Rainer Grell / 23.10.2018 / 17:00 / Foto: Julio Fernández / 8 / Seite ausdrucken

Ist künstliche Intelligenz weniger gefährlich als natürliche Dummheit?

Seit Kain, also von Anbeginn an, gibt es Mörder unter uns, seit Ephialtes (480 v. Chr.) Verräter, seit Odysseus Trickser und Täuscher. Nur die Mittel haben sich geändert. Wer das leugnet hat, um mit einem bekannten CSU-Politiker zu sprechen, „nicht alle Latten am Zaun“ und steht am Ende als „Vollpfosten“ da.

Der Ameisenforscher Edward O. Wilson hat das auf die prägnante Formel gebracht: „Wir haben eine Star-Wars-Zivilisation geschaffen, unterliegen aber zugleich steinzeitlichen Emotionen, besitzen mittelalterliche Institutionen und eine gottgleiche Technik.”

Obwohl diese Zusammenhänge jedem urteilsfähigen Menschen klar sein müssten, bleiben sie häufig unbeachtet. Die Erklärung dafür liegt in Wilsons Formel selbst. Die gottgleiche Technik, die uns beinahe Schritt für Schritt umgibt, lässt uns die mittelalterlichen Institutionen und die steinzeitlichen Gefühle einfach vergessen. Wir denken, in der Welt der Autos, Schnellzüge (die ersten Eisenbahnen fuhren ca. 30 km/h, die schnellsten ICE über 300) und Flugzeuge, der Weltraumraketen, der Supercomputer und Smartphones seien wir als deren Erbauer oder Nutzer einfach die besseren Menschen, allen die vor uns gelebt haben haushoch überlegen. Der reicht der Homo sapiens nicht mehr, da muss der „Homo Deus“ her.

Das gleichnamige Buch von Yuval Noah Harari hat mich fasziniert. Atemberaubend, was der Autor von „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ da auf gut 500 Seiten zu Papier gebracht hat. Ihm ist natürlich bewusst, dass er missverstanden werden kann, weshalb er gegen Ende klarstellt: „All die hier [für das holprige Deutsch kann der auf Englisch schreibende Autor natürlich nichts] in diesem Buch entworfenen Szenarien sollten als Möglichkeiten und weniger als Prognosen verstanden werden.“ 

Erstaunlich fand ich allerdings, dass sich Harari nicht mit dem oben zitierten Satz von Wilson auseinandersetzt. Denn Grundlage seines gesamten Buches ist ja unsere „gottgleiche Technik“. Im Register findet man Wilson zwar nur als "Woodrow“, aber aus Fußnote 18 zu Kapitel drei (Seite 552) wird deutlich, dass dem Autor Edward O. Wilson durchaus geläufig ist, denn er bezieht sich dort auf dessen Buch „Die soziale Eroberung der Erde. Eine biologische Geschichte des Menschen“ (München 2013), aus dem der zitierte Satz stammt (Seite 15). Noch erstaunlicher ist diese Abstinenz dadurch, dass Harari betont, seinem „Lehrer Satya Narayan Goenka“, dem er „Homo Deus“ gewidmet hat, „die Technik der Vipassana-Meditation“ zu verdanken, die ihm (Harari) dabei behilflich war, „die Wirklichkeit so zu betrachten, wie sie ist.“ Leider lässt er uns nicht wissen, woraus er die Gewissheit schöpft, dass ihm dies auch tatsächlich gelingt, und an welchen Maßstäben und Kriterien er seine Behauptung misst. Bei weniger Wohlwollen könnte man aus dem Satz auch eine gehörige Portion Überheblichkeit herauslesen. 

"Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter"

Nach der Lektüre von Hararis „Homo Deus“ habe ich notiert: „Dies ist das klügste Buch, das ich bisher gelesen habe, unabhängig davon, ob ich dem Verfasser in allen Punkten zustimme (was ich nicht tue).“ Nur mit diesen Punkten beschäftige ich mich hier.

