Volker Seitz / 12.05.2024 / 10:00 / Foto: Imago / 16 / Seite ausdrucken

In Lagos gendert man nicht

Über Teju Cole's "Tremor" könnte man nur Gutes sagen, wenn der deutsche Verlag sich nicht entschlossen hätte, den Text lächerlich zu gendern. Doch dafür kann der Autor nichts. Er erzählt wunderbare Geschichten aus dem nigerianischen Lagos. 

Teju Cole, 1975 in Nigeria geboren, zählt zu den wichtigsten literarischen Stimmen seiner Generation. Er ist Schriftsteller, Fotograf und Kunsthistoriker. Cole lebt seit vielen Jahren in den USA, er kehrt aber immer wieder in sein Heimatland Nigeria zurück. Auch sein jüngstes Buch „Tremor“, Claassen, 2024 handelt zu großen Teilen von den Menschen in Lagos. 

Wie jedes Buch von Teju Cole wollte ich es sofort lesen. Nach der Lektüre der ersten beiden Kapitel war ich allerdings so verärgert, dass ich das Buch zurückgeben wollte. Grund: die bedenkenlose Verachtung der deutschen Sprache durch die Übersetzung und den Verlag. Ein Blick in das Original hat mir dann doch Gewissheit gegeben, dass das aufdringliche Gendern nur in der deutschen Ausgabe zu finden ist. In späteren Kapiteln werden Episoden in Lagos elegant und  humorvoll geschildert. Und es ist ja bekannt, dass sich afrikanische Geschichten nicht zum Gendern eignen, das wäre zu lächerlich.

„Ungewöhnlich in der Stadt ist, dass sie weder einen Adel noch Unberührbare hat. Ihre Menschen sind radikal gleich. Das heißt nicht, dass es keine oberflächlichen Unterschiede in der Erscheinung gibt, aber niemand macht sich Illusionen darüber, wie vorübergehend und ungewiss diese Erscheinungen sind. Die Milliardärin von heute könnte schon morgen wegen Betrugs im Gefängnis landen, und der Bettler, der sich im stockenden Verkehr mitleiderregend verrenkt, könnte in einem Jahr schon der Besitzer unermesslichen Reichtums sein. Kein Zustand ist von Dauer…. In dieser Stadt gibt es durchaus Sekunden, Stunden, Tage, Epochen, Jahreszeiten, Vorstellungen des Zuspätkommens, des Zufrühseins, aber was es nicht gibt, ist ein Wort für „Zeit“, als wäre Zeit selbst, unabhängig von ihrem praktischen Nutzen, ein theoretisches Konstrukt, für das sie keinerlei Verwendung haben.“

„Nach dem Mittagessen und vor Sonnenuntergang“

Teju Cole ist ein sehr gewissenhafter Beobachter. Das mangelnde Zeitgefühl habe ich bei vielen Afrikanern, nicht nur in Lagos, festgestellt. Die Ethnologin Kundri Böhmer-Bauer versuchte in Simbabwe mehrmals, den Zeitpunkt für eine Verabredung am Nachmittag genauer festzulegen, bis schließlich der Gesprächspartner ungeduldig sagte: „Nach dem Mittagessen und vor Sonnenuntergang.“ Genauer ging es nicht. 

Das Zeitdenken ändert sich allerdings, wenn leistungsorientierte afrikanische Emigranten in Europa oder den USA den westlichen Arbeitsstil übernehmen und damit erfolgreich sind. Das gilt insbesondere für Forscher auf den Themenfeldern Medizin, Gesundheitswesen und Landwirtschaft.

"Die Anordnung der Straßenzüge (in Lagos) ist ein solches Durcheinander, dass es ihm manchmal vorkommt, als betrachte er Installationskunst, der Anschein von Planlosigkeit weicht allerdings schnell der Einsicht, dass alles, was er vor sich sieht, sorgfältig ausgewählt und mit perfektem Sinn für das empfindliche Gleichgewicht zwischen scheinbaren Gegensätzen arrangiert ist. Schnelle Entscheidungsfindung zeichnet die Menschen in der Stadt aus, wo den Frauen zwei Sekunden und ein einziger überheblicher Blick genügen, um den angemessenen Preis eines Ballens Stoff abzuschätzen und ihn für billig oder wertvoll erklären zu können.“

Wie in seinem Roman „Jeder Tag gehört dem Dieb“ von 2016, der in Wahrheit ein gutes Reisebuch ist, unterhält und informiert er in Episoden über Alltag und Mentalität in Lagos. Teju Cole (bzw. sein Protagonist, Tunde, der an einer amerikanischen Universität in Neuengland Fotografie lehrt) schildert kühl und präzise mit vielen köstlichen Details seine Streifzüge durch die Stadt. Er präsentiert einen reizvollen, bunten Strauß von funkelnden Miniaturen. Teju Cole verfügt über eine bildkräftige Sprache und ist nie geschwätzig.

