Wolfram Weimer / 12.09.2018 / 15:00 / Foto: Reto Klar / 33 / Seite ausdrucken

​​​​​​​Die vier großen Verlierer von Chemnitz

Das Video ist 19 Sekunden kurz. Es zeigt jemanden, der auf einer Chemnitzer Straße einem anderen für vier Sekunden aggressiv hinterherrennt und ihm nachruft “Ihr Kanaken seid hier nicht willkommen!” Ausgerechnet dieses wacklige Handy-Video einer dubiosen Quelle löst einen politischen Skandal des Jahres aus, weil zahlreiche Medien und Politiker bis hin ins Kanzleramt just darin den Beleg für rechtsradikale Pogrome in Chemnitz sehen. Andere, wie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, verneinen das vehement, woraufhin scharfe Debatten um die Deutungshoheit der Ereignisse entbrannt sind.

Die politische und mediale Wucht des Handy-Videos ist verblüffend, denn bislang bleibt die Quelle ungeprüft und im Dunkeln. Als Absender firmiert eine anonyme Twitter- und Facebook-Gruppe namens “Antifa Zeckenbiss”. Deren Betreiber agieren aus dem Untergrund und haben sich – trotz ihres enormen politischen Erfolges – bis heute nicht enttarnt. Kein Impressum, keine Namen, keine Informationen, ob “Antifa Zeckenbiss” eine Einzelperson, eine Gruppe, eine Partei, ein Geheimdienst ist.

Das Logo ähnelt dem Wappen der SED, nur dass sich statt der sozialistischen Bruderhände zwei Laptops kreuzen. Wer “Antifa Zeckenbiss” finanziert und wo die Videos wirklich herstammen, erfährt niemand. Dafür veröffentlicht die Truppe über Facebook eine “Pressemeldung” mit der Botschaft: “Hiermit verwahren wir uns gegen den Vorwurf, dass dieses Video eine Fälschung ist … Dieses Video ist ein Netzfund, es wurde von uns am 26.8.2018 in einer patriotischen Gruppe gefunden.” Das Chemnitz-Video stammt also angeblich aus rechtsradikalen Kreisen und wurde von Linksradikalen gepostet – die Quelle könnte kaum trüber sein.

Der propagandistische Erfolg von „Antifa Zeckenbiss“

Der Titel des Videos lautet “Menschenjagd in #Chemnitz Nazi-Hools sind heute zu allem fähig”. Obwohl das Video eine Hetzjagd nicht wirklich zeigt und man nicht weiß, was dem offensichtlichen Streit der Männer vorausgegangen war, ist die Antifa-Zeckenbiss-Vokabel von der Menschen- und Hetzjagd sofort millionenfach medial weiterverbreitet und selbst vom Regierungssprecher übernommen worden. Der propagandistische Erfolg von “Antifa Zeckenbiss” könnte größer kaum sein.

Die Ereignisse in Chemnitz hinterlassen neben einem Toten und mehreren Verletzten auch eine durch das Video verwundete Debatte und vier politische Verlierer:

1. Verlierer Deutschland. Die fortwährenden Nachrichten über Gewaltakte von Flüchtlingen, politische Straßenkämpfe und die größer werdenden Protestmärsche von üblen Neo-Nazis verdunkeln das Bild der Bundesrepublik in der Welt. Die durch das Video ausgelöste Empörung über vermeintliche Hetzjagden auf Ausländer machen Weltschlagzeilen und erschüttern das Bild der integren Berliner Republik.

2. Verlierer Sachsen. Der Freistaat steht infolge einer häufig pauschalisierenden Negativ-Berichterstattung international als rechtsradikaler Landstrich von Ausländerfeinden da. Der jüngste Spiegel-Titel mit einem braun eingefärbten Sachsen-Schriftzug gilt als Höhepunkt des medialen “Sachsen-Bashings”. Ministerpräsident Kretschmer kämpft ebenso verzweifelt wie vergebens gegen unfaire Darstellung seines Bundeslandes. Der Ärger der Sachsen entlud sich diese Woche sogar im CDU-Bundesvorstand, als sich der sächsische Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz bei der Kanzlerin erbittert über den Umgang mit den Vorgängen in Chemnitz beschwerte. Vaatz sei “stinkwütend” gewesen, habe im Parteivorstand über pauschale Kritik von außen und anhaltendes “Sachsen-Bashing” gewettert. Die Sachsen würden regelrecht “alleine gelassen”.

