Sorgfalt: Eine verteidigungswürdige Tugend

Von Susanne Baumstark.

Der Zeitgeist lässt sich auch anhand der allgemein angestrebten, heute eher unterlassenen Sorgfalt charakterisieren. Die Pflicht zur Sorgfalt findet sich in Berufsbeschreibungen von Journalisten, Juristen oder Ärzten. Darüber hinaus könnte es auch im Alltag darum gehen, der Sorgfalt wieder mehr Wertschätzung entgegenzubringen. Wer Sorgfalt an den Tag legen will, braucht vor allem Ruhe und Zeit. Denn ständig schwatzende Leute im Umfeld und Getriebenheit konterkarieren jede Bestrebung, bei einer Sache zu verweilen respektive alle Details zu beachten, sich also um diese und eventuell auftretende Konsequenzen zu sorgen. So gilt denn die Sorglosigkeit als Gegensatz der Sorgfalt (vermutlich aus "Sorge" und "Walten" zusammengesetzt).

Im weiteren Kontext fällt die stete Bemühung deutungsmächtiger Kreise auf, „besorgten Bürgern“ einen lächerlichen bis rechtspopulistischen Anstrich zu verpassen. Die plumpen Unterstellungen demonstrieren indessen, dass ihnen die Sorgfalt sonst wo vorbei geht und sie es nur nicht so genau wissen wollen, sich also weder um potenzielle Gefahren noch um eventuelle Folgen sorgen. Angesichts solcher Verantwortungslosigkeit besteht keinerlei Anlass, sich von dieser sorglosen Deutungsmacht beeindrucken zu lassen. Die Devise muss sein, den eigenen Sorgfaltsanspruch, auch als Garant der Verbindlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen, mit noch höherer Intensität zu pflegen und relativierende Anwürfe dem Strohfeuer der Banalität zu überlassen.

Susanne Baumstark, Jahrgang 1967, ist freie Redakteurin und Diplom-Sozialpädagogin. Ihren Blog, auf dem dieser Beitrag zuerst erschien,  finden Sie hier.

Foto: Mstyslav Chernov CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (4)
Annegret Weise / 09.08.2017

Ich bin eher der Meinung, dass das Antagonym von “Sorgfalt” “Fahrlässigkeit” ist. Aber ansonsten stimme ich zu. Und ich möchte ergänzen: Grundvoraussetzung für Sorgfalt ist auch die vielgehasste und gern ignorierte Disziplin. Eine Tugend, die ich mir in Minischritten langsam erarbeiten muss, weil sie leider in meiner Generation (Jahrgang ‘86) völlig unter den Tisch gefallen ist. Und ich habe den Eindruck, dass dieser Trend sich immer weiter verstärkt hat, so dass heutzutage sowohl in u. a. Politik, Medien und Wissenschaft (letzteres weiß ich aus persönlicher Erfahrung) sich die Pfeifen und Luftpumpen nur so tummeln. Du musst dich nur gut verkaufen können und den Menschen sagen, was sie hören wollen, dann ist dir der Erfolg sicher. Eine Gesellschaft, die so etwas duldet und fördert, wird langfristig zu Grunde gehen.

Gabriele Kremmel / 09.08.2017

Auf mich wirkt die um sich greifende, verbale Totschlagetikettierung und Diffamierungswut eher infantil als einer mangelnden Sorgfalt geschuldet. So haben sich Auseinandersetzungen im Grundschulalter abgespielt, da war das altersgerecht normal und endete nicht selten in Rangeleien. Man musste nämlich damals nicht kuschen vor den Beschimpfungen sondern durfte sich noch verteidigen, resp. wehren. Eingemischt (durch Autoritäten) wurde sich meist erst, wenn es eskalierte oder jemand oder etwas zu Schaden kam.

Karla Kuhn / 08.08.2017

“...... deutungsmächtiger Kreise…. ” dann würden die ja,  aus “Klugheit und Geduld” die “populistischen Andersdenkenden” beschimpfen . Ha, ha , ha, herrlich.

Wilfried Cremer wilfried-cremer.de.rs / 08.08.2017

Nach dem Duden (Etym.) kommt das Wort von Sorgenfalten, sei’s drum. Es handelt sich um eine Kombitugend, aus Klugheit und Geduld.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Susanne Baumstark, Gastautorin / 23.06.2018 / 06:29 / 27

Pflegebedürftige: Sie sind es Merkel nicht wert

Mal zur Rekapitulation: „Die Bundesregierung zapft im Wahljahr 2017 die Reserven des Gesundheitsfonds für die Versorgung von Asylbewerbern an.“ Den Kassen sollen „einmalig 1,5 Milliarden…/ mehr

Susanne Baumstark, Gastautorin / 18.06.2018 / 15:30 / 11

Nachzug: Heile Familienwelt?

Der Bundestag hat vergangenen Freitag die neue Regelung zum Familiennachzug für „subsidiär Schutzberechtigte“ beschlossen: mit 370 Ja-Stimmen bei 279 Nein-Stimmen und drei Enthaltungen. Auf der Homepage…/ mehr

Susanne Baumstark, Gastautorin / 13.06.2018 / 15:00 / 9

Altparteienabgabe wird durchgepeitscht

Das „Gesetz zur Änderung des Parteiengesetzes und anderer Gesetze“ zur Anhebung der absoluten Obergrenze für die staatliche Parteienfinanzierung von 165 Millionen Euro ab 2019 auf…/ mehr

Susanne Baumstark, Gastautorin / 09.06.2018 / 17:00 / 11

Wie die DSGVO das Gemeinschaftsleben kaputt macht

Manche wissen es vielleicht noch aus der Jugend: Man engagiert sich im Turnverein oder im Schachclub und schaut am Tag nach einem Turnier ganz gespannt…/ mehr

Susanne Baumstark, Gastautorin / 04.06.2018 / 12:57 / 15

BAMF: Die falsche Auskunft der Bundesregierung von 2015

Im Rahmen der Causa BAMF kann man ruhig noch mal den Offenen Brief des Personalrats vom November 2015 an Frank-Jürgen Weise lesen und die Antwort der Bundesregierung auf eine…/ mehr

Susanne Baumstark, Gastautorin / 26.05.2018 / 06:29 / 27

Mein Name ist Regierung, ich weiß von nichts

Im Bundestag werden Regelungen zum Familiennachzug ohne wesentliche Datengrundlage beschlossen – geht aus dieser Antwort der Bundesregierung hervor: „Es liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse dazu vor, wie…/ mehr

Susanne Baumstark, Gastautorin / 18.05.2018 / 06:25 / 42

Die Schulen, die Sprechverbote und die Gewalt

Gewalt betreffend „wird den Lehrern nicht selten unter Androhung rechtlicher Konsequenzen ein ‚Maulkorb‘ verpasst“, schreibt „Christ in der Gegenwart“. Doch angesichts der Dramatik der Lage…/ mehr

Susanne Baumstark, Gastautorin / 12.05.2018 / 16:00 / 3

Tag der Pflege: Wo bleibt die Ü84-Debatte?

Heute ist Internationaler Tag der Pflege. „Gesundheit ist ein Menschenrecht“, lautet das Motto. Darauf hinzuweisen und insbesondere privaten wie professionellen Pflegekräften für ihre schwierige und…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com