90 Jahre Tim & Struppi (3)

Von Claude Cueni.

Für die Biographen hat die „Sekretärin Germaine“ kaum Platz neben dem großen Hergé. Aber Germaine Kieckens war bereits Chefredaktorin der Frauenbeilage des  Vingtième Siècle, als Hergé die Verantwortung für die Kinderbeilage übernahm. Sie lieferte Hergé Beiträge und Illustrationen und signierte mit „Tantine“. Sie hat bis an ihr Lebensende illustriert und gemalt. Ihre tragische Ehe hat zahlreiche Parallelen mit der Biographie der unglücklichen Josephine Verstille Nivison, die für ihren Ehemann, den  Kunstmaler Edward Hopper, ihre eigene Karriere aufgab. 

Am 10. Mai 1940 greifen Verbände der deutschen Heeresgruppen A und B das neutrale Belgien an. Alexander von Falkenhausen, der Chef der deutschen Militärverwaltung, übernimmt die Kontrolle über die Medien. Die Zeitung Le Vingtième Siècle wird geschlossen, die Tageszeitung Le Soir wird unter ihrem Chefredaktor Raymond De Becker Propagandaorgan der deutschen Besatzungsmacht, die Belgier nennen die Zeitung fortan Le Soir volé, der gestohlene Le Soir. Für die meisten Belgier bedeuten die folgenden vier Jahre Angst, Schrecken und Mangel an vielem, für Hergé beginnen hingegen die vier „Goldenen Jahre“. Er wechselt freiwillig in die Redaktion von Raymond De Becker, seinem Jugendfreund aus Pfadfinderzeiten, und publiziert regelmäßig die Fortsetzung seiner Tintin-Abenteuer.

In der Redaktion hoffen alle auf die „Neue Ordnung“. Während Raymond de Becker in der linken Zeitungsspalte von Le Soir seine Kolumne über die germanische Ethik publiziert, erscheinen in der rechten Spalte Hergés Illustrationen zu Judenwitzen: Bucklige Juden mit krummer Nase, aufgeworfenen Lippen, Schläfenlocken, Bart und Hut, die gierig und verschlagen ihren Geldgeschäften nachgehen. Selbst als die ersten Meldungen über die Massenmorde an den Juden Brüssel erreichen, kennt Hergé kein Mitleid. Wie damals schon bei den Kongo-Gräueln. 

Wenn Hergé morgens zur Arbeit geht, begegnet er Menschen mit dem gelben Stern auf der Brust, und wenn später belgische Juden, Frauen und Kinder, zu den Bahnhöfen gebracht und nach Auschwitz deportiert und vergast werden, 2.500 insgesamt, fehlt Hergé jedes Mitgefühl. Hat er später bereut? 25 Jahre später sagte er in einem Interview mit Numa Sadoul:

 „Ich hatte keine Skrupel, für eine Zeitung wie Le Soir zu arbeiten, ich habe gearbeitet, das ist alles, so wie ein Minenarbeiter arbeitet oder ein Metzger. Aber während man es normal fand, dass ein Maschinist eine Eisenbahn zum Laufen brachte, wurden die Presseleute später als Verräter gebrandmarkt.“ 

Wie lange dauert eine Jugend?

Jugendsünden des damals 34-jährigen Autors? Wie lange dauert eine Jugend? Bedeutet Jugendsünde nicht, dass man rückblickend das damalige Tun als Sünde einstuft? Dass man bereut? Hat Hergé je bereut? Oder ist er auch ein Antisemit ohne Reue? Der mit dem „Chevalier des Arts et Lettres“ ausgezeichnete Mulhouser Comic-Zeichner Jacques Martin arbeitet ab 1953 neunzehn Jahre lang mit Hergé an den Tintin-Alben und für das Comic-Magazin Tintin. In den 1970er Jahren sagt er in einem Interview mit der Libération, dass Hergé ein Leben lang Antisemit geblieben sei. Also auch in einer Zeit, als der Holocaust jedem Schulkind längst bekannt war. 

In den Kriegsjahren wird Papier knapp. Die Schwarzweiß-Alben werden deshalb von 124 auf 62 Seiten gekürzt. Diese Aufgabe ist anspruchsvoll, weil man nicht nur kürzen, sondern die Geschichten neu erzählen muss, damit am Seitenende ein Cliffhänger auf die Fortsetzung neugierig macht. Es ist der Comic-Autor und Zeichner Edgar P. Jacobs (Flash Gordon), der diese Arbeit übernimmt. Hergé will ihn dennoch nicht als Co-Autor aufführen, „Tintin, das bin ich und nur ich.“

Unter deutscher Besatzung blüht Hergé regelrecht auf, es entstehen die besten Alben, Highlights wie „Das Geheimnis der ‚Einhorn‘“ (1943, neu), „Der Arumbaya-Fetisch“ (1943, Neufassung in Farbe), „Die Schwarze Insel“ (1943, erste Neufassung in Farbe), „Die Krabbe mit den Goldenen Scheren“ (1943, Neufassung in Farbe) und „Der Schatz Rakhams des Roten“ (1944, neu). 

