Steffen Meltzer, Gastautor / 22.03.2019 / 16:00 / Foto: peronimo / 11 / Seite ausdrucken

Willkommen in der heimischen Armutskultur

Nichts Besonderes ist geschehen. Ein Mensch ist im Land Brandenburg gestorben. Das passiert in Deutschland täglich circa 2.500-mal. Die Trauerfeier fand am 16. März 2019 statt. Das Leben geht weiter. Keine besonderen Vorkommnisse – wäre man geneigt zu schreiben, wenn da nicht der oben genannte Todesfall gewesen wäre. Uwe M. wurde nur 57 Jahre. Er starb irgendwann zwischen dem 7. und 13. Februar 2019. Den genauen Zeitpunkt kennt niemand. Die Einwirkung Dritter wird bisher ausgeschlossen. Sein ganzes Obdach war ein kleines Zelt mit etwas warmer Kleidung, einem Grill, zwei Matratzen, Lebensmittel und einer Powerbank.

Damit hauste er hinter einem Garagenkomplex auf dem Gelände des Oranienburger Güterbahnhofs. Der Alkohol hatte seine Spuren hinterlassen, er litt an Diabetes und hatte deshalb offene, unversorgte Wunden. Depressionen sind dazu gekommen. Vielleicht hat sich der frühzeitig gealterte und vom Leben gezeichnete Mann zum Sterben still in sein karges Zelt zurückgezogen, um von diesem Dasein endlich erlöst zu sein. Tod durch Aufgeben, wenn einen der Lebensmut verlässt, folgt bald darauf die Seele. Es muss beim Sterben sehr kalt und einsam gewesen sein. Ich hoffe, es war ein sanfter Tod.

Alle Bemühungen der ehrenamtlich engagierten Janette Budtke, Uwe M. ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, scheiterten. Die Frisiermeisterin und ihr kleiner ehrenamtlicher Verein, die uneigennützig und kostenlos armen Menschen helfen, sind erschöpft. Studierte oder gelernte professionelle Sozialarbeiter sind sie nicht. Die Chefin berichtet: „An diesem Beispiel zeigt sich mal wieder, dass hier eine professionelle Sozialarbeit gefehlt hat. Es reicht nicht, den Leuten mal die Haare zu schneiden, ihnen ein Essen zu spendieren oder eine Bleibe zu geben. Hier ist Fachpersonal gefragt. Wir als Normalos können das nicht leisten. Die Kommunen müssen endlich aufwachen.“ Grenzen wurden überschritten, die Ehrenamtler immer mehr als der billige Jakob ausgenutzt.

Willkommenskultur gern, aber nur für Fremde

Wir sind an einem wunden Punkt angelangt. Die Brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam will neben dem zugewiesenen Kontingent der Landesregierung im „Zeichen von Humanität und Toleranz“ zusätzliche Bootsflüchtlinge aufnehmen. Die Oberbürgermeister von Köln, Düsseldorf und Bonn wandten sich direkt an die „Wir schaffen das“ – Kanzlerin Angela Merkel und verkündeten eifrig, ihre Städte wollten in Not geratene Geflüchtete aufnehmen. Im Wettbewerb „Wer rettet die Welt?“ darf Potsdam nicht zurückstehen.

Aber auch im Inland wird großzügig Geld spendiert, wenn man damit die eigene Wählerklientel stärken kann. So versprach die einstige linke Sozialministerin Diana Golze medienwirksam für das brandenburgische Cottbus bis zu 40 neue Sozialarbeiter zusätzlich, um dort nach wiederholten Messerangriffen von „jugendlichen Einzelfällen“ die Wogen zu glätten. 

Andere Gutmeinende feiern sich als Retter der Entrechteten, indem sie „Geflüchtete“ heimlich bei sich illegal aufnehmen, die vor den legalen Abschiebungen (tatsächlich) flüchten. Anstatt „Kirchenasyl“ gibt es jetzt das „Bürger*innen-Asyl“, da darf man sich auch mal im öffentlich-rechtlichen TV des RBB für seine hochstehende „Moral“ feiern lassen, denn Straftaten nennen sich neuerdings „Zivilcourage“. Dieses antisoziale Verhalten schadet auch den Flüchtlingen, die ein Anrecht auf Asyl haben und denen, die sich mit ihrer Hände Arbeit integriert haben.

Greifbare Angst vor dem sozialen Abstieg

Die Borgsdorferin Janette Budtke, einst der Engel von Brandenburg möchte nicht mehr das Feigenblatt für die defizitären aber aufmerksamkeitsheischenden einseitigen Initiativen der Politik sein. Als Vorsitzende der Gruppe „Charity Banditen“, die uneigennützig Obdachlosen, Wohnungslosen, von Altersarmut Betroffenen aber auch Familien und Kindern hilft, zieht sie sich von ihrer ehrenamtlichen Arbeit frustriert zurück. Sie kritisiert: „Es kann doch nicht sein, dass die Stadt sich auf der einen Seite rühmt, wie viel Geld sie für alles ausgibt und auf der anderen Seite viele Menschen in Armut leben. Irgendetwas läuft da schief.“ 

Sie hat verstanden: Für einheimische Obdachlose und Arme bekommt sie von den Kommunen keine wirkliche Unterstützung. Umgekehrt war dies regelmäßig der Fall. Die erhaltene „Ehrenamtsmedaille“ schickte sie konsequent mit der Post an die brandenburgische Stadt Hohen Neuendorf zurück. Nur Unbedarfte lassen sich von wohlfeilem Blech, bunten Bändchen und Urkunden aus der Schublade blenden. Die tatsächlichen Lorbeeren ernten die anderen. Die Trauerfeier für den Verstorbenen wurde ausschließlich in Verantwortung des Vereins durch Geldspenden finanziert.

