Reinhard Mohr, Gastautor / 22.04.2010 / 12:49 / 0 / Seite ausdrucken

Sehnsucht nach der starken Hand - Europas Denker und die Diktatoren

Reinhard Mohr

Stalin, Miloševic, Fidel: Wie kommt es, dass die zarten Seelen,
die sich gerne in Südfrankreich oder in der Toskana erholen, immer wieder
auf Protagonisten eines manichäischen Weltbilds hereinfallen, die die komplexen
gesellschaftlichen Strukturen in ihrem Land gleichsam mit der Machete
durchschlagen? Zur Sozialpsychologie der europäischen Intellektuellen.

Als der Moskauer Rundfunk am 6. März 1953 um 6 Uhr früh mitteilte, das
Herz „von Jossif Wissarionowitsch Stalin, dem Kampfgefährten Lenins und
genialen Fortsetzer seines Werkes“, habe „aufgehört zu schlagen“, begann eine
monatelange Serie postmortaler Huldigungen, die ihresgleichen suchten und an
denen sich ein Großteil der europäischen Intelligenz aktiv beteiligte. „Wir hatten“,
schrieb später der russische Schriftsteller Ilja Ehrenburg in seinen Erinnerungen,
„längst vergessen, dass Stalin ein Mensch war. Er hatte sich in einen
allmächtigen und geheimnisvollen Gott verwandelt … Und plötzlich war dieser
Gott an einem Blutgerinsel im Gehirn gestorben.“

Obwohl die Wahrheit über Stalins millionenfache Verbrechen längst bekannt
war, wenn auch nicht in allen Details, ließen viele Geistesgrößen ihrer
Bewunderung für den sowjetischen Führer noch einmal freien Lauf. In einem
Beileidsschreiben der Deutschen Akademie der Künste hieß es, „dass auch wir,
die Kunstschaffenden Deutschlands, in Stalin unseren großen Lehrer verloren
haben …, den besten Freund unseres Volkes. Wir Kunstschaffenden Deutschlands
geloben, in unserer Arbeit die Lehren Stalins zu verwirklichen und ihm,
dem Genius des Friedens, die Treue zu halten.“

Unterschrieben haben diese geistig-moralische Selbstabdankung Johannes R.
Becher, Bertolt Brecht, Ernst Busch, Willi Bredel, Paul Dessau, Hanns Eisler,
Walter Felsenstein, Stephan Hermlin, Peter Huchel, Herbert Ihering, Anna Seghers,
Arnold Zweig, Erich Weinert, Helene Weigel, Friedrich Wolf, Ludwig
Renn, Fritz Langhoff und viele andere. Bertolt Brecht setzte noch eins drauf und
bekannte in einem persönlichen Statement: „Den Unterdrückten von fünf Erdteilen
… muss der Herzschlag gestockt haben, als sie hörten: Stalin ist tot.“

Diese und andere ungezählte Hymnen auf einen skrupellosen Diktator und
Massenmörder bilden nur Spitze und Höhepunkt einer schwärmerischen, poli
tisch-mythologischen Heldenverehrung, für die gerade angeblich „kritische“
Intellektuelle besonders anfällig scheinen. Auch in dem guten halben Jahrhundert
nach Stalins Tod haben Künstler und „Kulturschaffende“ immer wieder
ihren unabhängigen Geist aufgegeben, um ihrer tiefen Sehnsucht nach einem
Führer und Erlöser nachgeben zu können. Dass es sich
dabei meist um Erlöserfiguren auf der Linken handelte,
ändert nichts daran, dass das Phänomen der intellektuellen
Entropie auch „rechts“ vorkommt. Prominente Beispiele
dafür sind die Philosophen Carl Schmitt und Martin Heidegger,
die Hitler in den ersten Jahren nach seiner Machtergreifung
zum Vollstrecker einer beinah mythisch verstandenen Erneuerung
des deutschen Volkes erklärten. Auch die störrische Affinität des Schriftstellers
Peter Handke zum großserbischen Kreuzzügler und Völkermörder Slobodan
Miloševi? trug nicht gerade sozialistische oder kommunistische Züge.

