Gunnar Heinsohn / 30.06.2016 / 20:19 / Foto: Seth Lemmons / 9 / Seite ausdrucken

Uups: Londoner Börse erholt sich schneller als die deutsche

Alle zusammen wollen sich bei passender Gelegenheit mit großem Mut auf den Einen stürzen und Rache nehmen am Sprecher der Abtrünnigen. Der aber – so CSU-Manfred Weber von der Europäischen Volkspartei in Brüssel – entziehe sich durch „feiges Verhalten“ dem Vermöbeln durch Kontinentaleuropäer.

Der Journalist Issio Ehrich – Spezialist für Außenpolitik, Beauftragter für Sicherheitspolitik, Experte für die Türkei, dazu Fachmann für Immigration sowie Kenner der Grünen (alles bei n-tv.de) – ergänzt die Brüsseler Verdammung durch eine ganze Batterie seiner ureigenen psychiatrischen Diagnostik. Die Brexit-Galionsfigur Boris Johnson sei „zu feige für das Endspiel“, neige „ohne Mumm“ als „Chamäleon“ zur „Zockerei“ und stehe als übles Beispiel für die „große Lüge“ und „falsche Versprechungen“, um „auf der Karriereleiter einen Schritt höher“ zu gelangen.

Der Wutausbruch lebt von der Ahnung, dass der so heftig beschworene Niedergang des Vereinigten Königreiches ausbleiben könnte. Noch am 25. Juni rechnet n-tv.de triumphierend vor, dass die Briten durch Johnsons Zockereibinnen Stunden Billionen an Börsenwerten“ verlieren. Doch als Johnson am 30. Juni das Amt des Premiers ausschlägt, steht die Londoner Börse bereits 1,6 Prozent höher als vor dem Brexit. Die deutschen Werte dagegen stehen zum selben Zeitpunkt (30.06 um 17:00) immer noch knapp 7 Prozent darunter.

Johnson ist nobel genug, den Deutschen diese Differenz nicht einzureiben. Unter den hiesigen Printmedien aber kann sich nicht eines dazu überwinden, den Vorsprung von Footsie vor DAX als Aufmacher zu bringen. Die ungebrochen scharf gegen den Brexit schreibende Financial Times ist da mutiger und meldet das – bereits am 29. Juni – erreichte Aufholen der Kursverluste souverän auf der ersten Seite vom 30. Juni: „Footsie recovers post-Brexit losses“.

Das Zurückbleiben der Frankfurter Börse kann nicht verwundern, gibt es 2015 doch deutsche Exporte nach England in Höhe von 89 Mrd. Euro, während die Briten nur für 38 Mrd. Euro liefern. Käme die Erregung à la Weber und Ehrich gegen England ungebremst zum Zuge, säße der Verlierer zwischen Rhein und Weser, aber nicht an der Themse.

Eines allerdings muss man dem Deutschland gegenüber bemerkenswert milden Boris Johnson zugestehen: politische Schlauheit. Den verhasstem Brexit-Sieger würde man in den Trennungsverhandlungen tatsächlich so hinterhältig wie möglich behandeln. Wer daran noch Zweifel gehegt haben sollte, wird durch den hiesigen Hass aus Politik und Medien umgehend eines Besseren gelehrt. Also nimmt Johnson durch Zurückstellung des eigenen Ehrgeizes England aus der Schusslinie.

Wenn stattdesse Theresa May in London an die Spitze rückt, verhandelt eine Gegnerin des Brexit, der Ehrerbietung gebührt und die deshalb Respekt vor dem demokratischen Votum ihrer Heimat fordern kann. In der Entschlossenheit zur Wiedergewinnung der britischen Grenzhoheit – Johnsons wichtigstes Vorhaben – rangiert die Innenministerin womöglich noch vor dem erst einmal Verzichtenden. Da könnte sich ein Team formieren, das es in sich hat.

Lesen Sie zum Thema auch diesen Bericht in der NZZ: Bremsklotz Brüssel

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Karla Kuhn / 02.07.2016

Frau Krey-Bonham holt mit diesem Kommentar alle Brexitschwarzmaler auf den Boden der Tatsache zurück. Ich bin genau der gleichen Meinung. In meinem Freundeskreis, wo heftig diskutiert wird, ist die Einstellung zum Brexit, ohne vorherige Absprache, positiv. Auch über das WARUM sind wir uns einig. Auch darüber, dass, anstatt die Konsequenzen zu ziehen, die “Schuldigen” aufs übelste beleidigt werden und immer weiter gewurschtelt wird. Ich bin ja gespannt, welches Land als nächstes die Nase voll hat.