Viele Künstler ziehen sich diskret zurück, „ils cassent leur plumes“, sagt man in Brüssel, sie brechen ihre Federn und verweigern sich, nehmen finanzielle Einbußen in Kauf. Für den ehrgeizigen Hergé eine einmalige Gelegenheit. Er beliefert nun gleich drei nazifreundliche Zeitungen aufs Mal und verdient richtig Geld. In der Redaktion von Le Soir fühlt er sich pudelwohl. Seine Abende verbringt er mit seinen Arbeitskollegen in den Lokalen und Bars, die auch von den SS-Offizieren frequentiert werden.

Im Spiegel das Konterfrei von Adolf Hitler

Dem deutschen Besatzungsoffizier Burckas schenkt er den Band „Das Geheimnis der ‚Einhorn‘“ mit einer persönlicher Widmung. Sie alle glauben an Hitlers Endsieg. Léon Degrelle hält am 17. Januar 1943 im Brüsseler „Palais des Sports“ eine feurige Rede im Goebbels-Stil und fordert den Anschluss Belgiens an Deutschland. Der Surrealist René Magritte karikiert hingegen den Narzissten, wie er in einen Spiegel schaut und das Konterfrei von Adolf Hitler entdeckt.

Im Sommer 1943 landen britische und amerikanische Truppen auf Sizilien, Mussolinis Tage sind gezählt, einige Monate später beginnen alliierte Bomber- und Jagdverbände mit den Flächenbombardements deutscher Städte. In den späten Abendstunden des 3. September enden Hergés lukrative „Goldene Jahre“. Die britische Armee rückt über die Avenue de Tervuren vor und befreit die Hauptstadt Brüssel. Auf dem Boulevard de Waterloo werden die Soldaten frenetisch gefeiert. Hergé feiert nicht. Er hat keinen Grund dazu. Im Gegenteil, er hat Grund zur Sorge. Belgien erhält seine Freiheit zurück, Hergé verliert die seine. Bob de Moor, der Co-Autor, der während Jahrzehnten Hergés rechte Hand war, sagte dem Biographen Pierre Assouline, dass Hergé für den belgischen Widerstand nie ein gutes Wort übrig gehabt habe, man habe ihn nie sagen hören: „Schön, dass wir befreit wurden.“ 

Im Herbst 1944 sind Brüssel und weite Teile Belgiens von den Nazis befreit. Zornige Widerstandskämpfer jeglicher Couleur ziehen durch die Straßen und machen Jagd auf Kollaborateure. Sie besetzen die Redaktionsräume der Tageszeitung Le Soir, das den Nazis als Propaganda-Organ diente. Hier hatte Hergé seine Tintin-Folgen publiziert und Judenwitze illustriert. Die Résistance druckt eine „Galerie der Verräter“ und nennt die Wohnadressen. Hergé ist gleich zweimal aufgeführt, einmal als Georges Remi, einmal als Hergé. Er ist in Gefahr. Sein unterschlagener Co-Autor Edgar P. Jacobs sucht ihn auf, um ihm notfalls beizustehen. Später sagt Jacobs: „Für andere hätte Hergé keinen Finger gerührt. Es war für ihn selbstverständlich, dass alle stets in seiner Schuld sind. Nicht mehr und nicht weniger.“

Hergé wird gleich viermal verhaftet, verhört, eine Nacht verbringt er im Gefängnis. Er wird später mit einem zweijährigen Berufsverbot belegt und verliert vorübergehend das Bürgerrecht und den Führerausweis. In Brüssel publizieren Widerstandskämpfer das Plagiat „Die Abenteuer von Tim & Struppi bei den Nazis“. 

Claude Cueni ist Schweizer Schriftsteller. Soeben ist von ihm erschienen „Warten auf Hergé“, Roman, Neuerscheinung November 2018, Münsterverlag, Euro 24,- Weitere Angaben auf www.cueni.ch

 

90 Jahre Tim & Struppi, Teil 1

90 Jahre Tim & Struppi, Teil 2

90 Jahre Tim & Struppi, Teil 4

Leserpost

netiquette:

Bernd Müller / 15.11.2018

Die Kritik, daran, dass Hergé auch während der Besatzung “Tintin” weiterhin publizierte erscheint mir nie ganz schlüssig. Tatsache bleibt, daß die “Tintin” Alben, die in den vier Jahren der deutschen Besatzung entstanden sind, zu den besten überhaupt gehören. Wem wäre denn damit gedient, wenn Hergé diese Werke nicht erschaffen hätte?

Bernd Ackermann / 15.11.2018

Wer kaufte denn eigentlich “Le Soir volé” und bescherte Hergé die goldenen Jahre? Die deutschen Besatzer ja wohl eher nicht, die konnten vermutlich kaum genug Französisch. Eine Handvoll Kollaborateure reichen wahrscheinlich auch nicht. Die zornigen Widerstandskämpfer jeglicher Couleur scheiden ebenfalls aus. Bleiben eigentlich nur die später befreiten Belgier, oder? Also die 10%, die nicht im Widerstand waren. Da fragt man sich natürlich warum.

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