Wolfram Weimer / 17.01.2018 / 06:23 / Foto: Reto Klar/FOCUS / 20 / Seite ausdrucken

Das konservative Manifest

Konservative halten auf Respekt dem Ererbten, ihnen ist Geschichte etwas, Theorie aber etwas anderes. Sie interessieren sich für Geschichte und Geschichten, für ihre Städte und Gebäude und auch ihre Friedhöfe. Sie sind am Werke, wenn in Frankfurt die historische Mitte oder in Berlin und Braunschweig Stadtschlösser wieder aufgebaut werden, die eigentlich keiner braucht, wenn es nur utilitaristisch zuginge. Sie erkennen in ihnen aber den kulturellen Prägewert. Sie glauben nicht an eine Ende der Geschichte, sondern an immer neue Anfänge aus Geschichte.

Manchen galt die post-ideologische und ahistorische Zeit als Verheißung. Man schien zum Ende des 20. Jahrhunderts aus den Kerkern und Völkergefängnissen und Kriegen der Ideologien von Klassen- und Rassenwahn endlich herausgekommen und wähnte sich wahlweise am Ende der Geschichte oder im Paradies der Freiheit. Konservative waren da skeptischer.

Zwar hat sich die westliche Welt ihrer Ideologien entledigt, doch zugleich sind ihr die Epen abhanden gekommen. Sinnstiftende Geschichten haben über Jahrhunderte das Selbstbild des Abendlandes geprägt, große Erzählungen, die am Ende auch eindimensionale Ideologien sein konnten – sie gestalteten das Korsett gesellschaftlichen Bewusstseins. Die schiere Existenz lang laufender Narrative entfaltete eine Macht, die Zeiten erst zu Zeiten, Nationen zu Nationen, Kulturen zu Kulturen machte.

Heute haben wir nicht nur die Ideologien, sondern viele großen Erzählungen unserer Selbst verloren. Wir sind zu kurzatmigen, kurzweiligen, kurzsichtigen Kollektiv-Existenzen degeneriert. Kaum ein Horizont der Deutschen reicht weiter zurück als 1933, wir kennen die langen Linien unserer Herkunft nicht, nicht einmal mehr ihre rudimentären Sagen. Der Politikwissenschaftler Thorben Lütjen diagnostiziert: „Uns sind die langen, manchmal sogar Generationen überspannenden Zeithorizonte abhanden gekommen, die frühere Erzählungen auszeichneten und die so wichtig waren, um den langen Atem nicht zu verlieren.“ Wir haben ihn verloren und hecheln nurmehr von Zeitgeist zu Zeitgeist, von Mode zu Mode, von Markt zu Markt. Wir verlernen in der Hatz nach dem Morgen, ein Gestern zu haben. Eine Kultur aber ohne Gespür für ihre Herkunft hat auch keine Zukunft.

Die westlichen Gesellschaften sind Treibhölzer

Darum ist dem Konservativen die Frage nach der „Identität“ von zentraler Bedeutung. Sie spannt den Bogen vom Woher zum Wohin. Der Philosoph Hermann Lübbe hat den modernen Menschen als „Orientierungwaisen“ bezeichnet.

Das umfassende Lebensgefühl, dass alles, was heute gilt, morgen Makulatur sein kann, befähigt zwar den Modernisierungsprozess zu bewältigen und sich einem totalen Falsifizierungsvorbehalt zu unterwerfen. Im Popperschen Sinne sind unsere Gesellschaften damit liberal, offen und selbstkritisch geworden. Das ist einerseits gut so. Andererseits aber zahlen wir dafür einen Preis der Bewusstlosigkeit. Ethisch, philosophisch, kulturell, historisch finden wir keinen Anfang und kein Ende mehr, die westlichen Gesellschaften sind Treibhölzer einer modernen, technischen Raserei, die sie selbst losgetreten hat. Wir wissen nicht, wohin das führt, wir wissen nicht einmal mehr, wohin das führen soll. Die Modernisierung hat sich gewissermaßen emanzipiert von ihrem Zweck. Was sich Nietzsche von der Moral dachte und wünschte, dass sie eine zeitgebundene, manipulierbare Kategorie sei, das ist mit dem Sinn geschehen. 

Wenn nun die Gesellschaft ihr instinktives Selbstbewusstsein nach und nach verliert, dazu die Geborgenheit in Traditionen und Geschichte, sie sich also nicht mehr sicher ist, was wichtig und unwichtig ist, dann neigt sie zu Sicherheitsreflexen. Sie definiert kindische Regeln, weil sie nicht mehr sicher ist, ob auch alle erwachsen genug sind, mit der Freiheit umgehen zu können. Die Folge sind ein schleichender Freiheitsverlust und Bemutterungsgesten von Staatlichkeit.

Alleine die Verkehrsüberwachung ist ein Repressionssymptom: 20 Millionen Straßenschilder prägen Deutschland, alle 28 Meter steht eines, mit jedem Atemzug wird jemand geblitzt, mit jedem Wimpernschlag gibt es einen Strafzettel wegen Falschparkens, 9 Millionen Bürger haben inzwischen Punkte in Flensburg, der Staat drangsaliert mit seinen in Büschen kauernden Polizisten selbst brave Muttis auf Ausfallstraßen.

