In diesen ersten Frühlingstagen macht die Natur einen Mordslärm. Nicht nur die Vögel rufen, sondern auch die Blumen. Vorwurfsvoll machen sie uns im Garten darauf aufmerksam, daß ihnen die Erde ausgeht. Das ist seltsam, denn erst letztes Jahr hatten wir überall neue Erde aufgeschüttet, aber die scheint sich im wahrsten Sinne verkrümelt zu haben. Das, was davon übrig ist und worin die Blumen mittlerweile stehen, sieht irgendwie verbraucht und abgewirtschaftet aus. Die Blumen wollen etwas Besseres.
Also haben wir uns aufgemacht, um frische Erde zu erwerben. Man sieht sie jetzt in Plastiksäcken massenweise vor vielen Supermärkten liegen. Die Auslagen sind teilweise so groß, daß sie bestimmt vom Weltraum aus erkennbar sind. Wenn Astronauten aus ihren Raketenfenstern blicken, deuten sie darauf und sagen: Da ist die Erde. Gemeint ist dann nicht der Planet, sondern die viele Blumenerde vor den Supermärkten.
Aber was ist Blumenerde? Beziehungsweise was ist der Unterschied zu Pflanzerde, da wir doch mit Blumen gar nichts anderes vorhaben, als sie zu pflanzen? Und tut es vielleicht auch Universalerde, wenn nicht sogar Gartenerde, die ihrerseits neben Balkonerde zu finden ist? Ist letztere leichter, damit die hängenden Gärten nicht vom Haus abkrachen? Und ist Friedhofserde, die es in manchen Geschäften tatsächlich auch gibt, aus Pietätsgründen besonders schwarz?
Während uns Umweltpolitiker und Naturschützer seit Jahrzehnten einreden, daß es nur eine Erde gebe, sehen wir in jedem Supermarkt das Gegenteil. Oder handelt es sich bloß um Supermarketing? Der Stadtmensch, der einen kleinen Garten sein Eigen nennt, gibt für seine Pflanzen alles. Er würde auch „Seltene Erden“ kaufen, wenn sie nicht ausgerechnet aus China kämen und das auch nur in Mikro-Mengen. Jedenfalls spielt die Spezialitätenauswahl bei der Preisgestaltung und der Kundenumgarnung eine evidente Rolle.
Dazu gehören nicht zuletzt, als Hallraum unserer Phantasie, die wohlklingenden Benennungen. Schon das Wort Muttererde erzeugt ja ein Zugehörigkeitsgefühl wie Vaterland, denn Mutter Erde hat uns hervorgebracht und wird uns, Erde zu Erde, wieder aufnehmen. Jedes Gebuddel im Garten wird von transzendentalen Empfindungen begleitet, von der Vorstellung des ewigen Naturkreislaufs. Ein heiliger Schauer überkommt einen bei näherer Beschäftigung mit Erde, auch wenn es sich nicht um Heilerde handelt.
Gewiß, im Garten drohen auch eine Menge Mißverständnisse: Humus ist weder Humanismus noch eine orientalische Kirchererbsenspeise, Rindenmulch ist keine Rindermilch und Gartenerde nicht der Garten Eden. Aber fast. Was fehlt, ist, daß man im Supermarkt außer Erde auch Luft in Tüten kaufen kann, biologische Landluft natürlich.
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Beitragsbild: martinak15 Flickr CC BY 2.0 via Wikimedia

Genau, Bioluft in den Supermärkten ! Darauf warte ich schon lange. Die Verpackung natürlich aus essbaren Bio - Tüten. Wünschenswert wären diverse Duftnuancen. Denkbar sind: Kuhmist- oder Güllefermentierung, auch - nicht so preiswert - Landluft aus der Serengeti oder vom Ganges. Gewisse Schwierigkeiten dürfte es mit Bio - Luft geben, die von energiegewendeten Windrädern durchgequirlt worden ist ... aber aufgrund der Nachfrage wird auch dieses Problem gelöst werden.
Da lob ich mir meine Komposterde, die ich jedes Jahr im Kleingarten eigenhändig umsetze, siebe und zwischen Tomaten und Erdbeeren verstreue. Und ich tue dies, ohne ein grüner Ideologe zu sein. Schon Goethe sagte " Wer sich allzu grün macht, den fressen die Ziegen"
Ein köstlicher Beitrag, danke. Es ist immer schön mal zu lesen was man selber denkt, aber nicht so humorvoll ausdrücken kann.
Wenn Sie unbedingt mit seltenen Erden düngen möchten, können Sie Ihre Althandys schreddern. Aber pst, nicht den Grünen sagen. Das wäre fast schlimmer als Kükenschreddern. Apropos, warum gibt es eigentlich keine Schredderkonfliktberatungsstellen für Hühnerzüchter in Existenznöten?