Stevie Wonder: 50 Jahre „Talking Book“

Auch wenn sich Stevie Wonder mit seinem „I Just Called to Say I Love You“ eines der größten Verbrechen in der neuzeitlichen Musikgeschichte schuldig gemacht hat, so sind der Gerechtigkeit halber doch auch seine einstmaligen Leistungen in Anschlag zu bringen und beim Fällen eines Gesamturteils zu berücksichtigen.

Und da gibt es in der Tat einiges, was ins Feld geführt werden kann, das seine Verirrung aus dem Jahr 1984 vielleicht nicht gänzlich entschuldigt, aber durchaus auf mildernde Umstände plädieren lässt. Allem voran sein grandioser Funk-Klassiker „Superstition“ aus dem Jahr 1972, der sicherlich einer der absolut heißesten Anwärter auf den Titel „Funkiest Shit Ever“ ist. Dieser befindet sich auf seinem bereits 15. Album (!) mit dem Titel „Talking Book“, welches im kommenden Oktober ein halbes Jahrhundert alt wird. Die Scheibe beginnt zunächst mit einem weiteren Wonder-Klassiker: dem nicht totzukriegenden „You Are the Sunshine of My Life“, mit dem schwebenden Fender Rhodes Electric-Piano-Sound am Anfang und dem relaxten Bossa-Feeling. Die ersten vier Zeilen des Songs werden übrigens von den beiden Backgroundsängern Jim Gilstrap und Lani Groves gesungen, bevor sich der Meister dann selbst zu Wort meldet.

Wer aber Lust hat, abzutanzen, legt lieber gleich die zweite Seite auf, die mit besagtem „Superstition“ beginnt. Seit dem ersten Hören ist das Stück für mich zum Inbegriff von Funky Music geworden. Das hat insbesondere mit der knackigen Stakkatomelodie zu tun, die Wonder auf einem Hohner Clavinet (Made in Western-Germany!) spielte. Das Clavinet wurde 1964 von dem deutschen Ingenieur Ernst Zacharias entwickelt, der sich bei der Firma Hohner im württembergischen Trossingen insbesondere der Elektrifizierung barocker Instrumente widmete. Denn im Prinzip ist das Clavinet nichts anderes als ein elektro-mechanisches Clavichord. Wie kaum ein anderes Keyboard hat es den Sound zahlreicher Funk-Nummern aus den 70er Jahren geprägt: angefangen von Bill Withers „Use Me“ über Ike & Tina Turners „Nutbush City Limits“, Billy Prestons „Outa-Space“ und Alphonse Mouzons „Funky Snakefoot“ bis hin zu „Rapid Fire“ von den Commodores, „Jungle Man“ von The Meters oder „Baby Love“ von Mother's Finest (deren Bassist auch noch einen Framus Nashville Bass aus deutscher Produktion spielte – wo ich mich immer gefragt habe, wie man auf der Keule Funk spielen kann).

Aber auch außerhalb von Funk und Soul fand das Hohner Clavinet vielfältige Verwendung: etwa in Elvis Presleys Version von Chuck Berrys „Promised Land“ oder in Led Zeppelins „Trampled Underfoot“ sowie in „100 Years Ago“ von den Rolling Stones und im Part 8 von Pink Floyds „Shine On You Crazy Diamond“. Nicht zuletzt mit ihrem Clavinet stellte die renommierte Firma Hohner unter Beweis, dass sie neben Akkordeons, Melodicas und Mundharmonikas – die Hohner Blues Harp ist die bekannteste Mundharmonika der Welt – noch mehr zu bieten hat. So wurde etwa Prince zu seiner großen Zeit des Öfteren mit einer Hohner Mad Cat E-Gitarre gesichtet, die im Wesentlichen eine hübsch aufgestylte Kopie einer Fender Telecaster ist.

Hochbegabter Multiinstrumentalist

Allerdings ist das alles nur ein ferner Nachhall glorreicherer Zeiten, in denen deutsche Firmen den europäischen Markt mit (mehr oder weniger hochwertigen) Musikinstrumenten versorgten. Viele Größen der Rock- und Popmusik – ob John Lennon, Eric Clapton oder Jimmy Page – begannen ihre Karrieren einst auf Instrumenten der Marken Höfner, Framus oder Klira aus dem mittelfränkischen Bubenreuth. So trat Bill Wyman von den Rolling Stones in den Sechzigerjahren vornehmlich mit seinem Framus Star-Bass auf. Und Ex-Beatle Paul McCartney spielt auf seinen Konzerten bis heute seinen Höfner 500/1 Violin Bass, der unter dem Beinamen „Beatles-Bass“ längst weltweite Berühmtheit erlangt hat. Nicht zu vergessen die Firma Hoyer aus dem ebenfalls mittelfränkischen Tennenlohe, die von den Genannten wahrscheinlich die qualitativ besten Instrumente baute – wie zum Beispiel die Jazzgitarre „Herr im Frack“ oder die E-Gitarren „Eagle“ und „Black Lady“ (wiederum eine veredelte Telecaster). Alle vier Hersteller hatten ihren Ursprung übrigens in der egerländischen Musikstadt Schönbach, dem heutigen Luby in Tschechien, und siedelten sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges in der fränkischen Provinz nahe Erlangen an. In der zweiten Hälfte der 60er avancierte Framus sogar zum europaweit größten Hersteller von Gitarren und Bässen.