Es dämmert damit eine Tugendrepublik herauf

Selbst wenn wir bürokratisch schon halb ersticken, leisten wir uns lieber einen Ordnungshüter, eine Regulierungs- und eine Aufsichtsbehörde mehr. Von der Eröffnung eines Bankkontos bis zur Krankenkassenmitgliedschaft wird das Leben zum Juraseminar. Das Paternalisten-Repertoire macht weder beim Fahradhelm-Befehl noch beim Rauchverbot halt, es erzwingt selbst das nervende Alarmpiepsen im Auto, wenn man seinen Gurt nicht gleich anlegt. Der Konformismus des Guten duldet nicht einmal die kleine Freiheit.

Es dämmert damit eine Tugendrepublik herauf, in der Hohepriester des Gutmenschentums uns mit ihren Geboten umstellen: Du sollst kein Fleisch essen und kein Kaminfeuer anzünden, du sollst nicht Glücksspielen, du sollst nicht nach Leistung beschäftigen, sondern nach Geschlecht und Herkunft. Mit Quoten und Verboten kommen sie daher, die Verbraucher- und Familienschützer, die Gleichstellungsbeauftragten und Integrationsberater. Sie tragen Menschen teure Bildungspakete hinterher, die gar keine haben wollen, denn sie wissen alles besser. Sie sind Profiteure des Freiheitsentzugs, jene Armutsbekämpfer, Präventionsräte und Klimaretter, Lobbyisten der Gewissheitsindustrie, die ihr Geschäft mit der Besserwisserei so verfolgen, dass sie ihre Nachfrage mit Problemstudien immer selbst erzeugen. Ihre Absicht, das Land in eine gigantische Besserungsanstalt zu verwandeln, folgt einer ganz eigenen Logik, denn dann haben sie als Besserungs-Pädagogen ihr Auskommen.

Jede einzelne Steuererklärung in Deutschland ist ein Beweis für die These vom Marsch in das Freiheitsdefizit. Deutsche Finanzämter sind Tempel der Bürokratievergötterung, sie huldigen 33.000 (!) Steuerparagrafen. Steuererklärungen können wir gar nicht mehr alleine abgeben; wir brauchen dazu 100.000 Steuerberater und noch einmal so viele Steuerbeamte, und wir verschwenden Tag für Tag die Intelligenz einer Kulturnation mit dem erniedrigenden Aufarbeiten von Abschreibungen, Freibeträgen und Bemessungsgrenzen. Zigtausende von Rechtsverfahren sind anhängig, millionenfache Sachverständigenstunden von Juristen sind gefordert in einer absurden Welt, die ihren Sachverstand längst verloren hat. Und die Antwort des Staates darauf: Die Schaffung neuer Aufsichten für einen Bürokratieabbau, der nie kommt.

Was aber schützt vor der Übergriffigkeit einer Gesellschaft, die glaubt alles regeln zu müssen, weil es keine Selbstverständlichkeit im Regelwerk der Tradition, des Comments, der herkömmlichen Usancen gibt? Der Konservative kennt sie noch und vertraut ihnen, weil sie die gesiebte Vernunft von Generationen zeigen. Er muss nicht alles geregelt haben, aber die großen Regeln der Vorväter haben ihn.

Ein Herkunftsbewusstsein ist also von größerer Bedeutung als Quell für Orientierungswissen. In Deutschland ist dieses Herkunftsbewusstsein nach der Katastrophe von 1933 - 1945 freilich ängstlich und verschämt bekämpft und systematisch zerstört worden, als habe es die Welt vor 1933 und ihre geistigen Traditionen nie gegeben. Der Schweizer Literat Adolf Muschg fragte darob einmal: „Gehen die Deutschen mit ihrer Identität so großzügig um, oder so wegwerfend? Es ist eins, glaube ich, die Quittung der Geschichte zu unterschreiben als ehrlicher Schuldner. Es ist ein anderes, zugleich aus der eigenen Geschichte auszutreten.“

Der Konservative tritt nicht aus der Geschichte aus, sie tritt vielmehr in ihn ein. Ihm ist die Notwendigkeit zum Fortschritt völlig klar, aber ebenso klar ist ihm die Notwendigkeit der Tradition. Der polnische Philosoph Kolakowski formulierte diese doppelte Einsicht im Aphorismus „Erstens: Hätten nicht neue Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition aufbegehrt, würden wir heute noch in Höhlen leben. Und zweitens: Würde das Aufbegehren gegen die ererbte Tradition einmal universell, würden wir uns bald wieder in den Höhlen befinden.“

Der deutsche Begriff der „Überlieferung“ ist ein ziemlich passender Begriff für diese Erkentnis, denn die Tradition ist immer das Lebendige, Herübergelieferte an der Geschichte. Gerade weil Gewissheiten schwinden, die Geschwindigkeit, mit der sich die Welt um uns herum verändert, so steil ansteigt, weil Heimaten aller Arten verschwinden (Peter Berger beklagt zurecht, dass „der moderne Mensch litt und er leidet an einem sich dauernd vertiefenden Zustand der Heimatlosigkeit“), braucht es ein besonderes Sensorium für und zugleich eine Antwort auf die Raserei der Moderne – die der tradierten Identität. Friedrich Schlegel formulierte das 1809 so:

Unsere Ahnen alte Kunde
Ist es, was mir Hoffnung gibt;
Wann, belehrt in treuem Bunde,
Man das Alte wieder liebt.

