Gabor Steingart, Gastautor / 23.01.2017 / 10:02 / Foto: Alex Grech / 4 / Seite ausdrucken

Merkel erstarrt, Deutschland als Vollwaise

Von Gabor Steingart.

Ich bin auf dem Rückflug von New York, während ich Ihnen diese Zeilen schreibe. In der Absicht, mich zu zerstreuen und der Gegenwart zu entkommen, lese ich, was die amerikanische Dichterin Sylvia Plath vor mehr als einem halben Jahrhundert über „The Great Gatsby“ geschrieben hat: „Dragon goes to bed with princess“.

Unwillkürlich muss ich wieder an Trump denken, der mit seinem neureichen Imponiergehabe Amerika verführt hat. Ich denke aber auch an die Zehntausende von Frauen, die sich nicht haben verführen lassen, die durch New York marschiert sind, die uns veranlasst haben, aus dem Taxi zu springen, um mit ihnen zu gehen. „Not my President“, stand auf einem der Plakate. 

Wäre Angela Merkel in New York gewesen, hätte sie dieses Schild in unser aller Namen hochhalten können. Not our President. Es geht dabei nicht um Zu- oder Abneigung, es geht um Interessen. Dieser 45. Präsident - und darin liegt die historische Zäsur seiner Machtübernahme - stellt seine Interessen über unsere. Wir dürfen Amerika dienen oder uns trollen. Amerika kommt zuerst - und danach lange nichts. 

Bei einem Notfall ruft man in Deutschland normalerweise die Notrufzentrale 110 an. Wenn in den internationalen Beziehungen Gefahr im Verzug ist, haben sich Israelis und Araber, Weltbankpräsidenten, IWF-Direktoren und deutsche Bundeskanzler angewöhnt, die 001-202-456-1414 zu wählen, die Nummer des Weißen Hauses. 

Dort fanden die Ratlosen Rat, die Geldknappen Geld, und wenn es sein musste, lieferte Amerika auch Raketen und Schnellfeuerwaffen.

Alle Präsidenten seit Woodrow Wilson, Initiator des Völkerbundes und Friedensnobelpreisträger, verstanden sich als Globalisten. „Ich benutze nicht nur das eine Gehirn, das ich habe, sondern auch all die anderen Gehirne der Welt, die ich anzapfen kann“, sagte Wilson, dessen Amerika andere Nationen ein- und nicht ausschloss. 

Doch unter der bisherigen Telefonnummer ist kein Anschluss mehr. Trumps Einzug im Weißen Haus beginnt mit einem Rückzug Amerikas. Die USA sehen sich nicht länger als Global Leader, sondern als eine Export-Import-Agentur im Auftrag der amerikanischen Arbeiter. „America First“ ist das Versprechen, mit dem Trump rund 62 Millionen Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen konnte. The dragon goes to bed with princess. 

Wie erstarrt steht unsere Kanzlerin da, von innen und außen unberührbar. Weltfremdheit kann auch ohne eigenes Zutun entstehen, zum Beispiel dadurch, dass die Welt sich von der Kanzlerin entfernt. Die Südstaaten der EU kehren ihr den Rücken zu, Großbritannien hat den Anker gelichtet; Amerika ist bereit, den Flottenverband zu verlassen, den es sieben Jahrzehnte anführte.

Es geht für die deutsche Regierungschefin nicht in erster Linie darum, Trump zu kritisieren. Es geht darum, ihn zu erkennen. Noch weigert sich Merkel, die neue Normalität als solche anzuerkennen. Was 2015 als Kontrollverlust an unseren Außengrenzen begann, setzt sich in diesen Tagen als außenpolitische Orientierungslosigkeit fort. Die zentralen Fragen der Außenpolitik bleiben unbeantwortet: Wo steht Deutschland nach dieser Zäsur in Amerika? Wem folgen wir, wenn die USA als Vorhut ausfallen? Wie definieren wir unsere nationalen Interessen? Wo endet Europa, und wo beginnt Deutschland? 

