Alexander Wendt / 03.01.2018 / 15:00 / Foto: Infrogmation / 8 / Seite ausdrucken

Tonstörung beim Nichtssagen

Von Karl Kraus stammt der schöne Begriff der Tonfallstricke. Am liebsten würden Politiker und öffentlich-rechtliche Medienverantwortliche gar nicht über die Tötung eines 15-jährigen Mädchens im rheinland-pfälzischen Ort Kandel durch einen afghanischen Migranten sprechen. Da sich in dem Fall allerdings ein seit 2015 wiederkehrendes Muster zeigt und ihn deshalb viele Endverbraucher der Politik für exemplarisch halten, kommen Journalisten der öffentlich-rechtlichen Medien und Politiker nicht umhin, doch etwas zu meinen. Wobei der Tonfall die Musik macht.

Ohne das Verbrechen von Kandel hätte die Welt nie erfahren, dass es einen stellvertretenden Chefredakteur der Tagesschau namens Marcus Bornheim gibt. Unmittelbar nach dem Verbrechen von Kandel begründete er auf tagesschau.de warum die Tat nicht genügend Relevanz für die Hauptnachrichtensendung besitzt:

„Am Mittwoch ist im rheinland-pfälzischen Kandel eine ganz fürchterliche Tat geschehen: Ein Jugendlicher hat in einem Drogeriemarkt ein gleichaltriges Mädchen erstochen. Unser Mitleid ist bei den Eltern und den Angehörigen. Nichts wird diesen Verlust wettmachen können. Diese Trauer erfasst jeden, der von ihr hört.“

Verlust wettmachen – das ist eine Formulierung aus dem Geschäftsleben, die sich grundsätzlich auf materielle Verluste bezieht, die sich ausgleichen lassen. Für die Tötung eines Menschen ist der Ausdruck so feinsinnig, dass er auch aus einer Rede der Bundeskanzlerin stammen könnte.

Weiter mit Marcus Bornheim:

„Selbstverständlich müssen wir als Berichterstatter einen professionellen Blick auf diese Tat richten: Seit einigen Stunden wird uns in den Sozialen Netzwerken vorgeworfen, die tagesschau würde darüber nicht berichten. Die Identität des mutmaßlichen Täters ist bekannt. Er ist nach Polizeiangaben ein unbegleiteter jugendlicher Flüchtling aus Afghanistan. Nach bisherigen Erkenntnissen war er der Ex-Freund des Mädchens. Andere Medien haben dies bereits groß berichtet.“

Erläuterung einer Nicht-Berichterstattung

Andere Medien berichten – wozu sollten wir, die ARD, das auch noch tun? Vielleicht, weil die Öffentlich-Rechtlichen auch von jedem ungefragt mit 17,50 Euro pro Monat bezahlt werden müssen und die Zahler folglich auch Nachrichten über Ereignisse erwarten, die offensichtlich sehr viele weit über eine Region hinaus beschäftigen? Aber in diesem Fall weiß Bornheim auch einen guten Grund, nicht nur nicht zu berichten, sondern nur die Nichtberichtung zu erläutern:

„Warum waren wir so zögerlich? Das hat einen guten Grund. Nach allem, was wir bisher wissen, handelt es sich um eine Beziehungstat. So schrecklich sie gewesen ist, vor allem für die Eltern, Angehörigen und Bekannten – aber tagesschau und tagesschau.de berichten in der Regel nicht über Beziehungstaten. Zumal es hier um Jugendliche geht, die einen besonderen Schutz genießen.“

Von einer Beziehungstat wird gesprochen, wenn Täter und Opfer einander kannten. Das war übrigens auch bei dem arbeitslosen Maurer in Altena der Fall, der vor kurzem aus privater Verärgerung dem Bürgermeister ein Messer an den Hals hielt und ihm einen Kratzer am Hals zufügte. Bekanntlich sahen ARD und andere öffentlich-rechtliche Sender hier die Relevanz völlig anders.

Regelrecht absurd wird es, wenn die besondere Schutzwürdigkeit von Jugendlichen als Grund für eine Selbstbeschränkung herhalten muss. Minderjährig war nur das Opfer, die angebliche Minderjährigkeit des Täters beruht ausschließlich auf dessen unglaubwürdigen Selbstangaben. Und niemand verlangt von der ARD, das Privatleben der beiden aufzufächern. Irgendwie – wir erfahren nicht, warum – gilt die generell und apodiktisch erklärte Zurückhaltung aber nicht für das dritte Programm:

„Die Kollegen des SWR sind an diesen Ermittlungen dran und berichten darüber. Wir werden diesen Fall weiter beobachten. Aber wir werden das mit dem journalistischen Know-How machen, das geboten ist“, lässt Bornheim wissen. Darauf folgt übergangslos noch ein Satz:

„Nachtrag: Die Tagesschau um 20 Uhr wird eine kurze Meldung zu der Tat in Kandel machen. (Stand: 19.52 Uhr)”

