Alexander Horn, Gastautor / 02.07.2020 / 06:10 / Foto: Rama / 31 / Seite ausdrucken

Wohlstandskoma nach Corona?

Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Bundesregierung zielen nicht nur darauf ab, die von der Corona-Pandemie und dem Lockdown ausgehenden wirtschaftlichen Schäden und Einkommensverluste bestmöglich auszugleichen. Mit dem deutschen 1,3 Billionen Euro Rettungsschirm, den geplanten EU-Rettungspaketen über 540 und 750 Milliarden Euro und dem nun von der Bundesregierung verabschiedeten 130-Milliarden-Euro-Corona-Konjunkturpaket will man auch die wirtschaftliche Rezession unterdrücken, die sich vor Corona abgezeichnet hatte. So soll verhindert werden, dass sich aufgestaute Probleme, die aus den wirtschaftspolitischen Rettungs- und Stabilisierungsorgien der letzten Jahrzehnte resultieren, nicht manifestieren. „Man hat des Guten schon zu viel getan“, beklagt der frühere Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, mit Blick auf die Rettungs- und Konjunkturprogramme.

Die Corona-Pandemie erschüttert eine bereits geschwächte europäische Wirtschaft. Schon im letzten Jahr war ein konjunktureller Rückgang spürbar. Die deutsche Wirtschaft ist gleich mehrmals an einer technischen Rezession vorbeigeschrammt und die Industrie befand sich in einem konjunkturellen Abschwung. Seit Anfang 2018 war die deutsche Industrieproduktion bereits um sechs Prozent gefallen und die Automobilindustrie, die seit Jahrzehnten die wirtschaftliche Konjunktur trägt, verzeichnete sogar ein Produktionsminus von 20 Prozent. Die üppigen Corona-Hilfen sorgen nun dafür, dass unprofitable Unternehmen, die während konjunktureller Krisen üblicherweise aus dem Markt ausscheiden, am Leben bleiben. Dadurch findet die in einer konjunkturellen Krise üblicherweise erfolgende Kapitalentwertung, kaum statt. Die Profitabilität bleibt schwach, und vielen Unternehmen fehlen dann die finanziellen Möglichkeiten, um ihre Investitionen in technologische Neuerungen steigern zu können.

Der wirtschaftspolitische Versuch, die Wirtschaft unter Aushebelung dieser Kapitalentwertung zu stabilisieren, führt seit Jahrzehnten dazu, dass die Fähigkeit der Unternehmen, ihre Wettbewerbsfähigkeit mittels risikoreicher und kostspieliger Einführung neuer Technologien zu steigern, geschwächt bleibt. Das wurde trotz des langanhaltenden konjunkturellen Aufschwungs nach der Finanzkrise 2008 deutlicher. Der konjunkturelle Aufschwung wurde in Europa durch eine aggressive Niedrigzinspolitik, eine massiv steigende Staatsverschuldung sowie regulatorische Eingriffe, die darauf abzielten, auch unprofitable Unternehmen vor dem Kollaps zu schützen, regelrecht erzwungen. Der Aufschwung blieb auch in Deutschland nach der schnellen Rückkehr auf das Niveau vor der Krise kraftlos, und viele Euroländer haben die wirtschaftlichen Folgen der Finanzkrise noch immer nicht überwunden. Auch in Deutschland blieben die für einen dynamischen Aufschwung erforderlichen Investitionen so niedrig, dass das Potenzialwachstum, also die bei normalem Auslastungsgrad mögliche Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, in Deutschland im Jahr 2019 bei nur noch 1,4 Prozent lag. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) erwartete damals, dass es bis 2024 auf nur noch ein Prozent sinken wird.

Stagnierende Arbeitsproduktivität

Die schwache Investitionstätigkeit hat noch einen weiteren problematischen Effekt. Die Arbeitsproduktivität, die ausschlaggebende Kenngröße für die Entwicklung des Massenwohlstands, wächst seit Jahrzehnten immer langsamer und stagniert mittlerweile. Darauf machte der Sachverständigenrat, der der Bundesregierung in wirtschaftlichen Fragen zur Seite steht, bereits in seinem Jahresgutachten 2016 aufmerksam. Im „Nationalen Produktivitätsbericht“ aus dem Jahr 2019 machten die Wissenschaftler nun unmissverständlich klar, dass Produktivitätswachstum „langfristig der entscheidende Faktor für materiellen Wohlstand“ sowie für die zunehmenden „individuellen Entfaltungsmöglichkeiten“ sei.