Dazu gehören Sätze wie (Seite 30): „Wenn uns diese Gesetze [das Gesetz des Dschungels [1] und Tschechows Gesetz [2] je wieder einholen, dann wird das unsere eigene Schuld sein – und nicht unser unentrinnbares Schicksal.“ Es bleibt offen, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen „unserer eigenen Schuld“ und „unserem unentrinnbaren Schicksal“ gibt oder ob beides letztlich nicht identisch ist (so wie das Innenministerium Baden-Württemberg einst den Slogan „Unfall ist nie Zufall“ propagiert hat). 

Und dann diese Passage (Seite 35): „Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Vereinten Nationen verkündet wurde ... stellt kategorisch fest, grundlegendster Wert der Menschheit sei das ‚Recht auf Leben‘. Da der Tod eindeutig gegen dieses Recht verstößt, ist er ein Verbrechen gegen die Menschheit, und deshalb sollten wir den totalen Krieg gegen ihn führen.“ An diesen beiden Sätzen verblüffen gleich mehrere Punkte:

  • Zunächst erstaunt, dass der Israeli Prof. Dr. Dr. Yuval Noah Harari sich mit der Vokabel vom „totalen Krieg“ eines Begriffes bedient, den ausgerechnet die Mörder von Millionen seiner Vorfahren zwar nicht erfunden, aber auf verbrecherische Weise praktiziert haben.
  • Die Forschheit, mit der Harari den Satz „Jeder hat das Recht auf Leben“ in Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO interpretiert, hat mich spontan an das spöttische Aperçu des Juristen Goethe in den Zahmen Xenien erinnert: „Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.“
  • Verbrechen können nach internationalem Rechtsverständnis nur von Menschen begangen werden. Der Tod kann daher kein Verbrechen sein.

Entsprechend seiner Qualifizierung des Todes als Verbrechen gegen die Menschheit lautet eine zentrale These von Harari (Seite 35): „Im 21. Jahrhundert werden die Menschen vermutlich ernsthaft nach der Unsterblichkeit greifen.“ Er zitiert den CEO des Investment Fonds Google Ventures, Bill Maris, mit den Worten (Seite 39): „Wenn Sie mich heute fragen, ob es möglich ist, 500 Jahre alt zu werden, so lautet die Antwort Ja!“ Dazu Harari: „Maris untermauert seine mutigen Worte mit jeder Menge Geld.“

"In Wahrheit ist das Geld der Gipfel der menschlichen Toleranz"

Und der von Harari bemühte PayPal-Mitbegründer Peter Thiel bekennt, er wolle ewig leben. Wobei er offen lässt, ob 500 Jahre für ihn schon „ewig“ bedeuten. Auch hier zieht Harari Geld als Argument heran: „Thiel sollte man durchaus ernst nehmen. Er gehört mit einem Privatvermögen von schätzungsweise 2,2 Milliarden US-Dollar immerhin zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Unternehmern im Silicon Valley.“

Wie ernst es Harari mit dem „Geld-Argument“ ist, hat er an anderer Stelle deutlich gemacht: „Jahrtausende lang haben Philosophen, Denker und Propheten das Geld als Wurzel allen Übels bezeichnet. In Wahrheit ist das Geld der Gipfel der menschlichen Toleranz. Geld ist toleranter als jede Sprache, jedes Gesetz, jede Kultur, jeder religiöse Glaube und jedes Sozialverhalten. Geld ist das einzige von Menschen geschaffene System, das fast jede kulturelle Barriere überwindet und nicht nach Religion, Geschlecht, Rasse, Alter oder sexueller Orientierung fragt. Dem Geld ist es zu verdanken, dass Menschen, die einander noch nie gesehen haben und einander nicht über den Weg trauen, problemlos zusammenarbeiten können.“ (Eine kurze Geschichte der Menschheit, Pantheon 2015, Seite 228).

