Manfred Haferburg / 12.01.2017 / 06:24 / 10 / Seite ausdrucken

Das Sturmgeschütz der Demokratie und die Steuerung der Lesermeinung

Der Datenwissenschaftler David Kriesel ist ein intelligenter und charmanter junger Mann, der ein schwieriges Thema unterhaltsam, ja durchaus witzig vortragen kann. Unter uns - ich würde sagen: der Typ ist eine echt gute Rampensau, dazu besser seinen „Traue keinem Scan, den du nicht selbst gefälscht hast“ ansehen – lange nicht so gelacht.

Er hat seit zweieinhalb Jahren über 100.000 Spiegel-Online-Artikel systematisch mittels Data-Mining ausgewertet. Auf einem brillianten und unterhaltsamen Vortrag beim Chaos-Computer-Club hat er seine Ergebnisse vorgestellt.

Zwei Dinge habe ich beim Ansehen des Vortrages gelernt:

Erstens: Der Chaos Computer Club ist in meiner Achtung gewaltig gestiegen, selten habe ich so einen Klassevortrag erleben dürfen.

Zweitens: Das Sturmgeschütz der Demokratie, der Spiegel-Online, zensiert seit Beginn der Flüchtlingskrise mehr und mehr und systematisch die Leserzuschriften - „Diskutieren Sie über diesen Artikel“ oder eben auch nicht – „Kommentarfunktion gesperrt“.  

Vorab: Es ist das gute Recht von Spiegel Online darüber zu entscheiden, wo sie ihren Lesern eine Plattform zum Verbreiten ihrer unmaßgeblichen Meinung geben und wo nicht, ohne Frage. Aber interessant ist es auch, mal hinter die „demokratischen Kulissen“ des Sturmgeschützes der Demokratie zu schauen.

Was kommentiert werden darf und was nicht

Diskutiert werden darf beim Spiegel generell über den Sport, Halloween und Wissenschaft. Russen bashen ist okay, Bahn- und Lufthansabeschimpfen wird beim Spiegel gern genommen und darf daher auch meist kommentiert werden.

Nicht kommentiert werden darf Kriminalität, Morde, Attentate, der NSU-Prozess, und alles um die Flüchtlingskrise herum, also auch Asylrecht, Grenzen, Flüchtlingspolitik. Auch über Israel und den Nahostkonflikt hat der Leser die Klappe zu halten. Sogar Artikel über Terror in Frankreich sind in der Regel nicht kommentierbar. Beim Ukrainekonflikt hingegen darf frei kommentiert werden - Russen bashen eben.

Seit Beginn der Flüchtlingskrise sank die Kommentierbarkeit der SPON-Artikel von früher generell um die 80% kontinuierlich auf nunmehr unter 50%.

Fazit: Der Spiegel sperrt die Kommentarfunktion systematisch nach Themen und Regionen. Spiegel Online verbietet dann die Kommentare, wenn die Meinung der Leser voraussichtlich politisch nicht opportun ist. (Im Vortrag ab Minute 28)

Krisel geht auch auf Wahlbeeinflussung durch BigData ein. Durch gezielte Werbung, die aus Data-Mining gewonnen wird, sollen Wahlen beeinflusst werden. Dieselbe Datamining Firma steckt angeblich hinter dem Trump Wahlsieg und dem Brexit – seither glüht der Alu-Hut bei der Groko.

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Leserpost

netiquette:

Dirk Jungnickel / 12.01.2017

Da wäre noch eine Plattform zu nennen, die Kommentare zensiert oder nur für 24 Stunden gestattet: Die Achse der Guten, leider. Wenn Leserbriefe zu kantig oder   nach Meinung der Redaktion ein wenig abwegig sind, dann kann es durchaus vorkommen, dass sie unwiederbringlich im Orkus des Internets landen, vielleicht weil man meint, das Niveau nivellieren zu müssen. Ich lasse mir die Lektüre desderwegen natürlich nicht verkümmeln ...

Stefan Lanz / 12.01.2017

Zwar inzwischen nicht mehr Abonennt, aber da sei doch mal Die WELT gelobt. Die haben ihre Kommentarfunktionen zu allen Artikel offen.

Fritz Schmude / 12.01.2017

Ah, “Russen bashen” ist also des Spiegels größte Sünde? Will da jemand für die AfD kandidieren? Da gibt’s für derart brillante Analysen Beifall. Von mir eher nicht.

Michael Scheffler / 12.01.2017

Bei der ehemals bürgerlichen FAZ ist das gleiche Phänomen zu beobachten.

Dieter Franke / 12.01.2017

Spiegel Online kann wirklich machen was es will, ich versuche eh schon jeden werbewirksamen Klick dort zu vermeiden. Anders sieht es bei von mir zwangsfinanzierten ÖR-Medien wie tagesschau.de aus. Dort werden bei heiklen Themen erst gar keine Kommentarfunktionen geöffnet, und da wo Kommentare zugelassen werden wird stark zensiert, bzw- die “Kommentarfunktion wird geschlossen”.

Robert Orosz / 12.01.2017

Ähnlichen gängelt die ZEIT: Hier ist zwar der Anteil der Kommentarforen weitgehend unbeschnitten geblieben, jedoch wird offensichtlich die Zensurkeule umso heftiger geschwungen. Hausrecht eben. Es gab eine ZEIT, als es Spaß machte, zuerst die zahlreich bissigen und tiefgründigen und vielfach intelligenten Beiträge der Forenteilnehmer -mit erstaunlich niedrigem Trollfaktor- zu lesen und danach erst den Artikel oder die Kollumne hierzu. Zweimal wurden meine Accounts gesperrt. In zunehmenden Maße wurden auch vielen kritischen Kommentatoren von den Redakteuren regelrecht “weggebissen”. Infolge dessen wimmelt es in den ZEIT-Kommentarforen heute zunehmend von müden und harmlosen Kommentaren, die den Diskursverschleppern der ZEIT kaum noch was entgegenzusetzen haben.

Steffen Kallinowsky / 12.01.2017

Die Erfahrung mit den SPON-Filtern habe ich oft genug gemacht. Anfangs hielt ich mich zu blöd in der Einrichtung / Bedienung des Zugangs. Die Zensur findet im Wesentlichen nicht über Verletzungen der “Netiquette” statt, sondern über die SPON eigenen “Political Correctness-Filter”. Mittlerweile gehört SPON auch zu den Echokammern.

Johannes Fritz / 12.01.2017

Auch die Welt hat ihre liebe Not mit den Leserkommentaren. Zwischenzeitlich wurden sie ja mal ganz zugemacht, jetzt gibt es ein neues, schlechteres Kommentarsystem und weniger zensiert wird damit auch nicht. Dass der Spiegel in dieser Hinsicht noch aktiver ist.. nun ja, die Sonne geht ja auch im Osten auf und der Papst ist katholisch.

Jochen Brühl / 12.01.2017

Für die FAZ-Online-Sparte kommt man meiner Beobachtung nach auf die gleiche Selektion.

Dr. Klaus Rocholl / 12.01.2017

Sicher sehr interessant und das, was ein aufmerksamer Beobachter eh seit langem vermutet. Hat der Referent auch die Kommentarfunktion der FAZ untersucht? Das wäre m. E. sicher auch spannend - und im Ergebnis ähnlich.

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