Nun ist er also von uns gegangen. Sein Tod könnte uns allen – im Positiven wie im Negativen – eine Mahnung sein. Die Angst vor dem sozialen Abstieg des Mittelstandes ist allgegenwärtig und keine Verschwörungstheorie. Die Rezessionsangst zieht auf. Gestrandete Menschen sind keineswegs dumm oder unwillig. Man findet den Akademiker oder ehemaligen Unternehmer genauso darunter wie den einstigen notorischen Schulverweigerer und heutigen Streuner. Firma pleite, Job und Partner(in) weg, Alkohol, Schulden, Depressionen, finaler Suizid. Nicht alle schaffen die Wiederauferstehung wie Phoenix aus der Asche. Einmal unten – fast immer unten.

Doch vielleicht war Uwe freier als die, die ihm helfen wollten. Unabhängigkeit war ihm wichtiger als jegliche Verbindlichkeit durch die äußeren Umstände der strammen täglichen Pflichterfüllung. Es ist nicht verboten, unkonventionell und stur seinen Weg zu gehen. Freiheit ist auch, sich ein Leben zu suchen, das man vor allem selbst will. 

Obdachlose und Hartz-iV-Empfänger befördern zugleich die Abstiegsangst jener, die nicht dazu gehören. Noch nicht. Deshalb sagen sich viele, es ist besser, nicht aufzufallen oder gar anzuecken. Keine eigene Meinung haben und wenn, dann immer die der Mehrheit. Besser mit den Wölfen heulen, solange diese die Herren im Wald und Gelände sind. So wird aus der Abstiegsangst Opportunismus.

Steffen Meltzer ist Autor des Buches Ratgeber Gefahrenabwehr: So schützen Sie sich vor Kriminalität – Ein Polizeitrainer klärt auf.

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Hans-Peter Dollhopf / 22.03.2019

Die Erzeugung von Kategorien bildet das Fundament für reale Vernunft. Sie begründet die Struktur der Realität und in ihr jede erfolgreiche Spekulation. Reines Denken, der Genuss eines Espresso am Morgen ... vollkommen getrennte Welten. Logik ist Tautologie und reinste Wahrheit endlos sinnfrei. Die Wirklichkeit stattdessen verwandelt sich ununterbrochen. Die Welt macht uns leiden, obwohl Leidende mit tautologischer Sicherheit ihrer Existenz sicher sein können. Wer in die Felsenfestigkeit der bezweifelbaren Welt kommt, die oder der wird konfrontiert durch den individuellen Fluch eigener Wahrnehmung. Durch das Kategorisieren der Wahrnehmungen bringen wir diese Welt als Struktur selbst hervor, wodurch wir sie dann als unsere eigentliche Heimat beanspruchen. Mit der Herrschaft der Flöhe verschwindet solche Empirie. Ein Beispiel: Frauen wären nie wirklich Frauen und Männer nie tatsächlich Männer, Mann und Frau wären immer Lug und Trug gewesen, Konstrukt! Wir seien und würden nie Herrinnen und Herren unserer eigenen Verdammnis. Uwe, durch den roten Faden Deines Leben, den die Nornen gesponnen haben mögen oder nicht, der am Eingang des Labyrinths des Lebens fest angeknotet wurde von Dir selbst, wirst Du ewig sein!

Peter Thomas / 22.03.2019

Ja, “Fridays for the homeless” wäre eine Möglichkeit, unsere Jugend mit dem Leben bekannt zu machen und die Schafe von den Böcken zu scheiden. Der eine Tag Schulverweigerung wäre zwar so oder so ein Rechtsbruch, aber durch die Begegnung mit menschlichem Scheitern mehr als aufgewogen. (Außerdem, wenn ich ehrlich bin, ist es wurscht, wie lang die Kinder in der Schule sind: Sie lernen da weder richtiges Schreiben noch Rechnen und schon gar nicht Denken.)

H.Roth / 22.03.2019

Die Stadt Westerburg hat immerhin einen Campingplatz, um die Abgehängten dieser Gesellschaft (Hartz 4, Langzeitarbeitslose, Armutsrentner) anzusiedeln. Denn bezahlbarer Wohnraum ist Mangelware, wie man immer wieder zu lesen bekommt. Würden Asylbewerber so einquartiert, gäbe es sicher einen laut zu vernehmenden Aufschrei. Aber das müssen wir nicht befürchten, denn wenn neu und gut und schön gebaut wird, dann für die Idealunternringung von illegal Eingereisten.

Hermine Mut / 22.03.2019

“Unser” Sozialstaat ist für viele derer, die schon länger hier leben häufig ein Sozialleistungsverweigerungsstaat.

Dr. Gerhard Giesemann / 22.03.2019

Immer schön unter dem Radarschirm fliegen in niedriger Höhe - das hat schon Matthias gewusst und wo ist er gelandet? Na, auf dem Roten Platz in Moskau. Unbehelligt. Wer erinnert sich? Bin früher, als ich noch ein Segelflieger war, auch zumeist unter Radar geflogen - bis mich eines Tages eine Fiat G 91 (genannt “Gina” bei den Piloten der BW) fast gerammt hätte. Die sind etwa 30 Meter unter mir durchgezogen, mit ca 300 km/h, haben nicht mal nach oben zu mir rauf geguckt. Trost für mich: Das hätten die auch nicht überlebt, wenn’s geklappt hätte. Moral: Vorsicht beim Tiefflug, wenn auch Andere dort unterwegs sind. Auf dem niedrigen Niveau.

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