Aber wieder zurück zu Stevie Wonder und seinem „Talking Book“. Meine Album-Highlights sind allesamt auf der B-Seite versammelt. Neben „Superstition“, mit dem Wonder nach vielen Jahren wieder einen Nummer-1-Hit in den USA landen konnte, wären da die schöne Soul-Ballade „Blame It On the Sun“, die mit einem unerwartet starken Refrain überrascht, sowie das folkige „Big Brother“, das anstatt auf einer gepickten Westerngitarre wiederum auf dem Hohner Clavinet gespielt ist und bei dem Wonder ein weiteres Mal seine Künste auf der Mundharmonika demonstriert. Tatsächlich wurde der 1950 als Stevland Hardaway Judkins Morris in Saginaw, Michigan geborene Amerikaner bereits im Alter von zwölf Jahren als singender und Mundharmonika-spielender Little Stevie Wonder bekannt. Gleich seine erste Single „Fingertips Pt. 2“ aus dem Jahr 1963 (eine Live-Aufnahme mit dem jungen Marvin Gaye am Schlagzeug) schoss direkt auf Platz 1 sowohl der amerikanischen R&B- als auch der allgemeinen Pop-Charts.

Nicht nur wegen seiner Virtuosität angesichts seines zarten Alters, sondern auch, weil er als Wunderkind dazu auch noch blind war – der Frühgeborene verlor infolge einer zu hohen Sauerstoffkonzentration im Inkubator seine Sehfähigkeit – wurde er als „The 12 Year Old Genius“ angepriesen. Weitere Stationen seiner frühen Karriere waren das inzwischen zum Soul-Klassiker avancierte „Uptight (Everything's Alright)“ von 1965 sowie seine Version von Bob Dylans „Blowin' in the Wind“ aus dem darauffolgenden Jahr, die beide bis an die Spitze der R&B-Charts kletterten und sich in den Top 10 der regulären Billboard-Hitliste platzieren konnten. Den krönenden Abschluss des Albums bildet schließlich das exzellente „I Believe (When I Fall In Love It Will Be Forever)“, bei dem der hochbegabte Multiinstrumentalist noch einmal alle Register zieht, indem er sämtliche Instrumente und Stimmen selbst eingespielt beziehungsweise eingesungen hat. Und weil's so schön war, lässt Wonder in der Coda auch nochmal das Hohner Clavinet erklingen. Eine runde Sache!

Wegen des falschen Liedes zur Legende geworden

Alles in allem präsentiert sich Stevie Wonder auf „Talking Book“ als ein gereifter Vollblutmusiker, der nicht nur alle Stücke des Albums komponiert, sondern auch alle Keyboards und sogar das Schlagzeug selbst eingespielt hat sowie als maßgebender Co-Producer bei der ganzen Produktion die Fäden in der Hand hielt. Schon seit dem Vorgänger „Music of My Mind“, das im Frühjahr 1972 erschienen war, hatte er mit seiner Plattenfirma Tamla-Motown neue Konditionen ausgehandelt, die ihm alle künstlerischen Freiheiten garantierten.

Das sollte sich schon bald für alle Beteiligten auszahlen: Während es „Music of My Mind“ auf Platz 6 der R&B-Charts schaffte und die Top 20 der allgemeinen US-Hitliste nur knapp verfehlte, wurde „Talking Book“ Wonders erstes Nummer-1-Album in der R&B-Sparte und kletterte bis auf den dritten Platz der Pop-Charts. In Großbritannien schaffte es die Scheibe immerhin bis auf den sechzehnten Platz und konnte sich insgesamt achtundvierzig Wochen in den Charts halten, was Wonder seine erste goldene Schallplatte bescherte. Von da ab erklommen alle seine nachfolgenden Platten die Spitze der amerikanischen R&B-Charts und bis auf zwei die Top 10 der regulären US-Hitliste.

