Archi W. Bechlenberg / 07.04.2019 / 06:25 / Foto: David Hall / 24 / Seite ausdrucken

Das Anti-Depressivum: Medien-Fasten

Da verstößt man einmal gegen eine selbstauferlegte Prüfung, und dann das...

Sie erinnern sich, vor inzwischen drei Wochen habe ich mir, analog zur Fastenzeit, einen mehrwöchentlichen und nahezu umfassenden Medienverzicht auferlegt. Eine weise Entscheidung, so weise, dass ich sie erst einmal bis über Ostern hinaus verlängern werde. Auch wenn ich dann weiterhin nicht weiß, mit wem Thomas Gottschalk jetzt schnackselt.

Nun geschah es vor wenigen Tagen, dass ich in einem unguten Impuls zum zweiten Frühstück das Küchenradio einschaltete. Das steht normalerweise auf „CD“ eingestellt und spielt dann eines dieser altmodischen, silbernen optischen Speichermedien aus Polycarbonat mit Aluminiumbedampfung ab, die dereinst als Tonträger der Zukunft gepriesen wurden. Inzwischen weitgehend obsolet, nur bei mir noch nicht. Diesmal allerdings erklang eine Moderatorin, denn das Gerät stand auf Rundfunkempfang.

Sie freue sich, so die öffentlich-rechtliche Stimme aus Köln, auf Marvin oder Norman oder Torben (den Namen habe ich mir nicht gemerkt) aus Berlin, der lebe mit seiner Freundin X, Y oder Z und zwei Hunden zusammen, und alle vier ernähren sich vergetarisch, und es gebe jetzt ein von den beiden Zweibeinern verfasstes Kochbuch, in dem ganz viele tolle Rezepte für die fleischlose Ernährung von Hunden und auch Katzen stehen. Warum man die beiden Wuffis nur mit Reis, Brokkoli und Tapetenkleister füttere? Um „Tierleid“ zu lindern. Außerdem habe das Umpolen der Carnivoren eine moralische Dimension, wie Marvin o.ä. erzählte: Einer der Hunde, in ihm stecke unter anderem ein Jagdhund, und der spiele dank vegetarischer Ernährung jetzt nur noch mit selbstgefangenen Mäusen und würde sie nicht mehr fressen, sondern nur noch liebevoll anschauen.

Sie können sich vorstellen, mit welcher Erregung ich die Zähne in mein Salamibrötchen hackte, derweil ich zuhörte. Tierleid lindern? Bei der Herstellung von Hundefutter kommt ganz sicher kein Tierleid zum Tragen, kein Tier wird nur für Happychapp und Kittikotz geschlachtet; da kommt alles das rein, was Wursthersteller selbst beim bösesten Willen nicht in Wurstbrät gerührt bekommen und somit für den menschlichen Verzehr nicht verwerten können. Klauen und Schnäbel zum Beispiel, gerne auch Horn, Euter, Huf und Genital. „Tierleid“ entsteht erst durch den verwahrlosten Wahn, dass, wenn Kevin (m), Nicole (w) oder Sammy (d) auf Fleisch verzichten wollen, dies auch ihren Untergebenen zugemutet werden muss. Ich fackelte nicht länger – auch Menschleid ist nicht schön – und tötete das Radio. 

Zwischendurch Russ Meyers „Im tiefen Tal der Superhexen“

Ansonsten klappt es ausgezeichnet mit dem Medienverzicht. Einige wenige Male folgte ich Links in Artikeln auf Achgut und ein paar ähnlichen Blogs, dann aber mit striktem Tunnelblick und einzig diesen Link lesend. Facebook spielte mir noch einen Streich; ich hatte mein dortiges Profil deaktiviert, doch nach einer Woche wurde es stillschweigend von Facebook reaktiviert, so dass es für meine Kontakte aussehen musste, als sei ich wieder an der Nadel. Ich erfuhr durch die Mail eines Freundes davon. „Ach, wieder rückfällig geworden? Bist ja wieder da!“ Nein, bin ich nicht!

