Homeoffice – da war doch was…

Vor 25 Jahren schrieb ich einen Artikel über „Telearbeitsplätze in der Landesverwaltung Baden-Württemberg: Bilanz eines gescheiterten Projekts“. Falls Sie mir nicht glauben: Hier ist der Beweis. Es handelte sich um einen Selbstversuch gemeinsam mit ein paar Kollegen. Bei dem Artikel hatte ich nicht bedacht, dass die Fachzeitschrift „Verwaltung und Management“ auch vom Rechnungshof gelesen wird. Und so musste das Innenministerium in Stuttgart plötzlich begründen, wieso es 90.000 D-Mark für ein Pilotprojekt in den Sand gesetzt hatte. Ich rechtfertigte das mit dem Satz, dass man seinem schlechten Geld nicht noch gutes hinterher werfen sollte. Und damit war die Sache erledigt. Dachte ich.

Doch noch während meiner aktiven Zeit änderte sich der Zeitgeist, und in meinem eigenen Referat bat mich eine Mitarbeiterin, ihre Arbeit an zwei Tagen in der Woche zu Hause erledigen zu dürfen. Leicht verblüfft stimmte ich natürlich zu. Mittlerweile wirbt das „Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg“ auf seiner Homepage ganz offiziell für „Telearbeit“ als Mittel zur „Flexibilisierung der Arbeitszeit“, um die „Zufriedenheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu steigern und dadurch die Qualität der Dienstleistungen zu verbessern“. In Zeiten von Corona nennt man das jetzt lediglich „Homeoffice“. Klingt offenbar für einige flotter als Telearbeit (zur Terminologie vgl. auch „Homeoffice“).

Moment mal! Hatten wir das nicht schon seit langem mit der „Heimarbeit“? Nicht ganz. Heimarbeit ist ein Terminus technicus nach dem Heimarbeitsgesetz vom 14.03.1951. Nach dessen § 2 Absatz 1 Satz ist Heimarbeiter nur, wer „im Auftrag von Gewerbetreibenden“ selbständig in selbstgewählter Arbeitsstätte (eigener Wohnung oder selbstgewählter Betriebsstätte) arbeitet. Damals ist übrigens niemand auf ein „Argument“ gekommen, das der arbeitsmarktpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Peter Weiß (CDU), jetzt gegen ein gesetzlich verankertes Recht auf „Homeoffice“ vorbringt: Laut „Welt“ vom 2. September 2020 soll er dagegen sein, „weil es die Gesellschaft spaltet zwischen jenen, die von ihrer Tätigkeit her gar kein Homeoffice machen können, und denen, die es sich leisten können.“ Ist das wirklich ernst gemeint?

„O sancta simplicitas!“

Vor zwei Jahren fragte ich auf der Achse unter dem Titel „Gespalten und ausgegrenzt“: „... kann man etwas spalten, das schon (mehrfach) gespalten ist: in Hell und Dunkel, in Arm und Reich, in Jung und Alt, in beschäftigt und arbeitslos, in Deutsche, Eingebürgerte und Ausländer, in Gebildete und ‚Bildungsferne‘, in Arrivierte und Abgehängte (Die ‚Welt‘ titelte unlängst im Wirtschaftsteil ‚Der Fortschritt spaltet die Gesellschaft‘), und in wer weiß wen oder was noch.“ „O sancta simplicitas!“ (O heilige Einfalt!), soll der böhmische „Reformator“ oder „Ketzer“ (ganz wie’s beliebt) Jan Hus auf dem Scheiterhaufen ausgerufen haben, als ein Bauer Holz herbeitrug.

Die Idee mit dem Homeoffice ist also keineswegs so neu wie sie klingt, hat sich aber lange Zeit nicht durchsetzen können. Wenn man allerdings ein bisschen näher hinschaut, kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. 1971 sagte der nordamerikanische Telekommunikationskonzern AT&T (damals eine reine Telefongesellschaft) voraus, dass 1990 alle Amerikaner (von „Spaltung“ war da keine Rede) zu Hause, also im „Homeoffice“, arbeiten würden. Sechs Jahre nach diesem prognostizierten Datum waren es erst 7,6 Millionen. 20 Jahre später, also 1991, als der Trend sich schon deutlicher abzeichnete, konstatierte das Telecommuting Research Institute: „Bis zum Jahr 2002 werden zwischen 5 und 10 Prozent aller Beschäftigten in den USA Telearbeiter sein“ (laut Manager Magazin 11/1995 S. 204). Dazwischen bewegte sich die amerikanische National Science Foundation: Sie rechnete zu einem nicht bekannten Zeitpunkt vor 1991 damit, „daß schon im Jahr 2000 vierzig Prozent der Beschäftigten Tele-Heimarbeiter sein werden“ (Konrad Seitz, Die japanisch-amerikanische Herausforderung, 1991, S. 22).