Arbeitsproduktivitätssteigerungen führen dazu, dass Waren und Dienstleistungen mit einem verringerten Arbeitseinsatz hergestellt werden können. Eine gesamtgesellschaftliche Verdopplung der Arbeitsproduktivität bedeutet, dass das gleiche Waren- und Dienstleistungsangebot mit nur der Hälfe der Arbeitszeit aller Werktätigen erzeugt wird. Während der Nachkriegsexpansion von 1950 bis 1973 nahm die Arbeitsproduktivität um durchschnittlich 5,9 Prozent pro Jahr zu, was eine Verdreifachung des gesellschaftlichen Wohlstands bedeutete. Produktivitätssteigerungen sind daher die unmittelbare Voraussetzung für steigende Reallöhne, deren Entwicklung gehemmt bleibt, solange die Produktivitätsschwäche nicht überwunden wird.

Die gesamtwirtschaftliche Stagnation der Arbeitsproduktivität ist paradoxerweise die wesentliche Ursache für die vordergründig gute Entwicklung der deutschen Wirtschaft seit der Finanzkrise 2008. Obwohl die wirtschaftliche Wertschöpfung, in den letzten zehn Jahren nur um etwa 1,5 Prozent pro Jahr gewachsen ist, haben sich die Unternehmen zu wahren Jobmaschinen entwickelt. Der Grund ist, dass es den Unternehmen kaum gelungen ist, steigende Umsätze durch die Einführung arbeitssparender Methoden, wie etwa die Automatisierung von Prozessen oder die Einführung neuer Herstellungsmethoden, zu bewältigen. Daher mussten sie, um den steigenden Kundenbedarf zu befriedigen, mehr Personal einstellen. So ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit etwa der gleichen jährlichen Rate gestiegen wie die zusätzliche Wertschöpfung. Seit 2008 sind diese Jobs um 6 Millionen (darunter über 4 Millionen Teilzeitstellen) auf 33,5 Millionen angestiegen.

Die gute Beschäftigungsentwicklung hat dem Staat eine regelrechte Geldschwemme beschert. Die Einnahmen der Sozialversicherungen sind deutlich gestiegen, während die Ausgaben gleichzeitig gesunken sind. Zudem hat die steigende Lohnsumme und die stabile Arbeitsmarktsituation den Konsum und die Konjunktur angetrieben, was wiederum zu deutlich steigenden Staatseinnahmen beigetragen hat. Ein Übriges bewirkten die geldpolitisch erzeugten negativen Zinsen, so dass der Staat grundsolide erscheint. So gelang es ohne größere Anstrengungen, die Staatsschulden seit 2012 sogar absolut zu reduzieren.

Brüchiges Fundament

Die Kehrseite dieser wirtschaftlichen und fiskalischen Stabilisierung, ist die von der Stagnation der Arbeitsproduktivität ausgehende, schleichende Wohlstandserosion. Seit Mitte der 1990er Jahre sind die Reallöhne in Deutschland durchschnittlich um nur etwa ein halbes Prozent jährlich angestiegen. Besonders problematisch ist die Entwicklung beim am geringsten entlohnten Drittel der Beschäftigten. Im Jahr 2015 lagen die realen Stundenlöhne dieses unteren Drittels niedriger als 20 Jahre zuvor.

Das wirtschaftliche Fundament dieses Erfolgs ist also brüchig. Die Corona-Krisenbekämpfung zielt einseitig darauf ab, die Wirtschaftslage der letzten Jahre wiederherzustellen und beschleunigt so die weitere Erosion der wertschöpfenden Kapazitäten. Die Wirtschaft bleibt dann nicht nur von der Dauerstimulierung durch die niedrigen Zinsen der EZB abhängig. Sie wird zunehmend abhängig von staatlichen Subventionen, um auch unprofitable Unternehmen über Wasser zu halten und von Unternehmenszusammenbrüchen ausgehende Dominoeffekte zu verhindern. Hinzu kommt eine zunehmende Abhängigkeit von staatlicher Regulierung, die die bestehenden Unternehmen und deren Geschäftsmodelle zuungunsten neuer Wettbewerber schützt.

Diesen Ansatz verkörpert die erst kürzlich verabschiedete „Industriestrategie 2030“ von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Es ist ein Teufelskreis entstanden, in dem eine durch niedrige Profitabilität und stagnierende Arbeitsproduktivität fundamental geschwächte Wirtschaft immer neue Stützpfeiler benötigt, die das Gefüge jedoch immer fragiler machen und weitere Stabilisierungsschritte notwendig erscheinen lassen. Für die Erwerbstätigen sind das keine guten Aussichten: Zu ausbleibenden Wohlstandseffekten wegen stagnierender oder zukünftig vielleicht sogar fallender Reallöhne – wie bereits heute in Japan – kommen noch die negativen Arbeitsplatzeffekte wegen niedrigen oder gar rückläufigen Wirtschaftswachstums.

