Klaus Alfs, Gastautor / 16.06.2017 / 06:10 / 6 / Seite ausdrucken

Lexikon: Die Wieselworte der Tierrechtler

Von Klaus Alfs.

In der Diskussion um Tierrechte tauchen Begriffe wie Speziesismus, Anthropozentrismus oder Mitgeschöpflichkeit auf. Hinter ihnen verbirgt sich problematisches Denken

„Mitgeschöpf“

Die Schlagworte „Mitgeschöpf“ und „Mitgeschöpflichkeit“ erfreuen sich in der Debatte um Tierrechte und Tierschutz größter Beliebtheit. Das „Mitgeschöpf“ ist Anfang 1987 ins deutsche Tierschutzgesetz eingewandert (§ 1) und treibt dort seitdem sein Unwesen. Die juristischen Kommentare betonen, dass das deutsche Tierschutzgesetz im Zeichen der Mitgeschöpflichkeit stehe. Ob sie damit dem Tierschutz sowie den Menschen einen Gefallen tun, darf bezweifelt werden.

„Mitgeschöpf“ ist eine Wortschöpfung des Pietismus; die „Mitgeschöpflichkeit“ wurde vom Schweizer Theologen Fritz Blanke erfunden und meint so etwas wie „artübergreifende Menschlichkeit“. Das hört sich schön an, besagt aber nichts. Um es kurz zu machen: Theologisch betrachtet ist alles, was existiert, „Geschöpf“ – mit Ausnahme von Gott selbst. Aus dem Geschaffensein als solchem folgt daher moralisch und rechtlich nicht das Geringste.

Warum sollten wir Tiere nur deshalb moralisch berücksichtigen, weil sie nicht Gott sind? Das trifft für uns selbst ebenso zu wie für Pflanzen, Pilze, Steine, Schneeflocken oder Sternenstaub. An diesem Befund ändert sich auch dann nichts, wenn man der profanen Geschöpflichkeit feierlich die Silbe „Mit-“ voranstellt.

Wer ein Schwein als Mitgeschöpf bezeichnet, muss auch dessen Lungenwürmer (Metastrongylose) als Mitgesch(r)öpfe bezeichnen. Entscheidet man sich, die Würmer zu töten, um das Schwein zu retten, etabliert man damit eine Hierarchie der Lebewesen, die sich aus der Tatsache ihres Geschaffenseins in keiner Weise ergibt. Das seitenlange Kleingedruckte macht den ganzen Mitgeschöpf-Vertrag zur Makulatur. Am Ende bleiben doch immer nur die paar Lieblinge des Menschen übrig. „Mitgeschöpflichkeit“ ist also nichts weiter als eine Lizenz zum Heucheln. Ganz zu schweigen von dem Tatbestand, dass man an einen Gott glauben muss, der alles geschaffen hat. Wer die Mitgeschöpflichkeit propagiert, müsste streng genommen erst einmal die Existenz eines Schöpfers rational beweisen oder zumindest plausibel machen, sodann zeigen, dass dem Schöpfer irgendetwas an seinen Geschöpfen gelegen ist.

Denn es spricht ja alles dagegen, dass Gott sich ums Wohlergehen seiner Geschöpfe besonders sorgt. Ein allgütiger Gott hätte die Welt schließlich so schaffen können, dass zumindest unkompensiertes Leid darin nicht vorkäme, oder er hätte auch gleich eine Welt voller Wonneproppen basteln können. Hat er aber nicht. Außerdem müssten die Mitgeschöpfianer noch das Medium benennen, mittels dessen Gott den Geschöpfen seine Wünsche mitteilt. Derlei Mühe spart man sich heute gern und geht lieber gleich zum gemütlichen Teil über: der willkürlichen Proklamation von diesem und jenem.

