Quentin Quencher / 19.12.2016 / 18:00 / Foto: Joxemai / 0 / Seite ausdrucken

Trump und die Rückzugsäume der Klimaschützer

Jede Zeit entwickelt ihre eigene Wichtigkeiten. Sie haben ein Verfallsdatum, denn irgendwann drängen sich andere Dinge in den Vordergrund. Doch was einmal in der Welt ist, verschwindet nicht einfach wieder, sondern hat Überzeugungen, Ideologien und Weltbilder geschaffen. Ein kleiner Kern – Elias Canetti  spricht vom Massenkristall – bleibt im ursprünglichen Zustand der Erregung und der Selbstwichtigkeit, kann aber immer weniger Mitläufer binden. Diese werden nun orientierungslos, und da Mitläufer selbst keine neuen Weltbilder oder Ideologien schaffen können, suchen sie sich einen Rückzugsraum, der kompatibel zu den bisherigen Überzeugungen erscheint.

Die Rede von der Klimakatastrophe wird von immer weniger Mitläufern gehört, sie hat viel von ihrer Anziehungskraft verloren, was aber nicht heißt, dass die dahinter liegenden Überzeugungen von der Endlichkeit und Begrenztheit der Dinge aus der Welt ist. Momentan erleben wir einen Wandel von konkreten Ängsten wie die über das Klima, hin zu mehr diffusen Bildern und weniger klaren Aussagen. Der Impressionismus in Form von Nachhaltigkeitsnarrativen verdrängt die Rede von den Katastrophen, die eher expressionistisch wirken.

Natürlich werden Klimaschützer einwenden, dass die Nachhaltigkeit doch die Kernaussage des Klimaschutzes ist, und damit liegen sie sicher nicht falsch. Nur ist die Rede von der Nachhaltigkeit insgesamt so schwammig, dass sich da so gut wie alles hinein interpretieren lässt. Heimat, Identität und Regionalität haben darin genauso Platz wie eher konkrete Aussagen wie die vom ökologische Fußabdruck. Die allerdings nur auf den ersten Blick konkret erscheint, in Wirklichkeit aber sehr abstrakt ist.

Eigentlich ist Nachhaltigkeit nur wie ein Adjektiv: immer nur beschreibend und ergänzend im Zusammenhang mit einer Sache, doch nie Sache selbst. Eine Hintergrundmusik, ein Begleitchor, doch nichts Themensetzendes.

Gleichzeitig ist sie aber auch ein Rückzugsraum, sollten sich einzelne expressionistische Aussagen entweder als unwahr oder als nicht mehr publikumswirksam zeigen. Und das Publikum sind meist Mitläufer. Was die anzieht, in entsprechender Quantität, wird auch bestimmend.

Das Narrativ Klimakatastrophe verliert an Mobilisierungskraft

Das Narrativ Klimakatastrophe wird über Bilder von einzelnen Bedrohungen von Heimat und Region vermittelt. Doch das ist nur ein Hilfsmittel, um eine angenommene globale Bedrohung verständlich und erfühlbar zu machen. Über die Bilder wird, so ganz nebenbei und unbeabsichtigt, allerdings für die Bedrohung der Heimat sensibilisiert. Denn anders als mit der Beschreibung von lokalen Veränderungen lässt sich Klimawandel nicht begreifbar machen.

Damit aber werden auch andere Bedrohungen des lokalen Umfeldes aufgewertet. Wie Hohn kommt es dann vor, wenn die Umwelt global geschützt werden soll, aber lokal dabei zerstört wird, beispielsweise durch Windmühlen. Ein Widerspruch, der sich nur durch den Hinweis auf die globale Wirkung entkräften lässt, was nun ebenfalls eine gewisse Zweischneidigkeit des Argument schafft, da der globale Blick immer mehr Verunsicherung erzeugt. Einfach wegen der politischen Entwicklungen weltweit wird es immer unwahrscheinlicher, dass dort Lösungen für lokale Probleme zu finden sind. Wenn die Regionalität mehr im Vordergrund steht, verlieren Problemlösungsvorschläge, die aufs Globale zielen, an Bedeutung. Am Ende steht dann die Lächerlichkeit des Klimaschutzes, weil er eben, regional betrachtet, von untergeordneter Wichtigkeit ist.

Ja, der Hype um den Klimaschutz hat seinen Zenit überschritten. Selbstverständlich hatte man auf Seiten der Klimaschützer vorgesorgt, zu einer Zeit, als sie noch viel Zulauf hatten. Es wurden Institutionen geschaffen, es wurden Institutionen infiltriert, um Regeln zu etablieren, eine eigene Moral und eigene Werte, solche, die die Bewegung stabilisieren. Diese Institutionen wirken nun weiter und sind noch mächtig, obwohl mit dem Thema Klimaschutz kaum noch jemand mobilisiert werden kann.