Das größte Hindernis, das einem wirtschaftspolitischen Kurswechsel, der die Produktivitäts- und Investitionsschwäche adressieren könnte, entgegensteht, ist der große Erfolg der wirtschaftspolitischen Ausrichtung der letzten Jahrzehnte. Die staatliche Stabilitätspolitik war sehr erfolgreich in der Verhinderung und Eindämmung wirtschaftlicher Krisen und bei der Einhegung destabilisierender Effekte, die von technologischen Umbrüchen hätten ausgehen können. Die Aushöhlung wohlstandssteigernder Effekte erscheint vor allem für politische Entscheidungsträger in Anbetracht der wirtschaftlichen Performance der letzten Jahrzehnte hinnehmbar. Das hat 2017 das damals von Wolfgang Schäuble geführte Bundesfinanzministerium gut auf den Punkt gebracht. Es anerkannte durchaus das Problem sinkenden Produktivitätswachstums und dessen negativen Effekt auf die Reallöhne. Trotzdem hielt es „das sinkende Wachstum der Arbeitsproduktivität als Ergebnis des Beschäftigungsaufbaus der vergangenen Jahre […] angesichts der historisch niedrigen Arbeitslosigkeit [für] vertretbar.“ Bisher hat sich an dieser Einschätzung leider weder bei den Ökonomen noch in der Politik viel geändert. Anders ist die überschwänglich positive Bewertung des Corona-Konjunkturpakets wohl kaum zu erklären.

Mehr von Alexander Horn lesen Sie in seinem aktuellen Buch „Die Zombiewirtschaft - Warum die Politik Innovation behindert und die Unternehmen in Deutschland zu Wohlstandsbremsen geworden sind“ mit Beiträgen von Michael von Prollius und Phil Mullan.

Dieser Text ist zuvor bei Novo Argumente und zuerst bei den Ruhrbaronen erschienen.

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Dieter Hegger / 02.07.2020

Die Kurzarbeiter sind die Arbeitslosen von Morgen !  Übrigens werden die Rücklagen von 48 Milliarden für die Flüchtlinge nicht angepackt !  Man Dümmere gefunden die die Deutschland + EU Party von 180 Milliarden / 750 Milliarden finanzieren.  Den doofen Michel !

Ilona Grimm / 02.07.2020

@R.Abbé: Danke, vielen Dank! Dieser frische, weiße, junge Bursche ist wirklich große Klasse, und deshalb wird er es im Buntland wohl nie zu etwas bringen. (Bin heute sehr pessimistisch gestimmt.)

Claudius Pappe / 02.07.2020

Das Land NRW bürgt seit 2016 für einen 57 Millionen-Kredit des FC Schalke 04. Nun kommen wohl weitere 40 Millionen dazu. Bedingung war wohl: Tönnies musste sein Amt als Vorstand räumen…..........................FC NRW Schalke 04….........................oder FC Laschet 97…....................die BVB Fans finanzieren über ihre Steuergelder den Nachbarn…......

Claudius Pappe / 02.07.2020

Bei mir, in einer 50 000 Einwohner zählenden Stadt, ist gerade ein Stahlverarbeitender Betrieb mit 350 Mitarbeitern in die Insolvenz gegangen. Vor einem halben Jahr ein anderer Betrieb mit 150 Leuten,  andere große Firmen haben Kurzarbeit. Aber der SPD Bürgermeister huldigt einem drogensüchtigen Gewaltverbrecher aus den USA mit einem 8 minütigen Kniefall auf dem Marktplatz…......solche Sorgen hat die SPD…......

Rolf Mainz / 02.07.2020

Nun, erst gestern las ich folgende Schlagzeile in einer renommierten deutschen Zeitung: “Das deutsche Jobwunder trotzt der Drei-Millionen-Angst”. Bei einem solchen Titel erübrigt sich fast die Lektüre des Beitrags, so tatsächlich auch in jenem Fall, wie ich leider zu spät bemerkte. Für mich zusätzlich amüsant, dass die gleiche Autorin erst vor wenigen Wochen (am 30. April) wie folgt titelte: “Schlimmer war es nie. Historischer Absturz am deutschen Arbeitsmarkt”. Gut, dass wird derart fundiert informiert werden.