Horst / 02.07.2016

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass das britische Pfund im Moment so billig ist, wie seit 30 Jahren nicht, und jeder Spekulant jetzt britische Aktien für Ramschpreise kauft…... Macht nämlich Sinn jetzt billig alles aufzukaufen mit einem sehr starkem Euro. Aber soweit denkt hier wohl keiner. naja….. Ich habe schon vor einer Woche gesagt, dass man jetzt sofort kaufen sollte um richtig Reibach zu machen. Toll das hier gefeiert wird, das Spekulanten gerade richtig abgreifen. Wenn UK irgendwann tatsächlich mal Paragraph 50 aktivieren und ein Brexit offiziell in die Wege geleitet wird, dann werden wir 2 Jahre später sehen wie die Wirtschaft in die Tonne geht….. Sollte das Parlament tatsächlich diesen unsäglichen Volksentscheid als Vorlage nehmen, wozu es in keinster Weise verpflichtet ist. Also im Moment ist nur das Pfund abgestürzt, ansonsten ist NICHTS passiert.

heinrich klarin / 01.07.2016

Und so ist der Brexit eine gute Gelegenheit, von den wirklich großen Problemen abzulenken. Z.B. von der Situation der Banken in der Eurozone oder der Tatsache, daß eine Billion Schuldgeld zu einem “Wachstum” von 0,1 Prozent in der EU geführt hat oder daß immer mehr Bürger in der EU diese als Gefahr für die Zukunft betrachten. Alles uninteressant. Der Global vernetzte britische Kapitalismus steht vor seinem Zusammenbruch, es sei denn, er kehrt zurück in die EU. Ich lach mich schief.

Wolfgang Richter / 01.07.2016

Vielleicht liegt es daran, daß die ihr kindliches Beleidigsein pflegenden EU-Gläubigen sich von den Thesen des durch den “Brexit” vorprogrammierten wirtschaftlichen Niedergangs für Britannien, wie für die EU blenden lassen, während andere, z. B. die Briten die Chance zur Neuausrichtung und zum Neuanfang sehen. Es heißt doch immer Börse sei vor allem Psychologie. Und wer das kleinliche Nachtreten der brüsselaner Entscheider und ihrer Gesinnungsgenossen verfolgt, dem müssen an der Fähigkeit zur politischen und wirtschaftlichen Führung dieser Leute arge Zweifel kommen. Von geistiger Flexibilität und Inspiration sie sie auf jeden Fall sehr weit entfernt - auf Bockigkeit reduziertes Handeln zeugt nicht von vorhandenen Zukunftsvisionen.

Sieglinde Krey-Bonham / 01.07.2016

Spätestens, wenn die Visa-Freiheit für die Türken da ist, wird England zur Oase in Europa, die sich ihre Zuwanderer und Arbeitskräfte (und ihre Staubsauger) selber aussuchen darf. Zudem stehen immer mehr Entscheidungen an, die, egal wie sie ausfallen, den Riss in der EU noch vertiefen werden. Man kann Neuwahlen verhindern, man kann Twitter und Facebook “Wut” ausblenden, man kann Nachrichten vorenthalten, man kann “mit vereinter Kraft” vielleicht noch ein letztes Mal Le Pen, Strache oder Wilders verhindern. Was man nicht verhindern kann, ist, dass es Menschen sind, die hinter den Entscheidungen der Märkte stehen. Menschen die etwas anderes sehen, als sie sehen sollen. Viele Ältere sind dabei, die die Strukturen und Methoden der Diktaturen noch kennen. Meine Großmutter sagte sinngemäß: Der Faschismus ist wie ein intelligentes Virus, er kommt immer aus der Ecke wo man ihn am wenigsten erwartet und befällt die Schwachen und die Faulen. Du erkennst ihn nicht an den Worten die er spricht, sondern an den Dingen die er verschweigt. Du erkennst ihn nicht an den Dingen die er in den Vordergrund stellt, sondern an den Dingen die er dahinter bekämpft. Sie hat Hitler offensiv bekämpft und musste fliehen. Sie wäre heutzutage wohl eine Rechtspopulistin. Ich wünsche England alles Gute.  