Und mit seinen beiden Alben „Fulfillingness’ First Finale“ von 1974 und „Songs in the Key of Life“ von 1976 gelang ihm schließlich der ganz große Wurf: Platz 1 sowohl in den R&B- als auch in den US-Pop-Charts. Zudem hagelte es Grammy Awards – bis dato fünfundzwanzig Stück. Sein mit Abstand allergrößter Hit sollte jedoch das eingangs erwähnte „I Just Called to Say I Love You“ aus dem Soundtrack der Romantikkomödie „Die Frau in Rot“ werden, das jedoch in keiner Weise das Talent und das Können dieses begnadeten Musikgenies widerspiegelt, sondern eher wie aus der Heimorgel eines drittklassigen Alleinunterhalters klingt. Ausgerechnet diese schlappe Nummer stieg zu einem internationalen Nummer-1-Hit auf, der in gut zwanzig Ländern dieser Erde die Charts anführte. Und einen Oscar gab's dafür auch noch. Unfassbar! Spätestens von da an war Stevie Wonder so berühmt, dass sogar eine Subkategorie der Blindenwitze nach ihm benannt wurde. Manchmal ist die Welt schon ganz schön schlecht.

Aber nichtsdestotrotz ist es mal wieder an der Zeit, alles liegen und stehen zu lassen und in die Dancing Shoes zu schlüpfen.

YouTube-Link zum Funk-Klassiker „Superstition“

YouTube-Link zu einer Live-Version von „You Are the Sunshine of My Life“ aus dem Rainbow Theatre in London um das Jahr 1972

YouTube-Link zum Schlussstück „I Believe (When I Fall In Love It Will Be Forever)“

Foto: Kingkongphoto CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Claudius Pappe / 13.08.2022

Was hat der Autor gegen ” I just called…........” ? Cool bleiben Herr Scheuerlein !

Günter Fuchs / 13.08.2022

Ja, Stevie Wonder gehört zweifellos zu den besten R & B und Soul-Vokalisten die dieses Genre je hervor gebracht hat (neben Ray Charles. Sam Cooke, Otis Redding und Al Green, die Liste ist nicht vollständig!)! Seine Songs haben mich ein Leben lang begleitet! Seine Interpretationen der Bob Dylan Songs “Mr. Tambourine Man” (Album “Down To Earth” 1966) sowie “Blowing’ in The Wind” (Album “Up-Tight” 1966) sind einfach genial und zeitlose Klassiker!

Benedikt Diller / 13.08.2022

Sehr geehrter Herr Scheuerlein, 1984, als selbst die provinziellsten Pop-Produzenten nach dem Prizip “Make it sound Big” verfuhren, war “I just called to say I love you” ein sympathischer Ausdruck von Understatement und Nonkonformimus.

Robert Bauer / 13.08.2022

Wer etwas gegen “I just call to say I love you” hat, bekommt es mit mir zu tun. Ich weiß, wo Euer Plattenspieler steht!

Sabine Heinrich / 13.08.2022

@Peter Bauch und @Gabriele H. Schulze: Meinen Geschmacksnerv trifft Stevie Wonder auch meist nicht. Mit “Happy Birthday” von ihm bringe ich mir aber 1x im Jahr ein Ständchen.

K.Braun / 13.08.2022

@Peter Bauch / 13.08.2022 Sie ärmster Sie tun mir Leid, wie wäre es mit James Brown…....Super Bad?

Joerg Machan / 13.08.2022

Ich dachte immer, dass viele Künstler ganz bewusst auch Songs für ein “fremdes” Genre schreiben, um auch dort ihre Duftmarken zu hinterlassen. Viele Hardrock Bands sind doch häufig durch ihre Balladen bekannter geworden als durch ihre harten Songs. Spontan fallen mir die Skorpions oder Kansas ein. Jeder kennt “Dust in the Wind” und “Wind of Change” ...  Andere Titel kennen dann nur noch die eigenen Hardcore Fans.

Gabriele H. Schulze / 13.08.2022

@Peter Bauch: geht mir genau so.  Bis auf “Superstition” wegen des Groove.

K.Braun / 13.08.2022

Stevie ist und war auch ohne “I Just Called to Say I Love You“ ein Musik - Genie!

Alfons Hagenau / 13.08.2022

Nur in einem Punkt muss ich dem Autor widersprechen: Wenn Stevie Wonder will, daß sein Lied wie “aus der Heimorgel eines drittklassigen Alleinunterhalters” klingt, dann klingt es auch so, und mit vollem Recht. Punkt. Ob man dieses Lied nun mag oder nicht, gerade diese Atmosphäre des Drittklassigen war es, mit der sich weltweit so viele Menschen identifizieren konnten. Da hat sich ein Genie vom Olymp auf den Ackerhügel hinabbegeben, um den einfachen Menschen Freude zu geben, eher ein Zeichen seiner Größe als ein Verbrechen.

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