3. Verlierer Medien. Die Glaubwürdigkeit mancher Medien hat durch die zuweilen einseitige und voreilige Berichterstattung gelitten. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, fasst die landläufige Kritik an den Medien so zusammen: “Dass in Chemnitz Nazis marschiert sind und Gewalt gegen Migranten ausgeübt wurde, ist unbestreitbar. Das muss scharf verurteilt und bestraft werden. Aber wie ein Video, dessen Urheber nicht identifizierbar ist und auf keine Anfrage reagiert, ungeprüft ganz Deutschland in eine solche Debatte treiben konnte, das begreife ich nicht. Das nagt ganz massiv an der Glaubwürdigkeit der Medien. Und das in einer Situation, wo wir nichts mehr brauchen als Sachlichkeit und Vertrauen in Information, um der Gefahr durch die AfD entgegenzutreten. Wenn sich das jetzt alles in Luft auflöst, wenn Kretschmer Recht bekommt und es keine Hetzjagd und kein Pogrom gab, dann war die Debatte über Chemnitz die größte Stärkung der AfD und die größte Schwächung der Medien seit dem Herbst 2015.”

4. Verlierer Große Koalition. Die Berliner Politik gibt im Chemnitz-Fall insgesamt kein gutes Bild ab: Der Regierungssprecher löst eine Debatte mit vorschnellen, übertriebenen Statements über Hetzjagden aus. Die Kanzlerin empört sich mehr über Protestler als über Totschläger. Der Verfassungsschutzpräsident dementiert Hetzjagden, düpiert über die “Bild”-Zeitung die Kanzlerin und kämpft ums politische Überleben. Der Innenminister konnte wieder einmal kriminelle Asylbewerber nicht abschieben, der Außenminister ereifert sich als Volkserzieher, der Bundespräsident lobpreist linksradikale Antifa-Musikgruppen, die die Polizei wüst verunglimpfen. Die SPD-Vorsitzende nennt den Innenminister der eigenen Regierung “einen Ausfall” und legt dem Verfassungsschutz-Präsidenten den Rücktritt nahe. Keiner kommt aber nach Chemnitz, nur ausgerechnet die Familienministerin. Und die fordert dort peinlicherweise den Rest der Bundesregierung auf, endlich auch einmal nach Chemnitz zu fahren. Was aber unterbleibt.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.

Foto: Reto Klar/FOCUS CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Peter Wachter / 12.09.2018

Angeblich gibt es doch Gewinner, laut MSN sind die Grünen seit dem Chemnitz-Pogrom in der Wählerbefragung um 2% gestiegen und die AfD um 2% gefallen!?

Karla Kuhn / 12.09.2018

Ich glaube nicht, daß die Sachsen darunter leiden. Im Ausland haben die Menschen andere Sorgen, als sich um Deutschland, was ja auch bei etlichen Menschen nicht so beliebt ist, zu kümmern.  Frankreich, Italien und Spanien haben mit etlichen Asylanten ebenfalls Problem aber ich könnte mir vorstellen, daß viele Politiker dieser Länder über Deutschland den Kopf schütteln, wie “zaghaft” von Seiten vieler Politiker und oft auch von der Justiz mit Straftätern umgegangen wird. In Italien und in Frankreich wurden einige Angreifer erschossen. Da hätten wahrscheinlich in Deutschland verschieden Organisationen, Politiker und Medien zu Lichterketten bis nach Honolulu und zurück aufgerufen. Vor Fünf Tagen wurde in Essen bei einem Einsatz in einer Shisha Bar eine Polizistin schwer verletzt, die Polizisten setzen Pfefferspray und einen Schlagstock ein, als andere Männer die Verhaftung des Täters verhindern wollten. Pfefferspray und Schlagstock !!  WARUM haben sie nicht ihre Waffe eingesetzt ?  DÜRFEN sie das nicht ?? In diesen Dingen werden wir noch nicht von der DDR eingeholt, denn dort saßen die Waffen der Polizisten recht locker.  Die einzigen BEIDEN Verlierer sind für mich die große Koalition, allen voran Merkel und die Medien, die sich an den zum Teil Fake Nachrichten beteiligt haben und das, ist auch gut so!!. Denn wer so argumentiert, hat das VERTRAUEN von großen Teilen des Volkes verspielt !! Als Günter Guillaume als Agent im Bundeskanzleramt enttarnt wurde, hat Brandt seinen Rücktritt verkündet. Ich erwarte von Frau Merkel, daß sie ebenfalls ihren RÜCKTRITT verkündet ! Die OB von Chemnitz hat für mich ebenfalls versagt und sollte zurücktreten. Die Gewinner des Ganzen ist die AfD. Sie kann sich genüßlich zurücklehnen und sich über ihren Zuwachs freuen.

