Wolfram Ackner / 21.09.2016 / 14:00 / 8 / Seite ausdrucken

Entschuldigen, aber richtig: Angie mach den Tiger!

Liebe Frau Merkel, ich möchte mich bei Ihnen als Spindoctor bewerben, weil Sie offensichtlich schlecht beraten werden und weil Sie stilistisch in Ihrer Tonalität und Mimik selbst nach 26 Jahren immer noch im tiefsten Osten verwurzelt sind. 

Sicher, das Land ist wegen Ihrer Flüchtlingspolitik in Aufruhr, die Sicherheitsexperten schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, die Wähler gehen ihrer Partei in Divisionsstärke von der Stange und von den Kosten will ich jetzt lieber erst gar nicht anfangen zu reden. Rein theoretisch war Ihr 'mea culpa', Ihr 'ich-habe-verstanden-Signal' an das Volk keine schlechte Idee. Aber die Umsetzung! Ach du meine Güte! Wer hat Sie da beraten?

Sie wirkten wie eine bockige FDJlerin, die gezwungen wird, in der Aula der POS Ernst-Thälmann vor dem eigens zu diesem Zweck versammelten Kollektiv auf die Bühne zu treten und einen 'selbstkritischen Vortrag' zu halten. Die maulig, genervt, widerwillig ihren erzwungene Selbstkritik ins Mikro knödelt und eigentlich nichts anderes sagt als: "Ich halte euch für total bescheuert!"

Liebe Frau Merkel, Sie müssen wirklich dringend diesen FDJ-Stallgeruch loswerden. Selbst die Methode der englischen Königin - niemals erklären, niemals entschuldigen, niemals beschweren - wäre besser gewesen als den Bürgern zu erzählen, Sie hätten Fehler gemacht, aber eigentlich lagen Sie richtig, würden es genauso wieder tun, der Bürger hat ja eh keine Ahnung, ist für Fakten nicht empfänglich und ihre Maßnahmen müssen einfach nur besser erklärt werden. Nein, nein, und nochmals nein, mit dieser Rede haben Sie schon wieder ein paar tausend Stimmen mehr vom CDU-Konto auf das der AfD umgebucht.

Wenn ich Ihr Spindoctor gewesen wäre, hätte ich Ihnen den Tipp gegeben, sich anzuschauen, wie in der Führungsmacht des Westens, den USA, ein 'mea culpa', ein 'ich-habe-verstanden' der abgestürzten Superhelden aussieht. Ich hätte Ihnen das Video der Pressekonferenz von Tiger Woods gezeigt. Eine großartige Inszenierung. Schauen Sie sich die Mimik von Tiger Woods an, diese glaubhafte Reue, dieser Schmerz, der ihm immer wieder die Stimme abschnürt. Diese tiefe Einsicht und der unerschütterliche Wille, sich zu ändern.  DAS! ist ein 'ich-habe-verstanden', nicht Ihr 'selbstkritischer Vortrag' im FDJ-Kostüm. Wissen Sie was, wir üben das jetzt einfach, hier Ihre adaptierte Rede. Drei, zwei, eins, Kamera läuft! 

"Viele von Ihnen hier in diesem Raum sind meine Freunde. Viele von Ihnen hier in diesem Raum kennen mich. Viele von Ihnen haben mir zugejubelt, mich unterstützt, für mich gearbeitet, und jetzt hat jeder von Ihnen alles Recht der Welt, sehr kritisch über mich zu denken. 

Ich möchte Ihnen sagen, einfach und direkt, das mir mein unverantwortliches Verhalten leid tut. Ich weiß, dass die Bürger dieses Landes wissen wollen, wie es dazu kam, dass ich, der ich in meinem Amtseid schwor, Schaden von Deutschland und seinen Bürgern abzuwenden, Sie über Monate großen, unkalkulierbaren Risiken aussetzte und diesem unseren Land möglicherweise irreparablen Schaden zufügte.

Ich habe zusammen mit meinem Kabinett und meiner Partei angefangen, in langen schmerzhaften Diskussionen den Schaden zu analysieren, der durch mein unverantwortliches Verhalten entstanden ist, und, wie meine Partei betonte, meine wahre Entschuldigung ihr und dem Land gegenüber wird nicht in Form von Worten kommen können. Die wahre Entschuldigung wird kommen müssen in Form meines handeln während der nächsten Monate und Jahre. 

Ich bin mir über die Schmerzen bewusst, die ich Ihnen allen zugefügt habe. Ich habe Sie alle hängen lassen. Für viele Fans, viele Parteifreunde war mein Verhalten eine persönliche Enttäuschung. Für diejenigen, die für mich arbeiten, war mein Verhalten eine persönliche und professionelle Zumutung. Bei unseren europäischen Freunden hat mein Verhalten große Besorgnis ausgelöst. Mein Handeln hat die Risse in der europäischen Union zu tiefen Gräben aufreißen lassen. Ich habe Sie alle in diesem Land ins grübeln gebracht, wer ich eigentlich bin und wieso ich dermaßen irrationale Entscheidungen treffen konnte und ich bin so fürchterlich beschämt, dass ich Sie in diese Lage brachte. 