Holpernde und stolpernde Argumentation

Womit Bornheim seine holpernde und stolpernde Argumentation vollends ad absurdum führt. Immerhin weiß die Öffentlichkeit jetzt, dass ein ARD-Mitarbeiter, der inkonsistente Texte auf dem Sprachniveau eines durchschnittlichen Realschülers verfasst, Vizechefredakteur der Tagesschau werden und bleiben kann. Ganz ähnlich prägnant die wohlerwogenen Worte des Bürgermeisters von Kandel, Volker Poß:

„Aber da jetzt schon in einer fremdenfeindlichen Tendenz Konsequenzen einzufordern, ist für mich überhaupt nicht angebracht.“

Fremdenfeindliche Tendenzen sind also nicht jetzt schon angebracht, sondern erst später?

Poß beklagt, er erhalte nun viele Mails:

„Darin ist die Rede von Politikversagen, es werden Konsequenzen aus der Tat im Hinblick auf die Flüchtlingspolitik und Abschiebungen gefordert.“

Leider erklärt er nicht, was daran fremdenfeindlich ist, wenn Bürger einen Kommunalpolitiker kritisieren und die Durchsetzung des geltenden Rechts verlangen. Die FAZ fragt den Politiker noch nach einem Detail: Haben Sie Kontakt zu der Familie des Opfers?

Poß: „Noch nicht, auch da ist jetzt Zurückhaltung angebracht.“  

Es sieht fast so aus, als hätte er von Angela Merkel gelernt: Nach Tötungsverbrechen von Asylbewerbern gilt Zurückhaltung, Zurückhaltung und nochmals Zurückhaltung, wenn es um Zuspruch für die Hinterbliebenen geht.

Andererseits müssen sich eilig von verschiedenen Medien herbeigeklingelte Expertinnen und Experten beim Meinen, Deuten und Spekulieren nicht so dezent zurücknehmen, im Gegenteil. Theresia Höynck sitzt der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe vor, außerdem hat sie einen Lehrstuhl für das Recht der Kindheit und der Jugend an der Universität Kassel, sie ist also rundum geeignet, der FAZ zu erklären, was sie alles nicht über den Fall Kandel weiß:

„In solchen Fällen wird gerne das Ehrenthema bemüht. Aber wir müssen aufpassen, wir wissen es nicht, wir können nicht in den Kopf des Jugendlichen schauen.“ Möglicherweise, zitiert die FAZ Höynck weiter, habe er in seiner Heimat oder während der Flucht schlimme seelische Verletzungen erlitten.

Öffentliche Räume verwandeln sich in Angsträume

Möglicherweise auch nicht, denn Höynck kann genausowenig wie andere von Kassel aus die noch weitgehend unbekannte Biografie des Täters erhellen. Aber ein bisschen Mutmaßung geht immer. Jedenfalls in Angelegenheiten wie diesen. Bisher lässt sich allerdings noch kein Wissens- und sonstiger Gschaftlhuber herbei, über Täter wie die für Asylheimanschläge Verantwortlichen in Heidenau zu sinnieren, man wisse ja letztlich nicht, was in deren Kopf vorgegangen sei, aber möglicherweise hätten sie schwere Traumata durchlebt.

Wir können auch nicht in das Innere des Leiters der Münchner Diakonie, Dr. Andreas Dexheimer, schauen, erfahren aber dank Focus Online trotzdem, wie es in ihm zum Fall Kandel im Besonderen und zum Frauenbild in Afghanistan im Allgemeinen denkt:

„Dexheimer: Ich denke nicht, dass es irgendeine Rolle gespielt hat. Denn grundsätzlich ist das Frauenbild von jungen Afghanen von Wertschätzung geprägt. Die Mutter hat in der Familie die Hosen an.”

Ist der junge Abdul, falls er wirklich aus Afghanistan stammt, womöglich vor dem strengen Matriarchat am Hindukusch geflohen? Über die Wertschätzung für Frauen in Afghanistan hat der Autor Michael Klonovsky einiges an Daten gesammelt.

Mittlerweile dringt die Nachricht sogar durch viele Filter in Redaktionsbüros vor, dass viele Deutsche recht unzufrieden sind, beispielsweise darüber, wie sich öffentliche Räume in Angsträume verwandeln, während Politiker, zuletzt der Bundespräsident, die Bürger draußen im Land ermahnen, nicht immer so viel Angst vor dem Unerwarteten zu haben. Für die Unzufriedenheit, ja Motzigkeit der Menschen gibt es allerdings einen ganz anderen Grund, wie ein Wissenschaftler, Intellektueller, Journalist, quatsch, vielmehr ein Spiegel-Online-Kolumnenschreiber weiß:

„Gründe für den Populismus: 50, motzig, in der Psychokrise. Warum sind viele Deutsche so wütend, obwohl es der Wirtschaft so prima geht? Vielleicht liegt die Antwort ja darin, dass wir gerade einfach zu viele Menschen Anfang 50 haben – und die sind laut Wissenschaft besonders unzufrieden.“

Möglicherweise kündigt spätestens jetzt der eine oder andere mittelalte Leser sein Abonnement von Jakob Augsteins interessantem Magazin. Über die Gründe dafür lässt sich nur spekulieren. Wir können ja nicht in die Köpfe hineinschauen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Alexander Wendts Publico.