Allerdings macht Harari aus seiner Skepsis gegenüber Unsterblichkeits-Prognosen keinen Hehl (Seite 42), wobei sich diese Skepsis weniger auf das Prinzip als auf den Zeitrahmen bezieht: „Ich bin der Ansicht, dass die Hoffnungen auf ewige Jugend im 21. Jahrhundert verfrüht sind, und wer sie zu ernst nimmt, dem drohen schwere Enttäuschungen.“ Dabei setzt er ohne Weiteres Unsterblichkeit mit ewiger Jugend gleich.

Und dann folgt ein Satz, über den man ebenfalls ein ganzes Buch schreiben könnte: „Es ist nicht leicht, in dem Wissen zu leben, dass man sterben wird“. Ich sehe es genau umgekehrt: Die Aussicht auf den Tod, macht das Leben überhaupt erst lebenswert. Wer noch ein paar hundert Jahre vor sich hat, dürfte kaum an dem einen Augenblick kleben, von dem Faust in drei Teufels Namen nicht bekennen möchte: „Verweile doch, du bist so schön!“ Ein solcher Augenblick kann aber gerade einen oder gar den Höhepunkt des Lebens ausmachen: „Es ist besser, einen Tag als Löwe zu leben, als hundert Jahre ein Schaf zu sein“, hat der US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump kürzlich getwittert. Das Zitat wird aber Benito Mussolini zugeschrieben, schreibt die „taz“, was den Satz vollends zitierunfähig macht. 

Die seit Jahrhunderten umstrittenen Frage des freien Willens

Der Tagesspiegel wartet (deshalb?) mit dieser Version auf: „Lieber ein Tag als Tiger als ein ganzes Leben als Schaf, so soll ein tibetanisches Sprichwort lauten. Lieber ein Tag als Löwe als hundert Tage als Schaf, dieses Zitat wird dem Künstler Bruno Bruni zugeschrieben.“

Dabei widmet Harari dem Thema „Der Sinn des Lebens“ einen ganzen Abschnitt (Seite 403 bis 411) und landet zwangsläufig bei der seit Jahrhunderten umstrittenen Frage des freien Willens. Mag sein, dass es sich dabei um eine Illusion handelt. Noch ausführlicher behandelt er „Das Recht auf Glück“ (Seite 46 bis 63) mit vielen beachtlichen Gedanken. Der Frage, ob die Illusion des freien Willens vielleicht der „Schlüssel zum Glück“ ist, geht er jedoch nicht nach. Ebenso wenig behandelt er die Frage, wie den unsere Strafrechtssanktionen aussähen, wenn wir den Tätern keinen freien Willen unterstellten.

Ich möchte mich für meine Ansicht über Leben und Tod lieber auf den unsterblichen Jonathan Swift (1667-1745) berufen, der uns in „Gullivers Reisen“ (Gulliver's Travels) mit den unsterblichen Struldbruggs (auch Struldbrugs, zur Aussprache hier lauschen) bekannt macht, welche die Aussicht, niemals zu sterben, als furchtbar empfinden, weil sie, ähnlich wie der unsterbliche Trojaner Tithonos, nicht in den Genuss ewiger Jugend kommen: Swift's work depicts the evil of immortality without eternal youth – Swifts Werk schildert das Übel der Unsterblichkeit ohne ewige Jugend. 

Bevor Gulliver von diesem Umstand Kenntnis erlangt, ruft er begeistert aus: „Oh! Glückliches Volk, wo Neugeborenen schon die Aussicht winken kann, unsterblich zu werden! Glückliche Struldbrugs, denen der Tod nicht droht, die den Druck der Furcht vor dem Ende, der auf allen anderen Menschen lastet, nicht kennen!“ Als er dann die Details über das Leben dieser Unglücklichen erfährt, bekennt er zerknirscht: „Früher hatte ich manchmal gewünscht, ewig auf dieser Erde leben zu dürfen, jetzt aber packte mich Entsetzen bei diesem Gedanken. Lieber den grausamsten Tod als solch eine Unsterblichkeit!“   

