90 Jahre Tim & Struppi (4)

Von Claude Cueni.

Alle Redakteure von Le Soir gelten als Kollaborateure und werden verurteilt. Auf die Frage des Anwalts Duval, wieso Hergé nicht wie alle anderen eingesperrt wird, soll ihm ein Justizbeamter geantwortet haben, man könne Hergé nicht einbuchten, weil man sonst die ganze belgische Jugend gegen sich aufbringen würde. Too big to fail?

Chefredaktor Raymond de Becker, Hergés Freund seit Pfadfinder-Zeiten, wird 1946 von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt und verbringt die nächsten fünf Jahre bis zu seiner Begnadigung im Gefängnis. Er zieht nach Paris, schreibt ein paar Krimis unter Pseudonym und verfällt in Depressionen. Hergé vermittelt ihm einen Job beim Schweizer Buchhandel und unterstützt ihn bis zu seinem Selbstmord 1969 finanziell. 

Léon Degrelle hat sich frühzeitig nach Oslo abgesetzt. Er will nach Argentinien, aber die Maschine muss in Spanien notlanden und „Léon, le Beau“ strandet in Malaga. Er trägt noch seine SS-Uniform und wird gleich als „Hitler Belgiens“ erkannt. Im faschistischen Spanien genießt er die lebenslange Protektion des Diktators Franco. Er schreibt im Exil zahlreiche Bücher, gibt Interviews und wird mit Immobiliengeschäften vermögend. Mit seiner späten Autobiographie „Tintin, mon copain“ rüttelt er nochmals die frankophone Öffentlichkeit auf. Ob er tatsächlich die Vorlage für Tintin war, wird man nie in Erfahrung bringen. Nicht auszuschließen ist, dass die Figur „Tintin“ eine Patchwork-Figur aus Tintin-Lutin, Léon Degrelle und dem 15-jährigen Dänen Palle Huld ist, der in 44 Tagen die ganze Welt bereiste und in allen Medien als Held gefeiert wurde. 

„Du hast ein schlechtes Gedächtnis"

Pater Norbert Wallez, der Mastermind der Rexisten, wird enteignet und 1947 zu vier Jahren Haft und einer Geldstrafe von 200.000 belgischen Francs verurteilt. Er verbringt vier Jahre in der Haftanstalt von Charleroi und wird 1950 infolge einer Krebserkrankung entlassen. Hergé und seine Frau Germaine nehmen ihn vorübergehend in ihrem Landhaus auf. Sein Tod bedeutet für Hergé einen immensen Verlust. 

Als man Hergé später fragt, was die schwierigste Zeit seines Lebens war, nennt er nicht den Krieg, sondern die Zeit danach und klagt zeitlebens über die Intoleranz und Ungerechtigkeit, die ihm damals wiederfuhr. Pierre Ickx, ein Jugendfreund, der von der Gestapo gejagt wurde, wirft ihm vor, einer von den Anderen gewesen zu sein. Hergé antwortet: „Ich gehörte zu jenen, die ihren Beruf so gewissenhaft wie nur möglich ausführten, und ich verbeugte mich vor allen Kriegsopfern, egal auf welcher Seite sie standen.“ Als ihn sein unterschlagener Co-Autor Jacques Martin, der zwei Jahre im Arbeitslager der Nazis verbrachte, auf die Konzentrationslager anspricht, sagt Hergé: „Du hast ein schlechtes Gedächtnis, du hast dich beeindrucken lassen, du hast falsch gesehen. Und überhaupt, wie will man wissen, dass es Juden waren?“ 

1947 bietet Hergé seinem Co-Autor Edgar P. Jacobs schriftlich zehn Prozent der Einnahmen an, aber Jacobs will kein Geld, sondern eine Namensnennung, schließlich ist sein Anteil enorm. Hergé lehnt erneut ab. Ihre Wege trennen sich, Jacobs wird mit seiner eigenen Serie „Blake & Mortimer“ erfolgreich. Hergé realisiert allmählich, wie wertvoll Jacobs gewesen ist. Blackout. Ihm fällt nichts mehr ein, den Humor hat er verloren. Er bietet dem Autor Bernard Heuvelmanns – auch er ein Nazi-Kollaborateur – 250 belgische Francs für jeden Gag, den er in die Alben einbauen kann. Ende 1947 und im Laufe des folgenden Jahres überweist er Heuvelmanns 43.000 belgische Francs für die „collaboration à un scénario“. Das steht auf der Banküberweisung, aber nicht im Album.

Hergé fällt in ein tiefes Loch und taucht unter. Er ist keiner, der sich der Realität stellt. In drei Arztpraxen taucht er wieder auf, er ist überarbeitet und ärgert sich maßlos über die nicht verstummenden Berichte über seine Nazi-Vergangenheit. Er sieht sich als Opfer einer Rufmordkampagne und beginnt seine Kritiker mit eingeschriebenen Briefen zu bombardieren und droht mit Klagen, er scheut keine Anwaltskosten. Doch nicht alles lässt sich mit Geld regeln.

Er besucht Wunderheiler, Geistheiler und Naturärzte

Am 23. Januar 1948 bittet er den argentinischen Konsul schriftlich um eine Audienz. Er will sich mit Germaine und ihrer Mutter nach Argentinien absetzen. Am 5. Februar schreibt er Nestor Orsi, dem argentinischen Presse-Attaché, einen Brief und erkundigt sich über die Erwerbsmöglichkeiten in Südamerika, er sei ein humoristischer Zeichner für Kinder. Er schreibt an Walt Disney und bietet ihm die Tintin-Rechte für die USA an, doch erst nach Monaten erhält er eine Absage. Von einer Angestellten. Die beigelegten Alben schicken sie ihm auch noch zurück. Immer wieder verschwindet Hergé spurlos, oft zieht es ihn an den Genfer See. Er besucht Wunderheiler, Geistheiler und Naturärzte. Seine Frau Germaine schreibt ihm Briefe: „Wenn du nicht für mich zurückkehrst, kehre wenigstens für Tintin zurück.“ Germaine ist der letzte Fels in der Brandung. 

