normalos erfüllten ihre Pflicht, ohne viel Aufhebens davon zu machen, und überließen das Geschnatter und Gezeter denen, die am wenigsten zum Zusammenhalt beitrugen. Dafür werden sie von den „aufgeklärten Kosmopoliten“ gern als „völkisch“ oder „nationalistisch“ gescholten und als die „Bedauernswerten“ (Hillary Clinton) beschimpft.

Das wurde eine Weile so hingenommen, jetzt aber nicht mehr. Nach Stephan sind Trump- und AfD-Wähler, Brexiter dabei, sich hörbar und fühlbar zu machen. Es ist „ein Aufbegehren des Landes gegen die Städte, der Arbeiter und Angestellten gegen die Akademiker. Genau: der Normalos gegen die Verkünder der herrlich bunten Vielfalt.“  Das Establishment reagiert konsterniert und kann den Widerspruch kaum fassen.

„Einst bekamen die Salonkommunisten leuchtende Augen, wenn sich die Arbeiterklasse das ungewaschene Maul nicht verbieten ließ. Heute schreien edle Seelen bei jedem kräftigen Wort auf und nennen Hass und Hetze, was einst als authentisch galt.“

In einem besonderen Kapitel nimmt Stephan den „Krieg der Geschlechter“ auseinander. Das ist eine Debatte, die nicht nur das Klima, sondern auch das Leben vergiftet. Dabei ist inzwischen eins ganz klar: Seit Frauen machen können, was sie wollen, zeigen sie keineswegs überwiegende Neigung, sich alle Männerdomänen zu erobern. Sie arbeiten auch häufiger in Teilzeit, weil sie sich lieber mehr um ihre Kinder kümmern, als ihre Arbeitskraft zu Markte tragen zu wollen. Den Feministinnen geht es keineswegs um das Schicksal der Frauen an sich, sondern um Karrieremöglichkeiten für Akademikerinnen. Welch seltsame Blüten die moderne Frauenbewegung hervorbringt, spießt Stephan auch auf: Als eine Aktivistin auf die vielfach aufgegriffene Idee kam, nicht mehr von Frauen, sondern von „menstruierenden Menschen“ zu sprechen, um keine Transfrau zu kränken, hat sie damit einen neuen Diskriminierungstatbestand geschaffen, indem sie alle Menschen ausgrenzte, die nicht mehr menstruieren.

Blick hinter die Kulissen von „Ehe für alle“

Kann man darüber noch lachen, vergeht es, wenn man zur Kenntnis nehmen muss, wie leichtfertig junge Menschen dazu manipuliert werden, sich ein anderes Geschlecht zu wünschen, diesen Wunsch allzu leicht erfüllt bekommen und das hinterher bitter bereuen. Stephan spricht von „brutaler Selbstverletzung“, die so begünstigt wird.

Interessant ist auch der Blick hinter die Kulissen der „Ehe für alle“. Die ist neu. Früher gab es jede Menge Hinderungsgründe, die eine Ehe unmöglich machten, bis hin zum Eheverbot. Totalitäre Diktaturen waren immer bemüht, die Ehe zu zerstören, damit es keinen Bereich gibt, zu dem der Staat keinen Zutritt hat. Besonders Linke schmähten die Ehe als rückständig und abschaffenswert. Da ist die gegenwärtige Renaissance der Ehe schon erstaunlich. Plötzlich wollen alle heiraten, auch die ehemalige sexuelle Avantgarde der Homosexuellen. Es spricht sich herum, dass die Familie ein Rückzugsort gegen die Zumutungen des Staates ist. Wer keine Familie hat, ist Vater Staat hilflos ausgeliefert.

Während die Weltveränderer ununterbrochen an der Schaffung eines „neuen Menschen“ arbeiten, hat sich das alte „Normal“ als sehr widerstandsfähig erwiesen. Es hat bereits die Diktatoren Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot überlebt. Es wird auch den „Great Reset“ überleben, den die globalen Eliten jetzt auf die Tagesordnung gesetzt haben. Die Corona-Krise hat bereits unerwartete Folgen für die Globalisierung gehabt. Statt ihr Schwung zu verleihen, haben sich die Nationalstaaten als handlungsfähiger erwiesen. Es gab keine globale, nur viele unterschiedliche nationale Strategien.

Der Trend zur Megacity wurde gebrochen, das Landleben weltweit aufgewertet. Die Krise hat gezeigt, was wirklich wichtig ist: Nicht die großen Theorien und Utopien, sondern die Basis, die dafür sorgt, dass die Menschen bekommen, was sie zum Leben brauchen. Es hat sich als keine gute Idee erwiesen, dass Medikamente und andere wichtige Güter nicht mehr im Land hergestellt, sondern aus entfernten Weltecken wie China oder Indien importiert werden müssen. Die Corona-Krise wird für eine Umwandlung sorgen, aber anders, als die Möchtegern-Vordenker aus Davos sich das vorgestellt haben.

