Was man einmal Heimat nannte

Von Anabel Schunke.

In den letzten zwei Jahren empfinde ich oft ein Gefühl der Hilflosigkeit. Ein Gefühl der Ohnmacht, das mich immer öfter überkommt und den Kampfeswillen um all das, was mir so wichtig ist, zumindest für den Moment unter sich begräbt. Mehr als zwei Jahre hält der Dauerzustand, der einmal als Ausnahmezustand proklamiert wurde, jetzt an. Die Momente der Hilfslosigkeit werden mehr. Überhaupt sind sie mittlerweile eigentlich nur noch dann nicht vorhanden, wenn ich das Bewusstsein über die irreparablen Schäden, die diesem Land tagtäglich durch die Politik der offenen Grenzen zugefügt werden, verdränge. Wenn ich nicht darüber nachdenke, dass der Point of no Return vielleicht längst erreicht ist. Auf die Ohnmacht folgt die Wut. Die letzte Emotion, die noch irgendwie Antrieb liefert, um nicht sofort die Flinte ins Korn zu werfen.

Wie geht man mit Informationen um, die man nicht ertragen kann, aber angesichts eines politischen und gesellschaftlichen Klimas im Land ertragen muss? Damit, dass Antisemitismus etwas mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ausgerechnet in Deutschland wieder salonfähig wird? Mit Schulen, an denen „Jude“ ein gängiges Schimpfwort ist und Schüler jüdischen Glaubens bedroht und von Mitschülern angegriffen werden? Wie geht man damit um, dass im Deutschland des Jahres 2017 jede Synagoge unter Polizeischutz steht und in den Talkshows doch vor allem jene eine Stimme bekommen, deren kultureller Background zu dieser Situation geführt hat? Deren Gotteshäuser trotz aller angeblicher Anfeindungen und Bedrohungen nicht geschützt werden müssen?

Mit der historischen Verantwortung scheint das so eine Sache zu sein, denn wenn es ausgerechnet um die geht, die aufgrund dieser Verantwortung mehr als alle anderen unsere uneingeschränkte Unterstützung und Solidarität verdienen, versagen wir. Sie ist es, die als Legitimationsgrundlage für die derzeitige Flüchtlingspolitik herhalten muss und doch ganz im Gegenteil dazu anhalten sollte, genau jene Politik augenblicklich zu stoppen. Die Freiheit der vielen Asylbewerber ohne Obergrenze zu uns zu kommen, bezahlen wir mit unserer eigenen. Längst haben die offenen Landesgrenzen für Grenzen im Inneren gesorgt. Der Betonpoller vor dem Weihnachtsmarkt ist nur die Sichtbarste von vielen. Im Denken, was den offenen gesellschaftlichen Diskurs angeht, genau wie den Aktionsradius von Joggerinnen und Frauen an Silvester – wer auf die eigene Freiheit so bereitwillig verzichtet, hat sie wohl nicht verdient. 

Menschen gewöhnen sich an den alltäglichen Terror im Kleinen genau wie an den großen. Während ich diesen Text hier schreibe, rast ein Auto in der Nähe von Toulouse in eine Personengruppe. Das Zusammenzucken angesichts solcher Nachrichten hat längst aufgehört. Frankreich ist noch mehr am Arsch als wir. Genauso wie Schweden. Für den Moment spendet der zynische Gedanke fast so etwas wie Trost. Florian Kohfeldt bleibt Cheftrainer bei Werder Bremen ist die nächste Eilmeldung und auf der SPIEGEL-Seite, auf der ich eben noch über Toulouse las, erscheint jetzt ein Artikel über die „Mobilität der Zukunft“. Wenn wir alle nicht mehr selber fahren, fährt auch keiner mehr in Menschen, ist mein zweiter Gedanke und ich stelle fest, wie zynisch das alles ist.

Wie kann man noch ohne Wut im Bauch einen Strafzettel bezahlen?