Donald Trump und die alte linke Schule

Nun sind die Klimaschützer auf das eher impressionistische Bild von der Nachhaltigkeit angewiesen, um gehört zu werden. Aber in diesem Bild ist Regionalität Hauptmotiv, also auch so was wie Identität und Heimat, vielleicht sogar Nationalität oder Rasse oder Religion. Im Rückzugsraum Nachhaltigkeit streiten sich die verschiedene Motive um die Aufmerksamkeit.

Noch fühlen sich die Klimaschützer und all die Trittbrettfahrer, die auf diesen Zug aufgesprungen sind, mächtig, sie glauben, alles unter Kontrolle zu haben. Nicht weil sie von ihren besseren Argumenten überzeugt wären – das sind sie auch, aber von daher kommt keine Macht –, sondern weil sie die Institutionen in ihrer Hand sehen. Mit Geduld und Ausdauer sind diese von ihnen gekapert worden, in genauer Kenntnis der Tatsache, dass Begeisterung und Erweckung der Massen nur eine sehr begrenzte Zeit möglich ist, dann, wenn sich etwas Bahn gebrochen hat. Die kühleren Köpfe versuchen sofort das errungene Terrain abzusichern. Alte linke Schule, wohl bekannt. Genauso macht es nun Donald Trump, indem er den Institutionen den Kampf ansagt, seine Personalentscheidungen sprechen für sich.

Die Massen von seiner Idee überzeugen, ist die eine Sache. Den Erfolg dauerhaft zu machen, ist eine andere. Dazu muss er die Macht der derzeitig unterwanderten Institutionen brechen, mit eigenen Leuten besetzen, überall dort, wo es möglich ist. Macht- und Erfolgsmenschen kennen diese Mechanismen, sie haben sie gewissermaßen in den Genen und handeln danach, auch ohne große Theorie.

Die Klimaschützer und die Nachhaltigen haben sich in ihren Rückzugräumen eingerichtet, den Institutionen, aus denen heraus sie Steuerungen in ihrem Sinne vornehmen können. Norbert Bolz meinte kürzlich per Twitter: „Politik besteht heute in der Dissimulation der Tatsache, dass sie von der Verwaltung gemacht wird.“

Wie gesagt, einer wie Trump weiß so was, zumindest intuitiv.

In den Rückzugsräumen der Klimaschützer wird es ungemütlich

Die Rückzugräume sind aber auch Orte, an denen Strategien entwickelt werden, von wo aus beobachtet werden kann, wo und zu welcher Zeit sich ein Vorstoß lohnt. Sich rechtzeitig solche Orte und Institutionen zu schaffen ist überlebensnotwendig für jede Bewegung. Dies trifft natürlich auch auf die Auseinandersetzung um die Theorien zu. Erweist sich eine als nicht mehr besonders attraktiv für die Mitläufer, verkommt sie zur Hintergrundmusik wie die Rede von den Klimakatastrophen, braucht es Ausweichplätze. Der Begriff Nachhaltigkeit ist ein solcher.

Wir haben es also mit zweierlei Rückzuggebieten oder Ausweichplätzen zu tun. Einmal für die Theorie, den Überbau, den Glauben – oder wie auch immer wir das nennen wollen: Das ist der Begriff Nachhaltigkeit; hier kann alles geparkt werden, was in der Auseinandersetzung mit dem Gegner irgendwann einmal von Nutzen sein könnte. Gleichzeitig ist es ein sicherer Raum für diejenigen, die sich von wenig erfolgversprechenden Positionen zurückziehen mussten. Mit dem Begriff Nachhaltigkeit können sie nun operieren, solange bis sich Gelegenheit für etwas schlagkräftigeres anbietet. Die anderen Rückzugräume finden sich im eroberten Terrain, den Institutionen, hier kann in aller Stille das Aufmerksamkeitsdefizit ausgesessen und gleichzeitig neue Angriffsziele erkundet werden. Die Infiltrierung und Inbesitznahme von Institutionen ist also reine Machtpolitik, sie hat mit intellektueller oder wissenschaftlicher Auseinandersetzung überhaupt nichts zu tun, holt sich von dort bestenfalls nur die Argumente. Solche, die gerade eben am wirksamsten erscheinen.

Ein Krieg wird eben nicht nur an der Front entschieden, sondern auch und vor allem in der Etappe. Hier wird organisiert und analysiert und Ressourcen mobilisiert. Die beiden Räume dafür heißen Nachhaltigkeit und Institutionen. Der eine Raum ist wegen seiner schwammigen Begrifflichkeit ein intellektueller Ruheraum, der andere ist die Basis für die Machtpolitik.

Ob es sich die Nachhaltigen, die Klimaschützer oder die sonstigen Ökos in ihren Rückzugräumen noch lange gemütlich machen können, intellektuell wie machtpolitisch, ist nicht sicher. Donald Trump geht an die Institutionen ran, und falls er nicht scheitert, wird das Schule machen. Und der Nachhaltigkeitsbegriff wird zunehmend von den Konservativen gekapert, bei denen aber nicht irgendwelche Stoffkreisläufe im Vordergrund stehen, sondern mehr Dinge wie Heimat oder Identität.

