Birgit Kelle: „Herztier“

Es ist fast eine Schande, dass ich mit „Herztier“ zum ersten Mal ein Buch von Herta Müller gelesen habe. Ihre Sprache trotzt bis heute dem Versuch, sie zum Schweigen zu bringen. Vielleicht ist sie deswegen so erbarmungslos deutlich. Und vielleicht muss es auch genau so sein.

Es ist fast eine Schande, dass ich vorher noch nie ein Buch von Herta Müller gelesen habe. Nicht nur, weil sie den Literaturnobelpreis erhalten hat und tatsächlich den Mädchennamen meiner Großmutter trägt. Sondern auch, weil wir dieselben staubigen Straßen unsere Heimat nennen (Rumänien, Anm. d. Red.). Und dann lag es als Geschenk in meinem Briefkasten, und nun stehe ich berührt und auch verstört vor einem Buch in einer Sprache, die ich so noch nirgendwo gelesen habe. Ich war zu jung für Politik, als wir das Land damals 1984 verließen. Als ich geboren wurde, hatte sie schon viele Verhöre hinter sich. Heute erst erfahre ich Geschichten auch aus meiner Familie, wie der Onkel, der geholfen hat, Samisdat-Literatur aus dem Land zu schmuggeln. Ich höre gerne diese Geschichten, weil sie von jenen erzählen, die sich nicht unterkriegen ließen, und auch von ihnen und ihrem Scheitern erzählt Herta Müller.

Sie beschreibt die Gefährtenschaft einer Handvoll Freude, die das alltägliche Grauen dokumentieren und dem System trotzen. Die sich einrichten in der Schikane und sie doch nie einfach hinnehmen. Beklemmend und hoffnungslos, monoton und trist, menschlich abgründig und mechanisch, manchmal erzeugen die Worte fast Ekel in ihrer Deutlichkeit. Zuletzt hatte ich dies beklemmende Gefühl, dieses direkte Unwohlsein das sich vom Sinn der Worte direkt in den Körper überträgt, als ich den „Archipel Gulag“ von Solschenizyn las. Das Buch habe ich nicht fertig bekommen und abgebrochen. Die Systematik der Unmenschlichkeit die dort dokumentiert steht, war schwer zu ertragen.

Und jetzt Herta Müller. Es ist anders, weil es auch die Hoffnung nicht verliert, fast zärtlich auch jene beschreibt, die es nicht verdient haben. Jene, die ihr Herztier noch nicht verloren haben, denen es noch nicht entlaufen ist. Den Schrecken dieser unmenschlichen Systeme verstehen können nur jene, die die Angst kennen, die Barrieren des Misstrauens und die Widerwärtigkeit von Menschen, die mitten in der Ohnmacht ihre eigene Niederung an Macht auskosten. Umso wichtiger, diese Bücher zu lesen und weiter zu tragen gegen die Romantik jener, die heute noch leichtfertig kommunistischen Träumen nachlaufen, ohne zu ahnen, welchen Spalt zur Hölle auf Erden sie damit auftun. Ich werde jetzt auch Solschenizyn fertig lesen. Weil er es verdient hat. Weil er soviel riskiert hat, um der Welt zu zeigen, was hinter dem Eisernen Vorhang wirklich passierte. Herta Müller tat es auch. Ihre Sprache trotzt bis heute dem Versuch, sie zum Schweigen zu bringen. Vielleicht ist sie deswegen so erbarmungslos deutlich. Und vielleicht muss es auch genau so sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Birgit Kelles Blog.

Foto: Kerstin Pukall

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Albert Martini / 25.07.2021

Atemschaukel ist noch besser. Ihre glasklare, ins Mark gehende Beobachtungsgabe, die sie immer hat, verbindet sich in Atemschaukel” mit der hochpoetischen Sprache Oskar Pastiors. Kein Wunder, dass es dafür den Nobelpreis gab. Kein Wunder auch, dass Iris Radisch in der linksdummen Zeit zwei Wochen vor Bekanntgabe des Nobelpreises einen Totalverriss fabrizieren musste.

