Thomas Rietzschel / 16.06.2017 / 06:25 / Foto: Moses / 8 / Seite ausdrucken

Frank-Walter der Erste zeigt sich dem staunenden Volke

Anfang der Woche besuchte Frank-Walter Steinmeier, derzeit beschäftigt als Deutscher Bundespräsident, die Kur- und Landeshauptstadt Wiesbaden. Die FAZ widmete dem Ereignis die Titelseite ihrer Rhein-Main-Zeitung. Ein vierspaltiges Foto mit der Unterschrift: „Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender (links) zeigen sich vor der Staatskanzlei zusammen mit Ministerpräsident Volker Bouffier und dessen Frau Ursula (rechts) den Bürgern der Landeshauptstadt.“

Wort für Wort Urton FAZ. Nichts, das ich mir ausgedacht hätte, um unserem Spott-geneigten Affen Zucker zu geben; kein abgewandeltes Zitat aus Heinrich Manns Roman „Der Untertan“, sondern deutscher Qualitätsjournalismus anno 2017, am 13. Juni.

Wir sehen die Majestäten, flankiert von ihren Prinzessinnen und eingerahmt von einer weiß uniformierten Garde. Anführer einer höfischen Demokratie, wie sie sich huldvoll lächelnd dem Volke „zeigen“. Allerdings sollen es anfangs nur „50 Schaulustige“ und später vor dem Rathaus, beim zweiten Winke-Winke, 200 gewesen sein, die sich drängten, „um einen Blick auf das neue Staatsoberhaupt zu erhaschen“.

Alles in allem also nicht ganz so viele wie seinerzeit, da Diederich Heßling, die Romanfigur Heinrich Manns, wie von Sinnen war, als sein Kaiser so nahe an ihm vorbeiritt, dass sie einander für eine Mini-Sekunde in die Augen schauen konnten. Zu solchen Szenen kann es heute nicht mehr kommen. Die neuen Herren sind nicht so gut zu Pferde. Sonst aber beherrschen sie das Zeremoniell aus dem Effeff. Auf einem zweiten Bild im Inneren der Zeitung, ebenfalls vierspaltig gedruckt, sieht man, wie sich Frank-Walter Steinmeier in das Goldene Buch der Stadt Wiesbaden einträgt, in einen dicken Wälzer, in dem sich vorzeiten Kaiser Wilhelm als erster verewigte.

Der Anblick der Majestät als solcher muss genügen

Auch das hat die FAZ protokollarisch korrekt vermeldet. Die „Königshausexperten“ der BUNTEN hätten es nicht besser machen können. Mehr, als dass er sich mit seiner Politikerfrau sehen ließ wie die Fußballer mit ihren „Spielerfrauen“, ist über den neuen Bundespräsidenten nicht zu vermelden. Der Anblick der Majestät als solcher muss genügen.

Die Rolle prägt den Mann, so wie sie den Blick der Journalisten zusehends trübt. Kein Gedanke länger daran, dass auch der Bundespräsident lediglich ein Angestellter der Bürger ist, ein Posten auf der Lohnliste des Steuerzahlers. Wer ihn und seinesgleichen so hofiert, wie es in der höfischen Demokratie üblich geworden ist, sollte sich aber auch nicht wundern, wenn wir von Hoheiten regiert und vertreten werden, die es als ihre Aufgabe ansehen, den Bürger als Untertan bei der Hand zu nehmen, als einen, der sich glücklich schätzen darf, wenn er ein freundliches, nachsichtiges oder gnädiges Lächeln einfängt.

Dass aus der Menge, der sie sich huldvoll „zeigen“, plötzlich ein Kind mit dem Finger auf sie weisen und rufen könnte, der Kaiser ist doch nackt, steht dann schon wieder auf einem anderen Blatt. In Wiesbaden jedenfalls herrschte diese Woche noch eitel Sonnenschein. Dank der FAZ dafür, dass sie uns daran teilhaben ließ. 

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Leserpost

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Gerrit Schwedler / 16.06.2017

Vielleicht kommt er mal im Norden vorbei auf Besuch bei seinen Untertanen. Der überfällige Neubau des Flensburger Bahnhofs könnte dann von mir aus “Frank-Walter-Bahnhof” heißen. Und was ist mit Kriegsanleihen? Gibt es da mehr als 0,0 %?

Hein Tiede / 16.06.2017

Dieser Bundespräsident hat im Gegensatz zu Gauck in vorpräsidialen Zeiten nie eine gute Rede gehalten. Er wird das Land noch mehr spalten als es ohnehin schon ist. Außenpolitisch hat er mit seiner Klassifizierung Trumps als “Hassprediger” ohnehin den Bereich des außenpolitisch Tragbaren verlassen.

Wolfgang Schmid / 16.06.2017

Die FAZ war mal eine gute Zeitung….

Sepp Kneip / 16.06.2017

Danke, Herr Rietzschel. Das royale Gehabe unserer Polit-Nomenklatura widert einen in der Tat an. Was ist der Bürger eigentlich für diese “Diener des Volkes”, was sie eigentlich sein sollten und die von diesem Volk gewählt wurden? Sie sind lästiges Beiwerk für die, die dieses Volk “regieren”. Was heißt regieren? Die dieses Volk als Manövriermasse für ihre Machtspielchen benutzen. Die dieses Volk manipulieren und dafür eine “freie” Presse missbrauchen.  Allerdings lassen sich diese “freien” Medien auch allzu gerne missbrauchen und sonnen sich im Glanze der Macht. Und der Bürger? Er bekommt immer mal wieder einige Häppchen zu geworfen und wählt dann erneut die, die ihn verachten und entmündigen. Wir durchleben derzeit die schwärzeste Periode der Nachkriegszeit und der Bürger merkt es nicht, weil er desinformiert ist.

Annette Schollek / 16.06.2017

Intelligent, humorvoll und mit spitzer Feder auf den Punkt gebracht. Tröstlich, dass es Journalisten wie hier gibt, die klug und ohne Beleidigungen unseren Blick auf die Politiker hinterfragen.  Vielen Dank für Ihre Arbeit

Wilfried Cremer / 16.06.2017

Mit Wiesbaden das passt. Die Bundespräsidentschaft ist der Kurort unter den Staatsämtern. Und unser Neuer gibt den Kurdirektor formvollendet.

Thomas Schlosser / 16.06.2017

Diese Art der servilen Hofberichterstattung passt doch, in das postdemokratische Zeitalter, auf das wir uns gerade mit rasantem Tempo zubewegen. Die ehemals freie, unabhängige und kritische Presse kauert zu Füßen der Parteien und Politiker, die sich unser Land und unseren Staat zur Beute gemacht haben. Medien und Politik sitzen in einem Boot, während die Bevölkerung im steigenden Wasser sehen kann, wie sie mit den Folgen dieser unheiligen Allianz fertig wird.

Frank Holdergrün / 16.06.2017

Was das Volk wirklich von ihm hält, zeigte sich bei seinen vernichtenden Wahlergebnissen 2009. Je weniger die Basis-Legitimation gegeben ist, umso stärker versinken solche Leute im Monarchentum und umgeben sich gerne mit höfischen Schreiberlingen in der Gotttesgnadenpresse. Dazu passt auch die Meldung aus dem Präsidialamt, dass der Personalrat zurückgetreten ist, weil Frank Walter an diesem Gremium vorbei zu viele Günstlinge ins höfische Zeremoniell gebracht hat. Mitbestimmung bei Monarchen: Fehlanzeige.

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