Die Suche nach Endlagerstätten hat begonnen

Die Sondierungsgespräche in Berlin gleichen immer mehr einer Operette, die sich als Drama ausgibt. Die Akteure Martin Schulz, Horst Seehofer und Angela Merkel tun so, als würden sie um die Zukunft des Landes ringen. Doch in Wahrheit verhandeln sie ihre eigene politische Restlaufzeit. Der Deutsche Bundestag schaut tatenlos zu. Die Abgeordneten genießen das, was die IG Metall nur fordert: Vorruhestand bei vollem Lohnausgleich.

In allen drei Parteiapparaten, das allerdings macht die Angelegenheit für das Trio so dringlich, hat die Suche nach geeigneten Endlagerstätten begonnen, die nach Lage der Dinge auch im belgischen Brüssel liegen könnten. Mitleid müssen wir an dieser Stelle nicht investieren: Die EU-Endlagerung ist komfortabler als jedes Pharaonengrab, weil sie bei lebendigem Leib und hohen Bezügen stattfindet. Brüssel ist die einzige Grabstätte der Welt, in der Austern gereicht werden.

Noch freilich ist es nicht so weit. Das Stück befindet sich nach dem stimmungsvollen Jamaika-Prolog – Jungsiegfried Christian Lindner trat auf, um abzutreten – noch immer im ersten Akt. Nur das Bühnenbild wechselte mittlerweile von Balkon auf Hinterzimmer. Dort reden die Beteiligten absichtsvoll aneinander vorbei. Die SPD bestreitet der Bevölkerung das Recht, zu entscheiden, mit wem sie zusammenleben möchte. Die CSU hofiert Viktor Orbán und genehmigt sich Glyphosat. Die Kanzlerin wirkt, als habe sie ihren Text vergessen.

Im Publikum brodelt es. Fire and Fury

Die spannendste Bewegung aber, das gibt dem Schauspiel seine besondere Note, findet derzeit nicht auf der Bühne, sondern im Publikum statt. Dort nämlich brodelt es. Fire and Fury. Bei den einen brodelt es eher links der Seele, bei den anderen eher rechts. Die Linksbrodler wünschen sich einen deutschen Macron, die Rechtsbrodler einen zweiten Sebastian Kurz. Die einen träumen von der Gründung der Vereinigten Staaten von Europa, die anderen von der Rückkehr jener Zeit, als Grenzen noch Begrenzungen waren. Und Sigmar Gabriel träumt beide Träume in einer Nacht.

Unter diesen Bedingungen wartet die Kanzlerin vergebens darauf, dass die Demoskopen ihr aus dem Zuschauerraum den Text soufflieren. So ist das nun mal in der fortgeschrittenen Demokratie: Auch alle Ohnmacht geht vom Volke aus.

Merkel muss in dieser Stunde der einsetzenden Abendröte nicht zuerst Tapferkeit, sondern vor allem Stilsicherheit beweisen. Gerade für den Abschied von der Macht liegen schließlich unterschiedlichste Regieanweisungen bereit. Kohl versteinerte auf offener Bühne, Schröder stürzte sich selbst ins Schwert, Willy Brandt ertrank in einem Meer aus Whiskey und Selbstmitleid. 
 
Wir allerdings würden Merkel empfehlen, sich aus dem Repertoire von Kanzler Helmut Schmidt zu bedienen. Der beorderte, als das Ende nahte, seinen ehemaligen Regierungssprecher Klaus Bölling, der mittlerweile als ständiger Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin diente, nach Bonn zurück. Schmidt, so hat es Bölling einst in kleiner Runde erzählt, flehte ihn regelrecht an: „Klaus, Sie müssen dringend zurückkommen. Es gilt, den Abschied zu illuminieren.“

Dieser Beitrag erschien zuerst als "morning-Briefing" des Handelblattes.

