Burkhard Müller-Ullrich / 23.02.2020 / 10:00 / Foto: Joel Ormsby / 13 / Seite ausdrucken

Rücken im Museum - Risiken und Nebenwirkungen von Kunstausstellungen

Das schöne Wort Idiopathie bedeutet: Der Arzt weiß einfach nicht, an was für einer Krankheit Sie leiden. Rückenschmerzen beispielsweise können von klapprigen Bandscheiben kommen, aber auch von permanentem Ehezwist, von Streß am Arbeitsplatz oder von Museumsbesuchen. Denn Museumsbesuche können auf vielfältige Weise anstrengend sein. Zum einen sind oft die Bilder selber anstrengend. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich hat in einer Berliner Ausstellung unter dem Titel „Macht zeigen“ vor zehn Jahren herausgearbeitet, dass mächtige Leute sich extra anstrengende Bilder ins Büro hängen, um Besuchern zu demonstrieren, wie wenig ihnen das ausmacht.

Zum anderen ist das Abschreiten solcher Werke im Museum ebenfalls enorm anstrengend. Auf den Schultern lastet das ganze Gewicht der kulturellen Bedeutung, man stemmt sich dagegen wie Atlas, der den Globus trägt, dabei zieht man den Kopf ein, weil sich die Muskelfasern im Nacken unter der Anspannung verkürzen. Zugleich jedoch möchte man sich bei diesem peinlichen Angespanntsein auf keinen Fall ertappen lassen. Im Gegenteil, ein lässiger Schlendergang, fachsprachlich „Museum Walk“ genannt, soll simulieren, wie wohl man sich in Gegenwart all dieser anstrengenden Kunst fühlt.

Solcher Schlendergang ist allerdings selbst extrem strapaziös. Wer sich den Bewegungsablauf von Pantomimen näher anschaut, ahnt, wieviel Muskelkraft gerade die scheinbar leichten, eleganten, fließenden Bewegungen erfordern. Und hier, im Museum, versucht man mit seinem vor lauter Ergriffenheitsdemonstration und Fettnäpfchenangst betonhart zusammengezogenen Skelett auch noch butterweich und leise aufzutreten, weil sich das nun mal so gehört.

Außerdem vollzieht sich die Fortbewegung pantomimenlangsam. Während der normale menschliche Gang eigentlich ein kontrolliertes Fallen ist, bei dem die Schwungmasse des Körpers eine energiesparende Rolle spielt, wirken in der Zeitlupe ganz andere Kräfte. So führt häufiger und habitueller Museumsbesuch unweigerlich zu schweren Haltungsschäden, ganz abgesehen von den kennerischen Verrenkungen, die manch einer oder eine vor den Werken vollführt: etwa um aus Rumpf- oder Kniebeuge eine andere Perspektive zu gewinnen, die Feinheiten des Farbauftrags auf Gemälden mit starrhalsig schief gehaltenem Kopf zu studieren oder einfach eine in Kniehöhe angebrachte Texttafel zu entziffern.

Gereiftere Museumsgängerinnen und -gänger stoßen nicht von ungefähr charakteristische Seufzer aus, wenn sie im Museumscafé endlich Knochen und Sehnen entlastet finden, vom Fersensporn ganz zu schweigen. Leider gehören sie genau jenen Altersgruppen an, die mit virtuellen Rundgängen per Computer nichts anfangen können. Die Jüngeren indes machen genau dort, vor dem PC, die schmerzvolle Erfahrung, dass Rückenleiden auch vom Sitzen kommen können, idiopathisch oder nicht.

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Wilfried Cremer / 23.02.2020

Kunstwerke in Museen sind gut als Selfie-Hintergrund. Die sollen das Fotografierverbot aufheben, dann geht die Post ab.

Robert Krischik / 23.02.2020

Ich glaube, ich muss mal wieder ins Museum.

