Chaim Noll, Gastautor / 22.12.2017 / 10:29 / Foto: 3268zauber / 5 / Seite ausdrucken

Und noch ein verlorener „Tag des Blutes“

Wer verstehen will, warum Israel ein wirtschaftlich erfolgreiches, aufblühendes Land ist und der Gaza-Streifen ein Gebiet des Elends, sollte sich von den gängigen Klischees deutscher Medien, wonach Israel und „die Blockade“ an der Misere schuld sein müssen, einen Moment frei machen und einen Blick auf die erklärten Ziele beider Gesellschaften werfen.

In Israel wird der wirtschaftliche Aufstieg propagiert, schon die Schulkinder lernen Roboter basteln, jeder Halbwüchsige will ein Hightech-Freak sein, das Land ist durchdigitalisiert, die meisten jungen Frauen gehen arbeiten und haben dennoch im Landesdurchschnitt vier Kinder, wer kann, baut seiner wachsenden Familie ein Haus.

Diese Boom-Mentalität kann einem gelegentlich etwas auf die Nerven gehen, all der Erfolgswille ringsum, die fieberhafte Bautätigkeit, ihre oft unerfreulichen Nebenwirkungen auf die Umwelt. Doch soviel Bewegung hat etwas Mitreißendes. Das Wort „morgen“ ist mit weiterem Aufbau verbunden, weiteren Highttech-Zentren in der Wüste, Erfindungen nanotechnischer Herz-Sonden und unbemannter Flugkörper.

Zwei sehr unterschiedliche Arten von „morgen”

Wenn in Statements der im Gaza-Streifen regierenden Hamas von „morgen“ die Rede ist, dann immer im Sinne ihres erklärten Langzeit-Ziels: der Vertreibung von „Zionisten“ und „Kreuzrittern“ aus dem Nahen Osten. Diesem edlen Zweck ist erklärtermaßen alles andere untergeordnet, vor allem Nebensächliches wie das Wegräumen der Trümmer vom letzten Krieg, das Aufbauen von Strukturen, womöglich einer eigenen Energie- und Wasserversorgung, einer unabhängigen Wirtschaft – nichts davon findet in den erklärten Absichten für das „morgen“ irgendeinen Raum.

So wurde auch für den heutigen Freitag, den 22. Dezember 2017, wieder nichts anderes angesagt als ein „Tag der Wut“ (a day of rage). Ein Grund dafür findet sich immer, diesmal ist es die öffentliche Erklärung der Vereinigten Staaten, die Stadt Jerusalem, die de facto seit siebzig Jahren Hauptstadt des neuen Staates Israel ist, als solche anzuerkennen. Das Ereignis wird als so empörend empfunden, dass diesmal nicht nur ein beliebiger Tag der Wut, wie wir ihn einige Dutzend Mal im Jahr erleben, sondern ein „blutiger“, ein „Tag des Blutes“ verkündet wurde.

Hamas-Führer Yahya Sinwar rief über den Fernsehsender Al Aqsa zu gezielten Attacken auf Sicherheitskräfte und jüdische Siedler auf: „Ihr müsst eure Brüder in der West Bank, in Jerusalem, Gaza, wo immer Palästinenser, Araber in der freien Welt leben, dahin bringen, dass sie sich erheben und den morgigen Tag zu einem Tag des Blutes machen, damit Trumps dumme Politik scheitert.“

Für die israelischen Sicherheitskräfte wird der heutige Freitag also – wie schon mancher zuvor – ein harter Tag, um den Alltagsbetrieb aufrechtzuerhalten. Für die Araber in der West Bank, in Jerusalem, Gaza und überall „in der freien Welt“ ein weiterer verlorener Tag, was ihre eigenen Angelegenheiten und Möglichkeiten betrifft, ihre Chancen für eine Zukunft, die andere Ziele kennt als „Wut“ und „Blut“.

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Leserpost (5)
Mike Loewe / 22.12.2017

Sehr gut beschrieben. Muslimische Radikale kommen mir häufig wie kleine Kinder vor. Sie bedienen sich immer gern beim Westen, schlagen auch immer gern auf ihn ein, begreifen aber nicht, dass der Reichtum des Westens, oder in diesem Fall Israels, durch harte Arbeit, Sachlichkeit, Abwesenheit von Ideologien, und sehr häufig auch durch Entbehrungen, zustande gekommen ist. Muslime wandern überall ein, nehmen die vorgefundenen Annehmlichkeiten gern in Anspruch und scheinen den Westen als eine Art von Allah hingestellten Supermarkt zu begreifen, in dem man sich bedienen kann. Der Westen wird gern verteufelt, aber konsequenterweise auch auf Smartphone, Auto, gute ärztliche Versorgung und anderes von den “Teufeln” oder “Schweinen” Geschaffenes zu verzichten, fällt kaum einem Muslim ein.

Georg Dobler / 22.12.2017

Die Einen sind die Macher und Aufbauer, die Anderen die Zerstörer und Abbauer. Das schlimmste was Hamas und Co passieren würde, wäre wenn Israel ihrem Wunsch entsprechend verschwände. Dann hätten sie Niemanden mehr der an ihrem negativem Desaster schuld wäre, die Uno- und internationalen Spenden würden gestrichen. Sie müssten mit ihren korrupten Anführern klar kommen und was bringen sie den Kindern in der Schule bei? Das ewige Leiern vom Judenfeind wäre dann ja passee.

Werner Arning / 22.12.2017

Das erinnert ja an die Antifa, die auch in ihrem „Kampf“ Lebensinhalt findet. Bleibt wenig Zeit zum Aufbau eines eigenen Auskommens und persönlicher Lebensveranwortung.

Wilfried Cremer / 22.12.2017

Wenn wirklich Israel das Heilige Land ist, ist der Schatten rings umher nicht scheinbar, sondern wirklich, wirksam und konkret besonders dunkel. Wie das aufhört, ist die größte aller Fragen.

Maria Leuschner / 22.12.2017

Sehr geehrter Herr Noll, diesen Artikel werde ich dem Deutschlandfunk und der “Zeit” empfehlen.

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