In ihrer Stellungnahme zum Tierschutzgesetz machen die Rechtsphilosophen Julian Nida-Rümelin und Dietmar von der Pfordten denn auch kurzen Prozess mit der Mitgeschöpflichkeit: „Einem wenig rationalen Dezisionismus in Normierungs- und Abwägungsfragen erscheint hier Tür und Tor geöffnet“ (1). Mit anderen Worten: „Sechs, setzen!“ Oder: Fuck ju, Mitgeschöpf! 

Warum ein derart religiös aufgeladener Begriff überhaupt für die Gesetzgebung eines Staates verbindlich sein soll, der zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet ist, steht in den Sternen bzw. in den juristischen Kommentaren zum Tierschutzgesetz. Im Kommentar von Kluge et al. (2) wird zur Begründung die haarsträubende Behauptung aufgestellt, Mitgeschöpflichkeit könne auch mit der Evolution und der genetischen Verwandtschaft aller Lebewesen begründet werden.

Evolution im modernen Sinne ist jedoch ein unbewusster, subjektloser Prozess, also das glatte Gegenteil eines Schöpfungsaktes. Aus der Tatsache, dass sich Lebewesen aus anderen Lebewesen entwickelt haben, folgt daher ebenfalls moralisch und rechtlich nicht das Geringste – zumal bei dieser Interpretation die unbelebten Geschöpfe vollends unter den Tisch fallen. Hier werden stillschweigend wertfreie biologische Fachtermini moralisch interpretiert. „Genetische Verwandtschaft“ bedeutet jedoch keineswegs, dass wir Hefepilze, mit denen wir 70 Prozent der Gene gemeinsam haben, als unsere Kinder betrachten müssen, die nach unserem Tod Anspruch auf einen Pflichterbteil hätten.

Der Versuch, die Mitgeschöpflichkeit pseudowissenschaftlich mit Hilfe der Evolution zu retten, kann nicht gelingen. Anstatt aber die Konsequenz zu ziehen und solche Nonsens-Begriffe aus der Gesetzgebung zu tilgen, werden ihnen dort Heiligenscheine verpasst. Nonsens ist übrigens auch der beliebte Imperativ, die Schöpfung zu bewahren. Er ist theologisch schlicht Blasphemie, denn nur Gott selbst hat die Macht, seine Schöpfung zu zerstören. Dass der Mensch Gottes Schöpfung erhalten müsse, ist widersinnig, weil dies gar nicht in seiner Macht steht.

„Würde der Kreatur“

Das Pendant zur Mitgeschöpflichkeit ist die Würde der Kreatur. Seit 1992 steht sie in der Schweizer Verfassung. In der Schweiz hat konsequenterweise bereits die Pflanzenwürde tiefe Wurzeln geschlagen. Denn es ist unmöglich, aufgrund empirischer Eigenschaften zwischen moralisch zu berücksichtigenden und nicht zu berücksichtigenden Lebewesen eine genaue Grenze zu ziehen. Die Pflanzen sind also notwendigerweise auch drin.

Doch damit nicht genug. Da Würde hier an den Kreatur-Status gekoppelt ist, wird die Fluss- oder Bergwürde schon bald das Schweizer Gemüt erheben. Kraxler werden dann wohl reihenweise von den Bergen abgeworfen, sobald sie ihre Karabiner zu tief in deren Würde verankern; Schwimmer werden von Seen ertränkt, sobald sie beim Baden in selbige urinieren. Die Schweizer können irgendwann keinen Schritt mehr tun, ohne bei irgendeiner Kreaturwürde anzuecken. Da bleibt nur noch die Flucht in die Käselöcher – sofern die Emmentalerwürde nicht verletzt wird.

