„Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen“, schrieb Goethe (1749–1832). Das war nicht immer so.
Reisen hatte jahrtausendelang stets einen ganz bestimmten Zweck. Unsere Vorfahren waren Nomaden, immer unterwegs nach neuen Regionen, wo es genügend Nahrung gab. Auch Umweltkatastrophen zwangen sie zum Reisen beziehungsweise zum Verreisen. Bis sie schließlich vor rund 10.000 Jahren sesshaft wurden und Viehzucht und Ackerbau betrieben.
In der Antike reiste man zu den Tempeln der Götter, wie man heute nach Santiago de Compostela oder Mekka pilgert. Nebst den Händlern, die berufsmäßig reisten, waren Ferienreisen den Wohlhabenden vorbehalten, sie suchten im Sommer ihre Zweitwohnsitze am Meer auf. Allen anderen fehlten die Zeit und das Geld dazu.
Legionäre und Nichtadlige reisten meistens zu Fuß und legten dabei circa 30 Kilometer am Tag zurück, in etwa die Distanz von Zürich nach Winterthur, eine Strecke, die wir heute mit dem Auto in 30 Minuten bewältigen. Es gab so was wie ein Fernstraßennetz mit Herbergen, die Reisende und die Pferde der Postboten und Kutscher versorgten und nebst Speis und Trank auch sexuelle Dienste anboten.
In der Renaissance (circa 1400 bis 1620) sandte der europäische Adel seine Söhne auf die große Bildungsreise, die Grand Tour, die meistens nach Italien führte. Dass Reisen bildet, galt schon damals als Binsenweisheit. Unter Bildung verstand man auch das Sammeln erotischer Erfahrungen.
Mit dem britischen Reisepionier Thomas Cook (1808–1892) wurden erstmals Pauschalreisen in die entlegenen Kolonien des British Empire angeboten, das nach dem Ersten Weltkrieg sagenhafte 35 Millionen Quadratkilometer umfasste. Der technische Fortschritt der industriellen Revolution machte es möglich, dass nun Reisen dank Automobil, Eisenbahn und Dampfschiff günstiger und somit auch für den Mittelstand erschwinglich wurden. Die entstehende Tourismusbranche schaffte neue Jobs, die Reiseliteratur boomte, und Louis Vuitton (1821–1892) fabrizierte robuste Reisetruhen.
Doch erst in den 1960er Jahren setzte dank höheren Realeinkommen, mehr Freizeit und günstigen Charterflügen der Massentourismus ein: Man reiste nicht mehr, „um anzukommen, sondern um zu reisen“.
Claude Cueni (66) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK, wo dieser Beitrag zuerst erschien. Sein neuester Roman heißt „Dirty Talking“, davor erschienen bei Nagel & Kimche die Romane „Genesis – Pandemie aus dem Eis“ und „Hotel California“.
@ A.Schröder
Man erkennt diesen auch unter anderem am Besitzanspruch diverser Liegen, die in „Urlaubsdomizielen“ an Schwimmbecken
aufgestellt wurden. Dafür stehen sie auch gerne Morgengrauen auf und „besetzen“ das begehrte Objekt.
Wahlweise auch an Menschen, die gepantschten Sangria aus Eimern mit Strohhalmen trinken.
Heute nennt man das, was Goethe da machte, Sabbatical oder Gap-Year. Der Titel wäre heute entsprechend anders, vielleicht auch: Der Eros und die Römerin.
Latium sieht auf dem Tischbein-Bild genauso trocken aus wie heute, vielleicht sogar noch trockener. Bilder von Reisenden ansehen, bildet auch.
Ohne Nahrung, Strom, Gas und Benzin hat es sich bald auch für die Mittelschicht ausgereist. Dann ist das Reisen wieder der Oberschicht vorbehalten. Ich bin müde geworden, Reisen interessiert mich nicht mehr. Damals habe ich mir dafür jeden Traum erfüllt, und das jeweils für Monate. Dom. Rep., Mexico, Spanien, Thailand, Malaysia, Singapore… damals ging das noch und es war immer spannend.
Ich nahm mir vor, mir jeden Monat 1 kleinen Urlaub zu gönnen, 12 verlängerte Wochenenden – 12 Bildungsreisen. Dann kam der Corona-Blödsinn, Maskenblödsinn, Lockdownblödsinn, Blackliveblödsinn, Klimablödsinn, Verkehrswendeblödsinn, Wokeblödsinn, Genderblödsinn, Transenblödsinn, Transformationsblödsinn, Putinblödsinn, Gaspreisblödsinn, Bundespräsidentenwahlblödsinn…
Der Weg ist das Ziel. Da ist es wieder, Goethe wußte es, er, von selber drauf gekommen. Heutige Touristenströme ersetzen oft die Belagerungen des Mittelalters. Die Kleidung, kurze Hose, lapbriges T-Shirt, Strümpfe und Badelatschen, verbunden mit viel Lärm, lassen den modernen Germanen erkennen. Das aber steht erst viel später in Geschichtsbüchern.
Tja, so ist das in der Moderne. Man vögelt ja hier auch nicht, um Erben zu zeugen.