Jesko Matthes / 01.05.2018 / 11:00 / Foto: USDE / 8 / Seite ausdrucken

Warum Israel nicht warten kann

In der WELT schreibt Gil Yaron, die „dramatische“ Pressekonferenz des Benjamin Netanjahu über die Erkenntnisse des Mossad zum iranischen Atombombenprogramm bezöge sich auf Erkenntnisse von gestern und offenbarte, das eines fehle: Ein klarer, neuer Beweis dafür, dass der Iran auch heute den Atomvertrag verletzt. Vertrag hin oder her: Vielleicht hilft bei solchen Überlegungen ein Rückblick in die Geschichte der nuklearen Proliferation. Er zeigt quasi nebenbei, wie Politiker denken, die ihr Land schützen müssen.

Franklin D. Roosevelt und nach ihm Harry S. Truman mussten spätestens ab 1941 davon ausgehen, dass die Deutschen höchst aktiv an der Atombombe arbeiteten, denn diese hatten bereits den Bezug von schwerem Wasser aus Norwegen organisiert. Am Weg zur Bombe mit Wasser als Moderator forschte damals bereits die Arbeitsgruppe von Paul Harteck in Hamburg. Die Briten waren es, die ebenfalls Bescheid wussten und die Beschaffung von schwerem Wasser aus Norwegen vereitelten. Spätestens mit der ALSOS-Mission war dann ab 1944/45 klar, dass die deutsche Seite tatsächlich sehr umfangreiche Kenntnisse über die Herstellung der Bombe besaß. Harteck betrieb die ersten deutschen Ultrazentrifugen zur Anreicherung von Uran, zuletzt ausgelagert nach Celle, Klaus Clusius und Erich Bagge hatten die Isotopenschleuse und Manfred von Ardenne die elektromagnetische Isotopentrennung entdeckt. Werner Heisenberg und Kurt Diebner hatten subkritische Atomreaktoren konzipiert, beide unter Verwendung von schwerem Wasser. Über die Implosionszündung nuklearer Bomben forschten Erich Schumann und Walter Trinks. Die Auer-Gesellschaft hatte große Mengen von Thorium in Oranienburg  gelagert, aus dem Uran erbrütet werden kann, Carl-Friedrich von Weizsäcker hatte sich bereits 1941 das Patent zur Erzeugung von Plutonium gesichert, und zuletzt war ein deutsches U-Boot, U-234, von den Amerikanern aufgebracht worden, das 560 kg Uranoxid nach Japan transportieren sollte, als es in Deutschland für eine ungestörte Entwicklung der Bombe schon zu spät war.

Egal, was die Archive noch zutage fördern: Roosevelt und Truman entschieden sich in diesen Jahren, die Entwicklung ihrer eigenen Atombombe mit allen Mitteln voranzutreiben, obwohl ein klarer, neuer Beweis dafür, dass Deutschland oder Japan an der Atombombe forschten, fehlte. Tatsächlich sollte sich bei Kriegsende 1945 herausstellen, dass sich weder Deutschland noch Japan im Besitz einer serienreifen, an der Front einsatzfähigen Atomwaffe befanden. Es gab darauf nur jede Menge Hinweise von gestern, und diejenigen, die sie zutage förderten, waren logischerweise Spione und Geheimdienste, wie heute der Mossad.

Wie der Feind sich gestern verhalten hat

Und niemand weiß, was die Deutschen oder Japaner erreicht hätten, wären ihnen nur noch ein, zwei Jahre der Forschung und Entwicklung geblieben. Die nukleare Proliferation verhindert man offensichtlich nicht durch das Vertrauen in den erklärten Feind, und dieses Vertrauen ist auch nicht allein abhängig davon, wie dieser Feind sich heute verhält, sondern davon, wie er sich gestern bereits verhalten hat und davon, welche konkreten Erkenntnisse darüber vorliegen.

Es ist klar, dass Israel höchstwahrscheinlich selbst seit Jahrzehnten über die Bombe verfügt. Dem Iran dürfte das ebenfalls bekannt sein. Es ist allerdings nicht bekannt, dass Israel alle paar Wochen auch nur verbal damit drohte, den Iran zu vernichten und den gesamten Nahen Osten in Brand zu setzen; das ist lediglich Israels letzte Option für den Fall eines erneuten Angriffs auf sein Territorium mit der Aussicht auf seine eigene Vernichtung.

Gil Yaron macht daher angesichts der andauernden verbalen Bedrohung Israels durch den Iran einen simplen epistemologischen Fehler: „Aktuelle“ Beweise sind immer frühestens von gestern, Politiker aber müssen heute Entscheidungen auf der Basis dieser Erkenntnisse von gestern treffen, für die Zukunft ihres Landes. Yaron begeht darüber hinaus auch einen politischen Denkfehler: Es müsse der ganzen Welt automatisch an einer friedlichen Lösung des Konflikts des Iran mit Israel gelegen sein und daran, dass nicht auch noch der autoritäre, judenfeindliche Iran der Mullahs die Bombe in seinen Händen hält. Das ist nicht der Fall. Auch andere autoritäre Regime sind schon völlig erfolglos auf das Einhalten von Verträgen hingewiesen worden. Morgen könnte es für eine „friedliche“ Lösung, dazu eine ohne jeden diplomatischen Druck, bereits zu spät sein.