„Die menschliche Würde ist abwägungs- und eingriffsresistent“, schreibt der Rechtswissenschaftler Wolfgang Löwer (3). „Sie ist Höchstwert, der keine Relativierung für heteronom gesetzte Zwecke erlaubt. Würde beruht auf der Autonomie zum selbst gewählten Lebensentwurf. Dass alles dieses auf die kreatürliche Würde nicht übertragbar sein dürfte, liegt auf der Hand. Es ist folglich etwas Anderes gemeint als das Versprechen einer unantastbaren Würde, suggeriert aber sprachlich das Gegenteil.“

Aus der Menschenwürde ergeben sich zumindest dem Ideal nach strikte Verbotspflichten. So ist es z. B. mit der Menschenwürde nicht vereinbar, Menschen zum Zwecke der Nahrungsmittelproduktion zu züchten oder sie in medizinischen Versuchen zu töten. Bei den diversen Ansätzen, die „Würde der Kreatur“ zu definieren, ist weitgehend freies Fantasieren angesagt. Wenn nicht einmal klar ist, warum allen Kreaturen Würde zugeschrieben werden soll und welche normativen Konsequenzen dies hätte, ist nicht verwunderlich, dass manche Autoren vollständig den Überblick verlieren und wahllos mit Würde-Bonbons um sich werfen wie Karnevalsprinzen mit Kamelle.

Es gibt Metzger, die wollen sogar dem Fleisch seine Würde zurückgeben wie etwa die junge Generation von „Kumpel und Keule“. Wenn aber das Fleisch, die Wurst, die Boulette eine Würde hat, wieso nicht auch das Gekröse? Warum nicht auch der Hundekot auf der Straße? Wer den Haufen ordnungsgemäß entsorgt, gibt ihm seine Würde wieder, da das arme Häuflein nicht mehr mit Füßen getreten werden kann, oder was? Fazit: Inflationärer Gebrauch des Würdebegriffes verursacht Hirnflatulenz.

Das Gewürge mit der Würde beginnt, sobald man sie von der Fähigkeit zur praktischen Vernunft abkoppelt. Ein Würdebegriff, der nicht mehr auf Vernunft bezogen ist, wird inflationär und willkürlich. Bei Immanuel Kant kommt Würde nur solchen Wesen zu, die prinzipiell fähig sind, zwischen Handlungsalternativen frei zu wählen und sich selber moralische Gesetze zu geben. Dies reflektiert § 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948): „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Tierrechtler wie etwa Tom Regan (4) versuchen aufgrund dessen, die Begriffe „Autonomie“ und „Handlungsfähigkeit“ so zu erweitern, dass sie wenigstens auf (einige) Tiere passen. Diese Erweiterung geht aber – wie alle tierethischen Begriffserweiterungen – zu sehr auf Kosten der Bedeutung. Das Tun von Tieren kann nicht als Handlung gelten, wenn man sie nicht auch dafür verantwortlich macht; Tiere sind nicht moralisch autonom, solange sie moralische Maximen grundsätzlich nicht verstehen, formulieren oder befolgen können.

Während beim Menschen nur wenige Individuen aufgrund kontingenter Ursachen (Unfall, Krankheit, Gendefekt) oder absichtlicher Schädigung durch Dritte ihre Vernunft- und Gewissensbegabung nicht oder nur eingeschränkt entfalten können, sind alle nichtmenschlichen „Kreaturen“ diesbezüglich hoffnungslos unbegabt. Es ist daher sinnlos, ihnen Würde zuzugestehen.

Ähnlich wie die „Mitgeschöpflichkeit“ hat die „Würde der Kreatur“ aufgrund ihres hohen Anteils an heißer Luft vor allem den Effekt, die Aufgeblasenheit derjenigen zu vergrößern, die sie im Munde führen. Darüber hinaus ermutigt derlei heuchlerisches Wortgeklingel die Fanatiker dazu, den Würdebegriff in Bezug auf nichtmenschliche Kreaturen ebenso strikt auszulegen wie in Bezug auf Menschen.