Jedes Jahr verkünden Mediziner, dass die Lebenserwartung der Menschen wieder um ein paar Monate gestiegen sei, wobei die Frauen immer eine Nasenlänge vor den Männern liegen (die zahlreichen anderen Geschlechter sind in der Statistik noch nicht berücksichtigt). In Nepal, das ich 1976 besuchte, betrug die Lebenserwartung seinerzeit 35 Jahre, was an der hohen Kindersterblichkeit von rund 50 Prozent lag. Wer die ersten fünf Jahre überlebte, konnte aber durchaus alt werden.

Tenzing Norgay, der zusammen mit Edmund Hillary am 29. Mai 1953 als erster Mensch auf dem Gipfel des höchsten Berges der Erde, des Mount Everests (8.848 m), stand, starb kurz vor seinem 72. Geburtstag. Heute nimmt Nepal in der Rangliste von 223 Staaten und Gebieten der Erde mit 70,7 Jahren den 153. Platz ein (unmittelbar vor Nordkorea). Deutschland liegt mit 80,7 Jahren auf Rang 33; die Spitze bildet Monaco mit 89,5 vor Japan mit 85,0 Jahren.

Karl Marx‘ Vision vom guten Leben

Gleichzeitig steigt die Zahl der Pflegebedürftigen allerdings ständig an: Ihre Zahl „in Deutschland belief sich Ende 2015 auf rund 2,86 Millionen Menschen, von denen knapp ein Drittel vollstationär in Pflegeheimen versorgt wurden. Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes könnte die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland bis 2030 auf 3,4 Millionen Menschen ansteigen.“ Ihr Leben ist dem der Struldbrugs nicht unähnlich. Auch bezüglich der Verständigung, über die Gulliver folgendes erfährt: „Die Sprache des Landes unterliege einem stetigen Wandel, daher könnten sich die Struldbrugs eines bestimmten Zeitalters mit denen eines anderen nicht mehr verständigen, sie lebten daher als Fremdlinge in ihrem eigenen Vaterland.“ 

Hinzu kommt – nun wieder in Hararis Welt –, dass die Zahl der benötigten Arbeitskräfte auf die Dauer künftig kontinuierlich sinken wird, mögen gegenwärtig auch die Klagen über Fachkräftemangel nicht verstummen. Denn zahlreiche Aufgaben werden demnächst besser, schneller und billiger von Computern, oder, wie Harari formuliert, von Algorithmen erledigt. „Selbst Ärzte sind leichte Beute für die Algorithmen“ (Seite 424 u.). Ob das auch für das Pflegepersonal in Altenheimen gilt, verrät er uns allerdings nicht. Wenn die Mediziner oder besser gesagt die Algorithmen eines Tages melden, nicht nur die Schallmauer von 500 Jahren menschlicher Lebensdauer sei durchbrochen, sondern auch das Ziel ewiger Jugend erreicht, sind wir diese Sorge natürlich los.

Dafür stellt sich die Frage, womit sich die Milliarden unsterblicher Menschen denn ihr ganzes Lebens lang beschäftigen, wenn die meiste Arbeit von Algorithmen erledigt wird. Auch das Problem, wovon die unsterblichen Menschen ernährt werden sollen, harrt noch einer nachhaltigen Lösung. Da wirkt die Prognose von Henryk M. Broder, dass wir uns mit den Menschen, die uns durch die Flüchtlingskrise seit 09-15 laut KGE geschenkt wurden, „Das Proletariat von morgen“ ins Land geholt haben, geradezu harmlos. 

