Bernd Dörries berichtet seit 2017 aus Kapstadt für die Süddeutsche Zeitung über Subsahara-Afrika. Der Titel seines Buches „Der lachende Kontinent“ ist etwas verwirrend. Ja, Afrika wird von freundlichen, dem Leben zugewandten Menschen bewohnt. Aber es ist bei aller Lebensfreude – wie ich es in 17 Jahren auf dem Kontinent erlebt habe – meist eine Heiterkeit auch am Abgrund. Frankophone Afrikaner nennen das „rire jaune“ (gequält oder gezwungen lachen).
Dörries hat 34 Länder bereist. Sein Buch wirkt wie eine lockere Folge aus Episoden und zweifellos interessanten Reiseanekdoten des Autors. Wenig zu lachen hat die Uganderin aus einer unteren Einkommensschicht, die er besucht, die 37 Jahre alt ist und 38 Kinder hat (S. 276). In Äquatorialguinea hat seiner Ansicht nach das ganze Land schlechte Laune (S. 26). Diesen Eindruck kann ich bestätigen. Auch die Südafrikaner, die in einem der gefährlichsten Länder des Kontinents leben, haben manchmal wenig zu lachen. „(...) jeden Tag werden fast 60 Menschen umgebracht (...) Einmal wird ein Anwalt eines bekannten Kriminellen mit einem Kopfschuss ein paar Straßen weiter [von der Wohnung des Autors] erschossen, vor den Augen seiner Kinder. Mal werden Wanderer mit Messern angegriffen und lebensgefährlich verletzt, genau auf jener Route, auf der wir einen Tag zuvor auch unterwegs waren. Mal wird ein Mann vor einer Bar erstochen, in der wir gerade ein Bier getrunken hatten.“ (S. 252)
Ein lebendiges Bild entsteht, wenn Dörries über eine Reise an Bord der MB Nathasha auf dem Kongo berichtet: „Auf den Decks steht eine wilde Mischung aus Autos und Containern, dazwischen haben sich rund 200 Passagiere ihre Lager eingerichtet.“ (S. 65) Der Kongo ist ein gewaltiger Strom. An seiner breitesten Stelle misst er 21 Kilometer, so dass man leicht die Orientierung verliert. Er scheint kaum zu fließen. Das Ufer sieht immer gleich aus, Bäume, Bäume, Bäume, ein dichter Regenwald, von dem man nur die ersten drei oder vier Baumreihen sieht. Hin und wieder tauchen Markierungen an den Ufern auf, die Yatshi sagen, dass er auf die andere Seite steuern muss, um nicht auf eine Sandbank zu laufen. Die Belgier hatten die Fahrrinne einst ausgebaut, es gab beleuchtete Bojen, Schifffahrtszeichen und Kilometermarken. Fast alle sind mittlerweile überwuchert, zerstört oder gestohlen. Es ist so wie der Rest des Landes.“ (S. 71)
Ruanda – Musterbeispiel der Gleichstellung
In Ruanda (S. 209) kommt es ihm vor, als sei die Schwäbische Alb in Afrika gelandet. Die Straßen der Hauptstadt Kigali sind immer sauber. In den langen Fluren der Ministerien trifft er auf junge, ehrgeizige Leute. Es sei ein Kontrast zu vielen anderen afrikanischen Ländern, in denen die Minister ihre halbe Verwandtschaft zu Mitarbeitern machen, die Büros aber verwaisen. Dörries bemerkt, „Ruanda hat eine der effektivsten Verwaltungen des Kontinents“. In Ruanda werden die Talente und Fähigkeiten der Menschen besser als anderswo in Afrika genutzt. Wie viele andere Gesellschaften in Afrika war auch die ruandische traditionell patriarchal, und Frauen wurden lange als geringerwertig angesehen. Heute ist Ruanda ein Musterbeispiel der Gleichberechtigung. In keinem Land der Welt gibt es mehr Frauen in entscheidenden Positionen als in Ruanda. Das ist einer der Hauptgründe für den Aufstieg des Landes zu einer der fortschrittlichsten Nationen Afrikas.
