Vera Lengsfeld / 23.06.2017 / 12:00 / Foto: Wikimedia Commons / 8 / Seite ausdrucken

Wie Hörerbriefe an die BBC die DDR herausforderten

Die großen Staatsmänner, neuerdings auch Staatsfrauen, schmeicheln sich, die Geschichte zu bestimmen. Tatsächlich haben ihre nicht immer weisen Entscheidungen großen Einfluss. Damit geben sie die grobe Richtung vor. Die Details machen aber die „einfachen“ Menschen, die mit ihren Handlungen und Ideen den Geschichtsverlauf viel mehr bestimmen, als es die Politiker an der Spitze können.

Susanne Schädlich hat in ihren neuesten Buch „Briefe ohne Unterschrift“ solchen Menschen ein Denkmal gesetzt. Durch Zufall stieß sie bei ihren Recherchen in der Stasiunterlagenbehörde auf Berichte über eine Sendung, die das BBC von 1949 bis 1974 ausstrahlte und damit Einfluss auf das Leben tausender DDR-Bürger nahm. Schädlich ist es zu verdanken, dass ein einzigartiges Stück Zeitgeschichte dem Vergessen entrissen wurde.

Sie erzählt ebenso spannend wie berührend von den Machern und den Hörern einer Sendung, die für die DDR produziert wurde, wo sie auf eine große Resonanz stieß. Manche Hörer lebten förmlich von Freitag zu Freitag, wo abends nach dem Satz „Big Ben hat sieben Uhr geschlagen“ die Stimmen derer gehört werden konnten, die sich im SED-Staat nicht äußern durften.

In der Sendung „Briefe ohne Unterschrift“ wurde nichts anderes gemacht, als Hörerbriefe zu verlesen. Diese anonymen Briefe erreichten den Sender über Deckadressen in Westberlin. In den Jahren bis zum Mauerbau war es noch vergleichsweise problemlos möglich, nach Westberlin zu fahren und dort einen Brief einzuwerfen. Wie es die Menschen nach dem Mauerbau geschafft haben, trotz wachsender Stasiüberwachung immer weiter erfolgreich Briefe zum BBC zu schicken, ist bewundernswert. Es zeugt von dem großen Bedürfnis nach der Freiheit, seine Meinung äußern zu können. Susanne Schädlich geht der Frage nach, wer die Menschen waren, die diese Sendung produzierten und wer ihre Hörer. Stück für Stück rekonstruiert sie ihre Biografien, gibt ihnen ein Gesicht.

Auch die Stasi schrieb plötzlich Briefe

Austin Harrison war ab 1955 bis zum Schluss die Stimme dieser Sendung. Die meisten Briefe sind an ihn gerichtet. Er kommentiert sie und stellt gern unterschiedliche Meinungen zur Diskussion. Natürlich schrieben nicht nur Gegner der DDR, sondern in wachsendem Maße im Auftrag der Stasi auch ihre Unterstützer. Am Ende entwirft die Staatssicherheit einen Maßnahmeplan, um die Absetzung der Sendung zu erreichen. Es bleibt unklar, ob Harrison schließlich verstummte, weil er krank wurde, oder weil die Sendung seinen Chefs nicht mehr opportun erschien.

Harrison war ein eleganter Mann, der die DDR häufig bereiste, meistens zu Zeiten der Leipziger Messe. Er pflegte persönliche Kontakte, wurde natürlich selbst verdeckt von Stasiinformanten kontaktiert und hatte das große Glück, dass die Planungen, ihn zu verhaften, auf dem Papier blieben. Über zwanzig Jahre gehörte seine Stimme zu den bekanntesten in der DDR. Ihm gebührte ein Denkmal, oder ein Straßenname in den Neuen Ländern.

Zu seinen Hörern gehörte in den 70er Jahren ein damals 16-jähriger Junge, Karl-Heinz Borchardt, dessen einer Brief sogar in der Sendung verlesen wurde. Schädlich rekonstruiert, wie es der Stasi gelang, den Schüler schließlich ausfindig zu machen. Das ist ein wahrer Polit-Krimi. Borchardt wurde am letzten Tag seiner letzten großen Ferien verhaftet, in das Stasigefängnis Rostock gebracht, wochenlang verhört, schließlich vor Gericht gestellt.

Er wird wegen “mehrfacher versuchter staatsfeindlicher Hetze von Publikationsorganen, die einen Kampf gegen die DDR führen“ zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Tat wird als Verbrechen gewertet. Die Angst vor dem minderjährigen Staatsfeind ist so groß, dass man ihn nach einem Jahr Haft in den Westen abschieben will. Borchardt wehrt sich und wird in die DDR entlassen. Er holt auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und kann erst studieren, nachdem seine Vorstrafe aus den Akten gelöscht wurde. Erst nach dem Ende der DDR eröffnet sich eine berufliche Perspektive für Borchardt. Für diese Zeilen war er verurteilt worden:

„Ich bin 16 Jahre und möchte Ihnen einiges schreiben über die Stimmung der Jugendlichen auf die Ereignisse in der ČSSR bezogen. Der größte Teil der Schüler stimmt leider den Maßnahmen der Warschauer Paktstaaten bei. Wir sind etwa 5 Mann in unserer Klasse, die gegenteiliger Meinung sind. Am ersten Schultag wurde gleich eine Stunde über die politische Lage in der ČSSR angesetzt, wo wir unsere Meinung über die Maßnahmen der Paktstaaten zum Ausdruck bringen sollten. Was sollte ich in  dieser Stunde tun? Ich schwieg zu allen Meinungen, die vorgebracht wurden. Gegenteiliger Meinung durfte man nicht sein, da ich zur Oberschule gehe, kann man mich schnell von der Schule entfernen.“

Es ist immer wieder heilsam, sich ab und zu vor Augen zu führen, was man hinter sich gelassen hat. Das motiviert, dafür zu sorgen, dass sich die Zustände, die einen Jungen für solche Sätze zum Verbrecher stempelten und hinter Gitter brachten, nicht wiederholen. Dafür leistet das Buch von Schädlich einen wertvollen Beitrag.

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Leserpost

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Regina Horn / 23.06.2017

“Es ist immer wieder heilsam, sich ab und zu vor Augen zu führen, was man hinter sich gelassen hat. “ Das kann man nur hoffen, liebe Frau Lengsfeld. Denn was man so über bestimmte Planungen seitens unseres Justizministers und der von ihm engagierten Controllettis liest, lässt einem dann doch die Haare zu Berge stehen. Wenn man, wie ich, die DDR und ihre üblen Gepflogenheiten diesbezüglich überstanden zu haben glaubt, dann will man im Interesse seiner Kinder und Enkel einfach nur hoffen, dass es in der Tat für immer hinter uns liegt. Wer kann etwas dafür tun, “dass sich die Zustände, ..., nicht wiederholen”? In anderen Medien lese ich oftmals so viel angebliche Zustimmung in den Zuschriften angeblicher Leser, dass mir ganz flau wird. Wissen die, wem und wozu sie da applaudieren?

Stefan Fischer / 23.06.2017

Wir haben die staatlich organisierte Form der Unterdrückung mißliebiger Meinungen hinter uns gelassen (haben wir?). An deren Stelle ist das “zivilgesellschaftliche Engagement” getreten. Kann es sich ein Oberstufenschüler heute erlauben gegen die von der Lehrerschaft verkündete Meinung zu opponieren? Oder war es das dann mit der “beruflichen Perspektive”? An den Universitäten soll es zum Teil schon wieder soweit sein, dort gibt es dem Hörensagen nach manch Abschluß nur bei nachgewiesener Linientreue. Wir haben die Unterdrückung von Meinungen wohl nicht ganz hinter uns gelassen, wir haben sie nur privatisiert.

Annette Schollek / 23.06.2017

Umso unverständlicher dass eine FDJ Funktionärin wie Angela Merkel ohne Widerstand Bundeskanzlerin wurde. Mittlerweile sind die Methoden des DDR Regimes in großen Teilen hier bereits angekommen. Parteiübergreifend! Sehr beschämend.

Arne Busch / 23.06.2017

Damals gab es noch kein Facebook und kein Internet.  Wenn die DDR, als Reaktion auf die BBC-Sendung, damals schon das Vokabular des heutigen Justizministers Heiko Maas gekannt hätte,  dann wäre sicher von Hass-Botschaften, Fake-News und Verschwörungstheorien die Rede.  Unterschiede in der Unterdrückung oppositioneller Meinungen sehe ich im Vergleich zu DDR keine.

Stephan Reichert / 23.06.2017

Mauerbau oder Mauerfall? Ich vermute Mauerbau. “Wie es die Menschen nach dem Mauerfall geschafft haben, trotz wachsender Stasiüberwachung immer weiter erfolgreich Briefe zum BBC zu schicken, ist bewundernswert. “

Bettina Diehl / 23.06.2017

Tucholsky sagte: Wer in der Demokratie schläft, erwacht in der Diktatur. Leider schläft der Deutsche einen Tiefschlaf. Ich fasse es einfach nicht, wie dumm die Menschheit ist. Wir steuern sehenden Auges in DDR Verhältnisse mit einer Führerin, die genau dies auf ihrer Agenda hat.

Christoph Jung / 23.06.2017

Sehr interessant und für mich Anlass, darüber nachzudenken, dass die Phasen, wo wir in Deutschland weitgehende Meinungsfreiheit hatten, eher kurz waren. In der BRD vielleicht zwischen 1970 und 2000, kurzzeitig in der Weimarer Republik. Das war es aber schon. Die Phasen, wo es mindestens das Ende einer Karriere bedeuten konnte, eine zu den Machthabern kritische oder gar konträre Meinung zu äußern, waren die Regel deutscher Realität. Auch heute kann man nicht mehr von Meinungsfreiheit sprechen. Interessant zu Zweiten, dass die Meinungsfreiheit am brutalsten und am weitestgehendsten durch “Linke” unterdrückt wurde und wieder wird. Sicher, unter Adenauer oder unter den Kaisern Wilhelm war auch nicht alles demokratisch. Aber kritische Geister wurden noch mit einem gewissen Respekt behandelt. Dieser Respekt vor dem Andersdenkenden fehlt den Linken allerdings vollkommen, was wir heute wieder live erleben müssen. Schon Rosa Luxemburg hatte hier eindringlich gewarnt.

Martin Friedland / 23.06.2017

..es sit doch sicher “bis zum Mauerbau” gemeint, nicht “Mauerfall”?!

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