Georg Etscheit / 22.01.2021 / 16:00 / Foto: Imago / 31 / Seite ausdrucken

Muss ein Stardirigent Deutsch sprechen?

Als Guido Westerwelle kurz vor Anbruch des zweiten Kabinetts Merkel, in dem er ab Oktober 2009 als Vizekanzler und Außenminister fungierte, auf einer Pressekonferenz einen BBC-Reporter zurechtwies, weil der ihn ziemlich unverfroren aufgefordert hatte, seine auf Englisch gestellte Frage auch auf Englisch zu beantworten, ergoss sich ein Schwall von Häme über den einstigen FDP-Chef. Wie provinziell, wie nationalistisch! Lieber hätte man Westerwelle (der nur mäßig Englisch sprach) wie den früheren EU-Kommissar Günther Oettinger peinlich radebrechen hören, um ihn dann gleichfalls mit Spott überziehen zu können.

Westerwelle war bei seiner unerwarteten Replik an den BBC-Journalisten („So wie es in Großbritannien selbstverständlich üblich ist, dass man dort englisch spricht, ist es in Deutschland üblich, dass man hier deutsch spricht.“) nicht ganz wohl zumute, wie man auf den Videos, die im Netz kursieren, deutlich sehen kann. Er wusste, was ihm blüht.

Doch beim Volk punktete er mit seinem Insistieren auf den Gebrauch der Muttersprache bei offiziellen Anlässen. In einer Umfrage Guido Westerwelle: Nicht für die deutsche Sprache genieren – FOCUS Online gaben 54 Prozent dem designierten Vize-Kanzler recht. „Hunderte Briefe“ hätten ihn erreicht. „Und ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass Deutsch in Europa nicht zur Viert- oder Fünft-Sprache wird – und zwar unabhängig davon, in welcher Funktion ich unserem Land dienen werde.“

Seither hat sich die internationale Bedeutung der deutschen Sprache nach massiven Einbrüchen zu Beginn des neuen Jahrtausends nur leicht stabilisiert, und auch die Anglisierung des bundesdeutschen Sprachraumes schreitet massiv voran. Vor allem die Universitäten sind ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, deutsch als Wissenschaftssprache abzuschaffen. Immer mehr Studiengänge werden nur noch in der Fremdsprache abgehalten, und nicht selten kommunizieren deutsche Muttersprachler auf Englisch miteinander, oft mehr schlecht als recht. Dabei wirkt das gebrochene nationale Bewusstsein der Deutschen, das sich auch in einer Geringschätzung der eigenen Kultur und Sprache niederschlägt, wie ein Brandbeschleuniger.

Rattle spricht öffentlich so gut wie nie Deutsch

Der Bayerische Rundfunk, dessen Programme noch überwiegend in deutscher Sprache gesendet werden, hat jüngst bekannt gegeben, einen neuen Chefdirigenten für sein renommiertes Symphonieorchester gefunden zu haben. Es ist der Brite Sir Simon Rattle, einer der bekanntesten Pultstars unserer Zeit. Von 2002 bis 2018 hatte er die Berliner Philharmoniker geleitet und bekleidete damit die begehrteste Dirigentenposition weltweit. Danach übernahm er das London Symphony Orchestra, um nun ab 2023 dem Ende 2019 verstorbenen Letten Mariss Jansons beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) in München nachzufolgen. Ein großer Fang! Die deutsche Kulturelite jubelte.

Rattle ist ein sehr freundlicher, lockerer, offener Mensch ohne penetrate Starallüren. Außerdem ist er ein großer Musiker, das steht fest. Ein kleines Problem hat er: Er spricht öffentlich so gut wie nie Deutsch. In Interviews lässt er sich die Fragen auch mal auf Deutsch stellen, um dann Englisch zu antworten. Rattle spricht ein sehr schönes British-English und ist, wenn man der Sprache einigermaßen mächtig ist, gut zu verstehen. Ja, es macht Spaß, ihm zuzuhören.

Trotzdem irritiert es, wenn ein Intellektueller wie Rattle, der seit zwanzig Jahren in Deutschland lebt, der Berlin zu seiner Wahlheimat erkoren hat („Berlin is home“, bekräftigte er in einem auf Englisch geführten Online-Pressegespräch zu seiner Münchner Berufung), wo auch seine Frau lebt (die Sopranistin Magdalena Kozena), wo seine Kinder zur Schule gehen, sich scheut oder weigert, die Sprache seines Gastlandes zu sprechen (wie auch in einer aktuellen Videobotschaft), zumal er angekündigt hat, sich einbürgern lassen zu wollen. Die deutsche Staatsangehörigkeit habe er schon beantragt.