Merkwürdig, ja unheimlich genug: Selbst nach dem Ende der epochalen
ideologischen Schlachten des 20. Jahrhunderts lebt der eigentümliche Hang
von Intellektuellen fort, sich diktatorischen Machthabern anzudienen. Auch
hierfür könnte durchaus das Marxsche Bonmot gelten, Geschichte wiederhole
sich nicht, und wenn doch, dann als Farce.

Discomiezen und Drogenjunkies
Schauen wir doch einmal auf einen nachgerade klassischen Anlass für die europäischen
Linksintellektuellen, auch noch im 21. Jahrhundert das Zolasche
„J’accuse!“ in die Welt hinaus zu rufen: Ein religiös motivierter Tyrann hatte
die Wahlen zu seinen Gunsten fälschen lassen und die massenhaften Proteste
dagegen blutig unterdrückt. Doch als vor bald einem Jahr der iranische Präsident
Achmadinedschad seine Schläger- und Mörderbanden gegen hunderttausende
Demonstranten in Teheran aufmarschieren ließ, hörte man von all
denen, die sonst bei jeder Gelegenheit betroffen aufschreien, recht wenig.

Schlimmer noch: Neben jenen, die wie die Antiglobalisierungsorganisation
Attac tagelang schwiegen, gab es linke Publizisten, die offen für den Diktator
Partei ergriffen. So etwa Jürgen Elsässer, einst Autor der Jungen Welt, dazu für
taz, Konkret, Jungle World und Neues Deutschland tätig. „Glückwunsch, Achmadinedschad!“,
rief der Buchautor („Kriegslügen. Der NATO-Angriff auf Jugoslawien“,
2008) auf seiner Homepage. All die jungen Frauen auf den Straßen Teherans
mit ihren grünen Tüchern und den perfekten Englischkenntnissen vor den
Kameras von CNN und BBC – „das sollen die Repräsentanten des iranischen
Volkes sein oder auch nur der iranischen Opposition?“ Allah behüte: „Hier wollen
Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals
eine Party feiern. Gut, dass Achmadinedschads Leute ein bisschen aufpassen
und den einen oder anderen in einen Darkroom befördert haben.“

Werner Pirker, von 1975 bis 1991 Redakteur und zeitweise Moskauer Korrespondent
des Zentralorgans der Kommunistischen Partei Österreichs, der Volksstimme,
jetzt freier Autor („Ami go home. Zwölf gute Gründe für einen Antiamerikanismus“,
2003), holte in der Jungen Welt gleich das komplette vulgär-marxis-
tische Besteck aus dem Tornister: „Die iranische Revolution anno 2009 hat sich
in postmoderner Verkehrung des Revolutionsbegriffs die soziale Deemanzipation
auf ihre Fahnen geschrieben.“ Die „Revolution im Zeichen der liberalen Hegemonie“
verfolge das Ziel der „vollen Wiedereingliederung des Iran in das System der
imperialistischen Weltordnung“. Konsequent interpretierte Marxist Pirker den
demokratischen Aufstand der iranischen Massen für die Freiheit als „asoziale
Revolution“, kurz: als „konterrevolutionäre Revanche“.

Der Mann kennt sich aus mit Wahrheit und Lüge. Im Jahr 1973 schrieb
Pirker, damals Mitglied des MSB Spartakus und Mitherausgeber des Frankfurter
Studentenmagazins Diskus, unter der Überschrift „Bukowski kennt man in
der Sowjetunion nur im Irrenhaus“, die „lächerlich geringe Zahl“ von 200 Dissidenten
in der UdSSR sei schlicht darauf zurückzuführen, „dass eine Opposition
gegen den Sozialismus keine reale Basis hat“. So bleibe nur eine Frage:
„Wem nützen die Märchen über Nervenheilanstalten, Arbeitslager, in denen
Millionen ‚schmachten‘ sollen, und zuletzt die Aussage, die SU sei ‚ein gigantisches
KZ‘?“ (Diskus 5/1973, S. 43). Immerhin ist der Genosse sich treu geblieben.