Tobias Kokot / 25.07.2021

Sehr geehrter   rei svager, Sie sollten nicht schlechter als nötig von den Katholikinnen denken - Birgit Kelle ist auch eine ;o) 

Frank Holdergrün / 25.07.2021

Meine Empfehlung: Zvi Yavetz. “Erinnerungen an Czernowitz. Wo Menschen und Bücher lebten.”  Aus dem Klappentext: “Zvi Yavetz läßt in seinen Erinnerungen an die 1930er und 1940er Jahre in Czernowitz eine untergegangene Welt wieder lebendig werden. Er berichtet vom multikulturellen Alltag in einer Stadt, aus der so unterschiedliche Dichter und Gelehrte wie Paul Celan, Rose Ausländer, Erwin Chargaff oder Josef Schumpeter hervorgingen. Es ist die Geschichte einer einzigartigen Kulturmetropole, die zum Symbol für das lange Zeit friedliche Zusammenleben von Ukrainern, Rumänen, Polen, Ruthenen, Juden und Deutschen wurde, ehe der Zweite Weltkrieg dem Ganzen ein Ende bereitete.” Nun, was ich herauslese über diesen schönen Klappentext hinaus, ist, dass sich die unterschiedlichen Ethnien mehr schlecht als recht arrangierten und im Auseinanderbrechen durch den Faschismus aufgestauten Vorurteile freien Lauf ließen. “Eine durch Religionen geteilte Stadt liegt entweder schon in Trümmern oder ist kurz davor.“  (Giambattista Vico)

Peter Thomas / 25.07.2021

Herta Müller lesen ist wie Klettern über einen Stacheldrahtzaun, ohne Schuhe und ohne Handschuhe. Gefährlich ist es außerdem, weil man dabei die Hoffnung verlieren kann. Aber ein Satz von Herta Müller ist wahrhaftiger als 200 Genderlehrstühlinnen in diesem vom Teufel besessenen Lande.

rei svager / 25.07.2021

danke frau kelle, daß sie an HERTA MÜLLER erinnern. das kommunistische “drecksloch” hat auch ALEXANDAR TISMA furcht-erregend beschrieben. als nachgeborener von vertriebenen habe ich, ähnlich wie viele “ostdeutsche”, ein besseres sensorium für totalitäres. mehr, als die mich umgebenden katholikinnen.  

T. Schneegaß / 25.07.2021

“Die Systematik der Unmenschlichkeit die dort dokumentiert steht, war schwer zu ertragen.” Sie kehrt gerade wieder, Frau Kelle. Natürlich in einem modernen Gewand. Der Archipel Gulag heißt heute z.B. Ausgrenzung von “Abweichlern”, die sich erlauben, sich nicht als menschliche Versuchsratten zur Verfügung zu stellen. NOCH ist der Schritt zu Ihrer Internierung und damit der wehrlosen Aussetzung gegenüber den Mengeles nicht vollzogen, NOCH NICHT.

Thomas Roth / 25.07.2021

Tja, Frau Keller, das ist eine Bildungslücke, die sie geschlossen haben. Ich hatte alles von Herta Müller gelesen, noch bevor ihr der Nobelpreis verliehen wurde ( sie hat ihn in Gegensatz zu vielen anderen der Sparte Literatur und Frieden nicht gewonnen, sondern redlich verdient).  Auslandsdeutsche achten mehr auf ihre Sprache, es ist Teil ihrer Identität und Alleinstellungsmerkmal als Minderheit in der Diaspora. Müllers Beobachtungen sind, wie ihre Beschreibung, präzise und schonungslos ehrlich. Beim Lesen stellt sich das damalige Gefühl der Unsicherheit und des Terrors wieder ein. Ich bin selbst als Mitglied einer ethnischen Minderheit in der Ceaușescu- Diktatur aufgewachsen. Die Dissonanz zwischen dem öffentlich Gesagten und im privaten, vertrauenswürdigen Rahmen Vertretenen war da, die Spaltung wurde erträglicher, weil Deutsch als Muttersprache die Sprache der Wahrhaftigkeit war, Rumänisch die Sprache der Propaganda, der feigen oder opportunistischen Anpassung. Ich habe die Beobachtung mit Freunden erörtert, die in der DDR sozialisiert sind, und zum Schluss gekommen, dass deren Schizophrenie schlimmer war, weil die Sprache der Lüge nicht wie ein Mantel abgelegt werden konnte.

J.G.R. Benthien / 25.07.2021

»die Widerwärtigkeit von Menschen, die mitten in der Ohnmacht ihre eigene Niederung an Macht auskosten« = Niedertracht = die deutsche Regierung, denn sonst würden die nicht schon wieder von einem Lockdown faseln. So gesehen hat sich — abgesehen von einer kurzen Zwischenzeit mit Freiheit — nichts geändert.

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