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Leserpost (8)
Bernd Ufen / 03.01.2018

Das beste ist die Bemerkung des Diakonie Leiters Dexheimer zum Frauenbild der Afghanen. Wertschätzung wird allenfalls den Frauen der eigenen Familie entgegengebracht auf Grund der Familienehre und auch nur solange diese nicht über die Stränge schlagen. Ansonsten haben Frauen dort nur einen geringen Wert aufgrund archaischer und tribalistischer Gesellschaftsstrukturen. Schon erstaunlich, wer sich bei uns als Experte deklarieren darf.

Cornelia Buchta / 03.01.2018

Uuuhh - JETZT wissen wir endlich, warum wir so unzufrieden sind! 2015 waren wir noch Ende vierzig und jetzt sind wir dabei die “Motz-Linie” zu überschreiten.—- Piggeldy fragte seinen großen Bruder: „Frederick“, warum sind die Deutschen so unzufrieden?  „Nichts leichter als das“, antwortete Frederick, „komm mit!“ Piggeldy folgte Frederick. Na, da bin ich jetzt aber gespannt….

Dietmar Schmidt / 03.01.2018

Hallo Herr Wendt, schon mal vorneweg, ich bin weder fremdenfeindlich noch ein Rassist noch ein Nazi und die ganze Diskussion nervt eigentlich nur noch. Was bei uns passiert ist einfach nur unfassbar, wir machen die Grenzen auf und wundern uns wer alles so kommt. Klar ist doch, dass ganz einfach auch Menschen zu uns kommen die auch kriminell sind. Dazu addieren sich die kulturellen Unterschiede und die Gemengelage wird nochmal unübersichtlicher. Und trotzdem heißt es: “ich habe alles richtig gemacht”. Sogar die BZ schreibt: Ähnliche Taten fanden kein Echo Dieser Tage bewegt uns der mutmaßliche Mord von Kandel: Am 27. Dezember wurde dort die 15-jährige Mia von dem afghanischen Flüchtling Abdul D. erstochen, weil sie erklärtermaßen nicht mehr mit ihm gehen wollte. Am 20. Dezember versuchte ein anderer afghanischer Flüchtling aus demselben Motiv, eine 17-jährige Deutsche in der Berliner Havel zu ertränken. Am 22. Dezember stach ein Flüchtling (16) in Darmstadt auf seine deutsche Exfreundin ein. Durch Zufall endeten beide Fälle nicht tödlich. Am 29. Dezember versuchte ein Nigerianer (23) im schwäbischen Wendlingen, eine 27-jährige Frau vor die einfahrende S-Bahn zu stoßen, weil diese eine andere Frau vor dessen Belästigungen hatte schützen wollen. Andere Wartende überwältigten den Mann in letzter Sekunde. Die drei letztgenannten Taten fanden kein Echo in überregionalen Medien. Ganz offensichtlich werden sie als Bagatellen behandelt. Zitat Ende Es werden mehr und mehr Fälle sichtbar und die Politik sollten einfach ihre Arbeit machen und mit dem Vertuschen aufhören. Gruß D. Schmidt

Christian Beilfuss / 03.01.2018

Beziehungstat. Das gilt auch für jeden sogenannten Ehrenmord. Es gilt auch für die allermeisten Missbrauchsfälle und Vergewaltigungen. Würde unsere Gesellschaft sich nicht damit auseinandersetzen, sie würde sich in keiner Weise weiterentwickeln können. Gerade dass strukturelle Merkmale hinter Beziehungstaten öffentlich reflektiert worden sind, hat dazu geführt, dass weithin in dieser, einer noch modernen Gesellschaft, die Verbrechendrate kontinuierlich gesunken ist. Leider gibt es statistisch feststellbare Gegentrends und journalistische Verhaltensweisen, die einfach leugnen oder verhindern wollen, dass nur eine Gesellschaft, die sich mit der Signifikanz der in ihr geschehenden Verbrechen auseinandersetzt, in der Lage ist, deren Entstehung zu vermindern. In diesem Sinne haben öffentlich-rechtliche Programme wohl den Standpunkt eingenommen, diese Gesellschaft müsse zurückgeworfen, müsse reaktionärer werden. Bei ihnen ist Verdrängen nicht mehr nur Praxis, sondern schon Propaganda.

Dietrich Herrmann / 03.01.2018

@Karla Kuhn:  Anstand, Ehrlichkeit, Fingerspitzengefül, Scham, was verlangen Sie denn noch von solchen Polit-Figuren? Die gleichen in ihren Charakteren doch nur ihren großen Vorbildern in der Berliner Clique: Gewissen-, charakter-. ehr- und schamlos. Ergo: nutzlos.

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