Volker Seitz / 22.02.2022 / 14:00 / Foto: Achgut.com / 12 / Seite ausdrucken

Neues Wasserkraftwerk in Afrika: Mehr Hoffnung als Bedrohung?

Ein riesiges Wasserkraftwerk im Nordwesten Äthiopiens soll die Stromversorgung des Landes sichern. Doch es gibt Streit mit Ägypten und Sudan, die ebenfalls auf das Nilwasser angewiesen sind.

Das gigantische äthiopische Wasserkraftwerk am größten Staudamm Afrikas – ein künstliches Gewässer mit dem dreifachen Fassungsvermögen des Bodensees – geht in Betrieb. Premierminister Abiy Ahmed hat am 20. Februar 2022 die erste der dreizehn Turbinen angeworfen. Das Wasserkraftwerk im Nordwesten Äthiopiens soll künftig 60 Prozent der Bevölkerung mit Elektrizität versorgen. Weniger als die Hälfte der äthiopischen Bevölkerung ist derzeit an das Stromnetz angeschlossen.

1.780 Meter lang, 145 Meter breit und mit einem Fassungsvermögen von 74 Milliarden Kubikmetern wird der seit März 2011 gebaute Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD), am Blauen Nil, um die Stromversorgung in Äthiopien zu sichern. Das Elektrizitätswerk wird zu den zehn größten der Welt zählen. Es ist ein Fünf-Milliarden-Projekt, das durch Anleihen in Äthiopien finanziert wird. 2028/29 will man dann Volllast fahren. Dann soll GERD die ostafrikanischen Länder und den Sudan mit Strom versorgen. Wenn alle 13 Turbinen des angeschlossenen Wasserkraftwerks in Betrieb sind, sollen sie im Jahr 6.500 Megawatt Strom erzeugen – so viel, wie die drei bisher größten Wasserkraftwerke Afrikas zusammen: Cabora Bassa am Sambesi in Mosambik, Inga am Kongo-Fluss in der Demokratischen Republik Kongo und Assuan am Nil in Ägypten.

Der Blaue Nil, an dem die Talsperre gebaut wird, entspringt in den Bergen Äthiopiens, fließt durch Äthiopien, dann weiter durch den Sudan, wo er sich hinter Khartum mit dem Weißen Nil vereint. Der Weiße Nil ist die Lebensader vor allem für Ägypten. Und deshalb gibt es Streit. Ägypten sieht sich bedroht. Die Landwirtschaft, die Trinkwasserversorgung und die Stromversorgung des regenarmen Landes sind stark von der Wassermenge im Nilbecken abhängig – und diese droht besonders in den ersten Jahren nach Inbetriebnahme des GERD drastisch abzunehmen. Während der Stausee in der Regenzeit ab Juli voll­läuft, bleibt viel Wasser in Äthiopien zurück. Trotz anderer Zuflüsse wird Ägyptens Assuan-Staudamm, bislang Afrikas größtes Wasser­kraft­werk, in den Jahren der Füllung etwa zwölf Prozent seiner Leistung einbüßen. Damit ist Ägypten nach wie vor nicht ein­ver­standen. Kairo fordert beispielsweise, dass Äthiopien vertraglich zusichert, bei Dürre den Stausee weniger schnell zu füllen. Dabei sei gerade die geringere Abhängigkeit von jährlichen Regenmengen einer der künftigen Vorteile des Damms.

Ringen um das Wasser des Nils

Äthiopien, Ägypten und der Sudan ringen um die Frage, wie das Nilwasser künftig gerecht aufgeteilt werden soll. Der Fluss gehört den drei Ländern, sie müssen eine Lösung finden. Der Konflikt wird vor allem zwischen den beiden bevölkerungsreichen Regionalmächten Ägypten und Äthiopien ausgetragen. Alle Bemühungen um Vermittlung (USA, UN-Sicherheitsrat, Afrikanische Union) zwischen den Anrainerstaaten des Nils sind bisher gescheitert. Ägypten drängt auf garantierte Wassermengen, die Äthiopien durchlassen soll. Darauf konnten sich die beiden Staaten bislang nicht verständigen. Allerdings will Äthiopien Ägypten entgegenkommen und die Füllgeschwindigkeit drosseln; statt in zwei Jahren soll der Prozess auf vier bis sieben Jahre ausgedehnt werden.

Dr. Philine Wehling, Juristin beim Internationalen Instituts für die Vereinheitlichung des Zivilrechts (UNIDROIT) in Rom, hält einen Wasserkrieg eher für unwahrscheinlich: „Ein Kompromiss wäre, dass die Talsperre stufenweise in der Regenzeit, also grundsätzlich im Juli und August, aufgefüllt wird und dabei die Auswirkungen auf die Anlieger flussabwärts berücksichtigt werden müssen. Der langfristige Betrieb des Dammes soll dann nach einem Mechanismus erfolgen, der bei der Freigabe von Wasser sowohl die Erfordernisse der Stromerzeugung als auch angemessene Schutzmaßnahmen für Ägypten und Sudan während Zeiten von Trockenheit und Dürre berücksichtigt.“

In politisch unruhigen Zeiten aber braucht die Regierung den Damm, vielleicht mehr denn je, als nationales Symbol. Regie­rungs­chef Abiy kämpft immer noch um die Einheit Äthio­piens.


Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte 11. Auflage erschien am 18. März 2021. Volker Seitz publiziert regelmäßig zu afrikanischen Themen und hält Vorträge (z.B. „Was sagen eigentlich die Afrikaner“, ein Afrika-ABC in Zitaten).

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Klaus Keller / 22.02.2022

Das Nachtigal Projekt ist auch interessant. 420 Megawatt sollen an einem Staudamm (14m hoch und 1,5km breit) des Sannaga in Kamerun erzeugt werden. Die EDF ist Projektleiter. Der Staat Kamerun Anteilseigner. Die Weltbank ist an der Finanzierung beteiligt. In Deutschland hört man darüber nichts.

Wilfried Cremer / 22.02.2022

Sehr geehrter Herr Seitz, das eingebüßte Wasser mehr als kompensieren könnte der Jonglei-Kanal im Südsudan – so man ihn fertigstellt. Sogar wenn für das Sumpfgebiet des Sudd, wo heute noch der halbe Weiße Nil verdunstet, der Natur zuliebe noch ein Wasserabzweig eingerichtet wird.

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