Es sind dies die Momente, in denen ich innerlich noch schreie, während ich äußerlich resigniert scheine. Wie hält man eine Gesellschaft aus, in der Obdachlose von Menschen angezündet werden, denen wir eine helfende Hand geboten haben? Eine Gesellschaft, in der eine arme Rentnerin wegen eines 70-Euro-Diebstahls ins Gefängnis muss, während kein einziger der Täter aus der Kölner Silvesternacht im Knast gelandet ist? Ein Land, in dem ein 25-jähriger Mörder als 17-jähriger Hussein K. allein 400 Euro Taschengeld pro Monat von seiner Pflegefamilie erhielt, die wiederum 2.800 Euro Monat für seine Versorgung überwiesen bekam?

Wie kann man noch ohne Wut im Bauch einen Strafzettel bezahlen, während afrikanische Dealer in Berlin eine eigene Ausstellung im Museum bekommen, um auf die „Widrigkeiten“ ihres Alltags aufmerksam zu machen? Wie erduldet man den Kniefall vor fremden Kriminellen, die gesellschaftlich verordnete Toleranz gegenüber jedem mittelalterlichen Auswuchs des Islams von Kopftuch bis zur öffentlichen Selbstauspeitschung, wenn man für den Kampf um den Erhalt der eigenen kulturellen Gepflogenheiten als Nazi und Rassist, bestenfalls als Rechtspopulist beleidigt wird? Was hält am Ende des Tages noch in so einem Land, außer die Erinnerung an das, was man einmal Heimat nannte und was sich auch so anfühlte?

Heimat mag nicht allein durch mehr Kopftücher im Straßenbild verloren gehen, sehr wohl aber mit der Aufhebung jener von der Gesellschaft gelebten Werte, die Teil der eigenen Identität sind. Ein Land, das Antisemitismus duldet beziehungsweise ignoriert, weil er nicht von Rechtsradikalen, sondern von Muslimen ausgeht, ein Land, das eine arme Rentnerin härter bestraft als den Drogendealer oder Grabscher, ein Land, dass nur noch die Diskriminierung einer Kopftuchträgerin sieht, aber nicht die Diskriminierung, die ich als westliche Frau durch das Kopftuch erfahre, ein Land, dass die vermeintlich reaktionäre AfD bekämpft, aber nicht den reaktionären Islam. Dass mein Recht auf Meinungsfreiheit, auf Religionskritik und kulturelle Identität einschränkt, während es das Recht auf kulturelle und religiöse Identität des anderen selbst zum Preis des Verlusts der eigenen Freiheit nicht anzuzweifeln vermag, ist nicht mehr mein Land.

Und das einzige, was mich noch hier hält, ist das Wissen, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung und das, was dieses Land nach Außen darstellt, ebenso nicht mehr ein und dasselbe sind. Dass auch dieser Teil sich nicht mehr mit diesem Deutschland identifiziert und dass da folglich noch ein anderes Deutschland existiert. Eines, das noch Heimat ist, uns nicht nur ausharren lässt, sondern auch emotional verpflichtet. Für das wir immer noch im Rahmen unserer Möglichkeiten kämpfen. Mit jeder öffentlichen Kritik. Mit jedem Moment, in dem wir den Mund aufmachen, wo es so viel einfacher wäre, zu schweigen.

Ja, vielleicht ist da noch irgendetwas, was ertragen lässt, was eigentlich nicht mehr zu ertragen ist. Das Gefühl, dass die Heimat noch nicht verloren ist. 

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Leserpost (47)
Preston Mairesse / 17.11.2017