Harari hat dieses Problem natürlich auch gesehen. Er schreibt (Seite 440): „Im 21. Jahrhundert könnten wir Zeugen werden, wie eine neue Nichtarbeiterklasse entsteht: massenhaft Menschen ohne jeden ökonomischen, politischen oder auch nur künstlerischen Wert, die nichts zum Wohlstand, zur Macht und zur Ehre der Gesellschaft beitragen. Diese ‚nutzlose Klasse‘ wird nicht nur beschäftigungslos, sondern gar nicht mehr beschäftigbar sein.“ Sein Fazit (Seite 441): „Das entscheidende Problem ist nicht die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Das entscheidende Problem ist die Schaffung neuer Jobs, die Menschen besser verrichten als Algorithmen.“ Als aufmunterndes Beispiel nennt er Archäologen, bei denen die Wahrscheinlichkeit eines Ersatzes durch Computeralgorithmen bis 2033 bei 0,7 Prozent liegt.

Vielleicht kommt hier ja noch mal Karl Marx‘ Vision vom guten Leben zum Zuge. „Zum guten Leben gehören vier grundsätzliche Elemente: die produktive menschliche Tätigkeit, die freie Entwicklung der menschlichen Kräfte im Sinne einer Selbstverwirklichung, eine spezielle Ausprägung der menschlichen Bedürfnisse und schließlich der Umstand, dass der Mensch als gesellschaftliches Beziehungswesen lebt.“ „Es ist ein Leben, in dem konsumorientierte Aktivitäten zurückgedrängt werden, und statt dessen ein subjektives Wohlbefinden durch die aktive Betätigung menschlicher Fähigkeiten erreicht wird. Entscheidend für die menschliche Zufriedenheit sind weniger die Aspekte des materiellen Konsums und der Freizeit - verstanden als Gegensatz zur Arbeitszeit -, sondern vielmehr die Qualität und Inhalte der individuellen Tätigkeiten.“

„Dreiundzwanzig Jahre, und nichts für die Unsterblichkeit getan!"

Hannah Arendt nennt in ihrem 1958 erschienen Werk “The Human Condition“, Titel der deutschen Ausgabe „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ drei menschliche Grundtätigkeiten: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Dabei widmet sie ein Kapitel der „Ewigkeit und Unsterblichkeit“, versteht darunter allerdings nicht das physische Leben in ewiger Jugend, wie Harari es für möglich hält, sondern: „Durch unsterbliche Taten, die, so weit das Menschengeschlecht reicht, unvergängliche Spuren in der Welt zurücklassen, können die Sterblichen eine Unsterblichkeit eigener, eben menschlicher Art erlangen“ (Seite 29). Ganz so wie Schiller den ungestümen Don Carlos ausrufen lässt: „Dreiundzwanzig Jahre, und nichts für die Unsterblichkeit getan!"

Es ist allerdings zu befürchten, dass die Milliarden und Abermilliarden unsterblicher beschäftigungsloser Menschen mit den Ideen von Marx und Arendt schwerlich zurechtkommen werden. Und auch Harari weiß für dieses Kardinalproblem keine Lösung.

Die Fragen nach der Ernährung und Beschäftigung beantwortet er vage wie folgt (Seite 441): „Der technologische Boom wird es wahrscheinlich möglich machen, die nutzlosen Massen auch ohne jede Anstrengung von deren Seite zu ernähren und zu unterstützen. Aber womit werden sie sich beschäftigen, und was wird sie zufriedenstellen? Menschen müssen etwas tun, sonst werden sie verrückt.“

Nach Ansicht einiger Experten sind diese Sorgen jedoch wahrscheinlich unbegründet; „denn sobald die künstliche Intelligenz menschliche Intelligenz überholt, könnte sie die Menschheit ganz einfach auslöschen.“ Und sie werde es wahrscheinlich auch tun. Unsere Ängste vor Atomkraft und Klimawandel würden sich dann einschließlich der „Mutter aller politischen Probleme“ (Seehofer) von selbst erledigen. Und die Frage, welchen Sinn künstliche Intelligenz ohne Menschen hätte, bräuchte uns auch nicht mehr zu kümmern.