Jens Breitenbach / 12.09.2018

Ich komme auf andere Verlierer und Gewinner: 1. Verlierer Deutschland? - Nicht wirklich; das war auch nicht nachhaltig so, als 1992 und 1993 Ausländer bei lebendigem Leib verbrannten. Nur der Slogan “Die Welt zu Gast bei Freunden” zieht vielleicht nicht mehr. - 2. Sachsen: D’Accord. Selbst Spezialisten fühlen sich nicht mehr willkommen, wenn sie nicht biodeutsch aussehen. - 3. Die Presse: Ja. Aus mehreren Gründen: Die Pegida-affinen Blätter entwickeln sich zu sprachpuristischen Spiegelbildern der ihnen eigentlich so verhassten linksliberalen Presse, wenn sie auf dem Begriff der Hetzjagd herumreitet, und letztere ist Maaßen auf den Leim gegangen, weil sie nur noch seine Desinformation in der Causa Chemnitz wahrnehmen und dabei unter den Tisch fällt, dass Maaßen V-Leute im Umfeld von Anis Amri verschwiegen hat. - 4. GroKo: Jein. Bzgl. Maaßen ist der Schaden schon vorher aufgetreten, weil man ihm durchgehen ließ, die Wahrheitsfndung im NSU-Komplex zu hintertreiben. Maaßen jetzt in den Ruhestand zu versetzen, würde im Gegenteil als Führungsstärke angesehen werden. - 5. Der Bundestag: Verlierer, weil das Verschleiern der V-Leute Amris Salafistenszene nun auf der Tagesordnung nach hinten rutscht. - 6. Maaßen: Gewinner (vgl. 3 und 5). Das Herumreiten auf Hetzjagd oder Nicht-Hetzjagd wird kaum dazu taugen, ihm deswegen den Stuhl vor die Tür zu setzen, und je mehr dieses Thema in der Öffentlichkeit breitgetreten wird, desto mehr wirken seine ganzen anderen Verfehlungen (Verhalten im NSU-Fall und im Fall Amri, Weitergabe von Informationen an potentielle Objekte einer Überwachung, Versuche, kritische Berichterstatter wie netzwelt.org mundtot zu machen) als konstruiert.  - 7. Die Öffentlichkeit (ohne Neonazis): Verlierer. Derzeit wird die Diskussion breitgetreten, ob in Chemnitz Hetzjagden stattgefunden haben oder nicht. Der eigentliche Skandal, nämlich dass Menschen um ihr Leben rennen müssen, nur weil sie anders aussehen, ist kein Thema mehr. - 8. Neonazis: Gewinner, siehe 7.

Frank Volkmar / 12.09.2018

Hätte diese Kanzlerin, bevor sie sich zu den Vorfällen in Chemnitz äußert, bei den zuständigen Behörden vor Ort und beim Verfassungsschutz kundig gemacht über die aktuelle Lage und die bis dato bekannten Fakten, dann wäre dieses Video zumindest nicht durch ihre fahrlässige Äußerung zur Wahrheit erhoben worden. Da fällt es mir schwer zu glauben das dahinter keine Absicht gesteckt hat ! Das alles vor dem Hintergrund, das in der Vergangenheit ständig von “fake news” von rechten Gruppen im Netz gewarnt wurde.