Christian Schwaar / 01.07.2016

Hallo Herr Heinsohn, die lokalen Börsen spiegeln in gewisser Weise die lokale Psyche eines Landes wider - auch wenn der DAX mittlerweile mehrheitlich in ausländischer Hand ist. In Deutschland wird gerade so getan als würde das Vereinigte Königreich demnächst hinter einem eisernen Vorhang verschwinden, alle Beziehungen würden gekappt - so wie damals der Ostblock. Die Briten gehen das weit rationaler an - am Ende wird es ein Vertragskonstrukt geben, das sich eben doch sehr nahe an dem EU-Assoziierungsvertrag mit Norwegen und/oder Schweiz orientieren wird, auch wenn man das seitens EU nicht gerne sehen mag. Aber die Vernunft wird obsiegen,und im Zweifel warden wird gar nicht merken, dass Großbritannien nicht mehr Mitglied der EU ist - das ist Regieren, die Kunst der Staatsführung. Der drohende Grexit hat uns allen klar aufgezeigt, dass die EU wie ein kopfloser Hühnerhaufen aufgeschreckt zu keiner klaren Linie finden wird und Großbritannien seine Wünsche weitreichend durchsetzen wird. Ich denke nicht, dass Großbritannien zu ähnlich miesen Spielzügen greifen wird wie seinerzeit Tsipras, aber Großbritannien ist auch nicht Griechenland - die haben das gar nicht nötig. Die EU wird schon von alleine klein beidrehen.

Hermes Conrad / 01.07.2016

Vermutlich liegt’s einfach daran, dass der FTSE in GBP notierte Wertpapiere enthält und das GBP gegenüber dem EUR deutlich nachgegeben hat. Gäbe es nur EUR und GBP, dann müsste ceteris paribus der FTSE genau umgekehrt proportional zur Abwertung des GBP gegenüber dem EUR aufwerten. Eine ganz so starke Aufwertung hat es nicht gegeben - die Differenz dürfte also in etwa abbilden, wie sehr der Brexit als schädlich für die britische Wirtschaft empfunden wird. In der letzten Woche ist der Devisenkurs GBPEUR um knapp 10% gestiegen, der FTSE hingegen um knapp 3%. In EUR gemessen hat ein FTSE-Investor also jetzt noch 103/110 seines Kapitals von letzter Woche. Ein ähnliches Szenario mit umgekehrten Vorzeichen erlebte der schweizerische SMI am 16.01.2015, als die SNB die Wechselkursfixierung gegenüber dem Euro aufhob. Der CHFEUR sank um 16% und die schweizerische Börse rauschte zeitgleich um 15% in den Keller. An der Bewertung der Unternehmen hatte sich in EUR gemessen fast gar nichts geändert - der SMI-Investor hatte noch 85/84 seines Kapitals von vor der Wechselkursfreigabe. Was natürlich uninformierte deutschen Medien nicht daran hinderte, auf die Schweiz einzuprügeln und den “Absturz” der Börsen auf irgendwelche angeblichen Unsicherheiten zurückzuführen, die die SNB durch die Wechselkursfreigabe kreiert habe. Allerdings scheinen auch die in der Finanzbranche tätigen Personen selbst vielfach nicht zu wissen, was ein Numeraire ist. Sonst hätte man sich damals die Debatte erspart.

Tom Guttmann / 01.07.2016

Da die Währung der Briten auch abgewertet hat ist eine kursstabilität an der Börse trotzdem eine Abwertung.

Martin Wessner / 01.07.2016

Ist ja auch kein Wunder. Das Pfund Sterling hat seit dem 23.06.2016 dramatisch abgewertet, was letztlich ein Segen für die ganze britische Exportindustrie ist. Mini Rover, Plumpudding und Early Grey Tea gibt es jetzt erheblich billiger. Mein ich ganz unironisch. Das verarbeitende Gewerbe wird also mitnichten massenhaft seine Produktionsstandorte in Richtung Kontinent verlagern, wie das die Protagonisten des “Projekt Fear” so genüsslich mit wohligem, eiskalten Schauer über den Rücken als ein apokalypisches Schreckensgemälde an den Zukunftshorizont gezeichnet hatten. Tja, wie heißt ein Wort mit “X”? War wohl nix!

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