Burkhard Müller-Ullrich / 03.03.2019 / 11:00 / Foto: Tim Maxeiner / 9 / Seite ausdrucken

Aufräumen!

Aufräumen ist eine Notwendigkeit, die durch längeres Nichtaufräumen entsteht. Dabei gibt es, aufräumwissenschaftlich betrachtet, zwei grundverschiedene Handlungsprinzipien, nämlich das Aufheben von Sachen und das Wegschmeißen. Diese beiden Prinzipien sind allerdings durch einen langwierigen und mühevollen Prozess miteinander verbunden, der das Aufräumen im eigentlichen Sinne charakterisiert, und zwar handelt es sich um den Entscheidungsprozess zwischen Aufheben und Wegschmeißen. 

Die Notwendigkeit des Aufräumens ergibt sich einerseits aus einem lebenspraktischen Findegebot. Dinge, die nicht auffindbar sind, existieren quasi nicht. Wir können nichts mit ihnen anfangen, selbst wenn sie uns gehören. Andererseits müssen wir auch wegen des beschränkten Platzes in Haus und Wohnung aufräumen. Und da ergibt sich ein aufräumphilosophischer Widerspruch, um nicht zu sagen: eine Aporie. Denn dem knappen Raum, der uns zum Ordnungmachen zwingt, steht die knappe Zeit gegenüber, die wir durch Ordnunghalten verlieren. 

Nach dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik strebt jedes System einem Zustand größtmöglicher Unordnung entgegen. Die Entropie nimmt zu, der Kampf gegen die Entropie kostet Energie. Und zwar auch seelische Energie. Denn auch bei jahrelang ungetragenen Kleidungsstücken überkommt uns im Augenblick des Aussortierens ein ungeheurer Wegschmeißschmerz, ganz zu schweigen von den vielen kleinen Sächelchen, die sonst noch durch Schränke und Regale wuchern sowie den Unmengen von bedrucktem Papier, die zu irgendwelchen Referenzzwecken, als Erinnerungsstützen, als Materialsammlung für irgendwelche irgendwann zu schreibenden wertvollen wissenschaftlichen Werke aufgehoben werden müssen. 

Der Imperativ des Aufräumens, so gutgemeint er eben noch sein mochte, bekommt hier etwas Barbarisches. Es droht Kulturzerstörung. Wer gewissenhaft gehortete Papiere entsorgt, vergeht sich am Gedächtnis der Menschheit. Außerdem gilt: Wozu haben wir das alles denn bis jetzt bewahrt, wenn es nun auf dem Müll enden soll? So taucht hinter der praktischen Absicht des Platzschaffens auf einmal der häßliche Gedanke früherer Fehlentscheidungen, ja überhaupt eines verfehlten Lebens auf. 

An diesem Punkt hilft nur eins: sofort umschalten in den anderen Aufräummodus. Denn es gibt ja zwei. Der eine will die Entropie in der Tiefe besiegen – eine Sisyphos-Arbeit, die länger dauert, als die Welt besteht. Der andere Modus ist bloß kosmetisch: Er schafft eine oberflächliche Ordentlichkeit, indem alles in Schubladen gekippt und in Schränke gefüllt wird, damit der Besuch nichts merkt. Nützt zwar nur kurze Zeit, aber nachhaltig ist sowieso keine Ordnung, egal welche. 

Foto: Tim Maxeiner

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Susanne v. Belino / 03.03.2019

Es gibt ganze Bücher, die sich mit dem leidigen Thema des Aufräumens befassen. Das letzte, das ich mir zu Gemüte führte, war ein englischsprachiges, welches nicht nur die das Wohnumfeld, sondern besonders auch die den menschlichen Geist befreiende Wirkung des “Declutterns” (Entrümpelns) herausstellte. - Wenn konsequentes Aufräumen bloß nicht so oft mit dem Zwang zur rigiden Entsorgung verbunden wäre! Allzu oft bricht einem das Herz bei diesem Tun. - Allerdings gibt es viele Länder auf der Welt, in denen es unendlich viel leichter fällt als hierzulande, sich von nicht mehr benötigten Artikeln zu trennen (die zudem oft noch knappe Raumressourcen für sich beanspruchen). Wenn man z. B. in Südafrika ein nicht mehr benötigtes Objekt - gleich welcher Art - außerhalb des Grundstücks ablegt oder hinstellt, so dauert es nur eine kurze Zeit, bis der Gegenstand einen neuen Besitzer gefunden hat, der ihn gut gelaunt davon trägt. In solchen Ländern macht es deshalb regelrecht Freude, aufzuräumen und sich von Dingen loszusagen. Schließlich landen diese schon bald bei Menschen, die sie entweder selbst gut gebrauchen können, oder die sie umgehend weiter verkaufen, um mit dem Erlös ihre Haushaltskasse aufzubessern. Auf diese Weise lassen sich problemlos zwei Fliegen mit nur einer Klappe schlagen.