Ilse Polifka / 12.09.2018

Seltsam, dass Gefahr immer nur von der AfD ausgeht. Niemals von anderen Parteien und deren Protagonisten, was auch immer sie tun und sagen und niemals von Medien, die agieren wie z.B. im Fall Chemnitz.

Renate Weiß / 12.09.2018

Großartiger Beitrag, der die Vorkommnisse auf den Punkt zusammenfasst.

Josef Kneip / 12.09.2018

Das Rätselraten um den größten Verlierer dieses Chemnitz-Dramas ist, wenn man die Abend-Nachrichten richtig interpretiert, gelöst. Es ist Merkel. Sie war es, die diese angebliche Hetzjagd behauptet hat, ohne diese schlüssig zu beweisen. Maaßen, der die Hetzjagd verneinte, sollte, im Zuge einer Beweisumkehr alleine die Beweislast für seine Erkenntnisse tragen.  Er hätte es sich einfach machen und ein Video zeigen können, auf dem keine Hetzjagd zu sehen ist. Das hätte genau so wenig Beweiskraft gehabt, wie das windige Zeckenbiss-Video. Ironie beiseite. Hängen geblideben ist doch das Bestreben des Mainstreams, Merkels Aussage als sakrosankt hinzustellen. Die Staatsratsvorsitzende hat immer Recht. Dies zu beweisen, war kein Mittel zu schäbig. Dennoch ist es nicht gelungen. Maaßen ist zwar nicht gerade als Sieger vom Platz gegangen. Nach jetzigem Stand ist er aber nicht so beschädigt wie Merkel.

Walter Pfeiffer / 12.09.2018

Die o.g. Zeilen von Herrn Wolfram Weimer / 12.09.2018 / 15:00 sind “bedauerlicherweise” die klarste Darstellung des Sachverhaltes.

Dirk Jungnickel / 12.09.2018

Schlapphüte wissen mehr als sie sagen, sonst wären es kein Schlapphüte. Es scheint so,  als hätte Dr. Maßen sich erfolgreich zur Wehr gesetzt. Seinen Gegnern dürfte er intellektuell haushoch überlegen sein. Ich spekuliere: Könnte es sein, dass dem Verfassungsschutz da etwas aus dem Ruder gelaufen ist,  und Dr. Maaßen musste die Notbremse ziehen ?  Bekanntlich dürfen sich V - Männer zwar nicht an Straftaten beteiligen, aber als Eingeschleuste schon in der Szene mitmischen. Wie sonst sollen sie glaubwürdig sein ?  Die Hintergründe werden noch lange Verschlusssache bleiben.  Wie gesagt: Spekulation. - Hoffentlich macht der VS auch die linken Vermummten ausfindig, die den Trauerzug provoziert haben.  Die würde ich doch zu gerne mal in den Medien sehen - mit Gesicht, Namen und Adresse.

R Grossmann / 12.09.2018

Wenn Herr Palmer sich in der zitierten Weise geäußert hat “Dass in Chemnitz Nazis marschiert sind und Gewalt gegen Migranten ausgeübt wurde, ist unbestreitbar(!)”, muss man wenigstens einmal darüber reden, was Herr Palmer unter Gewalt versteht. Ist das ekelhafte, aber wohl nicht zu verhindernde Ankuscheln der widerlichen Nazihonks an die Teilnehmer der Demo, die das unter den Teppichkehren des Mordes und der Mordversuche verhindern, sowie auf das unsägliche Leid der hinterlassenen Familie aufmerksam machen wollten, Gewalt? Das Gehabe der Nazi- und der Antifahonks ist sicher jenseits der Grenze des Erträglichen jedes vernünftigen Menschen und ich bin der Meinung, das sollte auch angemessen bestraft werden. Falls Herr Palmer meint, es wären noch andere Vorfälle passiert, die den Begriff Gewalt rechtfertigen, kann man erwarten, das er diese auch entsprechend benennt. Ansonsten gehen seine Äußerungen in die gleiche Richtung, die die Akteure der Seibert-Merkel-Zeckenbiß-Affäre gemacht haben. Deren Gehabe ist genauso unerträglich wie das der obigen Gruppen und sollte genauso angemessen bestraft werden. Zumindest stehen hier Rücktritte an, um weiteren Schaden abzuwenden.

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