Was macht man, wenn man medienfastet? Lesen, Hören, Schauen. Angeregt durch meinen Text vom letzten Sonntag kramte ich alle vorhandenen DVDs mit Steve McQueens Filmen zusammen, damit waren schon einige Abende ausgefüllt. Auch von Monty Python, Black Adder und Marty Feldman sah ich mir ein paar Sketche an. Um mich intellektuell nicht zu überfordern, legte ich zwischendurch Russ Meyers „Im tiefen Tal der Superhexen“ in das Abspielgerät, und gestern abend waren wieder einmal Zucker-Abrahams-Zucker an der Reihe, mit „Top Secret“ und „Kentucky Fried Movie“ („Trotz Abermillionen von Forschungsgeldern – Sterben bleibt weiterhin Todesursache Nr. 1“). 

Den Bücherstapel habe ich auch ein wenig verkleinern können. Dort liegen zahlreiche Bände, die aufeinander gelegt mühelos der Höhe eines Fußballfeldes entsprechen. Darunter Neuanschaffungen wie Samuel Schirmbecks unbedingt lesenswertes „Gefährliche Toleranz – Der fatale Umgang der Linken mit dem Islam“, Martin Lichtmesz' „Die Hierarchie der Opfer“ und „Die Verteidigung des Eigenen“ sowie Manfred Kleine-Hartlages „Warum ich kein Linker mehr bin“. Wiedervorlagen sind darunter, so wie „John Grays „Von Menschen und Tieren – Abschied vom Humanismus“ und Heinz-Werner Kubitzas „Der Glaubenswahn – Von den Anfängen des religiösen Extremismus im Alten Testament“. Hinzu kam eine Reihe von Bänden, die ich in den letzten Wochen günstig über ein Online-Antiquariat erstanden habe. 

Viel Spaß hatte ich beim Lesen vom „Lexikon der Sonderlinge“ (2001, Gustav Kiepenheuer Verlag). Darin legen die Autoren Jean-Claude Carrière und Guy Bechtel eine geradezu grandiose Sammlung mehr oder weniger exzentrischer Wirrköpfe vor, von deren Wirken und Schaffen ich noch nie gehört hatte. So von Félix, dem damaligen Leibarzt Ludwigs XIV., der sich auf unkonventionelle Weise darauf vorbereitete, seinen Herrscher von einer für unheilbar gehaltenen Analfistel zu befreien. Oder ein gewisser Benedikt Carpzow, Experte in Kirchen- und Strafrecht, der 20.000 Todesurteile verhängte und die Bibel 53-mal von der ersten bis zur letzten Zeile las. Ein gewisser Quirinus Kuhlmann lebte davon, Reichen und Adeligen in ganz Europa in Angst und Schrecken zu versetzen, indem er ihnen erzählte, er stehe sowohl mit Gott als auch dem Teufel in Verbindung, und um vor Hölle und Verdammnis sicher zu sein, müssten sie ihm ihre Taler rüberwachsen lassen, zumindest einige.

Ein Ende fand dieses bis dahin erfolgreiche Geschäftsmodell in Russland-Zar Peter I. Der war von Kuhlmanns Penetranz derart angefressen, dass er ihn 1689 kurzerhand in Moskau verbrennen ließ. Apropos Russland: Fürst Potemkin war ebenfalls von exzentrischer Natur. Er konnte sich rund um die Uhr über theologische Fragen auslassen, wovor er selbst Dorfpopen nicht verschonte, die im bei Feldzügen über den Weg liefen. Potemkin hat immer wieder seelische Krisen von unterschiedlicher Dauer, in deren Verlauf er zumeist Mönch werden wollte oder sich als Asket aus der Welt zurück ziehen. Doch war er nicht immer so drauf; Besucher konnten nie sicher sein, ob sie ihn zu Füßen einer Muttergottesstatue oder zwischen den Schenkeln seiner Mätressen vorfanden, zu denen auch seine fünf Nichten gehörten.

„Der kleine Hypochonder“

Nicht ganz so amüsant, dafür um so lehrreicher ist „Der kleine Hypochonder“, ein für noch kleineres Geld antiquarisch erhältliches Taschenbuch von 2007, in dem jeder eingebildete Kranke garantiert etwas findet, mit dem er bei jedem Arzt in jedem Wartezimmer noch mehr brillieren kann. Der Autor beschreibt die Leiden ausführlich, benennt die Symptome und die zu erwartenden Folgen. Die Sklerodermie ist zum Beispiel ein hässliches Hautleiden, das zu einer Verhärtung von Haut und Bindegewebe führt. Die Folgen:„Hände und Füße verformen sich zu knotigen Krallen. Die Haut um Mund, Nase und Augen lässt Ihr Gesicht zur Maske erstarren. Die Einladungen zu Szenepartys werden deutlich weniger.“ Ebenso hässlich sind Krankheiten wie das Cornu cutaneum, bei der Ihnen ein Nashorn wächst, die Akromegalie („führt dazu, dass Sie ständig neue Hüte, Handschuhe und Schuhe kaufen müssen“), die Filarienlymphangitis („...lässt Ihre Hoden auf die Größe eines Basketballs anschwellen“) oder das Alien-Hand-Syndrom, an dem unter anderem Dr. Seltsam im gleichnamigen Film von Stanley Kubrick mit Peter Sellers litt.