Sabine Schönfelder / 02.07.2020

R.Abbe@, DANKE für den Tipp! Dieser YOUTUBE-Beitrag MUß UNBEDINGT verbreitet werden. Dieser junge Mann erklärt einfach und präzise diesen inszenierten Coronahype und führt uns nebenbei die UNANSTÄNDIGKEIT der Politik und Wissenschaft vor Augen! Dr. Frank und Achgut, bitte die Staatsanwaltschaft einschalten!!! Es muß ermittelt werden! Die Einschätzungsprärogative des Staates dürfte bei diesem beabsichtigten Dilettantismus weit überschritten sein. Auch meldeten sich zahlreiche Kritiker zu Wort, die bewußt auch innerhalb des bayrischen Innenministeriums beseitigt wurden!!! Leider sitzt jetzt beim Bundesverfassungsgericht ganz oben Merkels Mann, Harbarth, als DER oberste Richter, der niemals zuvor in seiner juristischen Laufbahn Richter war!! Dennoch muß dieser Skandal juristisch und medial aufgerollt werden!! Übrigens, sollte dieser YouTube-Beitrag sicherheitshalber außerhalb des Netzes aufbewahrt werden.

Angela Seegers / 02.07.2020

Ein Circulus vitiosus. Alle müssen mit ziehen, sonst klappt es nicht. Alle ziehen jedoch nie mit, aus welchen Gründen auch immer. Jetzt wird in vielen Unternehmen Tabula rasa gemacht, und da findet sich viel, auf das bisher nicht geschaut wurde. Worte sind schön, Verlässlichkeit und Sicherheit sind schöner. Es wird traurig für viele. Und dann geht auch noch Merkel. 2021 wird ein Jahr, was in die Geschichte eingeht. Jeder für sich, aber Europa auf den Lippen.

G. Schilling / 02.07.2020

@H.G. Schäfer: NEIN, sie werden es nicht merken. Sie werden weiter schlafen.

Paul Greenwood / 02.07.2020

Wenn Deutschland die ganzen Brücken die veraltet zusammenfallen ersetzen wollte, fehlt es an Ingenieure - vielleicht aus Kies. Stahl konnte man aus China importieren und mit noch kürzerer Lebensdauer rechnen ! Schule, Hochschulen, Straßenbau - werden auch nicht weiterkommen. Die Hochschulen können nicht kostenlos Ausbildung an Chinesische Studenten schenken ohne Investition in Einrichtungen zu beschränken. Es ist nicht nur EU sondern Deutschland selbst die seit Jahren Handelsüberschüsse angehäuft hat ohne den Wohlstand der Bevölkerung zu verbessern. Deutsche leben ärmer als vor 30 Jahren in machen Hinsichten und die Lage wird noch schlimmer. Geld fliesst aufwärts und auf einem sehr hohen Ebenen in allen Richtungen über die Köpfe der Bevölkerung durch ganz Europa. Es ist wie Ölleitungen die unsichtbar von der Erde Geldflüsse in bestimmte Richtungen verteilen und nur die Eingeweihten wissen wohin. Die EU wird 2021 merken. Breit ist eine geostrategische Neuorientierung Grossbritanniens nach Asien. Russland hat historisch sich an West Europa orientiert und dann sich umorientiert wenn im Westen keine Gegenliebe vorhanden war. Genauso Grossbritannien wo Europa meistens Kriegsschauplatz war und die Häfen in Calais und Antwerpen zu schützen waren und die Weltorientierung immer wichtiger war. Der Finanzminister in London ist heute Schwiegersohn eines der reichsten Männer Indiens. Indische Firmen besitzen Jaguar-Land Rover. USA und GB sind weltorientiert durch Finanzdienstleistungen und Flugzeugmotoren u.a. Die EU ist für Deutschland eine Selbstverständlichkeit, weil weder als Militär oder Wirtschaft ist Deutschland seit 1957 ohne EWG vorzustellen oder überlebensfähig. Nicht alle Länder in der EU sind so davon abhängig - andere Länder haben Handelsdefizite durch Deutschlands Unterdrückung der Kaufkraft der Deutschen durch Steuer, Nebenkosten, Stromkosten, Wasserkosten, KV Beiträge usw. Arbeitslosigkeit wird in Deutschland ab 2021 erheblich steigen.

R. Abbé / 02.07.2020

Bitte UNBEDINGT das Video eines sehr aufgeweckten, jungen Mannes namens Sebastian angucken; Sie finden es auf Youtube unter dem Titel “Die Zerstörung des Corona Hypes.”! - Bei dem, was in Deutschland derzeit passiert, geht mir allmählich der Sarkasmus aus.

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