In Gabun besucht er die von Albert Schweitzer ab 1913 aufgebaute Klinik Lambaréné und fragt sich, dem heutigen Zeitgeist entsprechend, ob Schweitzer „nicht auch Teil des kolonialen Systems war, das missionierte und ausbeutete.“ (S. 113)
Bei Kamerun (S. 133) darf natürlich Prinz Kum'a N'dumbe III. nicht fehlen. Der Autor ist ihm am Ende der 1990er Jahre in Berlin begegnet. Für ihn war er einer der „engagiertesten und schlauesten Dozenten, die ich dort hatte." Der Prinz beansprucht seit einigen Jahren einen aus Holz geschnitzten und bemalten Schiffsschnabel oder Tange. Im Zuge der Niederschlagung eines Aufstands durch das deutsche Militär in Kamerun nahm der damalige deutsche Konsul Max Buchner 1884 den Tange aus dem Haus des lokalen Oberhaupts der Bele Bele an sich. 1885 schenkte Buchner den Tange dem heutigen Museum Fünf Kontinente in München. Kum'a N'dumbe III. bezeichnet sich heute als Thronerbe des damaligen Oberhaupts. Allerdings sind – wie schon zu meiner Zeit als Botschafter in Kamerun – sein Status und seine Funktion bei den Bele Bele umstritten. Der legitime Chef der Bele Bele, traditionelle Autoritäten in Duala und die kamerunische Regierung unterstützen diese Rückgabeforderung nicht. Für sie hat Kum'a N'dumbe III. mit seinen medienwirksamen Auftritten vor allem persönliche Beweggründe wie die Anerkennung des „Anrechts auf seinen Thron“. Nachdem der Autor für eine Münchner Zeitung schreibt, wird er auch diese Hintergründe kennen.
Senegal – Mehr und mehr Investoren
In Dakar im Senegal irrt Dörries stundenlang mit einem Taxifahrer durch die Stadt. Wie schon Daniela Roth im Kursbuch 190 schreibt, gibt es für afrikanische Städte weitenteils keinen Stadtplan, Straßennamen, Hausnummern. Dörries schreibt: „Den Weg von A nach B zu finden, ist schwierig, in vielen Ländern gibt es schlicht kein Adresssystem, sind keine Straßennamen vorhanden oder werden schlecht gepflegt.“ In der Botschaft Äthiopiens in Dakar möchte er sein Visum abholen. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, in einer der zahlreichen Botschaften nach dem Weg zu dem Kollegen zu fragen, statt zu warten bis er durch Zufall den Gärtner des äthiopischen Botschafters trifft (S. 228).
Er fährt an dem neuen Flughafen vorbei, der schneller fertig geworden ist als der in Berlin. Daneben sieht er den Bau einer neuen Stadt [Diamniadio], die Entstehung einer Eisenbahn und Industrieparks. Womöglich sei das der Beginn der Renaissance im Senegal. Im Senegal ist auch mir – wie in Benin – die meist positive Einstellung und die intensive Lebensfreude der Menschen aufgefallen. Senegal gilt heute als gefestigte Demokratie und könnte daher für andere afrikanische Staaten ein Vorbild sein. Betrachtet man die gesamte westafrikanische Region, ist Senegal seit der Unabhängigkeit 1960 von Frankreich ein politisch stabiles Land, das stolz auf seine demokratische Tradition ist. Seine politische Stabilität zieht mehr und mehr Investoren an.
Handel innerhalb Afrikas teuer
Die traditionelle Führungsschicht in vielen anderen Staaten will zwar Veränderungen, aber nur, damit sich nichts wirklich ändert. Ihr Zweck bleibt der alte: Machterhalt. Wirtschaftskrisen sind in der Regel durch unsolide Wirtschaftspolitik entstanden. Immer noch machen schlechte Infrastruktur, Korruption, bürokratische Hindernisse und Schlendrian den Handel innerhalb Afrikas teuer.
Vorsichtshalber schreibt der Autor im Vorwort, dass „immer etwas fehlen wird“. Ja, es fehlt in seinem Buch das Bevölkerungswachstum. Denn der hohe Bevölkerungsanstieg verursacht Konfliktpotenzial: durch mangelnde Ernährungssicherheit, Wasserknappheit, Druck auf Bildungssysteme, Arbeitslosigkeit. Außerdem steigt bei einer höheren Population und Verteilungskämpfen die Aggression. Das Gesundheitswesen hält dem Druck einer rasant anwachsenden Population in weiten Teilen Afrikas nicht stand.
Wer sich als „Afrikaeinsteiger“ für die Erfahrungen eines Korrespondenten interessiert und mehr über den Kontinent erfahren möchte, als im Weltspiegel gesendet wird, dem verhilft das Buch zu einem besseren Verständnis.
Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe erschien im September 2018. Zwei Nachauflagen folgten 2019. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.
Beitragsbild: Omaranabulsi CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Ob ein Journalist, der seit zwei Jahren im hippen Kapstadt/Südafrika stationiert ist und von dort aus die eine oder andere Reise in diverse afrikanische Länder unternimmt, um über diese zu berichten, schon als Afrika-Kenner gelten kann, darf bezweifelt werden. Es braucht viele Jahre persönlicher Erfahrungen, welche regelmäßig nicht eben wenige Abfolgen von "Trial and Error" einschließen, um mit dem doch so grandiosen Kontinent und seinen bisweilen überraschend anderen,, doch meist sehr liebenswerten, Menschen auch nur einigermaßen vertraut zu werden. Mit der profunden Afrika-Erfahrung eines Volker Seitz kann ein Bernd Dörries also keinesfalls aufwarten. Deshalb sollte man das besprochene Werk vielleicht doch mit einigem Vorbehalt lesen.
