Peter Grimm / 12.12.2017 / 12:06 / 10 / Seite ausdrucken

Empörungs-Routine: Sind Juden jetzt Fremde?

Sollte man nicht seit Dienstagmorgen wieder etwas beruhigter sein? Der Judenhass auf den Demonstrationen, auf denen auch israelische Fahnen brannten, führt nun in Politik und Medien doch zu angemessener Empörung. Dass sie zum Teil von Islamverbänden angemeldet wurden, die zu den Verhandlungspartnern der deutschen Bundesregierung in der Deutschen Islamkonferenz zählen, kommt zwar nicht zur Sprache, aber immerhin wird ja offenbar das Problem erkannt. Oder nicht? Liegt es nun an der eigenen Filterblase, wenn man heutzutage noch größere Zweifel an der Belastbarkeit der Schwüre bekommt, auch diesen Antisemitismus zu bekämpfen?

Vielleicht, denn beispielsweise hat ein Leitmedium wie bild.de gleich eine Reihe prominent platzierter Artikel und Kommentare zum Thema gebracht. Dort konnte, wer sich nicht durch die Medienlandschaft klicken mochte, auch nachlesen, wie verschiedene deutsche Chefredakteure auf das Fahnenverbrennen und die judenfeindlichen Sprechchöre der zumeist arabischen und türkischen Demonstranten reagiert haben. Dass sie unisono ein solches Verhalten verurteilen würden, war selbstverständlich, aber es gibt ein paar interessante Unterschiede. Vom Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt kommt etwas Selbstkritik:

„Zu lange haben wir in Deutschland diesen ekelhaften Tabubrüchen mit falscher Toleranz zugesehen und nicht gemerkt, dass sich in vielen muslimisch geprägten Familien und Kiezen eine aggressive Stimmung gegen Israel, aber auch gegen Juden in Deutschland herausgebildet hat.“

"Kein Anlass für gesonderte Berichterstattung"

Der RTL-Kollege Michael Wulf gibt sich hingegen eher professionell distanziert:

„Wir behandeln das Thema nachrichtlich, berichten darüber in eigenen MAZen im Rahmen unserer Newssendungen. Einen Anlass für eine gesonderte Berichterstattung sehen wir derzeit nicht.“

Jörg Quoos von der Funke Mediengruppe ist ganz ausgewogen:

„Dabei gilt es jedoch auch abzuwägen, inwiefern man durch Berichterstattung eventuell dabei hilft, antisemitische Botschaften zu verbreiten.“

Wirklich bemerkenswert ist allerdings das Statement von Ulrich Becker von der Südwest-Presse:

„Es kann und darf keinen Platz für Antisemitismus in Deutschland geben. Deshalb berichten wir darüber, wenn Symbole des israelischen Staates, wie vor wenigen Monaten geschehen die Ulmer Synagoge, mehrfach von einem Unbekannten beschädigt wird. Solche Aktionen sind nicht hinnehmbar.“

Davidsterne an einer Synagoge sind also Symbole des israelischen Staates? Interessant, dass die journalistische Allgemeinbildung selbst in höheren Redaktionsetagen offenbar nicht mehr dazu ausreicht, den Unterschied zwischen einem jüdischen Gotteshaus und einer israelischen Vertretung zu erkennen. Oder ist das nur der Ausdruck einer sehr weit gefassten Interpretation des Begriffs „Israelkritik“?

Das dünne Eis der allfälligen Bekenntnisse

Es böte sich jetzt Anlass zu weiterer Polemik, aber darum geht es nicht. Eher darum, dass das Eis der allfälligen Bekenntnisse, sich gegen Antisemitismus einzusetzen, vielerorts doch recht dünn ist.

Auch die Reaktion der Bundeskanzlerin auf brennende Davidsterne in Berlin, angezündet von arabischen oder türkischen Zuwanderern, spricht Bände in nur einem Satz: „Wir wenden uns gegen alle Formen von Antisemitismus und Fremdenhass“. Ist das jetzt ein Ausdruck staatsfraulicher Neutralität, um nicht nur einheimische Juden vor den Feindseligkeiten von Immigranten in Schutz zu nehmen, sondern auch Letztere vor den Reaktionen der Einheimischen? Oder zählen die Juden auch zu den Fremden?

Wo ist der „Fremdenhass“ im Zusammenhang mit dem öffentlichen Verbrennen von Davidsternen? Ist damit die Reaktion etlicher Deutscher gemeint, die sagen, dass radikale Muslime, die ihren Judenhass gern in größeren Gruppen auf öffentlichen Plätzen herausschreien wollen, besser in Gaza aufgehoben sind, als in der Nachbarschaft?

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Ulrich Drübbisch / 12.12.2017

Sehr geehrter Herr Grimm, Ihr Titel liess mich aufschrecken und veranlsst mich (Bj1958) aus meiner Schule zu erzählen: Wir haben natürlich auch Geschichte gelehrt bekommen. Auch über Juden. Gelernt hatte ich, dass Juden aus dem Orient kamen und in Gettos/Judenviertel lebten. Dass Juden in Wirlichkeit seit dem römischen Reich in Europa lebten, eingebürgert waren und damit in Wirklichkeit unsere eigenen Landsleute, habe ich erst erfahren, als ich mich vor 15 Jahren privat mit deutscher Geschichte beschäftigte und auch von der Aufklärung und der Haskala erfuhr. Kurzum: auch in der mittl.Reife der 70er wurde noch vermittelt, dass Juden Fremde und keine eigenen Landsleute waren.  Ihr Titel müsste also heissen: Sind Juden jetzt heute wieder Fremde? Ihre abschliessende Anmerkung über Fremdenhass spricht hierbei Bände….gut geschrieben! Wohlgemerkt 2017…72 Jahre nach dem Holocaust.

Lars Bäcker / 12.12.2017

Bei den Eliten herrscht eine beklemmende Mischung aus geschichtlicher/kultureller Unkenntnis, was das Judentum und Israel angeht, und einer Feigheit, die ihresgleichen sucht. Zeichen für Antisemitismus gibt und gab es schon immer. Dass erst Fahnen brennen müssen, damit sich Frau Merkel gemüßigt sieht, erst ihren (pardon) „Innenminister“ vorzuschicken, um sich dann selbst mit einer lauwarmen (beschämenden) Aussage an die Öffentlichkeit zu trauen, spricht Bände. Schade nur, dass die alltäglichen körperlichen wie verbalen Angriffe, denen sich Juden hierzulande wieder vermehrt aussetzen müssen, nicht so öffentlichkeitswirksam ins Bild gesetzt werden können, wie eine brennende Fahne. Die ist letztlich nur in Zeichen dafür, dass Antisemitismus wieder zum ganz normalen Alltagsbild in Deutschland gehört, ohne dass sich die Mitverantwortlichen darum groß scheren.

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