Quentin Quencher / 26.09.2016 / 18:00 / Foto: Tim Maxeiner / 1 / Seite ausdrucken

Technik könnte ein Instinkt des Menschen sein

Peter Sloterdijk hat sich in seinem Buch »Was geschah im 20. Jahrhundert« auch dem Begriff Anthropozän gewidmet. Ich will nicht wiederholen, was er schrieb, aber ein paar Gedanken könnten interessant sein. Zum Beispiel der, dass die Technik die Lösung aus der angenommenen Begrenztheit der Erde sein könnte. Wörtlich:

„Wir wissen noch nicht, welche Entwicklungen möglich werden, wenn Geosphäre und Biosphäre durch eine intelligente Technosphäre und Noosphäre weiterentwickelt werden. Es ist nicht a priori ausgeschlossen, daß hierdurch Effekte auftreten, die einer Multiplikation der Erde gleichkommen.“

Mich überzeugt das noch nicht ganz, weil er nicht auf das eingeht was die Technik für den Menschen eigentlich ist. Könnte es sein, so meine Überlegung, dass die Technik eine Naturkonstante ist, sie also zum Menschsein gehört wie seine Sprache und seine Kultur oder seine Sexualität? Also etwas spezifisch menschliches.

Dann, ein bisschen weiter gedacht, wäre auch keine Ideologie oder kein spezielles Kulturmodell nötig um zu begreifen, was Technik für den Menschen ist. Menschsein bedeutet dann, die Technik als Teil des Selbst zu begreifen, als eine Naturkonstante die es dem Menschen ermöglicht aus seiner Begrenztheit im Realen heraus zu kommen. Die Technik ist dann nicht nur eine Antwort auf reale oder imaginäre Probleme, oder ein Hilfsmittel dafür Imagenationen und Wünsche real werden zu lassen, sondern sie ist im Menschen selbst begründet, ist wie sein Atmen oder seine Verdauung, und nicht etwas kulturell erlerntes.

Verzicht ist in der Masse unmöglich

So gesehen wäre auch die Rede vom Technium falsch, von einem Zeitalter der Technik, weil es etwas ist, was im Menschen selbst angelegt ist, zu seinem Wesen gehört und schon immer da war. Es ist etwas was bereits durch die biologische Evolution entstanden ist, und nicht erst über den Umweg des Bewusstseins und der Kultur. Technik wäre dann ein Instinkt des Menschen.

Bewusstsein und Kultur können diesen Instinkt befördern oder behindern, wie das beispielsweise in den Religionen mit der Sexualität geschieht, oder mit Ernährungsvorschriften. Instinkte und Triebe werden eingehegt und kanalisiert, auch kulturell. Meinen Gegner töte ich nicht und ich gebe mich beim Anblick eines schönen Mädchen nicht automatisch meinen sexuellen Begierden hin. Nur als Beispiel und theoretisch.

Doch es gehört zur Problemlösungsstrategie des Menschen die Technik zu Hilfe zu nehmen, schon immer seit Menschen Menschen sind. Es ist sein Instinkt nach der Technik zu greifen, sobald er ein Problem entdeckt, angenommene oder tatsächliche Probleme sollen eigentlich schon immer mittels Technik gelöst werden.

Zwar wird manches wird verboten, anderes gefördert, je nach Befindlichkeit und Kenntnisstand, was aber gar nicht geht, ist, Triebe und Instinkte gänzlich zu unterdrücken. Nur wenige schaffen dies, und meist nur unter Zuhilfenahme von Religion. Suffizienz, oder Verzicht auf Bedürfnisse, die so tief im Menschen verwurzelt sind und auf seinem Instinkt beruhen, ist in der Masse unmöglich. Kulturell einhegen lässt sich es eine gewisse Zeit, nur werden dann die Mechanismen der Evolution auf die gesamte Kultur wirksam. Diejenige Kultur die Instinkte besser zu nutzen weiß, wird die Oberhand bekommen.

Sollten die Ressourcen begrenzt sein, dann multiplizieren wir sie eben

Sollten also wirklich die Ressourcen der Erde begrenzt sein, dann multiplizieren wir sie eben. Das ist eine Aufgabe die die Technik bewältigen kann. Intelligente Technosphäre und Noosphäre sind ja nur Beispiele wie es gehen könnte. Der Wunsch nach Vermehrung dessen was ist, vor allem dessen was knapp ist oder erscheint, ist ebenfalls eine anthropologische Konstante. Vermehrung, sprich Wachstum, zu unterdrücken geht auch nicht. Solange keine Technik dafür zur Verfügung steht knappe Ressourcen zu vermehren, greifen die Menschen zu symbolischen Hilfsmitteln, zu Regentänzen bei Wassermangel beispielsweise. Die erfolgreicheren Kulturen vertrauten aber mehr auf die Technik und schafften Wasser her um zu bewässern, gar um zu baden.

Abschließend: Nein, ich bin kein Technikfreak der glänzende Augen bekommt wenn er technische Errungenschaften sieht. Doch um die Technik ging es hier auch nur nebenbei, mehr um die Menschen, um ihre Instinkte, Triebe, Wünsche und um die Potentiale die in ihnen stecken. Dazu gehört eben auch die Technik. Sie ist ein menschlicher Instinkt. Die Evolution hat diesen Instinkt nicht aussortiert, im Gegenteil, sie hat ihn bestätigt.

Was dies für die Rede vom Anthropozän, vom Zeitalter der Menschen, bedeutet, werden wir sehen, die Debatte darüber beginnt ja erst. Vielleicht ist dieser Begriff Anthropozän, diese Rede, nur dem mangelnden Verständnis für die Natur des Menschen geschuldet. Der Natur insgesamt womöglich, vor allem wenn er von der Begrenztheit der Erde ausgeht. „Bisher hat niemand bestimmt, was der Erdkörper vermag.“ schreibt Sloterdijk in leichter Veränderung eines Spinoza Zitats. Die Potentiale können wir sicher nur erahnen, dass da aber noch viel möglich ist, sagt mir mein Instinkt.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf Quentin Quenchers Blog Glitzerwasser hier

Foto: Tim Maxeiner
Leserpost (1)
Hajo Störk / 27.09.2016

Es war wohl Richard Dawkins, der den Begriff des “erweiterten Phänotyp” eingeführt hat. Genau wie Biber genetisch bedingt die Fähigkeit haben, Dämme zu bauen, und man die Anwesenheit einer Biberfamilie am Vorhandensein von Dämmen und biberburgen erkennen kann, genauso sind Städte mit sauberen Straßen, gepflegten Häusern, Autos und Fahrrädern ein klarer Hinweis auf die Anwesenheit und das Wirken von Menschen. Würden wir die Welt nicht an uns anpassen, dann gäbe es keine “Menschheit”, sondern nur ein armseliges Häufchen aufrecht herumlaufender, hungriger, frierender Affen.

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