Ich weiß, meine Handlungen waren falsch. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich unglaublich hart gearbeitet hatte, um dort zu stehen, wo ich heute bin, und ich dachte, dies und die erreichte Position berechtigen mich, mich über das Gesetz zu stellen. Sie berechtigen mich, zu vergessen, dass Sie alle, der Souverän, mich dafür gewählt haben und mich dafür bezahlen, der erste Diener des Staates zu sein und für Ihre Interessen zu kämpfen, anstatt auf Ihre Kosten meinen Heiligenschein polieren zu wollen.

Ich lag daneben, ich war ein Idiot. Dieselben Gesetze, die für alle gelten, gelten auch für mich. Ich habe Schande über mich gebracht, ich habe Sie alle tief verletzt. 

Ich verstehe, dass die Menschen dieses Landes jetzt Fragen an mich haben, ich verstehe, dass sich die Presse für die Details meines Versagens interessiert, ich werde mich dem stellen. Ich weiß, dass ich mich ändern muss. Ich weiß, dass ich es meinem Land schulde, eine bessere Kanzlerin zu werden, und ich werde Hilfe annehmen, weil ich gelernt und verstanden habe, dass dies der Weg ist, wie sich Menschen ändern. Zu guter Letzt möchte ich eines sagen. Viele, sehr viele von Ihnen, glaubten an mich. Ich möchte Sie alle auf Knien um etwas bitten - geben Sie mir eine Chance, eines Tages durch mein Verhalten Ihr Vertrauen zurückerobern zu dürfen. 

Ich danke Ihnen!"

Phantastisch, Frau Merkel, ich verneige mich zutiefst! Das war einfach nur großartig!

Was sagen Sie? Das nehmen Ihnen die Leute niemals ab? Meine Güte, natürlich nicht! Genauso, wie die Leute wissen, dass Tiger Woods so wie immer den erstbesten Hintern knallt, der ihm aufreizend wackelnd über den Weg läuft, genauso weiß das Volk natürlich auch, dass sie auch in Zukunft dieselbe störrische, beratungsresistente Person bleiben, zu der Sie im Laufe der Jahre geworden sind. Darum geht es doch überhaupt nicht! 

Es geht darum, dass das Volk bei dem fürstlichen Gehalt, dass es Ihnen zahlt, einfach denkt, einen Anspruch darauf zu haben, nicht wie komplette Idioten behandelt zu werden und dass die Leute denken, einen Anspruch darauf zu haben, dass Sie sich beim Reue und Einsicht heucheln zumindest so ein klitzekleines bißchen anstrengen.

Ist das wirklich zu viel verlangt?? 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Johannes Fritz / 22.09.2016

Guter Text, es stellt sich mir weiterhin jetzt dann doch die Frage: Wie geht das erst unter einem Sigmar Gabriel zu?

Magdalena Schubert / 22.09.2016

Ein sehr guter Artikel von Wolfram Ackner und ein ebenso guter Kommentar von Frank Wolbert! Herzlichen Dank

Axel Ziegler / 22.09.2016

Warum so viele Worte? Drei Worte hätten als Entschuldigung gereicht: Ich trete zurück!

Lars Bäcker / 21.09.2016

Der wesentliche Unterschied zwischen Merkel und Woods ist nur der, dass Letzterer allenfalls sich selbst geschadet hat. Bei Merkel sieht das schon ganz anders aus.

Beatrice Mayer / 21.09.2016

Wunderbar. Wenn man je einen Text der Kanzlerin zukommen lassen müsste, dann diesen. Allerdings: würde sie ihn verstehen?

Petra Maria Burkhardt / 21.09.2016

Hervorragend!!