Das andere Deutschland hat keine Chance auf politische Wirkung, solange es noch Wähler gibt, die an das Grand Spectacle der Parteiendemokratie glaubt oder es zähneknirschend hinnimmt aus Furcht vor “rechten” Alternativen.  Die jetzigen Schwampel Vorführungen mögen die Glaubhaftigkeit dieses Systems weiter beschädigen, aber bis es als hoffnungslos erkannt wird, brauchen wir noch Zeit. Insofern sind die nächsten vier Jahre politisch nicht ganz verloren. Sie werden (noch) keine Wende bringen, aber sie werden die Parteiendemokratie der gegenwärtigen Ausprägung ein Stück weniger glaubhaft machen, und weiteren außerparlamentarischen Druck erzeugen. Ich glaube nicht, dass das parlamentarische Kartell bei der nächsten Wahl noch einmal funktionieren kann. Zum einen wird ein Bürschlein wie Lindner von niemand mehr als Alternative gesehen werden, zum anderen wird die Selbstdemontage der Grünen weiter fortschreiten und auch Frau Merkel wird deutlicher erkannt werden, als das was sie ist: Destruktiv. Der Osten ist uns in diesem Prozess voraus.  “Die Große Transformation” wird immer mehr Leuten auf die Nerven gehen und ebenso der Terror der Minderheiten im Spiel um die Political Correctness. Und es wird Druck auf die Finanzen geben durch die Folgekosten des hiesigen Paradieses der Flüchtlinge. Um es zusammenzufassen: Es werden immer mehr Leute die Schnauze immer voller haben, die gegenwärtige Politik lässt sich nicht ad infinitum weiterführen. Auch der mediale Vorhang der Erziehungsjournalismus wird die nicht bewirken können. Also heißt fürs erste die Devise: “Empört Euch!”. Überall, und andauernd, und laut!

Andreas Netzel / 17.11.2017

      Liebe Anabel,       es ist alles richtig was du schreibst.       Der deutsche Wähler hatte es am Wahltag in der Hand diese Berliner Versagertruppe zum Mond zu schiessen,ohne Rückfahrkarte.Was jetzt daraus       geworden ist…eine Schmierenkomödie namens Jamaika.       Tut mir leid,aber,aber manchmal frage ich mich,ob ein großer Teil der Deutschen bekloppt ist.       Verzweifle nicht,denn 7 Millionen wollen keine offenen Grenzen,Islamisierung,Bevölkerungsaustausch und Genderwahnsinn !!!                                                                                                                                                                                                 Liebe Grüsse   Andreas

Robert Krauthausen / 17.11.2017

Hallo Frau Schunke, ich lese alle Ihre Beiträge auf Achgut. Sie schreiben sehr authentisch und stimmig. Ich glaube, so langsam geraten Sie an den Rand dessen, was ein Mensch, der einfach nur sein kleines Dasein leben möchte, ertragen kann, wenn er sich im Alltag so umschaut und aufmerksam das politische und gesellschaftliche Leben verfolgt. Ich kann das gut verstehen. Mein Vorteil: Ich bin 30 Jahre älter als Sie und hoffe, dass ich in meiner etwa 20-jährigen Restlaufzeit (statistisch gesehen) noch so gerade durchkomme mit den Gegebenheiten, die sich in unserem Land sicherlich immer weiter verschärfen werden. Wenn Sie einmal so alt sein werden, wie ich es jetzt schon bin, dann dürften bis dahin etwa 30 Millionen autochthone Deutsche gestorben sein und durch die immer stärker werdenden Jahrgangs-Anteile von jüngeren Migranten in unserem Land gesellschaftliche Zustände herrschen, die wir uns als autochthone Einheimische heute wohl nur im Ansatz vorstellen können. Deshalb halte ich Ihre Wut, ihre Verzweiflung, Ihre Desillusionen für sehr berechtigt und weiß auch, gerade angesichts der jämmerlichen politischen „Führung“ in unserem Lande, nicht, wie ich Sie trösten könnte. Wie wusste schon Bert Brecht: „Wenn die Irrtümer verbraucht sind, sitzt als letzter Gesellschafter uns das Nichts gegenüber.“

Markus Posern / 17.11.2017

Genau so geht’s mir auch. Danke. Auch ich kann hier nicht weg. Solange noch ein wenig Hoffnung besteht.

Uwe Leopold / 17.11.2017

Halle Frau Schunke, sie sprechen mir aus der Seele. Bitte halten auch sie durch. Wenn auch nur im Geiste haben sie mit Sicherheit viele Verbündete.

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