Gunnar Heinsohn / 06.09.2018 / 10:30 / 12 / Seite ausdrucken

Japans Alternative zur Zuwanderung

Industrienationen mit wachsendem Durchschnittsalter, aber ohne Rohstoffe sind mehr denn je auf den optimalen Einsatz ihrer kognitiven Kompetenz angewiesen. Die jährlich publizierte Erfinder-Rangliste zeigt, wie sie dabei abschneiden. 2017 kommen rund 48.000 Patentanmeldungen der global strengsten Auswahlkriterien (PCT-Patente) aus Japan. Deutschland sollte – bei zwei Dritteln der japanischen Bevölkerung (82 zu 126 Millionen) – für den Gleichstand rund 32.000 Anmeldungen vorweisen können. Real schafft es knapp 19.000. 

Dass Europäer sich gleichwohl behaupten können, zeigt etwa die Schweiz. Mit einem Zehntel der deutschen Bevölkerung sollte sie für den Gleichstand mit Japan 3.200 Patentanmeldungen haben, liefert aber 4.500. Eine stärker leistungsorientierte Einwanderungspolitik bringt auch mehr Erfinder ins Land. Gleichwohl braucht Deutschland sich nicht zu verstecken. Neben der Schweiz muss es bei Patenten pro Einwohnermillion nur noch Schweden und die Niederlande an sich vorbeilassen.

Was die Gesamtmenge an Patenten indiziert, bestätigen auch die Unternehmen. Zu den fünfzig patentstärksten Einzelfirmen des Jahres 2017 gehören fünfzehn japanische, aber nur fünf deutsche, während man für den Gleichstand zehn benötigte.

In kinderarmen Gesellschaften empfiehlt sich naturgemäß der Umstieg auf Roboter. Für Deutschland mit einem Durchschnittsalter von 45,9 Jahren (2017) mag das weniger dringlich wirken als für Japan mit 47,3 Jahren. Deutschland gewinnt durch Millionen relativ junger Migranten sogar Abstand zum fernöstlichen Konkurrenten. Tokio hingegen akzeptiert 2017 nur 20 Asylanten. Dafür stammen 74 Prozent der 2016 global installierten 1,4 Millionen Industrierobotern (nur die neun größten Hersteller) von sechs Anbietern aus Japan. Die Schweiz und Schweden folgen – bei Durchschnittsaltern von 42 bzw. 41 Jahren – mit eindrucksvollen 18 Prozent für ABB. KUKA, in Augsburg beheimatet und seit 2016 in chinesischer Hand, fällt mit 5,8 Prozent deutlich zurück. Immerhin zieht Deutschland bei installierten Robotern auf 10.000 Arbeitskräfte mit Japan gleich. Eineinhalbmal beziehungsweise gut zweimal so hoch liegen allerdings Singapur und Südkorea. Die Schweiz liegt nicht einmal halb so hoch wie Deutschland, weil die roboterintensive Autoindustrie fehlt.

Kompetenz vor jugendlichen Sturm und Drang

Deutschland kann sein geringeres Alter womöglich auch in Zukunft nicht in einen technologischen Vorsprung verwandeln. Beim internationalen Mathematik-Schülervergleich TIMSS 2015 erreichen nämlich 322 von 1.000 japanischen Kindern die allhöchste Leistungsgruppe (entspricht einem sehr gut). In Deutschland dagegen sind es nur 53 von 1000. Mit gut bewähren sich unter 1.000 Kindern 422 japanische und 287 deutsche. Für die ökonomische Zukunft einschlägiger aber bleibt Japans sechsfache Überlegenheit bei den sehr Guten. Ihre Kompetenz ist unverzichtbare Voraussetzung für das Erarbeiten von künstlicher Intelligenz, die für immer mehr Industrien als Schlüsseltechnologie fungiert. 