Bei seinen Vorgängern hat es geklappt

Für den Erwerb eines deutschen Passes ist die Beherrschung des Sprachniveaus B1 notwendig. Aus dem Anforderungskatalog: „Situationen des Reisens, Gespräche über persönliche Interessen und Wünsche, der Austausch über die Familie, die Schule oder die Arbeit oder aktuelle Ereignisse und die Formulierung all dessen in einfachen und aufeinander aufbauenden Sätzen werden flüssig und ohne Stocken gesprochen. Der Inhalt eines Films oder Buches kann ebenfalls problemlos wiedergegeben werden.“ Kaum denkbar, dass Rattle dies nicht bewältigt. Warum also meidet er die deutsche Sprache?

Rattles Vorgänger beim BRSO, Mariss Jansons, sprach als Lette mit Wohnsitz in St. Petersburg gutes Deutsch, mit einem charmanten russischen Akzent. Wie auch dessen Vorgänger beim Symphonieorchester des BR, der in Frankreich geborene US-Amerikaner Lorin Maazel und der Brite Sir Colin Davis, natürlich des Deutschen mächtig waren. Auch der in Indien geborene und in den USA lebende frühere Musikchef der Bayerischen Staatsoper, Zubin Mehta, und der Brite Sir Peter Jonas, zu Mehtas Zeit Intendant am Münchner Nationaltheater, kommunizierten selbstverständlich in der Landessprache.

Und der (in Paris lebende) Kalifornier Kent Nagano, der Mehta an der Bayerischen Staatsoper nachfolgte, mühte sich zumindest redlich, seine komplizierten musikalischen Analysen in ein (kreatives) Deutsch zu kleiden. Auch der Italiener Claudio Abbado, Rattles Vorgänger bei den Berliner Philharmoniker, konnte deutsch, wie natürlich Daniel Barenboim, langjähriger Musikchef der Staatsoper Berlin. In seinem Fall könnte man sogar nachvollziehen, wenn er als Jude die „Sprache der Täter“ meiden würde. Doch Barenboim spricht mehrere Sprachen, darunter die alte Kultursprache deutsch, die (nur) in der Welt der klassischen Musik als so etwas wie eine „lingua franca“ gelten kann.

Trotzdem Sir Simon, willkommen in München!

Die Liste international bekannter Dirigenten, die keine deutschen Wurzeln haben, jedoch im Land der Deutschen arbeiten, der Nation mit den meisten Orchestern und Opernhäusern der Welt, und ihre Sprache sprechen, wäre fast beliebig zu verlängern. Eine Ausnahme bildet der Russe Waleri Gergijew, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, der möglicherweise überhaupt nicht deutsch spricht oder versteht. Doch er lebt nicht in Deutschland und fliegt immer nur zu seinen Terminen ein, oft sehr kurzfristig.

Es wäre eine schöne Geste an sein neues Vaterland, wenn Simon Rattle sich entschlösse, nun endlich die Sprache der Einheimischen zu lernen und auch zu praktizieren, das angestammte Idiom der genialen Komponisten wie Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Wagner, die er verehrt und oft mustergültig interpretiert. Das wäre sicher nicht zu viel verlangt für ein kolportiertes Jahresgehalt von einer Millionen Euro, das deutsche Rundfunkgebührenzahler für seine Kunst entrichten müssen. Trotzdem Sir Simon, willkommen in München!

Foto: Imago

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Cornelia Buchta / 22.01.2021

Sehr geehrter Herr Etscheit, ich kenne natürlich S. Rattles Beweggründe nicht und kann nur vermuten. Für mich sind sie nachvollziehbar, weil ich auch mit einem Englisch-Muttersprachler verheiratet bin. Erstens: nicht jeder ist ein Sprachtalent. Es gibt Menschen, die auch nach vielen Jahren nicht flüssig sprechen können. Zweitens: ein englischer Muttersprachler wächst i.d.R. nicht multilingual auf. Die meisten Beispiele, die Sie erwähnten, sind keine englischen Muttersprachler. Die meisten europäischen Menschen (außer Engländern) können mindestens 2 Sprachen: die eigene und Englisch - oft noch eine dritte oder sogar vierte. Es ist ein riesiger Unterschied, wenn man bereits mit dem Konzept “Fremdsprache lernen” groß geworden ist. Wenn man jedoch als englischer Muttersprachler jenseits der 40 in einem Sprachkurs sitzt, so ist man möglicherweise der einzige, der nur eine Sprache gelernt hat und fällt in eine seltsame Kathegorie: man ist natürlich besser als ein Analphabet, aber man hat trotzdem keine Chance, mit den multilingual aufgewachsenen Mitschülern mitzuhalten. 3) es ist sehr entwürdigend für einen hochgebildeten lebensreifen Menschen auf ein Kleinkind-Sprachniveau reduziert zu werden - und nichts anderes ist B1. Wer etwas anderes behauptet, hat damit noch keine Erfahrung gemacht. Besonders Menschen mit genuiner Sprachbegabung überschätzen die Geschwindigkeit des Spracherwerbs von Null komplett. Mein Tipp: einfach mal vorstellen, Sie müssten innerhalb von 2 Jahren (durchschnittliche Sprachkursdauer) Chinesisch lernen. Zu kurz? Dann vielleicht 5 Jahre? oder 10? Würden Sie nach 20 Jahren sich zutrauen, öffentliche Interviews zu geben?—-

