Manfred Knake, Gastautor / 15.01.2021 / 13:00 / Foto: Pixabay / 5 / Seite ausdrucken

Skandal um eine Alge

Im Dezember 2020 machte eine alarmierende Medienmeldung die Runde: Die Schlauchalge Vaucheria velutina als „eingeschleppte Algenart, die dieses Jahr erstmals im norddeutschen Wattenmeer nachgewiesen wurde“, sei aufgrund ihrer „plötzlichen Dominanz“ mit „unabsehbaren ökologischen Folgen“ eine Gefahr für das Wattenmeer.

Bezug genommen wurde auf Prof. em. Dr. Karsten Reise vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), der die vorgeblich „neuartige“ Alge im vergangenen Sommer vor der Insel Sylt entdeckte. Das AWI wird überwiegend finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zum geringeren Teil von den Bundesländern Bremen, Brandenburg und Schleswig-Holstein. Diese Algenart hatte sich im warmen Sommer 2020 rasant im Watt vor der Insel vermehrt. Prof. Reise vermutet, dass die Alge mit der Pazifischen Auster eingeschleppt wurde.

Diese Austernart hat sich ebenfalls drastisch in den letzten Jahren im Wattenmeer ausgebreitet. Auf Sylt wird die Pazifische Auster nach dem weitgehenden Verschwinden der Europäischen Auster seit Jahrzehnten für den Verzehr gezüchtet und als „Sylter Royal“ vermarket. Aus den Kulturen gelangten die Austernlarven ins freie Watt und vermehrten sich hier üppig. Es wird vermutet, dass diese eingeschleppte Art die heimischen Bestände der Miesmuscheln verdrängt und gefährdet.

Die Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft e.V. wählte Vaucheria velutina gar zur „Alge des Jahres 2021“.

Ohne Meeresspiegelanstieg kein Wattenmeer

Die Dramaturgie mit der angeblich neuen Algenart Vaucheria velutina geht noch weiter. Selbstverständlich darf „Klima“ und der „schnell ansteigende Meeresspiegel“ (beides immer wieder gerne genommen) in der AWI-Verlautbarung nicht fehlen. Nur steigt der Meeresspiegel überhaupt nicht „schnell“, eher weniger schnell mit circa 1,7 mm im Jahr oder 17 cm im Jahrhundert, wie die Forscher der Universität Siegen 2013 mit Hilfe von Pegelmessungen feststellten. Das sind weniger als die 26 cm im Jahrhundert, mit dessen Wert die Küstenschützer bei der Bemessung der Deichhöhen arbeiten. Der sogenannte „säkulare Anstieg“ hat nichts mit dem gegenwärtigen zeitgeistigen Klimahype zu tun. Der Meeresspiegel der Nordsee steigt nach dem Ende der Weichselkaltzeit vor circa 12.000 Jahren immer noch an. Damals lag der Meeresspiegel bis zu 120 m tiefer als heute, der heutige Meeresgrund war besiedelt. Ohne den postglazialen Meeresspiegelanstieg gäbe es das heutige Wattenmeer gar nicht.

Und ob die Alge Vaucheria velutina wirklich „neuartig“ im Watt ist, darf ebenfalls bezweifelt werden, sie kommt weltweit auf gezeitenbeeinflussten Böden vor. In der Literatur wird ihr Vorkommen an der hiesigen Küste bereits 1824 erwähnt (1).
Die Frage ist, ob die starke Eutrophierung das Wattenmeeres, auch aus dem Weser-Elbe-Ästuarien, im Zusammenhang mit dem sehr warmen Sommer 2020 (Wetter, nicht Klima) die Wachstumsexplosion der Algenart begünstigt hat und ob sich die Ausbreitung nach den Wintermonaten wieder verringern wird. Warten wir es ab …

Nachsatz: Algenblüten im Wattenmeer sind seit Jahrzehnten bekannt: Die Schaumalge Phaeocystis sp. kann im Frühsommer zum Teil riesige Schaumteppiche bilden, wenn die Algen durch Wind und Wellen zu Eiweißschaum zerschlagen werden. Der Schaum ist zwar nicht giftig, riecht aber unangenehm und kann nicht flugfähigen Jungvögeln das Daunenkleid verkleben, sodass sie verenden. Die Alge Chrysochromulina sp. kann ebenfalls zu Algenblüten führen und setzt dann potenziell toxische Stoffe frei.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog Wattenrat.

 

Weitere Quelle

(1) Verbreitung und Ökologie der Vaucheria-Arten – Tribophyceae – des Elbe-Astuars und der angrenzenden Küste, in Helgoländer Meeresuntersuchungen 42, S. 613–636, 1988

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Frances Johnson / 15.01.2021

@ Mr. Dechant: Könnten Sie hierfür mal eine Art link, zerhackt mit dot dazwischen liefern? Ich finde dort unter Mikroplatten nichts. Mikroplatten gibt es im Mittelmeerbereich und an der pazifischen Küste, also im Osten von Eurasien. Die Nordsee ist ja seicht und liegt auf der eurasischen Kontinentalplatte. In der Tat war der Meeresspiegel in der Erdgeschichte, durch Plattentektonik, Vulkanismus und seafloor spreading immer unterschiedlich wie z.B. mitten in der Kreidezeit: ” The formation of these has been influenced by the zig zag suture line of the Caledonian orogeny with its areas of crustal tension weakness. Sea floor expansion continues, and sea levels rise. The sea level is 100 meters (330 ft) to 200 meters (660 ft) higher than present day levels.” en. wiki, geology of the North Sea. Dennoch interessiert mich der Name dieser angeblichen niedersächsisch-holsteinischen Platte. Oder handelt es sich um eine unter die eurasische Platte subduzierte Platte?

Wilfried Cremer / 15.01.2021

Hallöchen Herr Knake, in der Mitte Ihres Beitrags wird bei mir das Buch „Die Weisheit alter Hunde“ angepriesen. Macht die Netzintelligenz das automatisch, wenn die Wörter „Prof.“ ... „vermutet“ im Verbund erscheinen?

Detlef Dechant / 15.01.2021

Die Werte für den Anstieg des Meeresspiegels in der Nordsee sind auch mit Vorsicht zu genießen. So existiert im Norden Deutschlands eine kleine tektonische Platte, die sich über Niedersachsen und Schleswig-Holstein erstreckt. Diese Platte kippt über eine Achse, die diagonal von der westdänischen Grenze nach Südosten verläuft. Dieses Phänomen wurde vor einigen Jahren entdeckt und könnte helfen, zu erklären, warum an Nord- bzw. Ostsee scheinbar der Meeresspiegel steigt, bzw. sich senkt.

Sirius Bellt / 15.01.2021

Hat Herr Prof. Reise auch bekanntgegeben, was er gegen diese dramatische Alge zu unternehmen gedenkt? Oder will er ab jetzt einfach nur jedes Jahr im Sommer auf Sylt mal nachsehen, ob das Wattenmeer noch da ist? Also wenn ich mich entscheiden müsste zwischen der Alge und Sylter Royal, nehme ich ganz bescheiden letztere.

Gerd Heinzelmann / 15.01.2021

Sylt? Gibt es da nicht ein Lied von der Ärzten? Bela B. scheint immer dankbar für einen Schlag in die Fresse zu sein. Gut, dass ich Radio Bob höre.

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