Bechlenberg Archi W. / 03.03.2019

Ich bin gerade dabei, aufzuräumen. Und nun dies. Keine Frage, es wird heute so enden, wie immer. Sehr zeitnah wird mich die Lust verlassen, mit dem Ergebnis, dass es noch unaufgeräumter sein wird als zuvor.

Gabriele Schulze / 03.03.2019

Das Schön-Schreckliche beim Aufräumen ist der Vorgang des Innehaltens. Ertappe mich, wie ich kindlich auf dem Boden hocke und in Gegenständen herumwühle, sinniere. Es denkt “Ach guck mal, das hast du ja auch noch!” Entdeckerfreude. “Ob das noch funktioniert?” Wehmut und dann wieder “Ach, was soll’s, weg damit”. Da toben die Neuronen im Hirn…Übrigens finde ich es angenehm, nach dem Aufräumen zu wissen, wo was ist.  Kramschubladen gibt es aber natürlich auch, muß sein.

Karla Kuhn / 03.03.2019

” Der andere Modus ist bloß kosmetisch: Er schafft eine oberflächliche Ordentlichkeit, indem alles in Schubladen gekippt und in Schränke gefüllt wird, damit der Besuch nichts merkt. Nützt zwar nur kurze Zeit, aber nachhaltig ist sowieso keine Ordnung, egal welche. ”  Das ist meiner !! Komischerweise finde ich aber alles wieder, wenn ich nur lange genug danach suche. Meine sehr ordentlche Freundin nannte das immer die “optische Ordnung.”

Andreas Horn / 03.03.2019

Köstlich, Sie wollten heute “aufräumen”, stimmt’s? Mir geht es auch so…

Andreas Stüve / 03.03.2019

Schön, wenn sich jemand einmal wissenschaftlich dem Thema widmet, lieber Herr Müller-Ullrich. Bei mir ist das Aufräumen zumeist eine medizinisch-psychologische Angelegenheit, sprich die Bewältigung eines eventuell später auftretenden Trennungsschmerzes. Der angerostete Wandhaken, na ja, vielleicht braucht man ihn doch noch mal. Präservative, ähm, ja, bei dem bisschen Sex?  CD´s, die schon Jahre im Regal ihr Dasein fristen. Für die Enkel ( die noch nicht da sind)?  Bücher, die man in die zweite Reihe gestellt hat, weil niemand sehen soll, was da mal für ein Schund erworben worden ist? Blaue Socken, einer mit Loch vorne, na gut, für´s Joggen noch ok. So vergeht ein ganzer Tag, den man besser in der Natur oder beim Lesen der “Achse” verbracht hätte. Aber es ist der halbe Besitzstand einmal angefasst, begutachtet und teilentstaubt wieder eingelagert worden. Im wahrsten Sinne das Zuunterste zuoberst gekehrt. Ich glaube, das ist eines der Grundprinzipien der deutschen Politik in den letzten Jahren. Wenigstens bin ich zu einer, wenn auch belanglosen, Erkenntnis gelangt.

Rudolf Dietze / 03.03.2019

Haben Sie mich vorhin beobachtet? Können Sie durch die Wände gehen oder hindurchblicken? Eben habe ich wichtiges Zeug auf Schubladen verteilt. Das liegt schon 25 Jahre da. Ist unbenutzt und ungeheuer wichtig. Bei Papier gibt es zwei Haufen auf dem Schreibtisch. Wichtige Einladungen von der Bank, von der Handwerkskammer usw. . Diese werden entsorgt, wenn der Termin verstrichen ist. Bis dahin kann ich es nicht wegwerfen. Man könnte ja. Da täglich Neues kommt werden die Haufen nie kleiner. Schlimm ist nur, wenn Rechnungen im Haufen verschwinden und Mahnungen kommen. Dann gibt es noch die Dinge die man Ordnern anvertraut. Es ist schön, den Arztbericht nach 15 Jahren nochmal zu lesen. Damals dachte man schon ans Ende. Und dann die vielen Kommentare die ich abgegeben habe, gesammelt in einem extra Ordner des Computers. Da werden noch Geschichtswissenschaftler ein Leben zur Auswertung brauchen. Dies Alles erinnert mich an Stanley G. Weinbaum “Die Welten des wenn”. Eine Story lies den Mensch nie über Stückwerk hinauskommen, und so ist es.

Artur Weinhold / 03.03.2019

Es hilft in diesem Zusammenhang auch, sich Walter Benjamins Wort aus dem Passagenwerk zu erinnern: »Ordnung ist nichts als ein Schwebezustand über dem Abgrund.« Hängt als DIN-A4-quer-Ausdruck an der unpassierbarsten Stelle meines Arbeitszimmers. Etwas schief, da nur an einer Ecke des Blattes befestigt.

C. Bauer / 03.03.2019

Eine ausgesprochen philosopische Überlegung, welche hier das ursächliche Prinzip und das damit einhergehende Problemdes Ordnunghaltens präzise auf den Punkt gebracht hat. Ich musste herzlich lachen und habe mich in gewisser Weise ein pasr maö ertappt gefühlt, vielen Dank dafür!

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