„Lob des Normalen: Vom Glück des Bewährten“ von Dr. Cora Stephan, 2021, München: FinanzBuch Verlag. Hier bestellbar.

Foto: Imago

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Wolfgang Heinrich Scharff / 13.06.2021

@Herr Klingelhoefer: Das ist mir bekannt. Ich meine aber, da war noch eine Ehe vorher. Sicherlich ist Frau Lengsfeld nicht so ehefreudig wie unsere Roten/Grünen, aber - nun ja. Bin ich zu konservativ, zu werteorientiert, wenn ich sage: Normal ist das nicht? Aber, noch einmal: Frau Lengsfeld ist auf einem guten Weg.

Hans Reinhardt / 13.06.2021

Natürlich werden die “Normalos” auch den “Great Reset” überleben. Aber es wird wieder Millionen an Opfern unter ihnen geben, während die Anführer der linken Menschenschlächter auch diesmal davon kommen werden und auf ein langes und erfülltes Leben zurückblicken können, weil sie alles erreicht haben, was sie sich vorgenommen haben. Sehen Sie sich nur die Lebensläufe von Stalin, Mao, Pol Pot, Castro und ihren Henkern an und Sie wissen, was ich meine. Eine Lehre habe ich aus der Weltgeschichte gezogen: die größten Schweine kommen davon. Immer.

Thomas Klingelhoefer / 13.06.2021

@Herr Scharff: Frau Lengsfeld wurde vom eigenen Ehemann im Auftrag der StaSi observiert. Vor diesem Hintergrund ist meines Erachtens eine Scheidung mehr als verständlich.

E. Müsch / 13.06.2021

Sehr geehrte Frau Lengsfeld danke für die Buchempfehlung. Das macht Hoffnung. Das es gegen den Zeitgeist einen Gegenreflex geben wird ist zu erwarten. Viele Menschen spüren, dass man sich auf diesen Staat nicht mehr verlassen kann, letztlich sind Familien und z.T. Freunde die einzigen tragfähigeren Strukturen. Das Rentenversprechen des Generationenvertrags wurde gebrochen, die staatlich forcierte Altersfürsorge entmündigt die Insassen. Das Gesundheitssystem wurde an die Profitgeier verschachert, und dient nicht mehr den Menschen sondern der Gewinnmaximierung.  Es wird mal als Treppenwitz der Geschichte eingehen, dass ausgerechnet diejenigen die immer Vielfalt predigen, dabei sind diese zu zerstören. Die nationalen Identitäten, und die sind Europas Stärke, sollen ausgelöscht werden, zu Gunsten eines neuen Menschen und eines Superstaates. Sie haben völlig Recht, das hatten wir alles schon mal, mit brachialer Gewalt, unter Stalin und Hitler. Die Soros, Gates, Rockefeller und wie sie alle heißen mit ihren willfährigen Helfern in der geschmierten Politik und Medien, die von der großen Transformation und dem Great Reset faseln, werden scheitern, Ihr Zersetzungswerk wird scheitern, denn sie haben nichts anzubieten außer wohlfeile Phrasen eines durch und durch kranken Menschenbildes, die sie im Namen der Toleranz mit Intoleranz in die Gehirne zu Hämmern versuchen. Sie sind die Hetzer und Spalter, die die Generationen, die Geschlechter und Rassen gegeneinander aufhetzen, mit Ihren Feminismus Rassismus und Oma ist ne alte Umweltsau Geschwafel. Die Vorgängergeneration zerstört nicht die Lebensgrundlage der nachfolgenden Generation. Das Gegenteil ist der Fall, die Leistung der Vorgänger Generation ist die Grundlage für die neue Generation und Eltern wünschen sich für Ihre Kinder immer eine gute ja bessere Zukunft.

S. v. Belino / 13.06.2021

Eine ebenso kluge wie herzerfrischende Lektüre. Allemal in Zeiten wie diesen intellektuell und emotional eine wahre Labsal. Also, längst gekauft und längst gelesen. Empfehlenswert!!!

Wolfgang Heinrich Scharff / 13.06.2021

Vielen Dank, Frau Lengsfeld, für diese gedankenvolle Rezession, ich werde mir das Buch kaufen. Ihre Ausführungen gegen die “Ehe” von Homosexuellen hätten sicherlich noch härter ausfallen können, ich hoffe, Frau Stephan selbst ist das schärfer. Ebenso könnte man die “globalen Eliten” und ihre finsteren Pläne noch genauer anprangergern, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Andererseits musste ich jetzt in Ihrem Lebenslauf lesen, dass Sie, Frau Lengsfeld, einmal in der SED gewesen sein sollen. Das haben Sie hoffentlich bereut. Auch Ehescheidungen kann ich als “Normalo”, der immer schon mit der gleichen Frau verheiratet ist, nicht nachvollziehen. Aber Sie sind auf dem richtigen Weg!

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