Hans Scheuerlein, Gastautor / 16.01.2021 / 14:00 / Foto: MGM / 13 / Seite ausdrucken

50 Jahre „Elvis Country“ und der 10.000 Jahre alte King of Rock’n'Roll

Von Hans Scheuerlein.

Im Januar 1971, als Elvis' 13. Studioalbum unter dem Titel „Elvis Country (I'm 10.000 Years Old)“ erschien, war der inzwischen 36-Jährige längst nicht mehr der King of Rock'n'Roll. Dieser Titel ging ohnehin letztlich auf seine ganz frühen Jahre von 1955 bis 1958 zurück, wo er nicht nur die Musikwelt der jungen Generation nachhaltig revolutionierte, sondern auch ihr Begehren nach einer eigenen Kultur mit eigenen Werten, Wünschen und Weltanschauungen weckte. Aber spätestens seit seiner Rückkehr vom Militärdienst, den er 1958 antrat und der ihn für eineinhalb Jahre auch nach Deutschland führte, änderte sich sein Image vom wilden, hüftenschwingenden Protagonisten einer neuen Jugendkultur hin zum adretten Schwiegersohn-Typ unter dem von seinem Manager Colonel Tom Parker verhängten Motto: „Elvis For Everyone“. Der hielt auch schon einen Vertrag mit Hollywood für ihn bereit, mit dem er dem jungen Sänger seinen Lebenstraum als Schauspieler erfüllen wollte. Freilich nicht, ohne finanzielle Absichten dabei zu hegen.

Die Filme, die fast alle nach demselben Strickmuster abliefen, schadeten aber letztlich Presleys Image als ernstzunehmendem Künstler und ließen ihn zur Witzfigur verkommen. Und nicht nur die Filme wurden immer schlechter, auch die Musik passte sich dem Kitsch der seichten Musikkomödien für spießige Teenager an. Gegen Ende der 60er Jahre, nachdem längst andere das Aufbegehren der Jugend gegen die Welt der Alten anführten, befreite sich der gestürzte King aus der Umklammerung der Hollywood-Krake und meldete sich mit einem Comeback TV-Special, das im Dezember 1968 auf dem Fernsehsender NBC ausgestrahlt wurde, als Sänger und Entertainer zurück. Es war sein erster öffentlicher Auftritt seit 1960 und scheiterte um ein Haar an seinem Lampenfieber, wie sich der damalige Produzent Bob Finkel erinnert. Zudem war Elvis älter und reifer geworden und wollte sein Publikum zu seinen wahren musikalischen Wurzeln mitnehmen, die auf Country und Rockabilly einerseits, wie auch auf Gospel und Blues andererseits zurückgingen. Presley, der wahrscheinlich mehr für die Verständigung von Weißen und Schwarzen getan hat als alle Politiker zusammen, ging es von Anfang an um die Verbindung von weißen und schwarzen Elementen in seiner Musik. Und jetzt, da er sich endlich freigeschwommen hatte und tun und lassen konnte, was er für richtig hielt, wollte er sich nicht auf eine einzige Richtung festnageln lassen.

Nach dem Erfolg des TV-Specials geht Elvis nach Las Vegas, um im neuen International Hotel seine Karriere als Live-Performer wieder aufzunehmen und King of Las Vegas zu werden. Und er beginnt wieder, anspruchsvolle Musik zu machen. Zwei herausragende Beispiele dafür sind das Soul-Album „From Elvis In Memphis“ von 1969, vielleicht sein bestes überhaupt, auf dem sich mit „In The Ghetto“ auch sein einziger Nummer-1-Hit in Deutschland befindet (war mal die Millionenfrage bei „Wer wird Millionär?“), sowie das eingangs erwähnte Country-Album, welches gerade sein 50. Jubiläum feiert. Der Longplayer, der stilgetreu in Nashville aufgenommen wurde, beginnt mit dem Titel „Snowbird“, der eigentlich Elvis' neues Markenzeichen hätte werden können. Ist er mit seinen weißen, mit bunten Steinen besetzten Bühnen-Outfits nicht zu so etwas wie einem Snowbird geworden? Ein einsamer, zurückgelassener Songbird im liegengebliebenen Schnee von gestern? Wie dem auch sei, dieses Stück gehört zu den Highlights der Spätphase seiner Karriere. Ein locker-flockiger Countrysong, in dem es einmal mehr um eine enttäuschte Liebe geht. Was aber auch für verpasste Chancen im Leben stehen könnte, wenn es heißt: „But now I feel such emptiness within. For the thing that I want most in life is the thing I can't win.“ Weitere Anspieltipps sind „Little Cabin On The Hill“, eine Coverversion vom „Father of Bluegrass“ Bill Monroe, und die Willie Nelson-Ballade „Funny How Time Slips Away“ sowie das Power-R&B-Stück „I Washed My Hands In Muddy Water“. Eine Besonderheit des Albums sind die Einblendungen von kurzen Fragmenten des Songs „I Was Born About Ten Thousand Years Ago“ am Ende eines jeden Tracks, was „Elvis Country“ zu einer Art Konzeptalbum werden lässt – dem einzigen im Oeuvre dieses vielleicht größten Rockstars aller Zeiten.

 

Youtube-Link zu einer witzigen Live-Aufnahme des Titels "Snowbird" aus Las Vegas vom Januar 1971

Youtube-Link zu dem Album-Track "I Washed My Hands In Muddy Water": 

Youtube-Link zu dem Album-Track "Funny How Time Slips Away": 

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Leserpost

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Thomas Taterka / 16.01.2021

Ungeschlagen der “kaputteste” Vogel im amerikanischen Showbusiness. Nur noch überboten von seinen Fans oder -Michael Jackson. Dabei haben beide grossartige Sachen gemacht. Jackson zum Beispiel das Thriller - Video mit John Landis. Und Elvis den “angedeuteten Hüftschwung mit Fett und Stehkragen plus Fiffi ” ( Hawaii - Shuffle ).

Andreas Rühl / 16.01.2021

Als bad nauheimer mit Hirn kann ich leider diesen fatzke und seine Gefolgschaft nur leidenschaftlich hassen. Dass nun auch noch die Achse von den Kerl durchseucht wird, laesst Schlimmes ahnen.

Detlef Rogge / 16.01.2021

Wenn es jemals einen King of Rock & Roll geheben hat, dann war es Chuck Berry. Was seinen Hüfte schwingenden Adepten angeht, der war ein guter Verkäufer seinerselbst, sonst nichts.

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