Und jetzt, unter der Fuchtel von Covid 19, lässt der Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Bloom von der Stanford University in einem Schnappschuss vom 29. Juni 2020 uns wissen, dass schier unglaubliche 42 Prozent der Erwerbstätigen in den USA im Homeoffice arbeiten (“We see an incredible 42 percent of the U.S. labor force now working from home full-time“). Bei 164,6 Millionen Erwerbstätigen (Beschäftigte und Arbeitslose) im Februar 2020 (vor Beginn der Corona-Pandemie) wären dies rund 70 Millionen Menschen. Bloom spricht deshalb von “a new working-from-home economy”; wegen der anderweitigen Belegung des Heimarbeitsbegriffs (s.o.) übersetzt man das besser mit „eine neue Home-office-Wirtschaft“, die gegenwärtig zwei Drittel der Wirtschaftsleistung der USA ausmacht (“now accounts for more than two-thirds of U.S. economic activity“).

"Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“

Dieser kleine Rückblick sagt ganz nebenbei auch einiges über die Zuverlässigkeit von Prognosen. Mein Gott, was ist nicht schon alles prognostiziert worden, so dass der Spötter Mark Twain spotten konnte: „Prognosen sind äußerst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen." Der Spötter könnte aber auch Kurt Tucholsky oder Winston Churchill geheißen haben.

Wenn man nicht so kleinlich urteilt und den Zeitrahmen etwas großzügiger zieht, sind wir heute in etwa da, wo uns die vom Europäischen Rat 12/1993 beauftragte „Gruppe von Persönlichkeiten zur Informationsgesellschaft“ schon vor 20 Jahren gesehen hat: Bis zum Jahr 2000 sollten nämlich 10 Millionen Telearbeitsplätze geschaffen werden und zwar für Unternehmen und öffentliche Verwaltungen (Europa und die globale Informationsgesellschaft – Empfehlungen für den Europäischen Rat 05/1994, sog. Bangemann-Bericht S. 25).

Allerdings findet irgendjemand immer ein Haar in der Suppe. So „entdeckten“ einige jetzt, was schon seit langem bekannt ist: „Erst jetzt, mit der Abwesenheit der direkten Auseinandersetzung mit den Kollegen, sei nämlich klar geworden, wozu das Büro besonders geeignet sei: für Austausch und Kommunikation. Und nicht als Standort eines liebgewonnenen und hart verteidigten Schreibtischs, an dem jeder vor sich hinarbeitet“ („Die Welt“ Druckausgabe vom 29. August 2020 S. 41). „Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, heißt es in dem Beitrag vielsagend: „Auf jede Prognose, die eine massenweise Rückkehr ins Büro vorhersagte, folgt eine andere, die uns bis in alle Ewigkeit am heimischen Arbeitsplatz festgenagelt sieht.“

Also ganz so, wie der Mann in einem jüdischen Witz auf die Frage antwortet, wie denn seine Frau im Bett sei: Manche sagen so und manche so. Oder, etwas „wissenschaftlicher“ ausgedrückt: „Ich würde zu alternierender Heimarbeit [s.o.] raten, um den persönlichen Kontakt mit dem Team aufrechtzuerhalten. Der Flurfunk, die informellen Gespräche, gemeinsame Kaffeepausen – all das ist für ein Teamgefüge sehr wichtig. Man sollte sich in regelmäßigen Abständen auch mal wieder persönlich treffen.“ Doch, man höre und staune: Schon 1997 lautete die Empfehlung in einem Artikel in der Fachzeitschrift „Office Management“ (Heft 3 S. 20 ff.): „Alternierende Telearbeit als Zukunftsmodell bewährt“! Es gilt eben die Feststellung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Daniela Ludwig: „Es gibt für alles eine Studie.“ (Vgl. auch Rainer Grell, Blüten der Pseudowissenschaft: „Studien belegen …“)

Vorsicht also, bevor wir den ehrwürdigen Aristoteles (384 v. Chr. bis 322 v. Chr.) als „Rassisten“ (Frauenverächter und Sklaverei-Befürworter) canceln. Hatte er nicht schon erkannt, dass der Mensch ein Gemeinschaftswesen, ein zoon politikon ist? „Homer ist der, wenn man trotzdem lacht“.