Andere genieren sich inzwischen, wenn ihnen ihre alten Lobreden auf
Lenin und Stalin, Mao Tse-tung und Fidel Castro, Pol Pot und Kim Il Sung, Ho
Chi Minh und Enver Hodscha vorgehalten werden.

Doch so weit braucht man gar nicht zurückzugehen, um das merkwürdige
Verhältnis vieler Linksintellektueller zu Demokratie und Diktatur zu betrachten.
Obwohl sie selbst alle Freiheiten der westlichen Demokratie genießen,
entwickeln sie immer wieder einen Hang zu vermeintlich linken, jedenfalls antiimperialistisch-
antiamerikanischen Volkstribunen, Caudillos und Populisten.
Zuletzt profitierte der venezolanische Präsident Hugo Chávez von dieser gleichsam
platonischen Liebe zur fernen, aber doch exotisch glühenden Revolution.

Wie kommt es aber, dass die zarten und durchgeistigten europäischen Seelen,
die sich gerne in Südfrankreich oder in der Toskana erholen, so oft eine
Sehnsucht nach der starken Hand eines revolutionären Leaders verspüren? Wie
kommt es, dass gerade ausgeprägte Individualisten mit der Fähigkeit, stundenlang
über eine kleine theoretische Differenz einer bestimmten philosophischen
Frage zu diskutieren, immer wieder auf Protagonisten eines manichäischen
Weltbilds hereinfallen, denen es anscheinend gelingt, die hochkomplizierten
gesellschaftlichen Strukturen und Abhängigkeiten in ihrem Land gleichsam mit
der Machete zu durchschlagen? Warum verschließen bis heute so viele Ex-Sympathisanten
der kubanischen Revolution unter Fidel Castro und Ché Guevara
die Augen vor der katastrophalen Wirklichkeit im Jahre 2010? Warum empört
man sich hierzulande über jeden „Datenskandal“ bei Facebook oder der Telekom
tausendmal mehr als über den Tod eines kubanischen Dissidenten wie
Orlando Zapata Tamayo, der Ende Februar nach einem 80-tägigen Hungerstreik
elend im Gefängnis starb? Warum erregt sich kaum jemand über den einstigen
Revolutionsführer Robert Mugabe, der seit Jahrzehnten und beinahe ungestört
Simbabwe zugrunde richten kann? Und warum hat all das keinen Einfluss auf
die liebgewordene Weltanschauung?

Diese Fragen zu stellen heißt, sie schon halb zu beantworten. Gerade weil die
Welt so kompliziert ist, ist die Versuchung, sie revolutionär zu vereinfachen, so
groß. Dabei hat die Utopieseligkeit vor allem deutscher Intellektueller stets eine
romantische Note. Fast könnte man hier das berühmte Wort
des Philosophen Herbert Marcuse von der „repressiven Entsublimierung“
anwenden. Was Marcuse als Kritik an der
kapitalistischen Konsumgesellschaft verstand, könnte im
Blick auf die intellektuelle Faszination charismatischer
Volksbefreiungsführer in vergleichbarer Weise gelten. Denn
auch in der revolutionären Projektion eigener, wohl unterdrückter Wünsche tritt
ein Konsumverhalten zu Tage, das sich gleichsam unterhalb des sonstigen Reflexionsniveaus
der Protagonisten seine Dosis innerer Befriedigung holt.

Gute Idee, böse Wirklichkeit
Gerade angesichts einer immer wieder desillusionierenden ernüchternden
Wirklichkeit will man sich seine Träume nicht nehmen lassen. In der Logik
dieser eigentümlichen Dialektik beweist selbst das ultimative Scheitern sozialistischer
Modelle nur, dass die böse Wirklichkeit einen weiteren verabscheuungswürdigen
Sieg über die Idee davongetragen hat. Der Gedanke, dass die Idee
selbst Schuld sein könnte, liegt vielen Dichtern und Denkern immer noch fern.