Es ist daher folgerichtig, dass die Tierrechtler immer frecher werden und für Tiere exakt denselben Würdeschutz fordern, wie er für Menschen gilt. Wenn Tiere aber denselben oder annährend denselben Würdeschutz genießen sollen wie Menschen, dieser aber nicht gewährleistet wird, ist es nur logisch, dass Tierrechtler auch Gewalt anwenden, um den vermeintlichen Anspruch der Tiere durchzusetzen. Menschen, die zu Nahrungszwecken gezüchtet werden, müssten schließlich auch mit Gewalt befreit werden, wenn andere Mittel versagen.

„Anthropozentrismus“

In der Diskussion um Tierschutz und Tierrechte fehlt selten die wohlfeile Klage darüber, dass der Mensch sich als Mittelpunkt der Welt betrachte und sich eine besondere Stellung im Kosmos anmaße. Der Anthropozentrismus sei die Wurzel allen Übels und müsse überwunden werden, damit die Natur zu ihrem „Recht“ kommen könne.

Leute, die so etwas behaupten, nennen sich gerne „Biozentristen“ oder „Physiozentristen“. Erstere bilden sich ein, die Perspektive der belebten Natur einzunehmen, Letztere glauben, die Stimme des gesamten Kosmos zu sein. Beide schwingen sich zu Interessensvertretern der außermenschlichen Welt auf. Doch egal, ob sie sich nun Tier-, Pflanzen-, Fluss- oder Planetenkostüme anziehen: Sie bleiben immer nur Menschen mit spezifisch menschlicher Wahrnehmung und Moral. Im Biozentrismus und Physiozentrismus offenbart sich „eine gesteigerte Anthropozentrik, die der Natur die menschlichen Vorstellungen unterlegt oder überstülpt“, bemerkt der Philosoph Lothar B. Schäfer. (5) Das erinnert an den britischen Komiker Mr. Bean, der sich selber in ein Geschenk einpackt und beim späteren Auspacken überrascht über den Inhalt der Verpackung zeigt.

Wer hingegen ernsthaft versucht, eine außermenschliche Perspektive zu gewinnen, dem geht schon beim ersten Schritt die Ethik von der Fahne. Begibt man sich auf die Ebene des Tierreichs, sind dort nur sporadisch Verhaltensweisen erkennbar, die man mit viel Fantasie als Rumpfformen von Moral deuten könnte. Schon aus tierischer Perspektive brauchten Menschen also nicht mehr moralisch zu sein, wenn unter Moral ein Kanon von Normen verstanden wird, nach denen Handlungen und Gedanken beurteilt werden.

Geht man nun weiter über das Pflanzenreich und die unbelebte Natur in die unendlichen Weiten des Universums, löst sich alles in reine Gleichgültigkeit auf. Aus kosmischer Perspektive ist es gänzlich einerlei, was auf der Erde mit irgendwelchen Wesen passiert. Dass sie entstehen, herumwuseln und vergehen, juckt das Universum kein bisschen. Mit anderen Worten: Da mit dem Anthropozentrismus sogleich auch die Moral über Bord geht, ist es widersinnig, den Anthropozentrismus moralisch zu kritisieren. Er ist schlicht unhintergehbar, sowohl in erkenntnistheoretischer als auch in ethischer Hinsicht. Selbst die sogenannte pathozentrische Ethik, die das Leiden aller (fühlenden) Lebewesen in den Mittelpunkt der Reflexion stellt, ist aus dem Anthropozentrismus abgeleitet, da sie dem menschlichen Wunsch entspringt, alle leidfähigen Lebewesen moralisch zu berücksichtigen.

Man kann den Anthropozentrismus zwar nicht eliminieren, aber man kann prüfen, wie aufgeklärt Personen über genau diesen Tatbestand sind. Nicht nur die selbsternannten Biozentristen oder Physiozentristen sind diesbezüglich unaufgeklärt, sondern auch viele moderne Verhaltensbiologen, die wie im Wahn alle Tiere und Pflanzen unter dem Gesichtspunkt betrachten, wie ähnlich sie dem Menschen sind. Kaum stochert der eine Affe anders mit dem Stock nach Termiten als sein Artgenosse in einer entfernten Population, haben beide schon „Kultur“. Diese manische Fixierung ist wissenschaftlich wenig fruchtbar und taugt vor allem zur ideologischen Herabsetzung des Menschen. „Das Tier wird als Naturgegenstand gerade nicht ernst genommen, sondern [...] in menschliche Kleider gesteckt und wie im Fernsehfilm zum albernen Vorturnen gezwungen“, kritisiert der Philosoph Peter Janich (6).