Eine hübsche antiquarische Entdeckung war Eckhard Henscheid / F. W. Bernsteins Büchlein „TV Zombies“, von dem man sich nach der Lektüre nichts so sehr wünscht wie eine aktualisierte, stark erweiterte Ausgabe. Denn der postkartenkleine Handschmeichler stammt von 1987, und die darin portraitierten TV-Knallchargen sind längst verschieden oder zumindest vergessen. Was ließe sich aus den heutigen Exponenten einer verkommenen Desinformations- und Verblödungswelt machen! Ich muss hier keine Namen nennen, gell?

Dennoch ist Henscheids verbale und Bernsteins zeichnerische Abrechnung mit damaligen Fernsehgrößen wie Karl Heinz Köpcke („...wurde von einem Herrenmagazin zum bestangezogenen Herrn des Jahres gewählt. Und das, wo doch niemand weiß, ob er überhaupt Hosen trägt.“) oder F. J. Raddatz („Stillsitzen kann er nicht, er dreht und windet sich, als ob's ihn jucke und er sich nicht kratzen kann. […] Sein Fragewerk betreibt er mit quengeligen Gebärden, dreht Däumchen, hält Händchen und strickt mit allen siemundzwanzig Fingerdingern...“) auch 2019 lesenswert. Ach es ist so herrlich, so henscheidlich!

Bemerkenswert, einer der vor 32 Jahren Portraitierten betreibt sein Schwurbelgewerbe immer noch, das ist der Doktor Franz Alt. „Das ebenso Klassenprimusmäßige wie Missionarische, das er allzeit drauf hat und das von ihm zuweilen als Märtyrerimago des löwenzwingenden Daniel in der christlichen Mödergrube abstrahlt“ beschreibt Henscheid eben so gnadenlos, wie Alt sein Klassenprimusmäßiges und Missionarisches immer noch hier und dort praktiziert. Wenn auch nicht mehr in einer eigenen TV-Sendung (der Mann ist inzwischen 81), die er, so Henscheid, „mit edelpfadfinderhafter Engagiertheits-Miene“ moderierte. Dafür haben wir jetzt andere Moralapostel*innen, die mühelos ein Panorama von 360 Nullen füllen. 

Zu Eckard Henscheid könnte ich, wo ich ihn gerade hier habe, noch manches erzählen, zudem ich mir erst vorgestern zum ichweißnichtwievielten Male sein opus magnum „Die Vollidioten“ zur Hand genommen habe (was Sie bitte als dringende Kauf- und Leseempfehlung verstehen sollen.) Dies führte jedoch zu weit weg vom Thema Fastenzeit, darum zitiere lieber noch seine Beschreibung des Fußballplauderers Heribert Faßbender „...ein eminent edeleinfältiges Gemüt, hinter dessen schnauz- und kinnbartumrundeter, stets eilfertig korrekter Lächelfassade man gleichfalls immer die Angst zu lungern wähnt: Ein anderer, möglicherweise noch Ungeeigneterer könnte den Job, wenn schon nicht gescheiter, so doch wenigstens noch blöder ausfüllen.“ Ach, wie würde es mich reizen, derart luzide über die heutigen TV-Darbieter zu schreiben, über die Sendung mit dem Claus, über das Morgengrauen mit Hayali, über den Staatshals Gernot Schreiknecht... 

Doch ich bin kein Eckard Henscheid und schlimmer noch: Ich gucke kein Fernsehen. Lieber in das nächste gute Buch. Oder warum nicht mal in ein schlechtes? Ich halte Sie auf dem Laufenden.

