Thomas Rietzschel / 20.07.2017 / 17:55 / 6 / Seite ausdrucken

Frau Hendricks glüht schon mal vor

Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) fehlen in Deutschland bis 2020 jährlich 385.000 Wohnungen. Macht über drei Jahre unterm Strich einen ungedeckten Bedarf von rund 1.2 Millionen. Grund genug für die Parteien, sich des Problems mit diversen Wahlversprechen anzunehmen. Insbesondere die SPD stellt einen rasanten Aufschwung des sozialen Wohnungsbaus in Aussicht. Sogar das Grundgesetz möchte die Bundesbauministerin ändern lassen, damit der Bund selbst wieder als Bauherr agieren kann, der Staat in die Lage versetzt wird, "günstigen Wohnraum" zu schaffen.

Was die Ministerin darunter versteht, erfuhren wir unlängst, als sie anlässlich einer Veranstaltung der Wohnungswirtschaft erklärte, dass vor allem junge Leute im Grunde mit einer Schlafstelle auskämen. Würden sie doch nach der Arbeit "sowieso erst nochmal irgendwo in so ne Lounge oder Bistro oder irgendwie so was" gehen und am Wochenende "vorglühen", bis sie abends um elf wieder ausgehen. Und wenn dem so sei, dekretierte Barbara Hendricks, ehedem promoviert mit einer Arbeit über die "Margarine-Industrie am Niederrhein", weiter, wenn dem so sei, "dann sind die in ihren Wohnungen doch wirklich nur zum Schlafen und dann kommen die auch mit 30 bis 35 Quadratmeter aus".

Zugemessen wird dem einzelnen, was den Vorstellungen entspricht, die sich Staat und Politik von seinem Leben machen. Das Wohnungsbauprogramm der DDR, die sprichwörtlich gewordene "Platte" grüßt aus der Vergangenheit, hört man der Bundesbauministerin heute zu. Schade nur, dass Honecker, das nicht mehr erleben kann. Er müsste sich tatkräftig bestätigt fühlen in seiner Vorhersage, dass "den Sozialismus in seinem Lauf weder Ochs noch Esel" aufhalten könnten. Nicht einmal Barbara Hendricks.

Auf einen Kaffee mit Honecker

"Wohnraumlenkung" und "Wohnraumzuteilung" gehörten einst zu den Segnungen seines "sozialistischen Vaterlandes". Zahl und Größe der Zimmer wurden in der Regel pauschal zugemessen, im Schnitt 60 bis 70 Quadratmeter für eine vierköpfige Familie ohne besondere Verdienste um die Partei. Glücklich durften sich jene schätzen, die Honecker nach ihrem Einzug auf eine Tasse Kaffee besuchte, um zu sehen, wie schön sie es in dem neuen Heim haben. Mutter, Vater, Sohn bzw. Tochter und Baby  schmolzen dabei vor den Kameras des DDR-Fernsehens stets in Dankbarkeit dahin.

Der Neubau, ein Kasten wie der andere, erfüllte seinen Zweck, ohne viel zu kosten. Dass es noch billiger ging, fanden die rumänischen Genossen unter Ceausescu heraus. Vielfach verzichteten sie bei ihren Wohnblöcken, äußerlich ansehnlicher als die der DDR, auf den Anschluss der Toiletten an das Abwassersystem, sofern sie den Einbau der Klos nicht gleich ganz vergaßen. Auch das ist kein blöder Witz und nicht nur einmal vorgekommen, wie ich auf zahlreichen Reisen feststellen musste.

Angelehnt an die Genossin Barbara Hendricks könnte man freilich auch sagen, dass das, wirtschaftlich betrachtet, gar keine so schlechte Idee gewesen ist. Da sich "die Menschen" ohnehin den ganzen Tag außerhalb bei irgendeiner Beschäftigung aufhalten mussten, konnten sie schließlich ihr Geschäft auch dort erledigen. Ihre Wohnung brauchten sie schon damals "wirklich nur zum Schlafen".

So gesehen ist die Bundesbauministerin mit ihren Berechnungen für eine Single-Wohnung keineswegs aus der Geschichte gefallen. Sie ist nur ein bisschen von der Rolle, so wie seinerzeit, als sie das Problem der CO2-Belastung lösen wollte, indem sie empfahl, den Kühen das Pupsen zu verbieten. Nein, dass es uns langweilig werden könnte im Zirkus der deutschen Politik, ist wahrlich nicht zu befürchten. Das Personal hat immer noch etwas auf Lager, auf das unsereiner nie kommen würde.

Demnächst bei Phillippi sehen wir uns wieder, vielleicht schon im Wartezimmer von Barbara Hendrichs "Wohnraumlenkungskommission". 