Auszug aus "Das Konservative Manifest" – zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit. Erhältlich ist das Buch ab sofort hier im kadegu.

100 Seiten, Broschiert, ISBN: 9783864705670 Plassen Verlag. In zehn Kapiteln werden die großen Bezugsräume des Konservativen im Stile von zehn Geboten ausformuliert. Das Geheimnis der neuen Bürgerlichkeit laut Weimer: Konservativ ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.

Foto: Reto Klar/FOCUS CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost (20)
Arnauld de Turdupil / 17.01.2018

Nicht die Moderne rast, es ist die Postmoderne, die überschnappt! Ein sehr gewichtiger Unterschied!

Elmar Schürscheid / 17.01.2018

Da lacht der Philosoph! Schade dass nur die wenigsten in diesem Land der Tradition der alten Philosophen fröhnen, und die Dummheit um sich greift. Wieviel wenige werden diesen Artikel verstehen, wollen? Da, ist der Hund begraben!

H. Nurtinger / 17.01.2018

Enttäuschung .... Offen gesagt: Sätze wie “Alleine die Verkehrsüberwachung ist ein Repressionssymptom: 20 Millionen Straßenschilder prägen Deutschland, alle 28 Meter steht eines, mit jedem Atemzug wird jemand geblitzt, mit jedem Wimpernschlag gibt es einen Strafzettel wegen Falschparkens, 9 Millionen Bürger haben inzwischen Punkte in Flensburg, der Staat drangsaliert mit seinen in Büschen kauernden Polizisten selbst brave Muttis auf Ausfallstraßen.” (*) sind der beste Hinweis, diese geistige Schmalspurphilosophiererei nicht zu kaufen. Nichts gegen sein eigentliches Anliegen, das man ja nicht teilen muss - aber mit solchen Plattitüden empfiehlt er sich sicher nicht. So platt geht es weiter mit “Das Paternalisten-Repertoire macht weder beim Fahradhelm-Befehl noch beim Rauchverbot halt, es erzwingt selbst das nervende Alarmpiepsen im Auto, wenn man seinen Gurt nicht gleich anlegt. Der Konformismus des Guten duldet nicht einmal die kleine Freiheit.” Da kommt jemand nicht vom Bildzeitungsstil los. Angesichts der Überschrift als Manifest frage ich mich, ob ich hier vielleicht die ganz feine Klinge seiner Ironie übersehen habe. Immerhin liest man dann noch “Ihm ist die Notwendigkeit zum Fortschritt völlig klar, aber ebenso klar ist ihm die Notwendigkeit der Tradition.” Wenn das der Höhepunkt des “Manifests” ist Kurzum: Hoffentlich ist dieser Auszug nicht repräsentativ für das Buch. Schade ums Papier. (* kurz mal auf sachlicher Ebene erwidert: Die Kontrolldichte gerade in D ist marginal und wenn man alle so parken ließe, wie sie wollten, dann wäre für die Schwachen in der Gesellschaft, nämlich Kinder, Alte, Kranke mit Gehhilfen kein Platz mehr - Wenn das sein Begriff von konservativ ist, dann sind entweder Herr Weimer oder ich irgendwo falsch abgebogen; das kann man mit 5-jährigen im Kindergarten deutlich komplexer besprechen als von ihm dargestellt)

Franz Platz / 17.01.2018

Sehr geehrter Herr Weimer, ein wunderbarer Text, auch mir aus dem Herzen geschrieben! Vielen Dank!

Uta Buhr / 17.01.2018

Uta Buhr, 17.01.2018 Volle Zustimmung zu diesem sehr weisen und erhellenden Artikel über die geschichtliche Abstinenz vieler Bürger dieses Landes, die offenbar noch nie gehört haben, dass es vor 1933 und nach 1945 auch noch deutsche Geschichte gab.  Im allgemeinen halte ich mich von den Quasselrunden in ARD und ZDF fern. Eine Ausnahme war die Letzte Sendung von “Hart aber fair”, in dem Sie, Herr Weimer, der einzige Lichtblick inmitten bevormundender und besserwisserischer “Diskutanten” wie beispielsweise Peter Altmaier und Malu Dreyer waren. Ihre sachliche und souveräne Art des Dialogs ist mir in angenehmer Erinnerung geblieben. In Ihnen hat die Achse einen ebenso sachkundigen wie glaubwürdigen Autor gefunden. Ich freue mich auf weitere Artikel von Ihnen.

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