B.Kröger / 22.01.2021

Die Sprache des Gastlandes zu lernen ist nicht nur, aber auch eine Frage der Höflichkeit. Wenn Sir S. Rattle grundsätzlich nicht deutsch spricht, dann scheint sein Verhältnis zu diesem Land nicht das Beste zu sein. Warum nur lebt er seit 20 Jahren in unserem Land?

g.schilling / 22.01.2021

Im postmigrantischen Deutschland spielt die Sprache keine Rolle mehr. Hauptsache läuft irgendwie. Geht doch auch im Sport. Trainer und Spieler sprechen oft nicht die gleiche Sprache. Am Theater oder Ballett ist das auch kein Problem, wird durch Kreativität ausgeglichen. Und die Musiker haben ja noch ihre Noten, und Begriffe wie adagio, andante, forte, mezzo alle nicht deutsch. Aber allen geläufig.

A. Iehsenhain / 22.01.2021

Mal unter umgekehrten Vorzeichen betrachtet - der Bayerische Rundfunk ist ein gutes Stichwort, denn ein regelmäßiger Gast ist (oder war, meine persönliche Frequentierung besagten Programms ist nun auch schon eine Weile im Abnehmen begriffen) Prof. Dr. Anthony Rowley, ein englischstämmiger Sprachwissenschaftler und absoluter Experte für den bayerischen Dialekt. Eine weitere Ironie in Deutschland, dass jemand, dessen Wurzeln im Ausland liegen, unsereins eine Lektion in Muttersprache erteilt.

E. Meierdierks / 22.01.2021

Meinetwegen kann Mr.Rattle englisch sprechen. Das macht auf mich den gleichen Eindruck, wie wenn ein deutscher Dirigent im anderssprachigen Ausland deutsch spricht. Und da ich keiner seiner Orchestermusiker bin, interessiert mich ausschließlich die Musik, für die er sorgt und was er sagt, marginal bis gar nicht. Das überlasse ich den Bildungskleinbürgern und sonstigen Kennern.

Tim Sturm / 22.01.2021

Auf diesen Artikel habe schon lange gewartet! Das ist mir schon seit Jahren aufgefallen. Dankeschön.

Werner Liebisch / 22.01.2021

“Servas die Madln, Servas die Buam… lossts uns aufspuin, gfreid mi dass i bei eich bin, und mir zomm musiziern. Eia Simon Rättel…..”  Soon…

Burkhard Mundt / 22.01.2021

Die Weigerung, deutsch zu sprechen, finde ich äußerst respektlos gegenüber Deutschland, in dem er seit 20 Jahren gut lebt und den Menschen, die ihn mit den GEZ-Zwangsgebühren bezahlen müssen. Wie spricht er denn mit seiner Frau, seinen Kindern, seinem Frisör?

M.-A. Schneider / 22.01.2021

Warum sollte er nicht schaffen, was andere große Dirigenten auch konnten. Das Erlernen der sicher nicht ganz einfachen deutschen Sprache stände auch ihm, den jeder Musikinteressierte wahrlich herzlich willkommen heißt, gut zu Gesicht und wäre eine Hommage an seine Wahlheimat und ihre Menschen.

Stefan Hofmeister / 22.01.2021

Ich halte fest: Er verdient eine Million Euro, zahlt davon eine halbe an Steuern und Abgaben und soll aber doch bitte ordentlich Deutsch lernen, um Interviews geben zu können. Interessant. Es gibt da auch so ein gewisses Publikum, das in den Münchener Vororten in dritter Generation von Sozialhilfe lebt und keinen geraden Satz auf Deutsch herausbringt, aber von dem verlangt man nicht, dass es den Hintern hochbekommt und endlich mal vernünftig Deutsch lernt, um sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Wäre wohl rassistisch.

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