Leserpost (6)
Martin Wessner / 21.07.2017

Warum wollen Linke eigentlich nie im sozialistischen Wohnungsbau a’la Marzahn oder der Gropiusstadt wohnen, sondern immer in den Altbauhäusern des ausbeuterischen, reaktionären, imperialistisch-kapitalischen Klassenfeindes? Vielleicht, weil es daran liegt, dass man den anderen den Kollektivismus empfiehlt, für sich selbst aber, als gleicherer unter den Gleichen, den Individualismus als Vorrecht beansprucht?

Andreas Rochow / 20.07.2017

Toll! In einer der letzten Ausgaben des deutschsprachigen “Sputnik” (1989), einer Art Readers Digest aus der Sowjetunion, wurde nur eine Küche pro Etage im sozialistischen Wohnungsbau als platzsparende Neuerung gelobt. Die Nutzung von Spüle, Herd und Kühlschrank wurde im Kollektiv der Nachbarn geregelt. In der ehemaligen DDR war das “Wohnklo mit Kochnische” oder das “Arbeiterschließfach” im sozialistischen Wohnungsbau, Typ WBS 70, bis zum Ende der DDR komplett ausgestattet. So großzügig dürfen die modernen Ökoenergiegewinnbehausungen nach Vorstellung der Ministerin nicht mehr ausfallen. Dem Klima zuliebe.

Rolf Menzen / 20.07.2017

Ab September werden wir von der “Dame” sowieso nichts mehr hören. Die kann dann wider unter den Stein zurück unter dem sie hervorgekrochen ist.

Joe Haeusler / 20.07.2017

Früher gab es sozialen Wohnungsbau. Irgendwann kamen ein paar Oberschlaue auf die Idee, es wäre ja alles gebaut - nach 1995 gab es tatsächlich eine Zeit lang Wohnungsleerstand -  und dass man diese Mittel viel besser für die ganzen “Man-müsste- könnte-sollte-Ideen” der Weltenrettung und -verbesserung einsetzen könnte. Selbstverständlich waren diese Oberschlauberger bei der Pöstchen- und Kneteverteilung kompetent zur Stelle. In der Freizeit flennen sie sie wegen der teuren Altstadtwohnungen und rufen nach dirigistischen, antikapitalistischen Maßnahmen.

B.Klebelsberg / 20.07.2017

Ob wirklich so viele Wohnungen fehlen, wer weiß dass schon so genau. Tatsache hingegen ist, dass der Gesetzgeber seit vielen Jahren alles tut um preisgünstigen Wohnungsbau nach Kräften zu behindern. Es gibt tausende von Restriktionen die alle als Gesetz oder Verordnung von denen, die heute die Verantwortung von sich schieben, beschlossen wurden: Energieeinsparungsgesetze, Dämmwahn, Anteil erneuerbarer Energien, Reduktion der Überbaubarkeit von Grundstücken, Höhen und Dichtebeschränkungen, kontinuierliche Verschärfung der Brandschutzvorschriften, Mietpreisbremsen, Maklervorschriften, vorgeschriebener Anteil von (besonders großen) rollstuhlgerechten Wohnungen, Aufzugszwänge, Stellplatzvorschriften, Nachweis von vielen Fahrradstellplätzen, Pflichtanteil von versickerungsfähigen Grundstücksflächen, Lärmschutz von außen, Lärmschutz innen. Belegungsvorschriften, Vorkaufsrechte für Mieter, Renovierungsverbote, Verbot von Luxussanierungen, Einschränkungen beim Eigenbedarf der Eigentümer, Mieterschutzgesetze, drastische Gundsteuererhöhungen, Kröten Fledermaus Hamsterschutz, uvm. Schon diese spontane Auswahl zeigt, dass der Wohnungsbau planwirtschaftlich zu Tode reguliert ist. Alleine die Energiewende Stand 2017 verteuert bei Mietwohnungen die Miete um ca 20% gegenüber 2008. Und bereits 2008 war der energetische Standard so hoch, dass er durch Energieeinsparungen nicht gegenfinanzierbar war. Dazu kommt ein hohes Risiko für Vermieter auf den Kosten von Nichtzahlern und Mietnomaden sitzen zu bleiben, was dazu führt, dass viele Wohnungen nicht mehr zur Vermietung kommen. Die Gemeinden müssen dafür “Flüchtlings"wohnungen bauen, ebenfalls mit den absurden Standards, siehe oben. Diese sind nach einigen Jahren zerlegt und müssen generalsaniert werden. Hätte es nach den Bombennächten diesen Regulierungswahn gegeben, würden wir heute noch in den Bombentrichtern leben.

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