So war es zu Stalins Zeiten, und so war es auch vor 20 Jahren, als mit dem
Fall der Berliner Mauer das Ende der DDR unwiderruflich besiegelt war. In
seinem berüchtigt zynisch-nihilistischen Gestus bekannte der Schriftsteller
und Dramatiker Heiner Müller, dass das kapitalistische System des Westens
letztlich nicht mehr Freiheit biete als zwei Bratwurstbuden: „Bei der einen gibt
es etwas mehr Ketchup und bei der anderen mehr Senf. Das Ganze reduziert
sich auf zwei verschiedene Arten, den Leuten die gleiche Wurst anzudrehen.“

Hier offenbart sich ein weiteres Motiv intellektueller Wahrnehmungsverzerrung:
Selbsthass und Selbstverachtung, der metaphysische Ennui gegenüber
dem normalen alltäglichen Leben und seinen kleinen großen Freiheiten. So
gerne man sich selbst gelegentlich eine Currywurst (und vieles mehr) gönnt –
als Metapher für einen letztlich amoralischen und ethisch beliebigen Materialismus
vulgo Kapitalismus sind die kleinen Würstchen des angeblich grundfalschen
Lebens stets rasch zur Hand. In dieser Perspektive blamiert die Utopie
immer noch die Wirklichkeit: Die Idee schlägt jede Bratwurstbude mit 7:0.
In diesem sehr deutschen „Trotzalledem“ steckt viel verborgener Trennungsschmerz,
viel uneingestandene Erkenntnis, die stets aufs Neue aufgeschoben wird.

Ambiguität wandelt sich in Bigotterie, Widersprüche und Zweifel
werden zu einem indifferenten Dauerleiden, das sich in vielfältigen
Diskursen des Jammerns und (An-)Klagens ein
wenig Luft verschafft. Derweil verkehrt sich das gute alte
„Prinzip Hoffnung“ in eine „wehmütige Unbeirrbarkeit vermeintlich
ewiger Verlierer“, wie Volker Zastrow 1990 in der
FAZ formulierte. Womöglich ist es auch nur so zu erklären,
dass der preisgekrönte DDR-Staatsschriftsteller Hermann Kant noch Ende November
1989 ein Redemanuskript für Egon Krenz verfasste, den letzten traurigen
Mohikaner aus der verkommenen Riege von Erich Honecker & Co.

Welten entfernt scheint da Salman Rushdies legendäre Antwort auf die
Frage, was denn eigentlich diese„Werte des Westens“ seien, die für viele Intellektuelle
bis heute nur in verschämt-kritischen Anführungsstrichen zitierfähig
erscheinen: „Küssen in der Öffentlichkeit, Schinken-Sandwiches, öffentlicher
Streit, scharfe Klamotten, Literatur, Großzügigkeit, Wasser, eine gerechtere
Verteilung der Ressourcen der Welt, Kino, Musik, Gedankenfreiheit, Schönheit,
Liebe.“ Für diese kleine, absolut unvollständige Aufzählung, die Rushdie
kurz nach den verheerenden Terroranschlägen vom 11. September 2001 formulierte,
haben viele Linksintellektuelle bis heute nur Hohn und Spott übrig.

Denn am tiefsten Grunde ihrer mal mehr, mal weniger heimlichen Affinität zu
Diktatoren im Revolutionshemd oder in schicken Phantasieuniformen mit
Pistole und Patronengürtel liegt die Geringschätzung, ja Verachtung der repräsentativen,
parlamentarischen Demokratie, der Kultur und Lebensweise des Westens insgesamt.

Freiheit und Menschenrechte sind da für viele nur die verlogene kapitalistische
Folklore eines „eurozentrischen Kulturimperialismus“, der die Welt unter
das alleinige Gesetz des Profits stellen will. Wer ein solches Selbstbild von der
Gesellschaft mit sich herumschleppt, in der er lebt und arbeitet, ist geradezu
gezwungen, sich immer wieder auf die Suche nach dem gelobten Land zu
machen – und nach den Helden seiner Träume. Zur selbstverständlich kritischen
Stärkung der Demokratie trägt er so allerdings kaum bei.

Dieser Text von Reinhard Mohr erscheint in der Mai/Juni-Ausgabe der Zeitschrift “Internationale Politik”

 

 

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