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Leserpost

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Hans Hofmann-Reinecke / 01.05.2018

Die IAEA (International Atomic Energy Agency) wurde gegründet, um sicherzustellen, dass außer USA, UdSSR, England und Frankreich keine anderen Staaten in den Besitz von Atom-bomben kämen. Trotzdem haben China, Indien, Pakistan, Israel und Nord-Korea heute eben-falls Kernwaffen. Auch Südafrika war vorübergehend im Besitz von Bomben. Die IAEA ist also offensichtlich ein zahnloser Tiger. Das muss nicht Verschulden ihrer Funktio-näre sein, ihre Situation ist „Mission Impossible“. Die Kontrollmaßnahmen, welche nukleare Aktivitäten zu militärischen Zwecken aufdecken sollen, werden zwischen der IAEA und dem betreffenden Staat ausgehandelt. Die Inspektoren können nicht nach Belieben im Land her-umschnüffeln. Wenn die IAEA also heute bestätigt, dass der Iran sich an die getroffenen Vereinbarungen hält, dann schließt das nicht aus, dass trotzdem irgendwo an Bomben gebastelt wird. Die eigentliche Frage, die wie ein Elefant im Raum steht, ist doch: wozu will der Iran überhaupt ein Atomprogramm? Bisher waren die wissenschaftlichen Beiträge des Landes zur Physik eher bescheiden, sodass Forschung als Motivation wegfällt. Auch das Streben nach Kernenergie ist angesichts der riesigen Öl- und Gasvorkommen unwahrscheinlich. Bleibt doch nur eine Antwort - oder haben Sie noch eine andere?

Ivan de Grisogono / 01.05.2018

Bei Kriegsende 1945 stand es für Roosewelt, Truman und sicherlich Churchill eindeutig klar, dass Deutschland und Japan keine Atomwaffe besaßen aber die verbündeten Sowjets auf Atombombe nie verzichten werden! Israelische Millitärs und Politiker wissen es besser als jeder Journalist oder Autor, Israel kann sich Zögern und keinen einzigen Fehler leisten. Israel weiss auch, dass die Entscheidung in eigenen Händen liegt. Beweise bedeuten nichts, und nutzen nur um Polemik zu befeuern. Deswegen können wir sicher sein, Israel wird iranische Atombombe rechtzeitig verhindern.

Frank Reinert / 01.05.2018

Der Artikel von Yaron ist schon schlimm genug, noch schlimmer jedoch sind die offen antisemitischen Kommentare dazu, die von den löschfreudigen Welt-Kommentar-Zensoren natürlich ohne Probleme durchgehen. Wenn ich darauf hinweise, wird das natürlich unterdrückt und nicht veröffentlicht.

Hubert Bauer / 01.05.2018

Ich habe den Angriff der USA, Frankreich und UK auf Damaskus scharf verurteilt. Kann es sein, dass die Allianz nicht gegen Giftsgasfabriken vorgehen wollte, sondern Assad und dem Iran zeigen wollte, dass sich die Iraner aus dem Vorhof von Israel zurückziehen sollen und Assad die Beziehungen zum Iran lockern soll? Mit dem Argument, dass Israel in Gefahr ist, kann Trump bei den Europäern nicht punkten, weil die Europäer nicht mal ihre eigenen Juden schützen können (wollen). Aber bei Giftgas springt zumindest Macron immer sofort an.

Werner Arning / 01.05.2018

Gute Politik ist vorausschauend. Sie geht nicht vom bestmöglichen Verhalten seiner Gegner, sondern vom schlechtmöglichsten aus und schützt seine Bevölkerung bevor es zu spät ist. Sie baut für alle Fälle vor. Und sie antizipiert so gut sie kann. Sie denkt nicht in Kategorien von 4 Jahren, sondern von großen Zeiträumen. Sie denkt auch strategisch, lässt sich nicht vom Zeitgeist oder vorübergehenden Gesinnungen leiten. Sie versucht immer realistisch und nicht naiv zu handeln. Und wer um sein Überleben bangt, muss umso umsichtiger vorgehen. Denn er darf sich keinen Fehler erlauben, weil dieser tödlich sein kann. Die Sicherung der eigenen Existenz muss im Vordergrund stehen. Vertrauen und Zuversicht ist gut, dabei darf die Vorsicht nicht vergessen werden. Und wenn entschlossenes Handeln nottut, muss auch dieses geschehen. So geht gute Politik und an dieser klaren, verlässlichen Haltung können sich Gegner wie Freunde orientieren. Sie stiftet Frieden.

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