 

Links zum Thema

KFM United Appeal For The Dead  

Top Secret: Buchladenszene 

Russ Meyers Im tiefen Tal der Superhexen 

Eckhard Henscheid erzählt

Dr. Seltsam: „Mein Führer! I can Walk!“ 

Marty Feldman - Visite im Krankenhaus

Monty Python Communist Quiz

Blackadder - The French

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Leserpost

netiquette:

Claudius Pappe / 07.04.2019

Früher gerne Fußball geschaut. Erfreulich das ZDF und ARD nur noch wenige Spiele mit der einen Mannschaft senden. Aber jetzt ist RTL an der Reihe und das ist gut so. So ein ” Affentheater mit den Sprechern” tu ich mir nicht an. Bin aber nun Fan von Holland, Serbien usw.. Eurosport ist mein Sender, keine Bevormundung der Kommentatoren !!!!!! Wenn der erste bunte “Gutbürger” im münsterschen oder weimerschen Tatort auftaucht,  ist ja nur eine Frage der Zeit, dann ist mit Tatort auch Sense.

F. Bothmann / 07.04.2019

Seit ca. 3 Jahren gibt es bei mir keinen Fernseher mehr. Ich bin überglücklich. Informationen nehme ich ausschließlich lesend auf. Das sind Nachrichten aus dem Internet, zwei mal die Woche eine Tageszeitung, Achgut.vom und natürlich Buchlektüre. Der Effekt davon war und ist: ich entwickele eigene Gedanken. Kann komplexe Situation des Alltages und der Politik selbst denkend verstehen, analysieren und eine eigene Meinung entwickeln. Das ist grandios und absulot empfehelenswert. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass ich das politisch korrekte Gemurkse in Nachrichten und Zeitungen nicht mehr aushalte. Es sind so wenig Meinung und schon gar nicht echte Standpunkte mehr zu hören. Alle Politiker quatschen nur das was medial gerade passend ist. Und Greta T. geht, der Himmel sei Dank, vollkommen an mir vorbei. Das ist die geistige Hygiene sehr gesund.

Susanne Sieg / 07.04.2019

Seit zwei Jahren empfange ich bewusst keinerlei Fernsehsendungen mehr und im Auto befindet sich nicht einmal ein Radio. Die ungläubigen Blicke im Bekanntenkreis nehme ich mit schmunzeln wahr und bin immer wieder erstaunt über die Frage, was ich denn dann in meiner Freizeit machen würde. Meist kann ich mich dann nicht der ironischen Bemerkung enthalten, dass der Trend zum Zweitbuch geht und Kommunikation auch von Angesicht zu Angesicht stattfinden kann . Schallplatten und CDs haben bei mir ein gutes Leben und Mutter Natur lässt auch viele Varianten zu, besonders geniesse ich derzeit bei Spaziergängen den Wandel des Klimas von Winter auf Frühjahr. Schön hier zu lesen, dass ich wohl doch kein Sonderling bin.

Archi W. Bechlenberg / 07.04.2019

Lieber Mannimeier, es ginge nicht darum, die üblichen Verächtlichen zu toppen oder zu persiflieren. Meister Eckard Henscheid tut dies auch nicht in seinen Portraits, wohl wissend, dass die Beschriebenen im Original allesamt besser sind als jede Neuinterpretation. Er belässt es beim Schmähen und Abwracken der “Glotzbrocken” (Henscheid), und das ist auch gut so. “Wenn es geborene Zombies gibt”, schreibt Henscheid über zwei farblos vergreiste TV-Politikplauderer, “so onto- wie phylogenetische, dann die beiden.” Das sitzt, passt und genügt. Man muss nicht versuchen, noch dümmlicher vor sich hin zu fragen als sie. Was Marvin angeht: ich hatte es tatsächlich richtig in Erinnerung, Marvin heißt Marvin. Und das Schönste (ich entdeckte es auch gerade erst): Marvin vertreibt ein veganes Hundefutter, das, bitte festhalten, GRETA heißt. - Lieber Herr Liebisch, Glückwunsch zu den Vollidioten! Zu den Superhexen sollten Sie alternativ einen anderen Link finden, wenn Sie bei Youtube als Suchbegriff “Russ Meyer’s SuperVixens (1975) [18+]” eingeben. Ich habe es gerade getestet. Und lieber Herr Leikert, der Mini steht wohlversorgt in einer Werkstatt und unterliegt noch seiner Alleachtjahrerunderneuerung.

Frank Holdergrün / 07.04.2019

Korrektur: Das Buch “Frauenquote” ist natürlich nicht von Hadmud Hanisch, sondern von Hadmud Danisch.

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