Aus dieser zu „bahnbrechenden Erkenntnissen“ aufgeblasenen verhaltensbiologischen Mode ziehen Tierrechtler ihren Vorteil. Sie können sich auf die unaufgeklärt anthropozentrische Rede von „höher entwickelten Tieren“ berufen und an die wissenschaftlich überholte Skala der Wesen (scala naturae) mit dem Menschen als Fluchtpunkt anknüpfen. Ganz weit oben rangieren – wen wundert’s? – unsere nächsten Verwandten. Im offenen Selbstwiderspruch kritisieren viele Tierrechtler den Anthropozentrismus und fordern zugleich Menschenrechte für Menschenaffen, weil diese uns gleichen. Tierrechtler leugnen vehement jegliche Sonderstellung des Menschen und berufen sich im nächsten Atemzug auf sie, indem sie nur vom Menschen verlangen, andere Tiere moralisch zu berücksichtigen.

Die Rede von höher entwickelten Tieren führt jedoch in die Irre: „Der verzweigte Baum der Evolution hat nicht nur einen, sondern Millionen Kulminationspunkte – nämlich je einen in jeder auf der Erde lebenden Art“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Stephen Budiansky (7). „Die Vorstellung, dass die Fische momentan auf Stufe 21 festsitzen und mit aller Macht versuchen, auf Stufe 22 aufzusteigen, ist in evolutionsgeschichtlicher Sicht barer Unsinn. Die Fische sind durch Jahrmillionen währende Evolution ihrer eigenen, sehr speziellen ökologischen Nische angepasst. Dazu mussten sie sich ebenso lange entwickeln wie wir. Keineswegs sind sie bloß Beispiele einer halb fertigen Evolution, deren Kulminationspunkt der Mensch (womöglich gar der nordische) wäre.“

Das Muster des übersteigerten Anthropozentrismus schlechthin ist der Glaube an einen Gott – das meinen zumindest religionskritische Autoren. Bereits der antike Philosoph Xenophanes von Kolophon (570–475 v. Chr.) äußerte den Verdacht, dass die Gottesvorstellungen bloße Projektionen menschlicher Eigenschaften seien. Baruch de Spinoza (1632–77) formuliert diesen Gedanken folgendermaßen: „Denn ich glaube, dass ein Dreieck, wenn es sprechen könnte, ebenso sagen würde, Gott sei hervorragend dreieckig, dass ein Kreis sagen würde, Gott sei hervorragend rund.“

Es ist grotesk, wenn heute christliche Ethiker in die Klage wider den Anthropozentrismus einstimmen, obwohl das Christentum mit seiner Fixierung auf Jesus ohne Anthropozentrismus gar nicht auskommt. Christus ist eben Gott und Mensch zugleich. Im Schöpfungsbericht wird der Mensch überdies eindeutig als Sonderanfertigung beschrieben. Manche christlichen Theologen opfern sogar den Heiland selbst, um sich dem Zeitgeist gemäß mit tierethischen und naturethischen Phrasen zu profilieren.

„Speziesismus“

„Speziesismus“ bedeutet, dass Menschen andere Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit diskriminieren, also Lebewesen ungleich behandeln, bloß weil sie nicht zur Spezies Homo sapiens gehören. Der Begriff wurde Anfang der 1970er-Jahre von dem britischen Psychologen Richard Ryder erfunden und vom australischen Bioethiker Peter Singer zur weltweit populären Kampfparole der „Tierbefreiungsbewegung“ gemacht. Die Analogie zu Begriffen wie Rassismus und Sexismus ist hierbei bewusst gewählt.