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Hjalmar Kreutzer / 06.09.2020

Als Arbeitgeber, der nur Büroarbeitsplätze zu vergeben hat, wäre ich absolut für Homeoffice. Da steht immer der vereinzelte Arbeitnehmer der Geschäftsleitung gegenüber ;-) Leider ist die Telemedizin noch nicht so weit, dass sich jeder Patient zu Hause sein Rektoskop selbst einführt und ich nur die digitalen Bilder beurteile ;-)

Timm Koppentrath / 06.09.2020

Es würde erheblich Druck von den Straßen und vom Wohnungsmarkt nehmen und zwar zum Vorteil von denen die HO machen und auch für die, die es nicht machen können. Die ganzen Kontrollfreaks und Leute, die das Büro zur Ausübung von Macht und als Sozialleben-Ersatz brauchen, werden jetzt Lügen gestraft wie gut es funktioniert . Ein E-Bike ist auch ein alter Hut, ca. 100 Jahre, aber in einer Gesellschaft, in der es zwischen „alternativlosen“ Radikallösung und Änderungsverweigerung nichts gibt, tut sich eben schwer….

Bernd Ackermann / 06.09.2020

“Erst jetzt, mit der Abwesenheit der direkten Auseinandersetzung mit den Kollegen, sei nämlich klar geworden, wozu das Büro besonders geeignet sei: für Austausch und Kommunikation.” - am Arsch Austausch und Kommunikation. Wer so etwas behauptet hat noch nie mit 60 anderen Menschen im Höllenloch genannt “Großraumbüro” schuften müssen. Ja, wenn ich das Gejammere des einen Kollegen über seinen eingewachsenen Zehennagel, die Flatulenzen des anderen, das zwangsweise Mithören jedes (Telefon-) Gesprächs, die Gerüche der mitgebrachten Leckereien, 10 Stunden Lärm und Unruhe, was dazu führt das jeder mit schallunterdrückendem Kopfhörer am Schreibtisch sitzt, als Austausch und Kommunikation betrachte, mag das stimmen. Die Verfechter dieser Philosophie sitzen selbstverständlich im eigenen Büro hinter geschlossener Tür, Wasser predigen und Wein saufen, einmal mehr. Homeoffice - yeah!

Thomas Gemander / 06.09.2020

Ich finde HomOffice perfekt!! Warum? Es gibt eben keinen Flurfunk, stundenlange informelle Gespräche über alle möglichen Themen nur nicht die Arbeit, keine Privilegien in denen die Büros vererbt werden. Zu Hause ist jeder gezwungen SEINE Arbeit zu machen! Im Softwarebereich seid Jahren Standard, Entwicklerteams die um die Welt verstreut, alle an einem Projekt arbeiten. Man(n) Frau kennt sich höchstens vom Videochat. Und ganz im Sinne von Hayeck sollten wir es einfach dem freien Markt überlassen, ob sich Heimarbeit und in welchem Umfang auch immer durchsetzt.

Karla Kuhn / 06.09.2020

Homeoffice ist für mich die PURE Verarsche. Der Arbeitgeber spart generell alles, die Mitarbeiterin latscht wahrscheinlich zu Hause in Schlapperhosen rum,  die Kinder nerven und der “Olle” macht sich gleich wieder vom Acker wenn er von Arbeit nach Hause kommt und das Chaos sieht. Früher hieß das mal ordinär HEIMARBEIT” war ausbeuterisch bis auf die Knochen und wurden zu RECHT verteufelt.  Komischerweise betrifft das verschleierte Wort HOMEOFFICE in der Mehrheit doch nur Frauen, wollen die ARBEITGEBER sich auf diese Weise ihre weiblichen Mitarbeiter vom Halse schaffen ?? WO BLEIBT DER AUFSCHREI der Feministinnen, der SCHWARZROTLINKSGRÜNEN Einheitspartei ?? WO DIE GEWERKSCHAFTEN, die doch sonst auch immer mitmischen ?? Leben wir in einem totalen Heuchelstaat ?? Wie gesagt, wir BRAUCHEN ENDLICH ECHTE EXPERTEN AM RUDER !!  Damit es wieder heißt, Kompetenz zieht Kompetenz an und NICHT wie M. Friedrichs sagt,  Inkompetenz zieht Inkompetenz an !

Rudi Knoth / 06.09.2020

Wenn man bedenkt, daß “Heimarbeit” früher eigentlich keinen guten Ruf hatte (“Die Weber” waren Heimarbeiter), so ist es schon erstaunlich, daß “Home-Office” so propagiert wird. Ich denke, daß sowieso nicht alle Tätigkeiten auf “Heimarbeit” verlegt werden können. Selbst die Softwareentwicklung brauch bei größeren Projekten (vor allem zeitlich) die Kommunikation zwischen den Leuten. Und dann gibt es noch eine Menge Tätigkeiten, die “vor Ort” ausgeübt werden müssen.

Hans Reinhardt / 06.09.2020

Warum können wir nicht einfach “zu Hause arbeiten”? Engländer tun das ja auch, aber wenn sie sich ins “home office” begibt, haben sie vermutlich einen Termin im Innenministerium. Noch Fragen?

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