Trotz dieser nicht gerade rosigen Aussichten übersandte Harari ein Exemplar seines neuesten Buches „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ mit folgender Widmung an Mathias Döpfner, den Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger und Vorstandschef der Axel Springer SE (Societas Europaea): “Artificial intelligence is less dangerous than natural stupidity“ (Künstliche Intelligenz ist weniger gefährlich als natürliche Dummheit). Der Beweis für diese Sentenz steht allerdings noch aus. Denn bisher ist es der natürlichen menschlichen Dummheit trotz erheblicher Anstrengungen nicht gelungen, die Menschheit auszurotten, was der künstlichen Intelligenz nach Hararis Gewährleuten offenbar ein Leichtes sein wird.  

Die hier geäußerte Kritik ändert nichts daran, dass Yuval Noah Harari mit „Homo Deus“ ein großartiges Buch geschrieben hat, das viel Stoff zum Nachdenken liefert. Am brennendsten würde mich interessieren, was den Autor befähigt hat, ein so außergewöhnliches Buch zu schreiben, wenn „das freie Individuum nur eine erfundene Geschichte ist, die von einer Ansammlung biochemischer Algorithmen ersonnen wurde“, wie die Biowissenschaften (und auch Harari selbst?) behaupten (Seite 410).

Besonders beeindruckt haben mich die Breite und Tiefe, mit der der Autor sein Thema behandelt. Da werden die Kriegserlebnisse eines Otto Dix genauso (in Wort und Bild) erwähnt (Seite 333) wie die Begegnung von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem „Flüchtlingsmädchen“ Reem (Seite 338) vor laufenden Kameras. Allerdings war Harari offenbar nicht bekannt, dass die von Geburt gehbehinderte Reem Sahwil kein Flüchtlingskind ist, sondern 2010 mit ihren Eltern zur medizinischen Behandlung ihres Leidens nach Deutschland kam und dann hier blieb. Doch das dürfte nur einige Besserwisser und Pedanten stören.

Die Bemühungen eines Michail Gorbatschow, die Situation seines Landes zu verbessern, werden ebenso angesprochen (Seite 504) wie die Entscheidung von Angelina Jolie, sich wegen ihrer erblichen Disposition vorsorglich beide Brüste entfernen zu lassen (Seite 449). Außerdem begegnen wir Hitler, Mussolini, Stalin, Mao, Saddam Hussein, Elvis Presley, Erdoğan, Woody Allen und vielen anderen. Da fällt es kaum auf, dass Aldous Huxley mit seinem 1932 erschienen „dystopische(n) Roman“ (Wikipedia) „Schöne neue Welt“ (Brave New World), der im Jahr 2540 spielt, unerwähnt bleibt. Da liegt der 500. Geburtstag von Bill Maris schon ein paar Jahre hinter ihm. 

Am Ende steht allerdings die Frage, ob der Status des Homo stupidus [3] nicht dem des Homo Deus vorzuziehen wäre. Aber die Wahl haben wir vermutlich gar nicht. 

[1]  „In den internationalen Beziehungen herrschte das Gesetz des Dschungels, dem zufolge selbst dann, wenn zwei Gemeinwesen in Frieden miteinander lebten, Krieg immer eine Option war.“ (Seite 26)

[2]  „Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert.“ (Seite 29)

[3]  Auf das am 28. August 2018 erschienene gleichnamige Buch des italienischen Psychiaters Vittorino Andreolibin ich übrigens erst gestoßen, nachdem ich diesen Begriff kreiert hatte. Untertitel „L’agonia di una civiltà“ – Der Todeskampf einer Zivilisation. Lesenswert im Zusammenhang mit Hararis Homo-Deus-Thesen auch: Soshana Zuboff,Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus.

Foto: Julio Fernández ataulfocamposantos GFDL via Wikimedia

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Rolf Menzen / 23.10.2018

Wenn die Menschen der Zukunft die Geburtenrate der heutigen Deutschen haben , kann man ausrechnen, wann der letzte Mensch geboren wird. Damit wäre das Problem der Überflüssigen früher oder später gelöst.