Die biologische Spezies war niemals der Grund, warum Menschen sich gegenüber ihresgleichen zur moralischen Rücksichtnahme, zum Tötungsverbot, zum Verbot von Diebstahl usw. verpflichtet haben. Dafür wurden in der Vergangenheit verschiedene Gründe angegeben, z. B. die Gottebenbildlichkeit, die Vernunft, die Handlungsfähigkeit, die Moralfähigkeit. „Mensch“ ist nicht gleichbedeutend mit „Homo sapiens“, und ein Grund ist nicht dasselbe wie ein Kriterium. Wenn der Grund etwa die Handlungs- und Moralfähigkeit ist, braucht man ein Kriterium, das sich in der Praxis dazu eignet, diejenigen zu benennen, die den Schutz durch Moral und Recht genießen sollen. Dieses Kriterium kann die Zugehörigkeit zur biologischen Spezies Homo sapiens sein.

Alle Angehörigen der Spezies Homo sapiens haben Anspruch auf den Schutz der Menschenrechte – unabhängig davon, ob jeder Einzelne konkret und aktuell diejenigen Eigenschaften tatsächlich hat, die Grund für die moralische Berücksichtigung und rechtlichen Schutz sind. Es genügt, dass Menschen – im Gegensatz zu anderen Lebewesen – im Allgemeinen und im Normalfall diese Eigenschaften besitzen bzw. erwerben. „Mensch“ bezeichnet hier die Mitglieder einer Moral- und Kommunikationsgemeinschaft. Hätten Kakerlaken jene Eigenschaften ebenfalls im Normalfall, würden auch sie mitsamt Larven, Komatösen, Behinderten einbezogen. Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass sie uns genetisch ferner stehen als Schimpansen.

„Man schließt geistig Behinderte und Kinder aus der Rechtsgemeinschaft einfach deshalb nicht aus, weil eine aufgrund objektiver Kriterien praktikable klare Grenze zwischen möglicher und nicht möglicher Pflichtsubjektivität nicht gezogen werden kann. Um sich nicht beständig mit dem Rechtsunsicherheit schaffenden Problem auseinandersetzen zu müssen, Menschen möglicherweise ungerechtfertigt aus dem rechtlichen Verband auszuschließen oder nicht aufzunehmen, wird jeder Mensch uneingeschränkt als Rechtssubjekt betrachtet. Speziezistische Willkür liegt nicht vor, wenn Tieren die Rechtsfähigkeit nicht eingeräumt wird, weil diesen eben kraft ihrer Natur weder heute noch morgen Pflichten auferlegt werden können“, stellt der Soziologe Franz Kromka fest.

Der Speziesismus-Begriff ist selbstwidersprüchlich. Richard Ryder glaubt, Speziesismus sei „die Annahme, dass der Mensch allen anderen Arten von Tieren überlegen und damit berechtigt sei, sie zu seinem Vorteil auszubeuten“ (8). Der Duden definiert den Begriff ähnlich als „Anschauung, der zufolge der Mensch allen anderen Arten überlegen und daher berechtigt sei, deren- Vertreter nach seinem Gutdünken zu behandeln“.

Ryder & Co. gehen jedoch selber implizit davon aus, dass der Mensch dem Tier überlegen und sogar moralisch übergeordnet ist, denn sie fordern nur vom Menschen moralische Rücksichtnahme gegenüber Tieren. Damit diskriminieren sie aber Homo sapiens. Dieser macht biologisch gesehen das Gleiche wie andere Tiere. Die menschlichen Individuen sichern ihr Überleben und das ihrer Nachkommen, geben ihre Gene weiter wie alle anderen auch (9). Dabei nutzen sie – wie alle anderen auch – die Vorteile, welche ihnen durch die Evolution zugewachsen sind. Biologisch gesehen ist Homo sapiens anderen Tieren durch seine geistigen Fähigkeiten de facto überlegen. Vorwerfen kann man ihm das nur, wenn man mit zweierlei Maß misst.