Lieber Herr Seitz, was ist denn dazu zu sagen, dass das EU-Parlament im Sept.2019 einen "Entschließungsantrag zu den Grundrechten von Menschen afrikanischer Herkunft " auf den Weg gebracht hat, in dem beschlossen wurde, dass in den nächsten 30 Jahren 200 Millionen ! Afrikaner (warum eigentlich nicht 300 ?) in der EU angesiedelt werden und mit Grundrechten ausgestattet werden sollen. (Berichte von Stefan Magnet, Nicolaus Fest sowie Martin Sellner). Logische Folge des Global Compact for Migration. Aber warum sollen sie nicht ihre Grundrechte in ihrer Heimat Afrika bekommen ?? In extremer Sorge H.M.
Vielen Dank, sehr geehrter Herr Seitz, daß Sie den Autor zitieren mit '...ob Schweitzer „nicht auch Teil des kolonialen Systems war, das missionierte und ausbeutete.“ (S. 113)' Das bewahrt mich davor, das Buch zu kaufen.
Herr Feider, Herr Viktor, klingt hart aber so ist es. Ein langjähriger Freund von mir war als Techniker Jahrzehnte in der ganzen Welt unterwegs, ein Großteil davon in Afrika. Und zwar NICHT nur in Luxushotels, weil die meistens zu weit weg von seinem Einsatzgebiet waren. Er würde BEIDE Briefe unterschreiben. Er war absolut KEIN Rassist aber ein TOTALER Realist. und NUR mit der REALITÄT und nicht mit MILLIARDEN in die falschen Hände könnte man das Afrika Problem noch lösen ! Aber ich glaube, dazu ist es zu spät, denn nicht nur China schielt nach Afrikas Bodenschätzen. Allerdings kann das KEINE Berechtigung sein, daß MILLIONEN über MILLIONEN Afrikaner jetzt nach Europa kommen dürfen, wahrscheinlich vorwiegend nach Deutschland. Von Peter Scholl Latour sollen folgende Zitate stammen, "Wer halb Kalkutta aufnimmt, hilft nicht Kalkutta, sondern wird selber zu Kalkutta." «Die wahabitische Lehre, eine eigentliche Sekte, ist das Intoleranteste, was es überhaupt gibt. Da die Saudi sehr viel Geld haben, können sie diese extreme Form des Islam verbreiten, die mit dem Koran gar nicht vereinbar ist. Sie finanzieren die Moscheen in Westeuropa, in Bosnien, in Afrika. Das wäre an sich nicht schlimm. Aber von hier aus wird diese extreme Form des Islam verbreitet.» Peter Scholl Latour hat sich NIE verbiegen lassen, er war für mich ein großartiger Journalist, nur leider wachsen solche besonders wertvollen "Pflanzen" nur sehr spärlich nach.
Warum wird ganz selbstverständlich davon ausgegangen, daß die Erfolge Ruandas auf die Frauen zurückzuführen sind? Sind die Mißerfolge Deutschlands auch auf die Frauen zurückzuführen? Oder gibt es keine Quoten in Ruanda, stattdessen tüchtige Frauen? Spielt das Geschlecht womöglich keine Rolle, wenn man daraus keine Sonderrechte ableitet?
Wenn die Afrikaner und Muslime sich nur ein Viertel soviel anstrengen würden und angestrengt hätten wie die Ostasiaten, hätten sie die meisten ihrer Armutsprobleme gelöst. Das scheint mir im übrigen in Ostasien sicher nicht primär an der Gleichberechtigung der Frauen zu liegen. Der erste Satz könnte zu jedem Beitrag über Armut in der Dritten Welt als Kommentar stehen. Was für ein Ärgernis, das es Japan, Südkorea etc. gibt. Wobei ich deren übermäßigen Ehrgeiz nicht gutheiße.
Ich bin ein großer Fan der Reisereportagen von Michael Palin und vor Jahren sah ich mal eine Episode aus dem Sudan. Eine Eisenbahnreise nach Wadi Halfa. Dort stieg er aus und versorgte sich in sehr unfreundlicher islamischer Umgebung für die Weiterfahrt auf der alten britischen Linie mit Konserven. Die kamen aus China. Und das hat mich ins Grübeln gebracht. Als ich dann Ihren Beitrag zum chinesischen Engagement in Afrika las, war ich erleichtert, in gewisser Weise. Es war keine Fata Morgana. Das zum " rire jaune ".