Frank Holdergrün / 23.02.2020

Tatsächlich, ich fühle mich ertrappt. Wir waren gestern im Brandhorst München und haben einen ehrfürchtigen Museums-Walk hinter uns. Wir lasen dort: “Unser erklärtes Ziel als Museum ist es, offen für alle Menschen zu sein, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Genderidentität, sexueller Orientierung oder Weltanschauung.” Wunderbar, nix wie rein und endlich lernen wir ihn kennen: Cy Twombly, den Strich- und Verwischkünstler. Die monumentale Farbfolge „Lepanto“ (2001) ist ein Hauptwerk, bestehend aus zwölf Bildern. “Ungewöhnlich heftige, fast riskante Farbakkorde in einer breiten Palette von Gelb-, Rot-, Türkis- und Aquamarintönen bestimmen die Dramatik der Sujets die eine der symbolträchtigsten Seeschlachten der Weltgeschichte thematisieren”: Am 7. Oktober 1571 besiegte die „Heilige Liga“, eine Allianz aus spanischen, venezianischen und päpstlichen Truppen unter der Leitung von Don Juan de Austria die zahlenmäßig überlegene Flotte der Osmanen bei Lepanto am Golf von Korinth und leitete damit den Niedergang der osmanischen Vorherrschaft im Mittelmeer ein. Wir sind vor allem ergriffen von den wunderbaren Textleistungen zu den Bildern (im Internet) und wissen, wie wenig wir wissen, nichts verstehen, verspannte kleine Spießer, die das Museum im Café wieder zur Besinnung kommen lässt. Immer wieder frage ich mich, warum ich so leise bleibe in Museen, und nichts sage oder mit einem anderen Walker diskutiere. Es ist die Macht egomanischer Kunst, die niemals in irgend einer Weise demokratisch sein wird. Sie lässt mich verstummen und bald werde ich diese Räume nicht mehr besuchen, weil sie stramme Haltungen abbilden, die dem Oberkommando Weltmoral angegliedert sind.

Gerd Heinzelmann / 23.02.2020

Ja, Kunst ist frei. Künstler sind schlimmer als Journalisten. Die meisten Künstler, die ich kennengelernt habe waren hilflose *piep*. Das kann ich von Journalisten nicht behaupten. Hitler war übrigens ein gescheiterter Künstler. Das macht eben den Unterschied. Nichts gegen Kunst, wo kann man mehr lernen? Liebe Jugend, haltet Euch von Künstlern fern, aber genießt Ihre Kunst! Ich sagte Künstler, nicht Idioten!

Rainer Berg / 23.02.2020

Es ist gut, mal wieder lachen zu können, das entkrampft den Geist. Danke dafür.

Erwin Bloch / 23.02.2020

Schöner Artikel. Ist mir aber ehrlich gesagt zu oberflächlich, weil er nicht auf die möglichen Ursachen eingeht. Könnte es vielleicht an dem Inhalt der Museen liegen und an dem, was man heute als “Kunst” definiert? Es gab einmal eine Zeit, da wurde so manches Werk, bei dem man nicht wusste, ist das Kunst oder kann das weg, oder wie soll ich meinen Kopf drehen, um doch noch etwas Sinnvolles darin zu erkennen, einfach als “Entartete Kunst ” bezeichnet. Seitdem Antifa &Co; mit ihrem Geschmiere Einzug in die Museen bekommen haben, treten vermehrt diese im Artikel beschriebenen gesundheitlichen Störungen bei einigen Besuchern auf. Vielleicht sollte man sich mal wieder auf die Kunst, die von “Können” kommt, besinnen und nicht jeden alles ausstellen lassen? Kunst bildet sich erst im Kopf des Betrachters und das geht aber nur, wenn im Kopf auch etwas drin ist. Ist das ein Wunder bei den Kunstakademien heute?

Bernd Klingemann / 23.02.2020

Wenn Gehen kontrolliertes Fallen ist, dann ist Laufen der bevorstehende Exitus. In diesem Sinne: liegen bleiben!

Jürgen Fischer / 23.02.2020

Ich finde Museen gut! Gibt ja Leute, die davon leben, diese Nebenwirkungen mindestens abzumildern.

Andreas Rühl / 23.02.2020

Wohl wahr. Nichts schwieriger, als entspannt zu sein. Das erfordert Kraft ohne Ende. Ich wohne neben einem Kurpark. An Sonntagen wird dort exzessiv geschlendert. Es ist zum Schreien komisch anzusehen, wenn der Gas-Wasser-Scheiße-Monteur nebst 100kg Ehefrau und den blödgesichtigen Gören gemeinsam um die Wette schlendern. Man kann die Verkrampftheit eines ganzen Volkes nirgendwo besser beobachten als dort, wo es unverkrampft erscheinen möchte, wo die Unverkrampftheit zur Pflicht wird. Wir Deutsche können nicht unverkrampft. Wir sind beim Schlendern überfordert. Das ganze Leben: Eine Pflichterfüllung. Ein ganzes Volk in einer Zwangsneurose gefangen, und insbesondere die, die zwanghaft ihre Zwangsneurose zu verbergen suchen.

Silvia Polak / 23.02.2020

Danke für diesen lässigen Artikel, tut gut !

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