Sie möchte Kinder, Hergé mag Kinder genausowenig wie Hunde. Bloß keine Verantwortung, bloß keine Einschränkung. In der Nachbarschaft sieht man Monsieur Hergé immer wieder aus dem Haus eilen, um spielende Kinder vor dem Anwesen zu verscheuchen. Sie stören ihn. Hergé ist zeugungsunfähig, Germaine drängt mit Nachdruck auf eine Adoption. Pierre Assouline, der sich ausführlich mit Germaine Kieckens unterhalten hat, erwähnt folgende Episode: Sie adoptieren einen „siebenjährigen Jungen aus einem fremdländischen Land“. Doch nach 15 Tagen bringt der Kinderbuchautor Hergé den Jungen wieder ins Waisenhaus mit der Bemerkung, er ertrage keine Kinder in seiner Umgebung. 

Im April 1950 gründet Hergé im Alter von 43 Jahren die „Studios Hergé“. Das Aktienkapital beträgt 250.000 belgische Francs. Von Anfang an dabei ist der 25-jährige Comic-Zeichner Bob De Moor, der sein ganzes Leben in den Studios verbringen wird. Kurz darauf gesellt sich auch der junge Jacques Martin (Alix, Jhen, L. Frank) dazu. Auch er hat einen großen Anteil an der Entwicklung der neuen Geschichten. Er und Bob De Moor sind so gut, dass Hergé ihre Arbeiten oft nicht von seinen eigenen Zeichnungen unterscheiden kann. Von nun an wird er nicht müde, Journalisten ungefragt mitzuteilen, dass er der alleinige Schöpfer des Tintin-Universums ist und dass die Comic-Bände „nicht das Produkt einer Industrie oder eines Teams“ sind.

Weiß ein Interviewer Bescheid, beginnt Hergé sofort, seine unterschlagenen Co-Autoren in den höchsten Tönen zu loben. Aber er weigert sich weiterhin, sie in den Alben zu erwähnen. Er sagt, sie hätten keine Rechte, sondern Pflichten. Und da er sie bezahle, gehöre alles, was sie erfinden und zeichnen, ihm alleine. In einem Interview aus dem Jahre 1983 sagt er Numa Sadoul: „Wenn mir eine Idee gefällt, assimiliere ich sie vollständig und ich vergesse augenblicklich, und für immer, dass sie von einem anderen stammt.“

In den Studios Hergé arbeiten mittlerweile bis zu 50 Mitarbeiter, meist ehemalige Kollaborateure. Das Geschäft boomt. Mitarbeiter erzählen, er würde sich in den Studios manchmal wie ein Feldweibel benehmen, immer öfter spricht er von sich in der dritten Person, die Wahrheit überlässt er den Phantasielosen: „Manchmal sag ich etwas und sofort habe ich Lust, das Gegenteil zu sagen“.

Claude Cueni, „Warten auf Hergé“, Roman, Neuerscheinung November 2018, Münsterverlag, Euro 24,- Weitere Angaben auf www.cueni.ch

 

90 Jahre Tim & Struppi, Teil 1

90 Jahre Tim & Struppi, Teil 2

90 Jahre Tim & Struppi, Teil 3

Foto: Newtown grafitti Flickr CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Marcel Seiler / 16.11.2018

Die Nazis waren Verbrecher, das bezweifle ich nicht. Das Pflegen der Nazi-Schuld aber ist verantwortlich für weiteres Unglück und weitere Verbrechen. Denn das Herz unschuldig mit Schuld beladener Menschen füllt sich mit Hass, der sich irgendwo (Antifa, Neonazis, deutscher Selbsthass bei Links und Grün, bald wohl auch bei normalen deutschen Schülern) ausdrücken wird. Wollen wir durch diese Schuldpflege die völlig unschuldigen Enkel, Urenkel und Ur-Urenkel derer bestrafen, die die Nazizeit miterlebt und zum Teil mitgestaltet haben? Ist das die Absicht dieses Artikels (dessen Wahrheit ich nicht bewerten kann, aber auch nicht bezweifle)? Wenn nicht, was soll das Ganze?

Bechlenberg Archi W. / 16.11.2018

Lassen wir einmal Hergés unappetitlichen Charakter außen vor - dass angestellte Zeichner und Autoren namentlich nicht in Erscheinung treten, war und ist auch bei anderen Studios die Regel. Aus Walt Disneys Hand stammte nicht einmal die Signatur, mit der “seine” Geschichten unterschrieben waren. Jahrzehnte lang waren die Namen seiner Comiczeichner unbekannt, schließlich sollte ja der Anschein erweckt werden, Disney würde rund um die Uhr zeichnen und Storys erfinden. Erst nach seiner Pensionierung im Jahr 1968 wurde der beste Zeichner Disneys, Carl Barks, namentlich bekannt. Dass es ihn geben musste, war Fans schon lange klar, sein Stil und seine Geschichten hoben sich gegenüber dem Werk anderer Zeichner deutlich hervor, er war dennoch nur als “der gute Zeichner” bekannt, nicht aber als Autor.

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