Englische Ausgabe (englisch, ungegendert) Teju Cole Tremor

Deutsche Ausgabe (Claassen-Verlag, gegendert und kapitelweise entstellend) Teju Cole Tremor

Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“ dtv, 11. Auflage 2021

Foto: Imago

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Sabine Meyer / 12.05.2024

Lieber Herr Seitz, danke für die Anregung, ich kannte den Autor noch nicht, und die schöne Beschreibung eines afrikanischen Landes. Lebe selbst seit 22 Jahren in Westafrika und mußte mich anfangs an den Umgang mit Zeit gewöhnen. Wie sagt man so schön: “Die Europärer haben die Uhr, Afrikaner haben die Zeit.”

Thomas Szabó / 12.05.2024

@ Volker Seitz: Vielen Dank für die Buchtipps für meine Bücher-Einkaufsliste. Ich erwarte nächste Woche 5 Bücher von William Somerset Maugham. Ich habe immer wenn ich unterwegs bin ein Buch dabei, damit keine Minute einer öden Anreise vergeudet ist. 1947 als der Eiserne Vorhang in Ungarn fiel und einen Abstecher oder Flucht aus dem Arbeiterparadies ins Ausland verunmöglichte nahm mein Großvater immer 2 Bücher zur Arbeit mit. Einmal französisch für die Hinfahrt, einmal englisch für die Rückfahrt. Als ehem. K.u.K.-Offizier war Deutsch seine zweite Muttersprache. Heute werden wieder eiserne Vorhänge geschmiedet, die sich geschmeidig & hermetisch um unsere Gehirnzellen schmiegen. Ich erwische manchmal meine eigenen kleinen grauen Zellen beim Westfernsehen gucken. Dann ermahne ich sie freundlich: Heute bitte keine Politik Kinder, Papa muss sich erholen.

Volker Kleinophorst / 12.05.2024

Wenn Afrika so erfrischend ist, warum wollen so viele Afrikaner da weg ganz besonders aus Nigeria. Der Autor lebt ja auch lieber in den USA. “Ungewöhnlich in der Stadt ist, dass sie weder einen Adel noch Unberührbare hat. Ihre Menschen sind radikal gleich.” Was für ein Blödsinn. Der eine schläft satt und gut bewacht hinter Mauern, der andere hungrig auf der Straße. Na ja: beide schlafen. Da ist aber schon Schluß mit der Gleichheit.

Ralf.Michael / 12.05.2024

Ich liebe Gendern ! Gender me tender, Gender me quick, Gender me softly and then…..aber sorry, ich komme vom Thema ab ! Dann doch lieber in der original Sprache…..Gottseidank ist Hier das Gendern bei Hiragana und Katakana bisher ausgeblieben, weil doch etwas schwieriger.

Frank Brodehl / 12.05.2024

Selbstverständlich kann man als Autor eines Artikels/Aufsatzes/Buches beim Verlag sein Veto gegen das Gendern einlegen. Ich selbst habe dies zuletzt getan, nach ein wenig Gegenwind und unter meinem Vorschlag, dass der Verlag ansonsten auf meinen Beitrag verzichten müsse, einigten wir uns darauf, dass eine Anmerkung “Auf Wunsch des Verfassers wurde dieser Beitrag nicht gegendert” unter meinem Aufsatz hinzugefügt wird. Fazit: Nicht alles mitspielen, einfach den Mund aufmachen.

Ulrich Schily / 12.05.2024

Sehr geehrter Herr Seitz, Es wäre doch ein reizvolle Aufgabe das Buch ungehindert auf deutsch herauszugeben. Wir benötigen nur die Erlaubnis des Autors,  oder. Gerne halte ich mit. Mfg

L. Luhmann / 12.05.2024

“Über Teju Cole’s „Tremor“ könnte man nur Gutes sagen, wenn der deutsche Verlag sich nicht entschlossen hätte, den Text lächerlich zu gendern. Doch dafür kann der Autor nichts.” - Kann man denn unlächerlich gendern?—- Den Namen Coles werde ich mir merken. Die kurzen Ausschnitte gefallen mir.  - Vielen Dank, Herr Seitz!

S. Malm / 12.05.2024

Wäre es zu böse, dem Classen-Verlag wirtschaftliches Scheitern zu wünschen? Ich frage für ens Freund (m/w/d).

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