Sehr beliebt ist auch die Behauptung, es gebe in der Realität gar keine Arten und deshalb zählten nur Individuen. Es gebe daher auch keinen Artenegoismus – weder beim Tier noch beim Menschen. Richard Ryder und der berühmte Soziobiologe Richard Dawkins argumentieren so. Hierbei tappen sie aber in die Reduktionismus-Falle. „Welches Prinzip erlaubt ihnen, die Ebene zu bestimmen, auf der die Elimination ihren Schlusspunkt gefunden hat“, fragt der Biologe Steven Rose Theoretiker wie Dawkins (10).

Wieso soll es also ausgerechnet Arten nicht geben, dafür aber Individuen? Man könnte in dieser Logik genauso gut sagen, es gebe keinen Richard Dawkins, sondern nur einen Zellverbund, der von Genen gesteuert werde. Und sogar von den Genen kann man behaupten, dass es sie „eigentlich“ nicht gebe. Irgendwann landet man unweigerlich bei den Quarks. Über moralische Fragen braucht man sich dann nicht mehr zu unterhalten. Es sei denn, man erfindet den Quarksismus, die Diskriminierung der Quarks aufgrund ihrer Quarkszugehörigkeit.

Rassismus, so die heute unter aufgeklärten Individuen verbreitete Ansicht, bestehe schon darin, überhaupt Menschenrassen zu postulieren. Im Gegensatz zu Religionen, Geschlechtern, politischen Anschauungen gebe es keine Menschenrassen. Wer also „Rasse“ sage, sei bereits ein Rassist.

Man übertrage dies nun auf den Begriff der „Art“. Daraus, dass „Art“ ein Oberbegriff in einem künstlichen System (Taxonomie) ist, wird geschlossen, dass Arten nicht existieren. Wer also Mensch sagt, wäre bereits ein Speziesist – ebenso wie jemand, der Spinne, Fisch oder Hund sagt. Speziesismus wäre überall und daher nirgends. Der Begriff taugt nur als suggestive Kampfparole, die gegen jeden geschwungen werden kann – einschließlich der Tierethiker, Tierrechtler und Veganer selbst. Da möchte man fast sagen: Wenn sie sich wenigstens nur gegenseitig damit totschlügen! Dann hätte die arme Seele irgendwann Ruh’.

Dieser Artikel ist zuerst in Novo-Argumente und in der Novo-Printausgabe Nr. 123 – 1/2017 erschienen.

Klaus Alfs ist Betreiber des Blogs Meinung Wahn Gesellschaft.

Anmerkungen:

1)  Julian Nida-Rümelin / Dietmar von der Pfordten: „Tierethik II: Zu den ethischen Grundlagen des Deutschen Tierschutzgesetzes“ (1993) in: Julian Nida-Rümelin (Hg.): „Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung“, 2., aktualisierte Aufl., Kröner 2005.
2)  Hans-Georg Kluge (Hg.): „Tierschutzgesetz“, Kohlhammer 2002.
3)  Wolfgang Löwer: „Tierschutz als Staatsziel – Rechtliche Aspekte“ in: Felix Thiele (Hg.): „Tierschutz als Staatsziel?“, Europäische Akademie Bad Neuenahr-Ahrweiler 2001.
4)  Tom Regan: „The Case for Animal Rights“, University of California Press 1983.
5)  Lothar B. Schäfer: „Das Bacon-Projekt. Von der Erkenntnis, Nutzung und Schonung der Natur“, Suhrkamp 1993.
6)  Peter Janich: „Der Mensch und andere Tiere. Das zweideutige Erbe Darwins“, Suhrkamp 2010.
7)  Stephen Budiansky: „Wenn ein Löwe sprechen könnte: die Intelligenz der Tiere“, Rowohlt 2003.
8)  Richard Ryder: „Speciesism, Painism and Happiness. A Moralitiy for the Zwenty-First Century“, Imprint Academic, 2011.
9)  „Speziezismus for Runaway“, blog.klausalfs.de. (Aufruf 19.04.2017)
10) Steven Rose: „Darwins gefährliche Erben. Biologie jenseits der egoistischen Gene“, Beck 2000.