Caroline Neufert / 23.10.2018

Ich habe alle drei Bücher von Harari gelesen; es ist doch noch Luft nach oben ;-). Mir ging es ähnlich bei der Geschichte der Menschheit und Homo Deus - die Auswahl der Bsp erschienen mir bisweilen willkürlich subjektiv, kaum populärwissenschaftlichen Ansprüchen genügend. Fakten wiederum sind manchmal oberflächlich und ungenau recherchiert. In den 21. Lektionen gibt es neben der Auseinandersetzung mit seiner Religion drei/vier Ideen, die leider nur angerissen (wahrscheinlich Stoff fürs nächste Buch ;-)), aber nicht weiter gedacht werden, so dass es für mich “zu dünn” ist.  Auch ist die Logik der 21. Lektionen für ein Sachbuch wahrscheinlich ihm, aber nicht unbedingt allen anderen eingängig. Inspirierender fand ich gerade Houellebecqs Rede zum Spengler-Preis…

E. Thielsch / 23.10.2018

Ich halte die Ausführungen von Harari in Ihrer Darstellung keineswegs für tiefsinnig, sondern für oberflächlich sehr schlecht durchdacht. Im ganzen schwingt da der Gedanke der Gesellschaftsplanung, ja sogar ein Gesellschaftsmodell. Das ist Unfug. Das ist gerede über das Wetter im nächstenSommer. ‘Gesellschaft’ ist ungeheuer komplex und chaotisch. Man kann ihre Entwicklung grundsätzlich nicht vorher sehen und daher ist es auch müßig, darüber zu spekulieren. Eskommt IMMER anders als gedacht. Sehen Sie sich dazu nur einmal frühere Modelle dieser Art an. Nicht nur Marx ist an diesem Problem vollkommen gescheitert, sondern alle, die es versuchten. Oder sehen Sie sich nur das kleine Teilgebiet ‘Zukünftige technische Entwicklung’ an. Was für ein Quatsch wurde da verzapft. Vorher sehen konnte niemand etwas, auch nicht der Club of Rome, der sich, bei aller vordergründigen Tiefsinnigkeit, als ein Club of Rubbish, als Club der Dummschwätzer entpuppte und das nach nur wenigen Jahren. Ob Utopie der Dystopie, es mag amüsant sein, aber nutzlos. Wir als Gesellschaft, als Menschheit, treiben ziellos und blind in die Zukunft. Da lese ich lieber SF-Bücher, die keinen Anspruch auf Prophetie erheben - Und dennoch oft besser treffen und mehr bewirken. Douglas Adams beispielsweise nutzte das Genre um der jetzigen Gessellschaft unterhaltsam, doch sehr, sehr klug, einen Spiegel vorzuhalten. Er ist viel mehr Philosoph als dieser Langweiler Hariri.

Frank Holdergrün / 23.10.2018

Harari eröffnet mit seinem Buch für jeden Lesenden ein Gespräch, das man skeptisch führen sollte, so wie das von Herrn Grell skizziert wird. Allerdings weiß ich, dass er von vielen als Prophet gesehen wird. Höchst problematisch! Nach Camus sollte man sich der Größe dieses (s)einen Lebens nicht dadurch entziehen, dass man auf ein nachgelagertes, anderes hofft und Steve Jobs vermittelte in seiner Stanford Rede nichts anderes. Wir kommen nicht weiter, wenn wir im Träumen vom anderen Paradies das Jetzige nicht sehen. Deswegen sind (monotheistische) Religionen über Jahrhunderte in der Barbarei und Unterdrückung verharrt. „Nie in die ferne Zeit verliere Dich! Den Augenblick ergreife. Der ist Dein!“ (Schiller) Und immer wieder denke ich an diese Aussage von Nabokov: “Das Leben ist eine große Überraschung. Ich sehe nicht ein, warum der Tod nicht eine noch größere Überraschung sein sollte.“ Mehr Platz braucht er nicht! Vor kurzem bin ich am ehemaligen Landhaus von Thomas Mann in Bad Tölz vorbei gegangen und fand dort folgende Inschrift: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ Ich glaube, dass uns die KI irgendwann die Antwort geben wird, dass es keine durchdachtere Einrichtung der Natur gibt als sterblich zu sein. Begründet wird es dann auch mit einer Aussage von Karl Kraus: “Der Unsterbliche erlebt die Plage aller Zeiten.”