Es sind deshalb Kompetenzgründe, die Japans Zögern bei der Aufnahme von Migranten erklärt. Sie müssten aus der übrigen Welt ja durchweg die Besten gewinnen, wenn sie ihren hohen Durchschnitt nicht absenken wollen. Relativ sicher gehen würden sie nur mit ebenfalls exzellent abschneidenden Koreanern und Chinesen. Die aber kämpfen selbst mit einem wachsenden Durchschnittsalter, das momentan bei 42 beziehungsweise 37 Jahren liegt.

Während Berlin durch den unruhigen Nachwuchs aus Afrika und Nahost gegen die Vergreisung besser aufgestellt ist als Japan, präferiert Tokio Kompetenz vor jugendlichem Sturm und Drang. Die übrigen alternden Nationen werden aufmerksam registrieren, wer langfristig besser fährt. 

Der Artikel erschien zuerst am 5. September 2018 in der Neuen Zürcher Zeitung

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zsolt Hüter / 06.09.2018

Die Zahl der Patente ist nur mit sehr, sehr starken Einschränkungen ein Maß für die Innovationskraft eines Landes. Wirklich hochkreative Menschen entwickeln und forschen sehr oft nicht wegen des finanziellen Anreizes eines (möglichen) Patents, sondern wegen der Freude an der Arbeit und u. a. dem Gefühl neue Erkenntnisse zu gewinnen. Für solche Menschen reicht es, wenn man sie, z. B. als Mitarbeiter oder Professoren eines Instituts angemessen gut bezahlt und ihnen Freiheiten und Anerkennung bietet. Diese Menschen ticken zum Glück anders als Fußballspieler oder Vorstandsmitglieder großer Unternehmen. Ein gutes Beispiel für nicht kommerzielle Innovation ist die, die seit Jahrzehnten aus den diversen freien und Open Source Modellen - z. B. dem GNU Lizenzierungskonzept - in der Softwareentwicklung erwächst. Da hier nichts patentiert wird, erscheinen diese Innovationen auch nicht in der Patentstatistik.

Dieter Kief / 06.09.2018

Warum interessiert das Beispiel Japan hierzulande keinen? Doris Dörrie - erklären Sie!

Martin Schott / 06.09.2018

Sehr geehrter Herr Prof. Heinsohn, vielen Dank für die nüchterne Gegenüberstellung dieser Fakten. Mich macht es seit Jahren schon stutzig, dass viele deutsche Politiker mit der Einwanderung das Ei des Kolumbus schlechthin gefunden zu haben, mit dem sich alle Probleme verflüchtigen. Vielleicht haben sie ja einfach nur die von den Vereinten Nationen erarbeiteten Planspiele zu der Frage gelesen, in welcher Jahreshöhe es einer Einwanderung bedarf, um die Bevölkerungszahlen in Westeuropa und Deutschland auf einem konstant hohen Niveau zu halten oder wachsen zu lassen - Stichwort “replacement migration” - und setzen das in die Tat um. Zitat: “Beim internationalen Mathematik-Schülervergleich TIMSS 2015 erreichen nämlich 322 von 1.000 japanischen Kindern die allhöchste Leistungsgruppe (entspricht einem sehr gut). In Deutschland dagegen sind es nur 53 von 1000.” - Kein Wunder. Da im Zusammenhang mit “Gleichberechtigung” und “Inklusion” möglichst alle Kinder in Deutschland gleich gute Zensuren erhalten sollen, werden seit Jahren die schulischen Ansprüche abgesenkt. Das macht sich gerade auch im Mathematikunterricht bemerkbar.