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Gertraude Wenz / 17.06.2017

Ich möchte dem Leserbriefschreiber Herrn Jack Smithers beipflichten. Der Autor dieses Artikels- Herr Klaus Alfs-  hat Richard Dawkins missverstanden oder- was ich eher glaube- ihn gar nicht gelesen. Natürlich bestreitet Dawkins nicht, dass es “Arten” gibt, er meint nur, dass sich die Evolution, sprich Selektion, auf der Ebene des Individuums abspielt.

Georg Siegert / 16.06.2017

Ein Grundmoment vieler Geistesströmungen der heutigen Zeit, insbesondere aber in der Tierrechtsbewegung, ist eine (meist) unausgesprochene Menschenfeindlichkeit. Vielen dürfte das nicht bewusst sein, aber wenn man eine Umfrage machen und um Zustimmung oder Ablehnung der These “das größte Problem der Natur ist der Mensch” fragen würde, dürfte eine Mehrheit dem zustimmen. Zu Ende gedacht bedeutet das aber, dass die Idealwelt eines so denkenden Naturfreunds eine ohne Menschen ist. Diese seltsame Form der Selbstverneinung treibt dann die komischsten Geistesblüten, unter anderem auch die vom Autor im einzelnen diskutierten.

Helmut Driesel / 16.06.2017

“Dass der Mensch Gottes Schöpfung erhalten müsse, ist widersinnig, weil dies gar nicht in seiner Macht steht.” ist nicht nur weise gesagt, sondern bedeutet auch: Eine Menschheit, die danach strebt, das, was sie Schöpfung nennt, zu erhalten, wird sich in Richtung Gott entwickeln. Was aber nichts anderes bedeutet als die Hohheit, darüber zu entscheiden, was leben und fühlen darf und was nicht. Auch darüber, wer oder was Würde hat. Das bedeutet ja direkt, die Hürden für Eingriffe z.B. der modernen Chemie in die Schöpfung werden mit dem Fortschritt immer niedriger. Die ganze damit verbundene Ethik wird ein Produkt von Kreativität. Das macht die ganze totalitäre Religiösität der Menschen zuletzt noch schlüssig.

Emmanuel Precht / 16.06.2017

Ja ja, die Natur ist immer dann so heimelich beglückend, wenn sie dann unter Kontrolle und das Mobiltelefon geladen mit Netzempfang zur Rettung griffbereit in Reichweite ist. Wohlan…

Jack Smithers / 16.06.2017

Ein interessanter Artikel, ich konnte ihm bis kurz vor Schluss auch weitgehend folgen. Leider zerschlägt der Autor in meinen Augen viel Porzellan oder besser Glaubwürdigkeit in den letzten Absätzen. Ich bin mit dem Werk von Richard Dawkins bestens vertraut und weiß, dass die ihm unterstellte Behauptung “es gäbe keine Arten” niemals von ihm so geäußert wurde. In vielen seiner Werke geht es um Arten und Artbildung. Dem Autor sei empfohlen sich nicht auf Sekundärquellen zu verlassen und besonders pointierte Behauptungen zu überprüfen. Schade - hätte ein ausgezeichneter Artikel werden können.

Herbert Frankel / 16.06.2017

Vielen Dank für diesen Artikel. Den Blog des Autors habe ich sofort neben achgut.com zur täglichen Pflichtlektüre in die Lesezeichenleiste aufgenommen. Dank der Achse, daß hier so viele vernünftig-kritische Autoren zu Wort kommen können. Welch eine Wohltat, im Gegensatz zur Wahrheitspresse und zum Staatsrundfunk.

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