Matthias Böhnki / 23.10.2018

Selbstverständlich ist Dummheit gefährlicher als Künstliche Intelligenz. Wie sollte denn künstliche Intelligenz anders befähigt werden, die Menschheit auszurotten, als durch menschliche Dummheit in sie selbst ( die KI )  implantierte Intelligenz.Selbst wenn diese Dummheit auf allerhöchstem menschlichen wissenschaftlichen Niveau vonstatten gehen wird, so bleibt es letztlich nur Dummheit. Wäre es Schlauheit gewesen, würde sich Künstliche Intelligenz nicht gegen den Menschen richten.

Stefan Elbel / 23.10.2018

Ich bewundere Albert Einstein sehr. Aber nicht weil er den Physik-Nobelpreis wegen seiner Relativitätstheorie bekommen hat, sondern weil er Pazifist war und ein Kind im Herzen geblieben ist. Dieses Zitat ist eines meiner liebsten von Albert Einstein: “Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.”

Sabine Schönfelder / 23.10.2018

“Künstliche Intelligenz ist weniger gefährlich als natürliche Dummheit”. Wieso bleibt der Beweis dafür aus? Habe noch keinen durchschlagenden,  durch künstliche Intelligenz induzierten Erfolg auf dieser Welt bislang beobachtet; allerdings finden täglich gefährliche, durch menschliche Dummheit verursachte, Entscheidungen statt. Ist das nicht Beweis genug? Kann Ihrer Faszination hinsichtlich des Autors von ‘homo deus’ nicht ganz folgen. Ähnlich wie sich das Universum zur Erde und der menschlichen Schöpfung verhält ( wir bestehen letztendlich nur aus Sternenstaub), kann ein künstlich geschaffenes System vielleicht das menschliche Gehirn in einzelnen Geistesdisziplinen oder in der Quantität der intellektuellen Möglichkeiten schlagen, aber es wird nie menschlichen Geist überflügeln. Ich glaube nicht, daß es künstliches Bewußtsein geben wird, nicht im Sinne unseres menschlichen Bewusstseins. Auch die Frage nach dem freien Willen, der vielleicht nichts anderes als die Auswirkungen unserer eigenen hormonellen Textur darstellt, ist wahrlich nicht neu. Es scheint, der Autor fühlt sich durchaus berufen, zu einem breitem Spektrum gesellschaftlich relevanter Thesen seine erhebliche Meinung zu äußern. Das spricht für sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Offensichtlich ist das Buch eine gute Urlaubslektüre, die Stoff zum Nachdenken bietet, wenn man abends leicht angeschickert, in die (wahrscheinliche) Unendlichkeit des Universums, hinter der Milchstraße, am Sternenhimmel blickt!

Gabriele Kremmel / 23.10.2018

Überflüssige Gedankenspiele. Nicht die Frage, wovon sondern wo überhaupt sollen die ewig Lebenden leben? Man rechne einmal nach, wieviele Menschen sich auf der Erde inzwischen tummeln würden, wenn alle noch leben würden, die weltweit seit 500 Jahren verstorben sind - und die sich dann auch noch weiterhin fortgepflanzt hätten. Ich tippe darauf, dass es nicht wesentlich mehr wären als heute - die nachfolgenden Jüngeren müssten sich dann eben Platz verschaffen, und das wäre vermutlich nicht ohne tödliche Folgen für die schon länger Lebenden geblieben. Da sterbe ich doch lieber in absehbaren Zeiträumen eines natürlichen Todes, sofern nichts dazwischen kommt.

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