Karla Kuhn / 06.09.2018

“Während Berlin durch den unruhigen Nachwuchs aus Afrika und Nahost gegen die Vergreisung besser aufgestellt ist als Japan, präferiert Tokio Kompetenz vor jugendlichem Sturm und Drang. Die übrigen alternden Nationen werden aufmerksam registrieren, wer langfristig besser fährt. ”  Für mich ist es eine große Milchmädchenrechnung, wenn durch die Politik verkündet wird, wir brauchen wegen der “Überalterung” dringend” Migration. Erstens geht Deutschland nicht unter, wenn weniger als 83 Millionen das Land bevölkern, im Gegenteil. Es würde von allen Seiten Geld gespart, die in gute und SINNVOLLE Ausbildungen gesteckt werden könnten. Wenn es kleinere Klassen gäbe, mehr Kita und Kiga Plätze, die Mieten bezahlbar wären,  wären sicher auch viel mehr Paare bereit mehr als ein Kind großzuziehen. Ich habe an meiner Tochter gesehen, die VIER Kinder großgezogen hat, WIE alleine die Kiga Gebühren zu Buche geschlagen haben, dann bei der Ganztagsschule die Essensgebühren. Voll arbeiten war gar nicht drinne, da der Wohnort ein Dorf war. Erst jetzt, wo die Kinder erwachsen sind ist das möglich. Wenn meine Tochter, die dem Staat Vier Renten und Steuerzahler ” geschenkt” hat auf ihren Rentenbescheid schaut, kommen ihr die Tränen. Nein, Deutschland wäre gut bedient, wenn es den japanischen Weg gehen würde. KOMPETENZ, GUTE AUSBILDUNG, egal ob Lehre oder Studium. Förderung der jungen Mensche auch im kulturellen Bereich und Rentnern ein Alter in WÜRDE sichern.  Dazu braucht es Politiker mit Spitzenkompetenz und Weitsicht. Wenn ich lese, daß AZUBIS teilweise Überstunden machen müssen und ihre Arbeit zu schwer sein soll, kann ich nur noch den Kopf schütteln. WIE sollen sie denn später mal ihren “Mann” stehen, wenn sie in der Jugend schon geschont werden ? “Lehrjahre sind keine Herrenjahre” so wurden ganze Generationen zu brauchbaren Menschen erzogen. Hat es geschadet ??

Fritz kolb / 06.09.2018

Viele Weber wurden arbeitslos, als die automatischen Webstühle erfunden wurden, viele Maschinenbauer, als in der Automobilindustrie Montageroboter eingesetzt wurden. Wieviele Bank- und Versicherungskaufleute werden aktuell wegen der rasanten IT-Entwicklungen noch arbeitslos werden? Im Jahr 2020 werden 42% der Arbeitnehmer über 50 Jahre alt sein und dabei den überwiegenden Anteil der Wertschöpfung durch abgabenpflichtige Arbeit erwirtschaften. 15% der Bundesbürger sind mit ihrer Arbeit einkommensteuerpflichtig, die übrigen 85% leben davon mit. Schätzungsweise 1,5 Millionen Migranten, Asylanten, Flüchtlinge, Geflüchtete pp. sind seit 2015 in unser Land gekommen, Steuerzahler sind im einstelligen Prozentbereich darunter. Gleichzeitig wissen alle, zumindest reden Sie an politischer Stelle sehr häufig davon, daß Digitalisierung notwendig ist, um den Anschluss an die Weltspitze zu halten. Was läge also näher, als den japanischen Weg zu gehen und Automatisierung von Arbeitsprozessen weiter und schneller zu fördern und damit den Wettlauf gegen die Entwicklung der Alterspyramide zu gewinnen? Stattdessen kostet die Digitalisierung der Bundesbehörden jetzt schon 3,5 so viel wie ursprünglich geplant und wird erst nach 7 Jahren fertiggestellt sein, so die Projektprognose. Und dazu dann schon wieder hoffnungslos veraltet sein. Ein Land, dessen wirtschaftlicher Erfolg für die Beigehaltung des hohen Lebensstandards zwingend ist, ist auf hohe Expertise, gerade im IT-Bereich, auf hochmotivierte und hochqualifizierte Arbeitnehmer angewiesen. Die deutsche, derzeit in der Welt einzigartig hohe Migration trägt dazu absolut nichts bei und führt im Gegenteil nur zu höherer Kostenbelastung, was zwangsläufig alle Budgets, auch die Budgets für Forschung und Entwicklung beeinträchtigt. Jeder Euro kann eben nur einmal ausgegeben werden. So ist das eben, wenn sich eine Regierung in einer ideologischen Ecke festgefahren hat und nicht willens ist, den Kurs zu korrigieren.

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