Frank Wolbert / 21.09.2016

Also mir hätte schon folgendes gereicht: “Ich habe mir im Urlaub in den Tiroler Alpen mal ein paar Gedanken gemacht. Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass meine Entscheidungen aus heutiger Sicht nicht mehr zu vertreten sind. Deshalb ziehen wir ab sofort die Notbremse und ändern die Politik dahingehend, dass wir alle Gesetze und Abkommen wieder achten. Außerdem kündigen wir das Abkommen mit Sultan Erdogan und verwenden die Gelder für eine Grenzsicherung nach Australischem Vorbild. Dazu werden wir zwei Griechische Inseln als Destination erwerben und Griechenland dafür einen wesentlichen Teil der Schulden erlassen. Diese Inseln werden mit EU Geldern und Manpower auf neuestem technischen Stand, zur Überprüfung des Asylrechtes und Erteilung der Einreiseerlaubnis ausgerüstet und nur tatsächlich von Krieg verfolgte Menschen erhalten dann ein begrenztes Aufenthaltsrecht in der EU. Alle anderen werden sicher auf Schiffen an die Küste Afrikas zurück gebracht. Für alle Wirtschaftsimmigranten schaffen wir ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild. Den USA, die einen Großteil der Schuld an den jetzigen Verhältnissen haben werden wir nahe legen, dass sie auch einen Großteil der Folgen zu tragen haben. Ansonsten werden TTIP und Strafzahlungen deutscher Firmen nicht mehr akzeptiert und wir werden uns mehr an Russland annähern. Wie zu vernehmen ist, besteht in den USA eine große Angst, dass es zu einer engeren Zusammenarbeit Zwischen D und RUS kommt.” “Georg Friedman ist der Chef von STRATFOR (Strategic Forecasting, Inc) ist mit folgendem Satz zu zitieren «Die größte Urangst der Vereinigten Staaten ist die Kombination aus deutschem Kapital und den Technologien mit russischen Rohstoffen und der Arbeitskraft»” Zum Schluss folgt dann noch eine kleine Entschuldigung: ” Es tut mir Leid, dass in unserem Land in den letzten Monaten, durch nicht koordinierte und vorschnelle Entscheidungen, ein Klima von Angst und Wut erzeugt wurde. Ich verspreche, dass ich ab sofort das Wohl der einheimischen Bevölkerung, Europas und künftiger Generationen als absolute Priorität betrachte, wozu mein Amtseid mich auch entsprechend verpflichtet. Wir werden wirklichen Schutzsuchenden weiterhin ein Obdach, im Rahmen unserer jetzigen Leistungsfähigkeit und Kapazitäten, für die Zeit des Krieges in ihren Ländern gewähren, werden aber nicht die eigenen sozial Bedürftigen dahinter zurückstellen, sondern eine Initiative starten um Kinderarmut und soziale Schieflagen, wie zum Beispiel von Alleinerziehenden, zu lindern. Die Beurteilung unserer Kapazitäten, orientiert sich dabei nicht an den freiwilligen Leistungen Ehrenamtlicher Helfer, sondern an den staatlichen Mitarbeitern und Mitarbeitern von Organisationen (Rotes Kreuz, Caritas u.s.w.).  Ehrenamtliche Helfer können hier lediglich eine Rolle spielen, jedoch nicht die Hauptlast tragen.” “Unser gesamtes Regierungshandeln wird ab sofort darauf ausgerichtet sein. So und jetzt habt mich wieder lieb. Eure Angela.” Das hätte mir schon gereicht!

Peter Helling / 21.09.2016

Grossartig! Einer der besten Texte seit ich achgut regelmäßig lese. Vielen Dank.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Wolfram Ackner / 09.05.2019 / 12:30 / 85

Neue Nationalhymne: „Schni schna schnappi, überschnappi schnapp!“

Wie heute morgen alle Medien unisono verkünden, hat sich Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow für eine neue Nationalhymne ausgesprochen, weil er „das Bild der Naziaufmärsche von…/ mehr

Wolfram Ackner / 20.01.2019 / 06:00 / 12

Interview im Weltraum

Von Claas R. (mit Hilfe von Wolfram Ackner) „Kosmopolit“ – das wollten die meisten Heranwachsenden in jenem kleinen bayrischen Bergdorf sein, in welchem ich zusammen mit meinen…/ mehr

Wolfram Ackner / 14.04.2018 / 12:00 / 11

Nazi-Hobbits in der kritischen Ferndiagnose

Seit Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab” und Birgit Kelles Buch „Gendergaga“ gibt es eine neue Gattung in der Literaturkritik. Nennen wir sie „die kritische…/ mehr

Wolfram Ackner / 19.03.2018 / 06:28 / 85

Wolfram Ackner, Schweißer, an Durs Grünbein, Dichter

Manchmal reibe ich mir verblüfft die Augen. Durs Grünbein sagte in der Süddeutschen Zeitung, dass „dieselben Leute, die in die Sozialsysteme des Westens eingewandert seien…/ mehr

Wolfram Ackner / 19.02.2018 / 12:00 / 3

Besuch im KiKa-Kummerkasten

Reichsapfel und Zepter sind nach wie vor Insignien der Macht. Zumindest in „der kleinsten Einheit des Faschismus“ – wie hierzulande die (offensichtlich ausschließlich biodeutsche) Kernfamilie…/ mehr

Wolfram Ackner / 06.02.2018 / 06:29 / 40

Ich Proletarier, Schreck der SPD

Es gibt Tage, da erschrecke ich vor mir selbst. Was um alles in der Welt ist nur passiert, dass ich – der in einem linkem…/ mehr

Wolfram Ackner / 31.12.2017 / 06:20 / 8

Mit John Nadas Sonnenbrille ins neue Jahr

Irgendwie ist der Jahreswechsel immer die Hoch-Zeit der Zukunftsforscher. Schon 1908 erschien eine erste Aufsatzsammlung der Futurologen, „Die Welt in 100 Jahren“, und auch heute…/ mehr

Wolfram Ackner / 11.11.2017 / 06:20 / 34

Meint ihr, ihr habt es uns nicht gut genug erklärt?

Eine WELT-Online-Schlagzeile vom 03.11.17 lautete: „CDU will Jamaika mit Identitätsverweigerung retten“. CDU-Identität – was soll das sein? Ich kann schon lange nicht mehr etwas Derartiges…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com