Nun ist hier ein Punkt erreicht, bei der die Auseinandersetzungen automatisch böse werden. Denn es geht um die Macht, und die, die sie haben, werden sie mit allen Mitteln zu halten versuchen. Werden den Nachhaltigen, den Ökos und den Klimaschützern ihre Rückzugräume genommen, die sie auch zur Machtausübung brauchen, dann steht deren ganze Sache selbst auf dem Spiel. Politik wird in den Verwaltungen gemacht, mit Hilfe von Institutionen, mit entsprechenden Seilschaften und Abhängigkeiten. Fällt diese Basis weg, dann bleibt bloß noch die Kraft des Arguments, aber darauf vertrauen all die Nachhaltigen, die Ökos und Klimaschützer schon lange nicht mehr. Das haben sie noch nie. In einem WBGU-Gutachten ist beispielsweise davon die Rede, dass formale Beteiligungschancen nicht zu weniger Nachhaltigkeit führen darf.

Wenn Zahlen und Fakten gelten, geht es ums Ganze

Welche Ideologie Donald Trump der gegenwärtigen Nachhaltigkeitsbildern entgegensetzt, ist noch nicht erkennbar, vielleicht hat er gar keine Ideologie und will tatsächlich nur „Amerika wieder stark machen“ und Jobs schaffen. Dass ihm die Institutionen in ihrem gegenwärtigen Zustand dabei im Wege sind, ist ihm aber völlig klar. Um die Ideologie, mit der sie infiltriert sind, kümmert er sich nicht weiter, als Pragmatiker geht er da ran, wo er Probleme bei der Umsetzung seiner Vorstellungen vermutet. Würden Macht- und Erfolgsmenschen nicht diesen Blick für Hindernisse haben, wären sie keine Erfolgsmenschen mehr, sie würden scheitern im Disput mit den Ideologen.

Außerdem ist der Begriff Nachhaltigkeit so schwammig, dass er kaum Angriffspunkte bietet, sein impressionistisches Bild lässt kaum konkrete Aussagen erkennen, weckt lediglich Empfindungen unterschiedlichster Art. Mit dem Klimawandel sieht das anders aus, hier sind jede Menge Gesetze erlassen worden um diesen zu bekämpfen. Jede Menge Geld ist geflossen, Posten wurden vergeben, Industrien gefördert oder behindert, je nachdem. Hier muss Trump sich nicht um Theorien und Ideologien kümmern, er kann mit den Ergebnissen der Klimaschutzpolitik arbeiten. Das ist was konkretes, da es Jobs gefährdet.

Für all die Ökos, Nachhaltigen und Klimaschützer ist dies ein Desaster, ihre verschwurbelten Erklärungen verfangen nicht bei Leuten wie Trump und seinen Anhängern. Was da irgendwelche Computermodelle ausspucken auch nicht. Was zählt, ist das, was klar ist. Anzahl der Jobs, Umsätze, Gewinne. Auf diese Herausforderung haben sie noch keine Antwort gefunden, entsprechend hysterisch ist ihre Reaktion. Nun wird diffamiert und unterstellt, das übliche politische Spiel, könnte man meinen, doch es ist mehr, es ist ein Kampf um die Rückzugräume entbrannt, also um die Macht, die die man durch die Institutionen in der Hand zu halten glaubte. So meinte denn auch der Ethnologe und mutmaßliche Klimaschützer Werner Krauss: „Trump ist vielleicht nicht nur ein kurzes Gewitter, das vorübergeht, und die Klimapolitik hat vielleicht nicht 30jährige Rhythmen wie sein Gegenstand, sondern ist schneller rückgängig gemacht, als uns lieb sein kann.“

Ja, es geht ums Ganze jetzt, weil Trump in der Administration aufräumen will. Seine Personalentscheidungen lassen keinen Zweifel daran. Ich drücke ihm die Daumen und hoffe, dass er dabei erfolgreich ist. Würde er in Deutschland zur Wahl stehen, meine Stimme hätte er. Nicht allerdings wegen seinen Positionen zum Klimaschutz, das natürlich auch, aber hauptsächlich weil ich mir endlich eine Diskussion um die weit verbreitete Annahme von der Endlichkeit und der Begrenztheit aller Dinge wünsche. Dahin also, wohin sich die Nachhaltigkeitsideologen zurückziehen, weil es da so schön impressionistisch und gefühlig ist. Diesen intellektuellen Rückzugsraum werden Leute wie Trump nicht aufräumen, aber das sollte ebenfalls geschehen. Zumindest sollten Alternativen diskutiert werden, die gibt es nämlich. Es sei hier nur an Technosphäre und Noosphäre oder ans Technium erinnert.

Der Artikel wurde zuerst auf Quentin Quenchers Blog „Glitzerwasser“ veröffentlicht.

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