Foto: Stefan Klinkigt

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Leserpost (7)
Steffen Huebner / 09.01.2018

“...was die IG Metall nur fordert: Vorruhestand bei vollem Lohnausgleich.” - Na und, warum nicht? Das Geld wird einfach mit gedruckt, wenn Draghi nun schon einmal dabei ist.  Zumal Merkel & Co. gerade realisieren, dass Deutschland ein reiches Land ist, alle Mühsalbeladenen dieser Welt nach hierher einladen und für Lateineuropa auch noch genügend Knete da ist. Da sollte der deutsche Arbeitnehmer (der das Alles erarbeiten muß) sich nicht vornehm zurückhalten - denn den Euro rettet das - so wie so - auch nicht mehr…

Martin Landvoigt / 09.01.2018

Nett formuliert. Tatsächlich ist die Zerrissenheit der Wähler wie ein leerer Lösungsraum der Regierungsbildung. Eigentlich kann es nur Verlierer geben.  Selbst kleine Siege könnten sich bestenfalls als die der Marke Pyrrhus erweisen. Egal, ob Neuwahlen, Minderheitsregierung oder GroKo - gut wird nichts davon. Und wer hat’s erfunden?  Alle, die kräftig an der Spaltung Deutschlands gearbeitet hat. Und das sind hauptsächlich jene, die große Bevölkerungsteile ausgrenzten, ein Dunkeldeutschland herbei schrieben, die Konservativen und Bürgerlichen vor die Wahl stellten, ob sie nun ihre Vernunft und Prinzipien verlassen wollten oder ins rechte Abseits abzuschieben sein. Oh Wunder: Dieses rechte Abseits isst nun so groß, dass man von Gegenöffentlichkeit und Spaltung des Volkes sprechen muss.

Simon Tanner / 09.01.2018

Brüssel als Elefantenfriedhof? Das ist wohl (auch) so. Aber für Martin Schulz führt wahrscheinlich kein Weg zurück nach “Europa”, auch wenn er stets voller Pathos EU mit Europa verwechselt. Er hatte ja eine schöne Zeit in Brüssel und andere “überzeugte Europäer” wollen schließlich auch mal an die guten Posten ran. Merkel in die EU? Gibt’s denn ein Amt dort, das bedeutend genug für sie wäre? Müsste es nicht wenigstens UNCHR oder UNO sein? Nach Lage der Dinge wähnen sich die drei großen Vorsitzenden aber noch jung genug und voller Tatendrang für mindestens vier weitere Jahre Groko und sie haben ja auch noch “ganz viel vor”.  “Mit sechsundsechzig Jahren” fängt das Leben an, weiss der deutsche Schlager. Die Kassen sind (noch) voll, die Konjunktur derzeit stabil und was in einigen Jahren ist, muss ältere Herrschaften nur bedingt kümmern. Und nebenbei: wer sollte denn in CDUCSUSPD die Last der Verantwortung übernehmen? Bislang lassen einige jüngere Protagonisten doch nur ihnen gewogene Journalisten vorsichtige Elogen verfassen mit dem Tenor: “Ich stünde vielleicht bereit, wenn die Situation da wäre, um gegebenenfalls Verantwortung (für das Land, die Partei etc.) zu übernehmen, wenn ich gebraucht und gerufen würde.” Siehe Olaf Scholz. In diesem Sinne: die Party ist noch nicht vorbei, vielleicht ändert sich 2021 was, falls vorher nichts Gravierendes passiert.

Michael Schweitzer / 09.01.2018

Frau Merkel hat zwar viel Chuzpe, aber keinen Stil. Ihr Abgang von der Bühne als Kanzler kann nur der peinlichste von allen werden.

Frank Stricker / 09.01.2018

Wenn Merkel wenigstens unfallfrei Englisch sprechen könnte, dann könnte man sie ja irgendwo unauffällig bei der Uno in New York entsorgen , unter dem Motto ” no border, no visions”. Aber vielleicht meldet sie sich ja noch mit Herrn Öttinger für einen Leistungskurs Englisch an….........

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