Die Überforderung der Kanzlerin ist nicht zu übersehen. Das Amerika, an das sie geglaubt hat, zeigt ihr die kalte Schulter. Das Amerika, in dem sie vor ihrer Politikerkarriere sogar für einige Zeit an der Seite ihres Wissenschaftlerfreundes und späteren Ehemannes gelebt hat, existiert nicht mehr. Trumps Rede zur Amtseinführung war im Grunde eine Abschiedsadresse.

Der Vorgang schmerzt, vergleichbar nur mit dem plötzlichen Ableben beider Elternteile. Die Vollwaise Deutschland muss ihre Lebenstauglichkeit nun allein unter Beweis stellen. Wenn ihr das nicht gelingt, kommt der Vormund.

Zuerst erschienen im Handelsblatt.

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Leserpost (4)
Ruth Hellweg / 24.01.2017

Jau! Mir kommen die Tränen. Wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt, werter Herr Steingart, den holt die Realität ein. Das tut weh. Gut so. Als Vollweise, so bar jeder Bevormundung, könnte aus Deutschland vielleicht nochmal was werden. Das haben unsere Eltern nach dem Krieg auch geschafft. Noch ist Zeit.

Ralf Schmode / 23.01.2017

“Dieser 45. Präsident - und darin liegt die historische Zäsur seiner Machtübernahme - stellt seine Interessen über unsere. Wir dürfen Amerika dienen oder uns trollen.” Sehr geehrter Herr Steingart, zunächst einmal ist nichts dabei, wenn ein Präsident die Interessen der Bürger seines Landes (und nicht etwa seine eigenen - wo haben Sie das in seiner Antrittsrede bitteschön gelesen?) über die Interessen anderer Nationen stellt. Frau Merkel tut genau das Gegenteil, und jeden Tag wird ein wenig klarer, was wir , die Bürger, “die schon länger hier leben”, davon haben. Nichts davon ist gut, und es wird in rasantem Tempo schlimmer. Der zweite Satz des aus Ihrem Beitrag zitierten Textblocks ist schlicht falsch. Trump hat in seiner Antrittsrede sinngemäß gesagt, er gehe davon aus, dass alle Völker der Welt zuerst ihre eigenen Interessen wahrnähmen, und dieses Recht nehme er selbstverständlich auch für die USA in Anspruch. Daran könnte man allenfalls bekritteln, dass dies eben nicht “alle Länder” tun, sondern zumindest mir eines einfällt, in dem die Interessen der eigenen Bürger jeden Tag ein Stück mehr marginalisiert werden. Wenn man das, was der 45. Präsident der USA bezüglich künftiger Prioritäten seiner Außenpolitik gesagt hat, meint bemäkeln zu müssen, sollte man so konsequent sein und den Amtseid des deutschen Bundeskanzlers abschaffen. Da heißt es nämlich: Dem Wohle des deutschen (igitt!) Volkes dienen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden. Von anderen Völkern ist da gar nicht die Rede. Man mag das für ein wenig anachronistisch halten, aber nichts anderes hat Frau Merkel geschworen und Trump in diesem Zusammenhang gesagt. Für eine politische Kaste, die sich der Aufgabe verschrieben hat, es allen recht zu machen - das eigene “Pack” selbstverständlich ausgenommen - müssen die Sätze Trumps eine unerhörte Provokation darstellen. Für die, die jahrelang allerbeste Geschäfte mit den USA machten und gleichzeitig keine Gelegenheit ausließen, auf sie zu schimpfen, wird es ungemütlich. Und das ist vielleicht ganz gut so.

Florian Bode / 23.01.2017

Es wäre wünschenswert, dass Frau Dr. A. Merkel einsieht, dass auch ihre Zeit als BK abgelaufen ist. Sie sollte auf den Versuch einer Wiederwahl verzichten und durch einen geordneten Machtwechsel retten, was am Verhältnis Deutschlans zur EU (Mitglieder, nicht Institutionen) und den USA zu retten ist. Sonst wird sie gegangen, Früher oder später. Der Schaden für uns Alle wird dadurch nur größer.

Dirk Jäckel / 23.01.2017

Merkel mag eine halbwegs passable Verwalterin sein.  Von mehr als geringfügigen Veränderungen ist sie aber charakterlich und intellektuell überfordert. Da es unsere Journalisten überwiegend auch sind, werden sie sich freilich weiterhin vor der nackten Kaiserin tief verneigen.

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